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Biografien sind Kopien

von Martin Pesl

Wien, 17. Januar 2013. Wenn das Ende einen überrumpelt – also nicht wie, sondern dass etwas jetzt wirklich aus ist –, dann bedeutet das, dass der Abend irgendwie nicht erfüllt hat, was er versprach. Aber auch, dass er einen so mitgerissen hat, dass man nicht einmal daran dachte, auf die Uhr zu sehen. Bei "Luft aus Stein", Anne Habermehls Uraufführung ihres eigenen Textes im Wiener Schauspielhaus, hat es außerdem damit zu tun, dass die Autorin mit der Zeit jongliert. Von drei Generationen einer Familie fertigt sie Momentaufnahmen an, in verschiedenen Jahren: 1944, 2013, 1963, 2010, 1943. Sie tut es nicht chronologisch, blendet aber eine rote Digitalanzeige ein, damit das Publikum auf dem Laufenden bleiben zu können meint.

Wirklich auskennen wird es sich lange nicht. Erst während es applaudierend zurückdenkt, stellt es fest, dass es eigentlich keine großen Rätsel gab. Während der 90 Minuten lauscht es nur gebannt den Dialogen, die, obwohl sie aus schmucklosen, knappen Sätzen bestehen, so viel Tiefe ausstrahlen wie das schwarze, geradewegs auf einen Fluchtpunkt zulaufende Bühnenbild von Christoph Rufer suggeriert.

Rollen in der deutschen Geschichte

Die Zuschauer führt sie erst einmal auf die falsche Fährte. Wenn Max Mayer im Arztkittel auftritt, mit dem Satz "Ich stelle keine Diagnosen mehr" und einem darauf folgenden programmatischen Monolog aus Schlagwörtern des Heute: Antidepressiva, Panik, Einsamkeit, Selbstheilung oder Ganzheitlichkeit, wähnt man sich in einem Abend mit viel Zeitgeist und wenig Psychologie und schärft sein Abstraktionsvermögen für das Folgende.

Doch dieser Monolog ist keine formale, nur eine inhaltlich programmatische Ansage, er endet: "Wenn auch wir nur Kopien von Biografien sind / Kann dieser Gedanke nicht auch hilfreich sein / Um über unsere Einsamkeit hinwegzukommen". Danach steht da plötzlich "1944" und ein Versehrter mit Augenklappe wechselt wenige Worte mit seiner Schwiegermutter und noch weniger Worte mit dem Schwager, bevor er ihn verprügelt. Was war hier los? Man will es wissen, und die geschärfte Aufmerksamkeit lässt in keiner der weiteren Szenen nach.

luft aus stein4 560 alexi pelekanos uZeitblitze mit Gideon Maoz und Franziska Hackl © Alexi Pelekanos

2013 lernt man ein junges Paar (Gideon Maoz, Franziska Hackl) kennen, das sich offenbar Jahre nach einem Unglück wiedertrifft, 1963 eine egozentrische alleinerziehende Mutter (Katja Jung), die im wiederaufgebauten Deutschland ihre Tochter (Hackl) ziehen lassen muss, 2010 verstehen wir, dass ebendiese Tochter die (gleichermaßen alleinerziehende) Mutter des inzestuösen Geschwisterpaares ist, das mit dem Auto verunglücken wird.

Momentaufnahmen

Als Regisseurin zeigt die 1981 geborene Habermehl Mut zur Strenge. Einige Szenen aus ihrem Manuskript hat sie weggekürzt. Sie inszeniert mit den Mitteln, die sie zur Verfügung hat und pickt sich dann punktuell, wie zur Selbstbelohnung, ein paar zusätzliche Spielereien heraus, wie von der Decke fallende Polaroidfotos und zur jeweiligen historischen Epoche passende Musik.

"Luft aus Stein" ist ein Auftragswerk des Schauspielhauses, so konnte sie die Rollen ihren vier Schauspielern auf den Leib schreiben, und die danken es ihr, indem sie jedes Wort und jede Pause ganz unprätentiös mit Sinn füllen. Vor allem Franziska Hackls wachsamer Blick und ihre stets leicht skeptisch hochgezogenen Lippen erzählen Welten darüber, warum sie 1963 ihre Mutter verlässt, stehen aber auch ihrer Darstellung der Älteren nicht im Wege, die ihre Worte nicht unter Kontrolle hat und im Weltkrieg sorglos mit einem Soldaten anbandelt. 2010 ist Hackl das Unfallopfer, das durchs Fotografieren behutsam ins Leben zurückgefunden hat. Ja, nur Momentaufnahmen zu schießen hat etwas Tröstliches.

Unmöglichkeit der Lehre

Die Geschichte wiederholt sich, unsere Biografien sind "Kopien voneinander". Gut, wer im Fehlen von Vaterfiguren eine Konsistenz sehen will, wird gewiss noch weitere rote Fäden entdecken, aber von weitem betrachtet sind all diese Generationen jeweils auf sehr eigene Art verloren: Während man in der Nazizeit aufpassen muss, was man sagt, hört die 1963 abhauende Tochter, es sei "Nazimüll", ein Zuhause zu wollen und ist 2010 gar der Geschwistersex fast irgendwie okay. Letztlich entpuppt sich aber gerade das Fehlen einer plakativen "Lehre aus der Geschichte", womit Habermehl wieder eine Publikumserwartung austrickst, als die große Stärke ihres kurzweiligen Wolkenatlas. Schon ihr Einstiegsarzt sagt: "Alle Diagnosen sind nur Versuche eine Leerstelle zu füllen die keinen Namen hat." Wo die Leerstelle bleibt, hat das Theater gewonnen.


Luft aus Stein (UA)
von Anne Habermehl
Regie: Anne Habermehl, Bühne/Kostüm: Christoph Rufer, Dramaturgie: Brigitte Auer.
Mit: Franziska Hackl, Katja Jung, Gideon Maoz, Max Mayer.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at


Kritikenrundschau

Habermehl habe die Generationen in ihrem Stück "gekonnt verschränkt", schreibt Christina Böck in der Wiener Zeitung (18.1.2013). "Die nachfolgenden Generationen schleppen wacker die Katastrophen der vorigen mit sich herum". Habermehls Stück thematisiere "auch den Verlust der Sprache, beschreibt Zungen aus Stein, und das wiederum mit einer treffsicher poetischen Sprache, die die Schaumkugeln und Kolibriherzen des Lebens anruft". Die Umsetzung des Stückes durch die Autorin selbst sei "kompakt und eindringlich gelungen" und so gebe diese "reduzierte Familienskizze" ein "spannendes und berührendes Panorama".

"Ein rundum packender Theaterabend sieht anders aus, dies ist Stückwerk", urteilt Barbara Petsch in der Presse (20.1.2013). Habermehl habe "ein erfinderisches Stück" geschaffen, "dessen Input allerdings bedeutender zu sein scheint als der Output", heißt es. "Mit Interesse folgt man manch klugen Gedanken, ärgert sich aber auch über lange, banale Ein-Satz-Dialoge und vermisst insgesamt Stringenz und Klarheit." Lob erhält das Schauspielhaus-Ensemble, insbesondere Katja Jung, die "erneut ihre starke Aura aus ironischem Intellekt und Seelenschmerz" entfalte.

"Anne Habermehl ist ein beeindruckendes Stück gelungen", schreibt Helmut Schödel in der Süddeutschen Zeitung (7.2.2013). Die Dramatikerin "begegnet unserer gesellschaftlichen Steinzeit mit viel Empathie und zarten Bildern" und "schenkt den Gefallenen, den elenden Kinder ihrer Zeit Flügel – sie dürfen bei ihr abheben über das Desaster der Situation". Die Schauspielerinnen Franziska Hackl und Katja Jung fänden "in der steinernen Welt wunderbare Spuren von Gefühlen". Hier wurde, so resümiert der Kritiker, ein "wichtiges, man könnte fast sagen 'wahrhaftiges' Stück entdeckt", und schickt hinterher: "Zum Nachspielen dringend empfohlen."