Manchmal fliegen sie sogar hoch

von Nikolaus Merck

Februar 2013. Der Schauspieler Joachim Meyerhoff ist ein großer Egozentriker. Seit vielen Jahren inszeniert er, in wechselnden Formaten, sein Leben auf der Bühne. Zuletzt hat er in sechs Teilen Vorleseabende lanciert: Alle Toten fliegen hoch 1 – 6

Meyerhoff ist ein großer Schauspieler und Wahrheitssucher. Die Wahrheit findet er nicht in der ereignisgenauen Erinnerung, gäbe es die denn. Meyerhoff ist sehr von heute, nur allzu gut weiß er: "Die Vergangenheit ist ein noch viel ungesicherterer Ort als die Zukunft", Erinnerung ist immer Konstruktion. Also betätigt sich der Erzähler als Erinnerungsingenieur.

Er schaut zurück, erzählt und erfindet dabei die Wahrheit. Nicht zum Spaß. Der Titel "Alle Toten fliegen hoch" spricht es aus. Die Toten sollen leben, nicht tot sein. Dürfen nicht. Können nicht. Weil es sich bei diesen Toten um die nächsten, die liebsten Menschen handelt. Der Bruder, der Vater, die Großmutter. Nach den Totenreden auf der Bühne sendet er seinen Lebensmenschen nun geschriebene Erinnerungsfeste hinterher. Amerika, der "Roman" über das Austauschjahr des jugendlichen Joachim in Laramie, Wyoming, in das der tödliche Unfall des "mittleren Bruders" schockhaft einbricht, ist im Jahr 2011 erschienen. Jetzt folgt "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war", das Vaterbuch.

Unter Insassen

Der Roman ist die Erzählung eines Heimatvertriebenen. Heimat war dem 1967 geborenen Schauspieler der Hesterberg, das Landeskrankenhaus für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig, eine von zwei Psychiatrien in dem 25 000-Einwohner-Ort, der in den 70er und 80er Jahren außerdem zwei Einrichtungen für Gehörlose, eine Gehörlosendisco, eine Blindenschule und mehrere Jugendknäste aufzuweisen hatte, wie Meyerhoff schreibt.

cover meyerhoff wann wird esMeyerhoffs Vater war Chefarzt und Direktor dieser Psychiatrie, in der 1500 Patienten unter menschenunwürdigen Verhältnissen untergebracht waren. Als kleine Nachtmusik beim Einschlafen abends im Kinderbett schreien und heulen die Patienten. Josse, der kleine Infant der Anstalt, gewöhnt sich nicht nur an diese Höllenmusik, er wird sie 10 Jahre später bei seinem Austauschjahr in USA sogar vermissen.

In Meyerhoffs Kinderwelt stehen die Verhältnisse kopf. Zu Vaters Geburtstag kommen statt der Kollegen und Freunde die Patienten. Jedes Jahr möchte der hagere Ludwig endlich einmal den Hund streicheln, und jedes Jahr läuft Ludwig panisch schreiend vorm Hund davon. Auch Weihnachten im Krankenhaus ist erst wirklich festlich und schön, wenn die Bescherung auf den Stationen in einer wüsten Zerstörungsorgie endet.

Seine Spielkameraden findet das Kind unter den Insassen der Anstalt. Auf den Schultern des Glöckners, eines riesigen, zotteligen Rübezahls, der unablässig schwere Glocken über seinem Kopf schwingt, reitet der kleine Josse vom Hesterberg durch den Anstaltspark. Mit Ferdinand spielt er im Keller der Arztvilla. Ferdinand malt Katzen im Querschnitt und kann mit einem Auge lesen und mit dem anderen aus dem Fenster schauen.

Im Ohrensessel

Auch der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Gerhard Stoltenberg muss erfahren, dass die Normalität in der Anstalt für Außenstehende gewöhnungsbedürftig ist. Als der Landesfürst den Anstaltsneubau einweiht, landet er, von seinen Leibwächtern zu Boden gerissen, im Matsch. Nur weil der harmlose Rudi den hohen Besuch zum Spaß mit der Plastikpistole bedroht hatte. "Hände hoch oder ich schieße!"

Es ist ein subtiler Kunstgriff, dass Meyerhoff den Politiker erst als "geborenen Anführer" von "zeitloser Imposanz" aufbaut. Um ihn noch im selben Kapitel zu stürzen. Wenn er später als Privatmann zur Beerdigung des Vaters erscheint, ist er mit dem Amt all seiner "Autorität und Strahlkraft" verlustig gegangen. Als ganz und gar durchschnittlicher Kleinwagenfahrer, dem ein Mädchen den Vogel zeigt, wird er aus der Erzählung verabschiedet.

In dieser Welt ist der Vater der König, freundlich geneigt und unnahbar zugleich. In seinem Ohrensessel hinter Bergen von Büchern und Zeitungen vor der Familie und ihren Zumutungen verschanzt. Weil erst die kleinen und großen Unglücksfälle dem Vater ermöglichen, Zuneigung zu seinem Jüngsten zu zeigen, ist dieser Roman auch ein Katastrophenbuch. Ein sehr komisch erzähltes allerdings. Hinreißend, wie Vater und Sohn auf ihrem Segelturn bei Windstärke null in Seenot geraten, der Sohn über Bord geht und beide gerettet werden müssen.

Gelegentlich glücklich

Vielleicht ist es der leichte Ton, die flirrende Ironie, mit der Joachim Meyerhoff auch sich selbst als eine Art reinen, blond gelockten Toren mit plötzlichen Tobsuchtsanfällen darstellt, die den anhaltenden Erfolg seiner Lesereihe "Alle Toten fliegen hoch" ausmachen. Immerhin könnte einer, der seit Jahren sein eigenes Leben geradezu zeremoniell zum Stoff seiner Auftritte macht, dem Publikum auch einmal auf die Nerven fallen. Aber Meyerhoffs Sprache eignet so etwas wie ein literarischer Lubitsch-Touch, keine große Literatur, aber eine, der immerhin so viel Esprit und Leichtigkeit zu Gebote stehen, dass auch die größten Peinlichkeiten und Peinigungen den Leser fröhlich machen. 

Denn wo die höllische Welt der Psychiatrie mit den Augen des Kindes gesehen als eine ganz normale erscheint und der Leser lernt, dass auch Menschen, die Hilfe brauchen, ein gelegentlich glückliches, oft trauriges, meistens ereignisloses Leben führen, beschreibt Meyerhoff die darin eingelassene Kleinfamilie als ganz normalen Wahnsinn. Dabei unterscheidet sich der Anstaltsleiter Hermann Meyerhoff gar nicht sonderlich von anderen Familienvätern in den bundesdeutschen 70er und 80er Jahren. Außergewöhnlich wird dieser Roman erst durch den liebenden Blick, mit dem der Sohn diesen schwer übergewichtigen, kahlköpfigen Mann porträtiert.

Heimat, Heimkehr, Höhenflüge

In Wirklichkeit ist diese Schleswiger Mittelschichtsfamilie naturgemäß nur vordergründig einigermaßen intakt. Dass der Vater seine Frau betrügt, enthüllt Meyerhoff dramaturgisch geschickt, mittels einer allmählichen Anhäufung von Indizien. Dass er sogar ein regelrechtes Doppelleben geführt hat, mit einer zweiten Wohnung in Kiel, stellt sich nach seinem Tod heraus. Als der "mittlere Bruder" tödlich verunglückt ist und der Vater an Krebs erkrankt, bricht die Familie schließlich auseinander.

Diese letzten Kapitel des Buches, in dem das Vateridol stürzt und der Sohn mit einer Art wildem Furor von der Krankheit zum Tode erzählt, ohne an Wärme einzubüßen, gehört trotz oder gerade wegen der vollständigen Entzauberung der Kinderwelt zu den anrührendsten Vatererzählungen, die ich kenne.

Der Schauspieler Joachim Meyerhoff ist ein großer Egozentriker. Und das ist unser Glück. Denn Meyerhoff beobachtet genauer als die meisten, erinnert sich vielleicht besser, und: Er schont sich nicht. Zum Erfolg seiner autobiographischen Erzählungen trägt gewiss ihr Identifikationpotential bei. Immerhin ist die Kindheit, von der er erzählt, jene Heimat, aus der wir alle einmal vertrieben wurden.

Mit Walter Benjamin gesprochen: Wir möchten wohl gerne zurück, doch wie der Engel mit dem Schwert vor dem Paradies hindert uns die vergehende Zeit an einer Heimkehr. Weil wir aber zurückkehren und die Toten wieder zum Leben erwecken wollen, erzählen wir uns unser Leben. Um den Verlust zu ertragen und unsere Schmerzen zu heilen. Solange wir von ihnen noch erzählen können, sind unsere Toten noch nicht ganz tot. Sie fliegen. Manchmal fliegen sie sogar hoch.

 

Joachim Meyerhoff:
Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war.
Roman. Alle Toten fliegen hoch, Teil 2.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, 352 S., 19,99 Euro

 

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