Gut verstellt

von Sarah Heppekausen

Düsseldorf, 12. Januar 2013. Einmal sitzt Rosalind vorne an der Rampe, die an diesem Abend besonders weit in den Zuschauersaal des Düsseldorfer Schauspielhauses reicht. Einmal sucht sie ausnahmsweise nicht den Blickkontakt zum Publikum, ihre Augen fokussieren nicht, sind ganz auf Unschärfe gestellt. Das irritiert fast. Diese konzentrierte Zurückgenommenheit, obwohl die mögliche Gunst des Gegenübers in so greifbarer Nähe ist. Denn darum geht es in dieser Inszenierung doch, um das Spiel als Aufforderung. Eigentlich passiert eine permanente Kontaktaufnahme.

Nora Schlocker widmet sich der Verführung. Die 29-jährige Hausregisseurin am Düsseldorfer Theater inszeniert die erste große Premiere nach dem überraschenden Rücktritt von Intendant Staffan Valdemar Holm Ende November. Mit Shakespeares "Wie es euch gefällt" besinnt sie sich auf Theater-Wesentliches. Sie macht Ernst mit dem Spiel. Und zwar sinneübergreifend. Ein leicht beißender Geruch durchbricht schon vor Beginn die vierte Wand. Auf der Bühne von Bernhard Kleber liegen reichlich Stroh und Mist. Ein (nicht nur) anschauliches Bild für Orlandos Lage. Der fühlt sich nach dem Tod des Vaters von seinem Bruder Oliver ums Erbe betrogen, vom ältesten gehalten wie ein Knecht im Stall.

Frauenrollen mit Männern besetzt

Trotz seines schafmistbeschmierten Hemdes wird sich Rosalind (die Tochter des verbannten Herzogs) in Orlando verlieben. Und da ist dann gleich die nächste Sinnesumnebelung: Schlocker hat – ganz wie zur Shakespeare-Zeit – auch die Frauenrollen mit Männern besetzt. Florian Jahr hat als Rosalind zwar kein nennenswertes Dekolleté unter der Corsage seines roten Reifrockkleids vorzuweisen, aber sein Augenaufschlag betört Orlando ebenso wie Kusinchen Celia. Die wird von Ingo Tomi mit einem überdreht-hysterischen Lachen ausgestattet, das später noch in verzweifelte Eifersucht umschlagen wird. Tomis Celia agiert immer am Anschlag. Stolpert sie auf ihren Stöckelschuhen durchs Stroh, sieht man sie schon von der Bühne stürzen. Jedes Flüstern atmet bei ihr einen Hauch von mephistophelischer Betörung. Verwirrte Verliebte und verwirrende Verführer lässt die Regisseurin aufeinander und auf die Zuschauer los.

wieeseuchgefaellt3 560 sebastianhoppe u© Sebastian Hoppe

Wenn die Trennung von Hof und Natur bröckelt

Geflirtet wird stets doppelgleisig. Die Hofgesellschaft winkt und zwinkert fleißig ins Publikum, während sie untereinander anbandeln oder sich verstoßen. Fürs Posen und Protzen postieren sie sich in einer Reihe nebeneinander, Shakespearesche Rollenschau – die überzeugendste Figur gewinnt. Im Ardenner Wald stimmen die Geflüchteten dann auch immer mal wieder ein mehrstimmiges Lied an, bis einer aus der Reihe tanzt. Taner Sahintürk buhlt mit Herbert Grönemeyer und Campino um Anerkennung und Applaus. Die Bühne macht auch aus jedem (Hof)Angestellten noch eine Rampensau. Doch dies wird Schlockers einzige platte Aktualisierung bleiben.

Ihr Ardenner Wald – in dem Rosalinds entmachteter Vater sein Exilantenleben am gedeckten Tisch und auf bunten Gartenstühlen genießt, in dem der dumm-liebenswerte Schnurrbart-Schäfer Silvius um Phoebes Liebe freit, und in den sich der zynisch-hinterlistige Joker-Narr Touchstone (Dirk Ossig) mit Rosalind und Celia auf der Flucht vor dem herrschsüchtigen Herzog zurückgezogen hat – ist kein Idyll. Der Wald ist eine Verlängerung des Stalls im indirekten Licht. Die Erde wird nach hinten dunkler, grober, die Ebene (wie die Waldbewohner) noch etwas schräger, sonst ändert sich nicht viel. Wenn die ganze Welt eine Bühne ist, ist auch die klare Trennung von Hof und Natur nicht mehr einzuhalten. Die Regie konzentriert sich auf das Spiel nach vorn Richtung Publikum, selbst der Rückzug gerät ins Rampenlicht.

Verrutschende Bärte, Blut aus Eimern

Die meisten Darsteller des gut aufgelegten Ensembles übernehmen mehrere der Figuren. Die Inszenierung legt die Wechsel offen, einmal rauscht Sven Walser Kleider tauschend über die Bühne, ein rennender Wechsel von Herzog zu Schäfer. Bärte verrutschen, Blut wird aus dem Farbeimer vergossen, Ringer Charles täuscht Muskeln vor, wo bloß schmale Schultern sind. Dass Kinder (Jungen selbstverständlich) die sieben Akte des Lebensstücks nachspielen, ist nicht mehr als eine nette Episode. Schwermut-Jaques (Christian Ehrich) hätte die Sätze wahrscheinlich rotziger in all seiner Melancholie gesprochen. Längen – vor allem im zweiten Teil des Abends – bleiben nicht aus.

Aber Florian Jahr als Rosalind kann dem heiteren Spiel wieder Spannung geben. Er spielt eine Frau, die einen Mann spielt, um einen Mann für sich zu gewinnen. Trotz all ihrer Verkleidungen ist Rosalind bei Shakespeare eine geschlossene Persönlichkeit. Und bleibt es auch als einzige in Nora Schlockers Inszenierung, während die anderen ständig ihre Identitäten wechseln. Rosalind hat ihren in sich gekehrten Moment an der Rampe, weil sie liebt und zugleich um die Verrücktheit der Liebe weiß. Sie durchschaut das Ganze. Die Regie löst die Verwirrung um Geschlechterfragen und Pärchenbildung am Ende nicht im harmonischen Komödienende auf. Geheiratet wird nicht. "Aber ihr müsst doch bestätigen, dass ich mich gut verstellt habe", spricht Rosalind, natürlich zum Publikum. Es bleibt ein Spiel, ein gut und genau geführtes.

 

Wie es euch gefällt
von William Shakespeare. Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Nora Schlocker, Bühne: Bernhard Kleber, Kostüme: Jessica Rockstroh, Komposition: Paul Lemp, Dramaturgie: Daniel Richter.
Mit: Jonas Anders, Christian Ehrich, Florian Jahr, Dirk Ossig, Aleksander Radenković, Taner Sahintürk, Ingo Tomi, Sven Walser, Nico Ramon Kleemann/Robert Zielinsky.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Da flirrt und schillert nichts, da gelingen keine existenziellen Momente", schreibt Dorothe Krings in der Rheinischen Post (14.1.2013). "Nur ausgestelltes Rollenspiel, Theater ums Theater." Das einzig Raffinierte an diesem Aend ist aus Sicht der Kritikerin das Bühnenbild von Bernhard Kleber: eine "Abstraktion des elisabethanischen Rundtheaters" mit einer weit gebogenen weißen Kulisse. "Unmerklich hebt sich diese Spielfläche am Horizont, die Darsteller geraten zusehends auf die schiefe Bahn." Mehr Aktualität gewinne die Inszenierung nicht.

Gelangweilt und wehmütig an Jürgen Goschs Düsseldorfer "Macbeth" denkend ist Marion Troja von der Westdeutschen Zeitung (14.1.2013) nach Hause gegangen. Welche Idee von Arkadien die Regisseurin in ihrer ausschließlich mit Männen besetzen Inszenierung verfolgte bleibt der Kritikerin unklar. Zwar lobt sie die "ausnahmslos starken Schauspieler", findet aber doch, dass der Abend außer "knalligem Klamauk" wenig biete.

"Erst im letzten Drittel verdichten sich die Konflikte und führen die Nähe zwischen Kummer und Komik plastisch vor Augen", schreibt Michael-Georg Müller von der NRZ (14.1.2013). Sein Fazit lautet: "Schauspieler erstklassig, Regie zerfranst und zu wenig Tempo."

Martin Krumbholz schreibt in der Süddeutschen Zeitung (18.1.2013): "Wie es Euch gefällt" funktioniere auch ohne Frauen, wenn man es so "phantasievoll und einfühlsam" anstelle wie Nora Schlocker. Das Wunderbare seien die zarten Mädchenseelen, die in gestandenen Bühnenmännern zum Schwingen und zum Tanzen gebracht würden, "ohne jede Tendenz zur Denunziation oder zum trivialen Ulk". Der Inszenierung fehle es auch nicht Schärfe: "Unmissverständlich wird der frisch erlegte Hirsch, der die Festtafel im Ardenner Wald ziert, von einem Menschen dargestellt; ein treffliches Sinnbild auch für die tödlichen Verletzungen der Liebe." Nichts wirke forciert; Schlocker erweise sich als "verblüffend sichere Schauspielerregisseurin".

 

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