Bittersüßer Flokati-Flausch

von Jens Fischer

Bremen, 23. Januar 2013. Arbeitsalltag, Triebverzicht und Selbstkontrolle liegen hinter ihr. Nun könnte sie an- und innehalten, mit aller Aufmerksamkeit und Gelassenheit das Schöne suchen, angstfrei genießen. Aber Fräulein Rasch weiß den Abend nach dem Job nicht zu feiern. Ihre Lebensgier ist verschlissen. Sie mag ihren von Freude unberührten Körper nicht, nicht sich selbst, nicht das Leben, nicht diese Welt. Allein zu Hause – verkümmernd in der lautlosen Routine zur Instandsetzung des Selbst für den nächsten Tag. Gefangen in existenzieller Stille, bedrängt vom zeitlosen Schrecken der Einsamkeit.

wunschkonzert2 560 joerglandsberg uFlokatirausch mit Lookalikes: "Wunschkonzert" © Jörg Landsberg

So sahen wir das immer etwas altjüngferliche Fräulein Rasch in Inszenierungen von Franz Xaver Kroetz' "Wunschkonzert" (1973). Es besteht nur aus Regieanweisungen, ist stummes Solo einer Entfremdung, eines nur noch mechanisch funktionierenden Daseins. Passend dazu ist die Bühne des Theaters am Goetheplatz entzückend im 70er-Jahre-Stil hergerichtet. Flokati-flauschig gedämpft wird das After-work-Drama aus dem Angestellten- ins Künstlermilieu verlegt. Eine Opernsängerin (Nadine Lehner) tritt durch einen Vorhang, also von der Bühne ihrer Kunst ab und im Hotelzimmer-Bühnenbild auf. Wie bei Kroetz packt sie ihr Piccolöchen Sekt aus dem Einkaufsnetz, entschlüpft dem Schuhwerk, greift zur Zigarette, zur Illustrierten, pflegt Unreinheiten der Haut, zählt akkurat ihre Schlaftabletten ab, um Selbstmord zu begehen – "mit der gleichen Ordnungsliebe, gleich säuberlich, bieder und stumm-trostlos wie das Leben, das ihn verursacht" (Kroetz).

Harter Dorn, flüchtendes Reh

Schon Herr Kroetz ließ Frau Rasch den Abend mit einem Radio-Wunschkonzert verbringen. In Bremen kreiert Michael Talke daraus einen melancholischen, gülden glänzenden Liederabend. Die Schönheit des Gesanges soll die Schäbigkeit der Situation auf eine poetische Ebene heben. Die suizidale Implosion eines Menschen wird zur artifiziellen Expression. Wenn im Radio also von großen Gefühlen gesungen wird, schluchzt Frau Rasch nicht auf – sie singt einfach mit. Damit auf der Bühne auch was los ist, holt sie vier Kolleginnen für verschiedene Aspekte ihrer Persönlichkeit als Lookalikes ins Hotelzimmer. Zur Begründung wird Ingeborg Bachmanns Gedicht "Wie soll ich mich nennen" zitiert: "Ich bin von vielen Leibern besessen, ein harter Dorn und ein flüchtendes Reh."

Der Lärm der Tage und Liedanfänge rauschen aus dem Radio, aber auch Fragmente des Kroetz-Textes. Vorhang auf, Discokugel an(-gestrahlt): Richard Wagners "Träume"  aus den Wesendonck-Liedern eröffnen die emotionale Ansprache, es folgt kitschsüchtig tröstend Richars Strauss’ "Morgen wird die Sonne wieder scheinen". Wieder ein anderes Fräulein Rasch tanzt eine Aufbruchsfantasie: Harold Arlens zum Jazzstandard gewordene Komposition "Get happy". Manchmal singen alle Damen lippensynchron die Titel der anderen mit, dann wieder feiern sie ihr Können in chorischen Arrangements. Meist argumentiert Talke aber so: Wenn Robert Schumanns "Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide" leiseweinend zu Gehör kommt, wird Babygeschrei dazugemixt, eine Darstellerin schlüpft in ein Hochzeitkleid, während eine andere genussvoll eine richtig dicke Stulle verspeist – Frauensehnsüchte…

Edel-Pralinen statt saurer Drops

Auch verkündet das Quintett sehr überzeugt: "Wir träumten, dass wir perfekt wären – und wir waren es." Damit nimmt Michael Talke Bezug auf das Thema der 1. Spielzeit des neuen künstlerischen Leitungsteams am Theater Bremen: dass dem Ende aller geschichtsphilosophischen Versprechen das der zwanghaften Optimierung individueller Lebensentwürfe folgen sollte, diese krank machende Selbstausbeutung des Immer-besser-sein-Müssens. So demonstrieren die Damen noch schnell diverse Möglichkeiten des Theaterselbstmordes – und kommen auf die Worte Ingeborg Bachmanns zurück: "Aber in mir singt noch ein Beginnen / – oder ein Enden – und wehrt meiner Flucht". Trotzdem der Abgang mit Schlaftabletten durch den Vorhang.

Das ist zwar durchaus nicht nur als Nummernrevue,  sondern auch als mehrschichtig schillerndes Gewebe komponiert – aber leider nicht übertitelt worden. Da die Texte nur selten zu verstehen sind, bleibt die Klangebene als Vermittlerin des Inhalts: feinnervige Begleitung am Klavier und mit Saiteninstrumenten sowie aufrauende Sounds, dazu betörend schöner Gesang. Flokati-flauschig. Zum Hineinkuscheln für romantische Seelen. Zartbittere Edel-Pralinen statt saurer Drops. Also nichts für Fans des Kroetz'schen Wut-Theaters.

 

Wunschkonzert
Ein musikalischer Abend von Michael Talke – nach Motiven von Franz Xaver Kroetz’  "Wunschkonzert"
Regie: Michael Talke, Musikalische Leitung: Tobias Vethake, Musikalische Einstudierung: Jinie Ka, Ausstattung: Rimma Starodubzeva, Licht: Christopher Moos, Dramaturgie: Viktorie Knotková.
Mit: Tamara Klivadenko, Steffi Lehmann, Nadine Lehner, Marysol Schalit, Alexandra Scherrmann sowie Tobias Vethake (Saiteninstrumente, Sounddesign) und Jinie Ka (Klavier).
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterbremen.de

Mehr Wunschkonzerte? Im Sommer 2012 spielte Annette Paulmann das stumme Solo an den Münchner Kammerspielen, 2008 stellte Katie Mitchell ihre filmisch aufgespaltene Version am Schauspiel Köln vor, die später zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde.


Kritikenrundschau

"Man erlebt eine Aufführung, die ins Surrealistische verfremdet und mit revueartigen Elementen angereichert ist", schreibt Gerhart Asche im Weser Kurier (25.1.2013). Fräulein Rasch teile sich in Sängerinnen aus dem Bremer Ensemble auf, die durch die Musik ihre Gefühle äußern. "Am Ende, anders als bei Kroetz, streift Fräulein Rasch wieder ihren Mantel über und geht eilig aus dem Zimmer. Der Aufbruch in eine neu gewonnene Freiheit? Die Aufführung lässt das offen." Das diffizile Metier des Liedgesangs werde so gut beherrscht, dass man sich von jeder von ihnen vielleicht auch einmal einen eigenen Liederabend vorstellen könnte.

Und auf Radio Bremen (24.1.2013) findet Margit Ekholt, dass "Wunschkonzert" ein rätselhafter, skurriler Abend sei, der nie langweilig werde. Regisseur Michael Talke und der Musiker Tobias Vethake haben das Stück behutsam und schlüssig gestaltet. Das sei der originellste klassische Liederabend, den sie bisher gesehen habe, so die Rezensentin.

Auf kreiszeitung.de, dem Internetportal der Syker Kreiszeitung (24.1.2013), schreibt Ute Schalz-Laurenze mutig und gut sei es, das "ganz normale Musiktheaterpublikum" anzusprechen, mit einem Abend, bei dem man auf "gar keinen Fall eine Oper zu hören" bekäme. Riskant sei auch das "Thema", ein Stück, das ohne Worte auskommt, in dem sich eine Angestellte einfach so, ohne erkennbaren Anlass töte. Die Spielform sei musikalisch, "die zweite macht dasselbe wie die erste, die dritte dasselbe wie die zweite, sozusagen Fugeneinsätze". Motive wie das Zeitungslesen oder das Zigarettenrauchen würden "quasi leitmotivisch durchgeführt". Alle sängen "bestens und ergreifend". Der Einsatz der Musik schaffe ein Doppeltes: "er stattete die Seelen der fünf Frauen (...) mit allen Dimensionen aus, die der Musik möglich sind: Trost, Erkenntnis, Expression, Kommunikation, noch vieles mehr". Und er teile "genau dies" auch dem Publikum mit, das dadurch mit einem "differenzierteren Gefühlshaushalt" konfrontiert gewesen sei, als dies "eine nur stumme Schauspielerin könnte".

 

 

 
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