Chor schlägt Herz

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 12. Januar 2013. Mit seinem erfolgreichsten Roman setzte der Schriftsteller Hans Fallada eines der absurd rührendsten Liebespaare der Literaturgeschichte in Gang: Johannes Pinneberg und Emma Mörschel, genannt Lämmchen. Zwei, die sich in einer der Wirtschaftlichkeit unterwerfenden Gesellschaft zwangsläufig wie Kindsköpfe ausnehmen: blauäugig, naiv und unbedacht.

Ihr Leben und Lieben steht in dem 1932 erschienenem Roman "Kleiner Mann, was nun?" auf dem Spiel. Im Zuge der schönerweise nicht abebben wollenden Fallada-Renaissance sorgen sie auch auf dem Theater für Furore. Für viele unvergessen bleibt dabei die große, rund vierstündige Inszenierung von Luk Perceval aus dem Jahr 2009 in den Münchner Kammerspielen. Als nur halb so lang, aber nicht selten enervierend schematisch erweist sich jetzt Michael Thalheimers neue Version fürs Frankfurter Schauspielhaus.

KleinerMann 560 BirgitHupfeld uDer lange Weg in die Existenznot: Henrike Johanna Jörissen als Lämmchen und Nico Holonics als Pinneberg © Birgit Hupfeld

Tosende Stimmen im Nacken

Hinter einer Art Rahmen ragt die Bühne von Olaf Altmann mal wieder steil hinauf; hoch oben warten in einer Reihe alle außer Pinneberg und Lämmchen. Alle anderen also, die an diesem Abend auch den Chor besorgen, der skandiert, was im Roman dem Erzähler oder einzelnen Figuren vorbehalten bleibt. Während Pinneberg und Lämmchen an der Rampe stehen, sitzt der Chor ihnen im Nacken, braust und tost wie verrückte Stimmen im Kopf. Fast immer sind alle Spieler anwesend, einige übernehmen gleich zwei oder drei Rollen.

Zu Anfang aber bannt erst einmal die Schauspielerin Henrike Johanna Jörissen ganz allein unseren Blick, indem sie als Lämmchen nur still an der Rampe steht und ins Publikum äugt. Ein Lächeln wischt über ihr unschuldiges Gesicht und sie steht da beinahe eine halbe Ewigkeit: Eine blasse, schmale Frau in dünnen Turnschuhen und einfachen Kleidern, die im Laufe des Abends immer hohläugiger schauen wird und doch nie an Zuversicht verliert. Johannes Pinneberg wirkt neben ihr wie ein nervöser Filou. Nico Holonics spielt ihn als Mann unter Strom; ein zappelnder, quasselnder Kleinbürger, dessen Mantra "Nur nicht arbeitslos werden!" seine und unsere Zeit bestimmt.

KleinerMann hoch BirgitHupfeld uAbstieg des Angestellten © Birgit Hupfeld

Wie bei Otto Dix

In oft nur angerissenen Szenen erleben wir das Schicksal der beiden, ihre Elternschaft, Arbeitslosigkeit, ihre Not, ihre Liebe. Die rigorose Strichfassung lässt nichts vermissen, rafft mit Sinn, konzentriert mit Kalkül. Die Inszenierung treibt die Geschichte dann mit mehr Witz als Herz voran und lässt Johannes Pinneberg schließlich mit seinem eigenen kleinen Ich kämpfen wie mit einer wildfremden Person. Der Ausweg in die privat arrangierte häusliche Harmonie, die Fallada ans herzergreifend hoffnungsvolle Ende seines Romans setzt, ist bei Thalheimer dann nicht mehr als ein dunkles Versprechen. Da stehen dann Pinneberg und Lämmchen und blicken anscheinend allein in die Finsternis.

Doch ihr Ende lässt uns an diesem Abend merkwürdig kalt. Wie auch ihre Armut uns nicht mehr viel anzugehen scheint. Vom Makel Armsein erzählt die Welt vor der Theatertür ohnehin prägnanter. Hinzu kommt die gewollte Überzeichnung vieler Nebenfiguren, die sich aufführen, als spazierten sie geradewegs aus einem Gemälde von George Grosz oder Otto Dix. Dick aufgetragen stapfen und staksen sie die Schräge hinunter und dann wieder hinauf. Dazu tönt aus den Lautsprechern endlos Todschickes in Retro-Morricone-Manier.

Pinneberg und sein Lämmchen aber gehören gar nicht zu dieser die Karikatur liebkosenden Personage aus bellenden Chefs (Thomas Huber), kreischenden Müttern (Stefanie Eidt) und fischigen Liebhabern (Michael Benthin). Trotzdem berührt ihre Geschichte uns diesmal einfach nicht. Weiten Teilen des Publikums scheint das ziemlich anders ergangen zu sein, jedenfalls, wenn man den unbändigen Applaus nach dieser Premiere zum Maßstab nehmen möchte. Wir indes empfehlen den Roman, und zwar wärmstens.


Kleiner Mann, was nun?
von Hans Fallada
in einer Fassung von Michael Thalheimer und Sibylle Baschung
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Nehle Balkhausen, Musik: Bert Wrede, Chorleitung: Marcus Crome, Dramaturgie: Sibylle Baschung.
Mit: Stephanie Eidt, Henrike Johanna Jörissen, Josefin Platt, Anne Schirmacher, Michael Benthin, Nico Holonics, Thomas Huber, Martin Rentzsch, Peter Schröder, Andreas Uhse und Till Weinheimer.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de


Kritikenrundschau

"Für zwei Stunden hat das Theater die Zeit aufgehoben – und damit die Wahrheit vor aller Augen gestellt", feiert Dieter Bartetzko in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.1.2013) diese Inszenierung. Am Anfang gäbe es zwar noch "viel Lautstärke und Holzschnittgesten" und das Ensemble zeige "lange Zeit nur Typen". Bald aber setzten "öfter leise konzentrierte Töne" ein, und es "wird merkbar, dass Fallada und Michael Thalheimer ihren Typen widersprüchliche Eigenschaften, verschiedene Gesichter gegeben und damit Menschenskizzen statt Gesinnungsschablonen gezeichnet haben." Auch gelinge Henrike Johnanna Jörissen "das Kunststück, das oft als naiv idealistische Jungmadonna verkannte Lämmchen als Falladas vielschichtigste Figur deutlich zu machen". So werde "der (zunehmend furios und doch glänzend beherrscht gespielte) aussichtslose Daseinskampf von Lämmchen und Pinneberg" zur "zeitgemäß zeitlosen Kapitalismus-Tragödie. Lange nicht mehr hat eine solche Stille im Frankfurter Schauspielhaus geherrscht."

Einen "spröden und darin Anti-Falladaschen Abend" hat Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau (14.1.2013) in "kühlen, aber konsequenten zwei Stunden" erlebt. Die Bühne bringe "mehr Vorhersehbarkeit ins Spiel, als gut ist", und die Musik sei "zeitlos, allerdings auch neutral bis zum Nichtssagenden". Ein "Luxus" und auch etwas "Vergeudung" sei es, "neun vorzügliche Schauspieler" im Hintergrund aufzubieten, "die nur Sekunden oder Minuten haben, sich zu zeigen, in Nehle Balkhausens typisierenden Kostümen, die das Zeitkolorit bloß andeuten." Aber das sei eine "Konsequenz aus Thalheimers Konsequenz". Denn er stelle ganz auf die Hauptfiguren ab, die der Kritikerin gleichsam wie "Adam und Eva, die tapfer vorm Tor des Paradieses abwarten" erscheinen.

Thalheimer habe den Roman "geschickt auf Schlüsselszenen zusammengestrichen und ganz auf das Drama der drohenden Arbeitslosigkeit konzentriert", schreibt Esther Boldt in der taz (14.1.2013). "Wie in der antiken Tragödie steht Pinneberg ein Chor gegenüber, ein Über-Ich, das gesellschaftliche Anforderungen formuliert." Dabei sei Holonics Pinneberg "ein blasser, stiller Jedermann, der plötzlich auffährt, wenn der Innendruck zu hoch wird." Seine "kleine, heile Welt" werde von der "unerschütterliche Zuversicht" Lämmchens zusammengehalten. Diese Liebe sei bei Thalheimer "nicht ungeheuer, sie kann sich nicht dauerhaft über ihre Verhältnisse erheben, sondern zerschellt an ihnen".

Viel Lob für die Hauptdarsteller, die "eines der tragischsten Liebespaare der sozialkritischen Literatur" verkörpern, spendet Bettina Boyens von der Gießener Allgemeinen Zeitung (14.1.2013). Thalheimer habe ihrer Geschichten einen "pessimistischen Schluss" gegeben. Auch das Widerspiel mit der Umgebung überzeugt die Kritikerin: "Während das Liebespaar vorne an der Rampe hofft, kämpft, lacht und schlottert, baut Thalheimer die feindliche Umwelt als mächtigen Tsunami im dunklen Hintergrund auf." Dem Frankfurter Ensemble gelängen dabei "packende soziale Skizzen".

"Mit einem kühl-analytischen Blick" erzähle Thalheimer die Geschichte, schreibt Stefan Michalzik in der Offenbacher Post (14.1.2013). Den „Hoffnungsschimmer des Romanendes" verweigere er; der „Text ist klug eingedampft". Thalheimer „zieht die Geschichte nicht willkürlich in unsere Zeit der prekären Arbeitsverhältnisse, vielmehr lässt er die Distanz bestehen. Man ahnt, dass seine monolithische Bühnenästhetik sich einmal erschöpfen könnte. Für dieses Mal aber ist die Sache aufgegangen."

Wesentlich kritischer sieht Ulrich Weinzierl von der Welt (14.1.2013) diesen Abend unter der vielsagenden Überschrift "Ein Ende mit Pistole, damit es auch jeder versteht". Nico Holonics "Total- und Turboeinsatz" bewirke bloß, "dass keine Seele mehr in ihm vorhanden ist, deren Schicksal und Qualen uns anrühren könnten". Henrike Johanna Jörissens Leidensspiel habe mit Fallada "nichts zu tun", aber "wenigstens" sei sie "nicht zum Dauerhochdruck verdammt". Bühnenbild und Musik "steuern das Ihre zum Misslingen des Abends bei: Die dick gerahmte Bühne mit der steilen Schräge nach hinten, auf der Oberkante sind die Nebendarsteller postiert, hat mittlerweile arg schematischen Beigeschmack". Mit dem Kippen der Spielfläche im Finale werde "Symbolträchtiges zur Symbolsturzgeburt" verschärft.

Thalheimers Romanumsetzung biete ein "unterkühltes Lehrstück nach Brechts Art", "mit radikalster Nüchternheit in Szene gesetzt und in den beiden Hauptfiguren großartig besetzt und hinreißend gespielt", schreibt Volker Breidecker in der Süddeutschen Zeitung (19.1.2013). Die Protagonisten "sorgen mit einer ungeheuren Bandbreite in Ausdruck, Mimik und Gestik dafür, dass man ihrem zweistündigen Spiel, das von den übrigen Figuren auf der Bühne nach Art eines Chors stimmlich begleitet wird, bis zur letzten Minute gebannt folgte." Thalheimer habe den Roman mit "ungeheurer Dynamik rhythmisiert", so "dass zwar Melodie und Ton aus Falladas Roman weiterhin evoziert werden, diese Melodie aber schon nicht mehr die Fallada'sche ist, nachdem sie durch Thalheimers Kälte- und Theoriebäder gemangelt wurde."

 

 
Kommentar schreiben