Das Paradies ist lange her

von Simone Kaempf

Berlin, 9. Januar 2013. Dass die Jugendtheater-Sparten, wie etwa auch die Bürgerbühnen, von dem Drang zur Partizipation profitieren, davon, dass das Selberspielen und Selbermachen ungeheuer attraktiv ist, wenn nicht attraktiver als still im Publikum zu sitzen, das merkt man diesem Abend an. Ein Dutzend Jugendliche hat Interviews mit Flüchtlingen geführt, die nicht nur wegen politischer Verfolgung, sondern auch aus anderen Gründen, etwa wegen des Reaktorunglücks von Fukushima, ihr Heimatland verlassen haben. Unter Federführung von Regisseur Tobias Rausch ist ein Text entstanden, die Jugendlichen spielen selbst, und es herrschen auf der Bühne ein Bewegungsdrang, sehr junge Verve und eine vorantreibende Sprache.

Fluchtpunkt1 560 ArnoDeclair hMy home is my castle: "Fluchtpunkt Berlin" © Arno Declair

Schon immer in Bewegung
Essenspakete, Kleiderspenden, 80 Zimmer für 300 Leute, Sammelunterkunft in einer maroden Kaserne an einer Schnellstraße im Thüringer Wald – aus dem Mikrokosmos deutscher Asylantenheime stammt die Geschichte, die anfangs eine der Jugendlichen, Finja, erzählt; dialogisch knapp begleitet von ihrem Mitspieler Alex – "nee", "genau", "ja", "sehr gemütlich" – so ist das Prinzip des gemeinschaftlichen Erzählens und Zuhörens auch gleich zum Thema gemacht. In den schlagworthaften Sätzen wird vor allem klar, dass auch dort wieder Flucht herrscht, wo man eigentlich schon das Ziel erhoffte: im Asylantenheim vor zuviel Menschen, vor der Antrags-Bürokratie oder vor Kontrollen, die den Verlust der Aufenthaltsgenehmigung bedeuten können. Andere Szenen erzählen von der Erinnerung an einen deutschen Luftschutzkeller oder von der Flucht aus dem Kosovo nach Österreich, wo im Wald die Polizei zugreift.

Die Menschheit war immer schon in Bewegung, weil es Streit, Krieg, Vertreibung oder ökonomische Interessen gab, das ist in etwa der Blick, den der Text auf das Thema Flucht wirft. Auf der Bühne ergibt das eine handlungsbeschleunigte Collage unterschiedlicher Spielszenen, in die sich die Darsteller voller Aufgekratztheit werfen. In erkundend-eroberndem Bewegungsstil werden die schiefen Treppen, Böden und Wände des Bühnenbilds, Abstraktum eines zusammengefallenen Hauses, via Parkour-Style mit Sprüngen und akrobatischen Volten abgelaufen. Oder es entsteht manchmal fast ein pädagogisch-aufklärerischer Eifer, wenn etwa erzählt wird, dass mit der Vertreibung aus dem Paradies die Menschheits-Fluchtgeschichte begann.

Berauschendes Spiel
Allerdings irritiert doch erst einmal, wie einerseits Abstraktion und Allgemeingültigkeit behauptet werden, die jungen Darsteller den Text aber wie den ihren wiedergeben. Eine Rest-Distanz bleibt; ob gewollt oder ungewollt, lässt sich kaum sagen. Zumal, wenn dann auch noch etwas unglücklich der Umgang mit Projektionen und Klischees eingebaut wird und die Textvorlage zu einem ziemlichen Sammelsurium gewachsen ist. Man merkt "Fluchtpunkt Berlin" den Ehrgeiz zur abendfüllenden Inszenierung an (die Produktion wird in einigen Wochen auch bei den Frankfurter Positionen gastieren). Es braucht aber eine ganze Weile, bis sich die Suggestion entfaltet, dass mit der Aneignung der fremden Fluchtgeschichten auch die Unsicherheit des eigenen Lebenswegs angeschnippt ist.

Die Jugendlichen rücken im Laufe des Abends immer mehr in den Vordergrund. Ihre Lust am Spielen ist noch nicht abgeschliffen, etwas Berauschendes schwingt mit, sich auf die Bühne zu stellen, um als Kollektiv eine Geschichte zu erzählen, und es macht Spaß, sich das anzuschauen. Allerdings gibt's auch kritische Momente – am schlimmsten, wenn am Anfang ein künstlicher Streit mit dem Abenddienst um doppelt vergebene Karten angezettelt wird, sozusagen als Metapher darauf, keinen Platz zu finden, nicht sesshaft zu sein. Das wirkte wie aus der Theaterversatzkiste, und da hatte auch das Jugendliche für Schrecksekunden einen furchtbar alten Bart.

Fluchtpunkt Berlin
Regie: Tobias Rausch, Bühne: Michael Böhler, Kostüme: Jelka Plate, Musik: Matthias Herrmann, Video: Lennart Löttker, Dramaturgie: Birgit Lengers, Recherche: Katja von der Ropp, Katharina Wessel, Natali Seelig.
Mit: Ruby Commey, Alexander Finger, Caroline Hellwig, Mehmet Kücük, Franz Schönberger, Hanna Friederike Stange, Ingraban von Stolzmann, Rojda Tekin, Finja-Marie Wilke, Leonie Adam, Matilda Bostelmann, Judith Erhardt, Tatjana Kranz, Robert Will, Anna Maria Wuenst. Musik: Kristina Fricke, Thao Thran, Johannes Waitz.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Schön die Idee, die jungen Spieler die gesammelten Fluchtgeschichten auf der Schrägen-Bühne spielen zu lassen, sie also so tun zu lassen, als wären sie die Flüchtlinge selbst, "sowohl kantige Distanz- als auch feine Einfühlungseffekte sind die Folge", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (11.1.2013). "Aber dabei wollte es diese Inszenierung von dem ausgewiesenen Recherchefachmann Tobias Rausch nicht bewenden lassen", denn dauernd drängele sich dann das Theater in peinlichen Selbstreflexionsszenchen in den Vordergrund, "was nicht nur langweilt, weil das Selbstreflektieren hier auf Tiefstniveau stattfindet, sondern auch vollkommen überflüssig ist". Denn es gebe keinen Zuschauer, dem man erzählen müsste, dass das Erzählen von Flüchtlingen immer problematisch, weil klischeeanfällig ist. So doof sind wir im Publikum nicht, wirklich nicht. "Also wünscht man sich händeringend, dass diese guten Darsteller einfach erzählen dürften."

"Die Fluchtökonomie ist einer der interessanteren Aspekte an diesem Abend, der immer dann die Aufmerksamkeit weckt, wenn er die präzisen Lebensverhältnisse, etwa in Asylantenheimen beleuchtet", so Eberhard Spreng in DLF Kultur vom Tage (10.1.2013). "Aber immer, wenn die Erzählungen versuchen, an das emotionale Elend der Vertriebenenbiografien zu rühren, stoppen Mitspieler den jeweiligen Protagonisten: Keine Gefühle bitte". Aber vieles bleibe an diesem Abend "unverbunden, beliebig und wenig erhellend in Bezug auf die Grundfrage der Sesshaftigkeit, die dieses Theater untersuchen wollte".

Andreas Schäfer vom Tagesspiegel (12.1.2013) "reibt sich verwundert die Augen", ob der Flut an Dokumentardramen zum Berliner Theaterjahresauftakt. Für Rauschs Projekt findet er lobende Worte: Die jungen Akteure präsentierten ihre Geschichten "überschwänglich und dabei auf charmante Weise von dem Umstand berauscht, über eine großen Bühne wie auf einer verbotenen Baustelle zu tollen. Das ist mal mitreißend und mal von gut gelaunter Bemühtheit." Hervorgehoben wird die selbstreflexive Strategie des Stückes: Etwa "gut die Hälfte der Zeit thematisieren die Jugendlichen die Schwierigkeit, bewegende Schicksale zu erzählen, ohne in Kitsch zu verfallen". In solchem "Wirklichkeittheater" gehe es um "Kitschvermeidung" und die generelle Herausforderung, "Mechanismen einer obszönen Medialisierung durchsichtig machen, ohne dabei in selbstbezügliche Verkrampfung zu geraten". Das erfordere "nicht weniger, es fordert mehr Fingerspitzengefühl als die klassische Stück-Inszenierung."

 

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