Who the fuck is Ulli Lommel

von Matthias Weigel

Berlin, 17. Januar 2013. Will man sich diesem Kuriosum nähern, muss man zuallererst über diesen Menschen reden. Über seine unfassbare Lebensgeschichte, seine legendären Begegnungen, seine druckreifen Anekdoten. Seine unaufgeregte, sympathische Art. Und über sein Werk, in dem Rainer Werner Fassbinder und David Carradine genauso eine Rolle spielen wie Daniel Küblböck. Über den wohl inzwischen unbekanntesten deutschen Hollywoodstar: Ulli Lommel.

So kurios wie seine Person ist auch die Revue namens "Fucking Liberty!", die Ulli Lommel an der Berliner Volksbühne als Regisseur und Mitwirkender herausgebracht hat. Wenngleich darin weniger von seinem eigenen Leben als vielmehr von Begegnungen, Weggefährten und vor allem den USA erzählt wird, wohin er 1977 auswanderte.

Von West-Berlin nach Hollywood

Als 14-Jähriger singt Ulli Lommel mit Elvis Presley zusammen "Muss i denn zum Städtele hinaus". Presley war während seines kurzen Wehrdienstes in der Army in Deutschland stationiert und wohnte im Haus nebenan, kam zur Geburtstagsfeier auf ein Ständchen rüber. Bald darauf wurde Lommel zum Problemkind, brach die Schule ab, zerstritt sich mit dem Vater (ein bekannter Radiokomiker seiner Zeit), ging schließlich auf die UFA-Schauspielschule in West-Berlin. Startete als Schauspieler durch, zierte die Bravo-Titelseite, spielte Hauptrollen beim damaligen Newcomer Rainer Werner Fassbinder. Wurde von Andy Warhol in seine legendäre "Factory" geholt, führte 1980 Regie beim international erfolgreichen Horrorstreifen "The Boogeyman".

Lommel begegnet Truman Capote, Jackie Kennedy, Ingeborg Bachmann. Und er landete bei Frauen wie Bianca Jagger, der Schauspielerin Anna Karina (die Muse von Jean-Luc Godard) und der 18-jährigen Iris Berben – wenn man den Interviews Glauben schenken mag. Aber warum nicht? Die Zweifel kommen ja vor allem deshalb auf, weil diese Person so schwer einzuordnen ist.

Ein Amerika, das es nicht mehr gibt

Lommel steigt zu Beginn als Michael-Jackson-Zombie aus seinem Sarg, amerikanische Tänzerinnen spielen mit ihm zu "Billy Jean" Marionette. Den Soundtrack liefert die grandios groovende Bühnen-Band "Fucking Famous". Absurd kostümierte Schauspieler rennen umher, Lommels dürrer Körper umklammert das Mikro, mit brüchiger Stimme führt er total unterspannt durchs Programm, dabei stets eine Kopfbedeckung in sein ausgemergeltes Gesicht gezogen. Er erzählt Schelmenstücke über die Herkunft des Rap, echauffiert sich darüber, dass es immer noch heißt, Columbus hätte Amerika entdeckt, und nicht die indigenen Ureinwohner.

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Und er gibt Anekdoten zum Besten: Wie er zum Beispiel mit dem versoffenen Truman Capote (erstmals) ins "Tiffany's" ging, der dort nicht erkannt und rausgeschmissen wurde, sich in den Eingang legte um von der Polizei abtransportiert zu werden. Schließlich gibt Lommel den Einsatz für vorproduzierte Videoclips in 3D (!) – entsprechende Brillen werden vorher ausgeteilt –, in denen meist absurde Szenen mit historischen Persönlichkeiten nachgespielt werden, seine Inspirationen, Meilensteine.

Irgendwann, als er schon in den USA lebte, muss ein Punkt in Ulli Lommels Leben gekommen sein, an dem die meisten seiner früheren Weggefährten tot waren. Einerseits begann Lommels Karriere sehr früh, andererseits verkürzten die anderen ihre Leben durch Drogenexzesse. Seit 1983 führte Lommel dann bei rund 40 Spielfilmen Regie, meist trashige B-Movie-Horrorstreifen, nicht für die Leinwand, sondern für die DVD-Verwertung in den USA produziert. Absurder Höhepunkt ist der in Deutschland entstandene, halbdokumentarische Film Daniel, der Zauberer, bei dem Casting-Star Daniel Küblböck die Hauptrolle spielt. Im Kino brachte es der Streifen auf 13.000 Besucher, bei der Internet Movie Database zur Bewertung "Schlechtester Film aller Zeiten". Peinliche Verirrung oder missverstandener Camp?

Unironische Momente

Trotzdem ist "Fucking Liberty!" kein Aufschneider-Geprotze eines abgehalfterten Ex-Stars, sondern eine schelmische Würdigung der alten Legenden, eine Liebeserklärung an Amerika – und eine etwas naive Ode an die Freiheit. Genau das ist das Amerikanische an Lommels Show: Er leistet sich völlig unironische Momente, wenn er zum Beispiel die Namen amerikanischer Soldaten vorliest, die während der Isolierung West-Berlins "für uns" ums Leben kamen; wenn er davon schwärmt, mit dem Auto von New York City nach Los Angeles zu fahren. Oder wenn die power-geladenen Tänzerinnen leidenschaftlich ihre Pop-Choreographien abliefern. Und doch schleicht sich  mehr und mehr das Gefühl ein, dass einem dieses Phantom Ulli Lommel wieder zwischen den Händen durchflitscht.

Denn Biographie und Show Ulli Lommels wirken wie Ausstaffierungen einer Black Box, nach all den Anekdoten (in denen Lommel kaum vorkommt, und wenn dann eher passiv) stellt man fest, immer noch erstaunlich wenig über den da vorn zu wissen. Über dieses Kuriosum, das jahrelang mit Andy Warhol Filme drehte und 40 Jahre später mit Daniel Küblböck arbeiten wollte. Und darüber weder verbittert oder zerrissen wirkt. Und sich so kongenial in "Fucking Liberty!" verewigt, dass man einem selten kuriosen Abend zusieht, der viel Drumherum ist, ohne wirklich preiszugeben, um was herum. Ulli Lommel – Hollywoodstar, Schelm, alter Mann, Künstler, Hängengebliebener, Menschenfreund, Geschichtenerzähler, Black Box.

Fucking Liberty! (UA)
von Ulli Lommel
Regie, Text, Kamera: Ulli Lommel, Bühne: Bert Neumann, Kostüme. Tabea Braun, Dramaturgie: Henning Nass.
Mit: Kathrin Angerer, Maximilian Brauer, Bernhard Schütz, Jeanette Spassova, Volker Spengler, Lilith Stangenberg, Ulli Lommel, Frank Büttner. Filmrollen: Sophie Rois, Irm Hermann, Peter Berling, Karla Kerschensteiner-Lommel, Fritz Müller-Scherz, Tea Brown. Tänzer: Isa-Bella Garcia, Alisha Lee, Kaddy Müller Sabbaly, Dupé Toyin Oshinowo. Band: Sven Artschwager, Konrad Krenzlin, Dennis Latwat, Richard Lucius, Leonard Neumann.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.volksbuehne-berlin.de

 


Kritikenrundschau

Der Abend zeige "die Beerdigung" des amerikanischen "Traums in Profit", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (19.1.2013). Sein "Clou" seien die vorproduzierten 3-D-Filmchen, zudem besitze er eine "formidable Rockband", die "eine flotte Hitparade einschlägiger Amerika-Songs" liefere, und ein "All-Star-Ensemble der Volksbühne". Trotzdem werde "aus der abgehalfterten Kostüm-Comedy, die Lommel da live improvisiert, nicht viel".

Eine "Vaudeville-Sause", die "das ganz große Fass an Populärmythen aufmacht", hat Patrick Wildermann vom Tagesspiegel (19.1.2013) in der Volksbühne erlebt. "Das Ganze strahlt eine komplett entrückte kalifornische Relaxtheit aus, die mit Theater nichts zu tun hat und auch nicht haben will."

Einer "grellen Vaudeville Show" ist auch Ute Büsing vom rbb Inforadio (18.1.2013) gefolgt. "Trashig ist die zweistündige Show, irgendwie auch grundsympathisch wie Ulli Lommel sein großes Promi-Ego raushängen läßt", allerdings: "Als Theaterstück geht die amerikanische Nummern-Revue nicht durch."

Zwar sei an diesem Abend so recht "kein Konzept erkennbar", schreibt Mounia Meiborg für die Süddeutsche Zeitung (19.1.2013). Dennoch mache er Spaß, was am Ensemble liege. Und die "Band spielt unermüdlich alles, was man als Deutscher für ur-amerikanisch hält". Ulli Lommel verkünde seine Botschaft "Es ist nicht alles schlecht in Amerika! Es kommt immer auf den einzelnen Menschen an!" Dazu die Kritikerin: "Dass man dieses Pathos peinlich findet, zeigt vielleicht nur, wie deutsch man ist."

"Mit diesem Spektakel ist niemandem gedient, am allerwenigsten Ulli Lommel", befindet Tilman Baumgärtel in der taz (19.1.2013). Lommels Versuch, "mit naiver Begeisterung für seine Wahlheimat einzunehmen", münde in "holprige Szenen, alberne Gesangsnummern und mäandernde Monologe". All das sei "menschlich verständlich und sicher tief empfunden, aber leider vollkommen vergurkt."

Mit der "lässig groovenden Begleitband und dem grandiosen Volksbühnenensemble" nehme dieser Abend nach etwa 20 Minuten Fahrt auf, schreibt Jan Küveler in der Welt (19.1.2013). Im "entspannten Chaos der individuellen Assoziation" entstehe "der Charme der Inszenierung". Lommel sei "ein naiver Träumer mit einem lauteren Herz, das so heftig schlägt, dass als Resonanzraum allein die amerikanische Grenzenlosigkeit infrage kommt." Auch zeige sich der Regisseur "im besten Sinne" als "schamloser Avantgardist und versagt sich deshalb nicht, das Theater zu revolutionieren: durch 3-D-Filmchen."

 
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