Geschichtsreise aus der Music-Box

von Michael Laages

Braunschweig, 18. Januar 2013. Kein Stück ist das, nur ein Gedanke, nur der Entwurf davon, was ein Stück Theater werden kann. Das ist der entscheidende Charme, den "Das Ballhaus" nach einer Spiel-Idee von Claude Penchenat, Mitbegründer des Theatre du Soleil Mitte der 1960er Jahre und zehn Jahre später Leiter des Théâtre du Campagnol, des "Wühlmaus-Theaters" in Paris, besitzt.

In seiner Idee unterscheidet es sich auch heute noch deutlich von den ungezählten Lieder-Abenden, die (wie "Das Ballhaus") auf musikalischem Wege ganze Epochen in den Griff bekommen wollen. Auch die Melodien im Ballhaus sind eingegraben in das kollektive Gedächtnis, nur kommen eben auch sie ohne Worte aus. Die Geschichten der Jahrzehnte werden beispielhaft herbei imaginiert vom Ensemble, das sich auf einem Tanzboden mit Bar-Betrieb zu den Klängen aus der Music-Box bewegt.

Fünf Jahrzehnte im musikalischen Rückblick

So sieht "Das Ballhaus" jedenfalls jetzt in Braunschweig aus. 1983 hatte der italienische Regisseur Ettora Scola großen Erfolg mit der Verfilmung der Campagnol-Kreation, und 2001 gelang dem Schauspieler und Kabarettisten Steffen Mensching die erste eindrucksvolle Bühnenversion, ganz im Geist des Erinnerns an die vergangene DDR. Auch die Fassung von Sandra Strunz in Hannover blieb erinnerlich. Aber kein Ballhaus ist ja wie das andere, weil es jedes Mal von neuem in der Gegenwart beginnt und gut fünf Jahrzehnte an sozio-musikalischem Rückblick beschwört. Tatsächlich entwarf Penchenat ja nur die Hülle – welche Musik gespielt wird und wie das Ensemble die Idee jeweils zum Leben erweckt, das liegt ganz in Belieben und Vermögen von Ort und Zeit und Raum und Team.

So viel Vorrede ist schon nötig, weil ansonsten die Formlosigkeit sicher auch verschrecken und ermüden kann. Das Problem stellt sich ähnlich wie beim noch poetischer strukturierten Ohne-Worte-Versuch von Peter Handke mit der Marktplatz-Szenerie in "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten" – alles hängt davon ab, wie der Gedanke belebt wird, wo schon der Text fehlt als Baustoff jenseits der Struktur. Das kann auch elend langweilig sein.

Tänzer unter Kopfhörern und eine Pappkameraden-Band

Stephan Rottkamp lässt nun den ururalten Kellner herein tappen vor geschlossenem Eisernem Vorhang; und leider sind schon sehr deutlich die Stepptanz-Beschläge der Schuhe zu hören, die ihm 100 Minuten später die finale (und eben leider gar nicht mehr überraschende) Schlusspointe ermöglichen. Er muss auch nicht an den Eisernen klopfen – der geht von selber hoch und offenbart einen leeren, kalten Raum. Unter Kopfhörern tanzen neun Ensemble-Monaden jeder und jede für sich, während vorne ein schon sehr reifes Tango-Pärchen Figuren zieht. Staunend entdecken die Kopfhörer-Menschen bei dessen Anblick, dass auch Zusammen-Tanzen möglich ist – derweil verwandelt sich die Bühne zum Ballhaus, mit Bar und Tischen und oben drüber immerhin dem Bild einer Band.

ballhaus 2015 560 karl bernd karwasz uBombenstimmung im Ballhaus Braunschweig © Karl-Bernd Karwasz

Das ist Rottkamps wunderlichste Idee – auf der Empore baut der Musiker Henning Beckmann (sonst Posaunist in der Band mit dem putzigen Namen "Erdmöbel") jeweils ein Ensemble aus Pappkameraden auf, in späteren Jahrzehnten auch nur noch Plattenspieler und Computer; was halt über die Epochen hin so benötigt wurde für den musikalischen Einsatz im Ballhaus. Aber Beckmann (der im Übrigen die Musik sorgsam sortiert hat) positioniert nicht nur die Musik-Kulisse, er bleibt auch den ganzen Abend über präsent – tut aber dezidiert nichts. Und was ist ein Akteur, der abendfüllend nichts tut auf der Bühne? Genau – sehr langweilig.

Wirtschaftswunderliche, Hippies, Terroristenjäger und Wiedervereinigte

Diese Wirkung legt sich wie Blei auf dem ganzen Abend, selbst wenn die kleinen Fabeln des Ensembles mal Stärke und Schärfe entwickeln; was auch nicht durchweg der Fall ist. Die 50er Jahre sind durch gegenseitiges Kennenlernen gekennzeichnet, es wird noch zum Tanz gebeten, voller Scham und Scheu hie und Protz-Gebaren da; die ersten Rock'n'Roll-Tänzer und der erste italienische Fremdarbeiter stören die bürgerlich-wirtschaftswunderliche Gemütlichkeit. Immer allein bleibt nur der Kriegsversehrte, der mit der Krücke tanzt.

In den 60er Jahren bricht Hippietum herein, und eine der bürgerlichen Damen träumt sich mit dem Joint, den der Musiker von der Empore fallen lässt, in eine Sex- und Drogen-Phantasie hinein (und Teile des Ensembles sind jetzt in fleischig-nackte Monster-Kostüme gequetscht). Die 70er bringen Eltern und Kinder in gegenseitigem Missverstehen, protzigen Reichtum und einen Polizei-Einsatz gegen (vermeintliche) Terroristen. Und die 80er schließlich enden nach allerlei Disco-Gelärme im plötzlichen (und sehr verstörenden) Besuch der Brüder und Schwestern von drüben, als die Mauer fällt. Das ist die mit weitem Abstand stärkste Szene – und auch die einzige, die tatsächlich in Bann schlägt.

Fundus geplündert

Ansonsten bedürfte es für eine wirklich magische Ballhaus-Beschwörung weitaus stärkerer Imagination im Ensemble. In Braunschweig drängt sich zuweilen schon der Eindruck auf, dass der Text zum Spiel doch fehlt. Das aber darf nun überhaupt nicht passieren. Derweil kann immerhin die Bühnen- und Kostümbildnerin Justina Klimczyk den Klamotten-Fundus nachgerade orgiastisch plündern und fleißig Nähte, Taschen oder Krägen auf fast alle Kleidungsstücke draufmalen. Schöne Verfremdung; und an Effekten dieser Sorte ist "Das Ballhaus" auch in Braunschweig durchaus reich, und das Ensemble stürzt sich energisch ins Tanz-Abenteuer – die große magisch-musikalische Zeitreise durch die Epochen allerdings bleibt pure Behauptung.

Ach ja – gleich zwei Mal übrigens meint das Premierenpublikum zu früh, dass jetzt schon Schluss sei. Auch das ist eher kein wirklich gutes Zeichen für einen starken Spannungsbogen.


Das Ballhaus
nach der Idee des Théâtre du Campagnol
Regie: Stephan Rottkamp, Bühne und Kostüme: Justina Klimczyk, Musik: Henning Beckmann, Choreographie und Tanztraining: Sigrun Kressmann, Olaf Reinecke, Dramaturgie: Christine Besier.
Mit: Henning Beckmann, Andreas Bißmeier, Marianne Heinrich, Sven Hönig, David Kosel, Theresa Langer, Mattias Schamberger, Nientje Schwabe, Oliver Simon, Martina Struppek, Raphael Traub, Rika Weniger und dem Tango-Paar Birgit Oisenko und Otto Köllner.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-braunschweig.de



Kritikenrundschau

"Das junge Ensemble spielt, tanzt und kaspert sich flüssig, körperlich präsent und mit individuellen Nuancen durch die Rollen und Jahrzehnte", wobei Sven Hönig "als mal schmieriger, mal schüchterner Snob" aus der geschlossenen Teamleistung herausrage, schreibt Florian Arnold in der Braunschweiger Zeitung (21.1.2013). Allerdings liege auch ein "feiner Schleier der Distanzierung über der Inszenierung"; ihren "abziehbildhaften Figuren fehlt echte Lebendigkeit", weil die Regie eine "Note von Verklemmtheit, Biederkeit, Vereinzelung" im "bundesrepublikanische Klima widerspiegeln" wolle. Dieser Ansatz sei zwar stimmig, bremse den Abend aber aus, "zumal wirklich überraschende Typen und Regieeinfälle insbesondere im überdehnten Beginn fehlen".

 

 
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