Neandertaler am Laptop

von Hartmut Krug

Basel, 10. Januar 2013. Mit Zitaten von Charles Darwin aus "Die Abstammung des Menschen" und "Die Entstehung der Arten" führt Richard Harris seine Leser durch die fast 400 Seiten seines Thrillers "Angst". Kreatürliche Triebe sind es, die seine Figuren bei ihrer hochtechnisierten Arbeit bestimmen. Dabei geht es dem Physiker Alexander Hoffmann (intensiv übersteuert: Paul Grill) bei seinem Versuch, mit Vixal4 ein selbstlernendes, auf Algorithmen beruhendes Computersystem zu schaffen, das Börsenaktivitäten hervorruft, indem es bei Kauf und Verkauf auf die Angst, Panik und Gier im menschlichen Handeln setzt, um nichts anderes als die völlige Beherrschbarkeit der Welt. Während sein Kompagnon Quarry (ganz ohne den Witz der Figur bei Harris: Jan Viethen) allein von der Gier nach Geld umgetrieben wird. Wie in allen Geschichten von künstlich geschaffener Intelligenz aber richtet sich das (hier technische) Wesen gegen seinen Schöpfer.

Horde versus Schwarmintelligenz

Die Spannung eines verwirrenden Krimis, mit dem Harris seine erklärende Geschichte aus der Welt der Börsenaktivitäten mit Hedgefonds und Flash Crash ausgestattet hat, interessiert Volker Lösch und Beate Seidel bei ihrer Dramatisierung des Romans wenig. Vom bis zum Schluss unaufgelöst verwirrenden Erzählungsstrang um die tödliche Intrige gegen Hoffmann, die aber auch von ihm selbst durch seine stressbedingte Schizophrenie inszeniert sein könnte, bleiben nur Rudimente übrig. Andrea Bettini tut sich als Polizeiinspektor zur Freude der Zuschauer vor allem mit längeren Erklärungen im reinen Schwyzerdütsch hervor, während Hoffmanns Ehefrau Gabrielle (Judith Strößenreuther) ihr Eigenleben völlig verliert. Was zählt in Volker Löschs Inszenierung, ist die Horde.

Angst1 560 JudithSchlosser uArchaik mit neuer Technik © Judith Schlosser

Spielort ist ein in eine Felswand eingesetzter eleganter Bürobunker mit schicker Ledergarnitur und Displays an den Wänden. Hier tobt eine zottelbärtige, halbnackt bepelzte, sich unentwegt kratzende Schar von Neandertalern mit Laptops in den Händen chorisch herum. Hinter dieser Darstellung steckt die Harris weiterdenkende Vorstellung, dass es in der Zukunft nur noch Menschen geben werde, die von triebhafter, archaischer Gier bestimmt und zugleich mit modernster Technik ausgestattet sind.

Diese nicht abwegige Vorstellung hat leider fatale Folgen für die Inszenierung. Denn deren Neandertaler-Getobe wirkt unfreiwillig albern, lässt die Einzelfiguren im Figurengehampel untergehen und dröhnt recht formlos so dahin. Was Lösch diesmal fehlt, ist sein so oft gezeigtes Gefühl für innere Rhythmik, für Spannung zwischen erzählenden Textpassagen und den "authentischen" Texten des Chores. Der diesmal auch kein Gegenpart ist, sondern mit den Protagonisten zu einer Gruppe verschmilzt, in der die einzelnen Figuren und ihre Darsteller untergehen.

Kannibalismus im Bankensektor

Und die Interviewtexte von Bankern, von Bürgern und Mitgliedern der Daig (einer sich ab- und eingrenzenden Stadtbasler Oberschicht) reiben sich nicht an der Geschichte. Sie besitzen nicht, wie sonst bei Lösch, provokative Kraft – und auch keine überraschenden Informationen. Banker denken wie Banker, die Geld verdienen und Boni als Belebung für ein für die Wirtschaftsentwicklung notwendiges Börsen- und Bankwesen ansehen.

Früher war das private banking gut. Natürlich durfte man mit Mobutos Geld nicht arbeiten, aber warum nicht mit Gaddafis, schließlich durfte der doch kurz zuvor noch vor der UNO reden. Und die einfachen und ärmeren Leute schauen dagegen ängstlich in die Zukunft. Das überrascht uns jetzt wirklich nicht. Immerhin werden die Funktionsweisen des Hedgefonds(un)wesens ungemein plastisch deutlich.

Der Kannibalismus in dieser Arbeitssphäre aber, den Harris kräftig herausarbeitet, wird auf der Bühne weniger deutlich ausgestellt. Was vor allem bleibt, ist eine Methode, die mit groben Effekten diesmal recht spannungslos wirkt. Wenn Quarry im Roman bei einem Geschäftsessen darüber schwadroniert, dass Fleisch vor allem dann schmecke, wenn das Tier vor seinem Tod Angst verspürt habe, dann hantieren bei Lösch alle ungelenk mit großen, rohen Fleischstücken herum. Und ein Mörder trägt in der Aufführung eine schwarze Strumpfmaske und springt Hoffmann im Ganzkörpereinsatz an den Hals, worauf ein längliches, schwitziges Hin und Her auf der Bühne folgt.

Streben nach Gewinnmaximierung

Schön dann die Nicht-Moral von der Geschichte. Erst erschrecken die Banker darüber, dass sich der Algorithmus selbständig gemacht hat. Selbst die Zerstörung einer von ihm geschaffenen Computer-Doppelwelt, ja nicht einmal das Abschalten des Stroms kann ihn aufhalten. Doch als sie sehen, dass er trotzdem (oder gerade) mit seinen börsenzerstörerischen Handlungen für sie Gewinne herausgeholt hat, sind sie begeistert. So wird es weiter gehen mit dem Spekulieren auf Angst an der Börse, und Hoffmann steckt erst einmal in der Klinik. Insgesamt eine Aufführung, die inhaltlich niemandem weh tut. Das Basler Publikum blieb während der Aufführung fast regungslos, applaudierte dann aber tapfer.

Angst
von Robert Harris, Theaterfassung von Volker Lösch und Beate Seidel
Regie: Volker Lösch, Bühne: Sarah Rossberg, Kostüme: Carola Reuther, Chorleitung: Bernd Freytag, Dramaturgie: Beate Seidel, Video: Julian Gresenz, Choreographie: Martha Hincapié Charry.
Mit: Paul Grill, Jan Viethen, Judith Strößenreuter, Andrea Bettini, Claudia Jahn, Mareike Sedl, Johannes Schäfer. Chor: Gerrit Bernstein, Adrian Fähnrich, Vincent Heppner, Till Lang, Steffen Link, Anna Vera Messmer, Raphael Muff, Jessica Schultheis.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

Evolutionsprinzip und Börsenlogik verflicht die Romanvorlage subtil, die Theaterversion indessen verwurste den Nexus zur Unkenntlichkeit, denn Lösch ist kein Mann der Feinheiten, schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (12.1.2013). Lösch benutze den "sehr unterhaltsamen, geschickt und sachkundig montierten Roman lediglich als roten Faden." Trotzdem findet sie: "seine wilden Neandertaler, entfesselt in stampfenden Tänzen, erzeugen einen durchaus heitern Reiz, wenn sie immerfort Aktienkurse deklinieren, Millionen zu Milliarden addieren." Was man ohnehin längst aus den Medien wisse, trommeln uns die bepelzten Männchen und Weibchen in die Ohren, "statt Aktienindex-Fieberkurven zeigen die Computerscreens dazu Fische im Aquarium. Hübsch!"

"Kapitalismuskritik als Affentheater, gorillahaft kraftmeiernd und schimpansenartig behende: Viel mehr kommt nicht", findet dagegen Martin Halter (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.1.2013). In der Schweiz gebe es jede Menge Kapital und selbstzufriedenes Bürgertum, aber nicht die stets sprungbereite Betroffenheit und Wut, die im weniger konsensseligen Deutschland wie ein bedingter Reflex funktioniere. Diskretion sei immer noch Ehrensache, "Löschs Aufschrei gerechter Empörung fällt daher laut wie immer aus". Fazit: "Sprache, Phantasie, gar schauspielerische Individualität haben in Löschs kollektivem Überwältigungstheater keinen Platz."

"Das mitunter erhebliche Provokationspotenzial seiner Arbeiten hat sich bei seinem ersten Auftritt in der Schweiz auf wundersame Weise in eine hübsche, durchaus auch bissige Satire kanalisiert", so Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (12.1.2013). "Wie konnte das geschehen? Ob die Swissness, dieses höfliche Vermeiden jeder Kontroverse, abgefärbt hat, selbst auf einen aufrechten Bühnenrebellen wie Lösch?" Man sehe und höre jedenfalls dieser rhythmisch und vor allem auch choreographisch mit bewundernswerter Präzision und hintersinnigem Witz unter rhetorischem Dauerhochdruck agierenden Urhorde sehr gern zu bei ihrem triebgesteuerten Gebaren.

In der Süddeutschen Zeitung (15.1.2013) klärt uns Simone Meier über "die Schweizer" auf. Es gebe für "die Schweizer" nichts schöneres als einen "richtig fetten, großen, deutschen Star-Regisseur, der in der Schweiz inszeniert und richtig schöne, deftige Schweiz-Kontexte in seine Arbeit einflicht. Und wenn dann so ein Castorf oder Pollesch kommt, und ein bisschen die Schweiz veräppelt, dann denken wir nicht: 'Arschloch!', sondern: 'Wow! Der hat sich aber jetzt so richtig Mühe gegeben!'". Soviel zu den Voraussetzungen. Trotz oder wegen aller Plattheit von Harris' Roman und Löschs Inszenierung amüsiert sich Meier prächtig, kann sich vor Lachen kaum im Stuhl halten und schwärmt von den Schauspielern. "So wunderbar leicht auf den Arm genommen wie Volker Lösch hat uns schon lange niemand mehr. Merci."

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