Die Welt hat Tinnitus

von Sarah Heppekausen

Köln, 14. Februar 2013. Irgendwann hört man auf, den Bedeutungen der Wörter und Sätze nachzugehen, irgendwann hört man nur noch zu. Eigentlich sind es auch kaum Sätze, die PeterLicht für das Schauspiel Köln geschrieben hat. Es sind Verse einer lyrischen Litanei und Dialogfetzen, die eine mögliche Antwort eines möglichen Gegenübers gar nicht erst abwarten. "Das Sausen der Welt" hat der Kölner Liedermacher seinen Theatertext genannt. Auf der Bühne breitet ihn die Regie als Klangteppich aus, abgeklopft auf Schall und Rhythmus.

Anbetung von Klang und Krach

Wahrscheinlich ist das gar nicht einfach für einen Schauspieler, den gesprochenen Text nicht zu interpretieren, sondern ihn bloß als Geräuschfolge zu begreifen, die produziert wird. Aber genau darauf hat das Performance-Duo SEE!, das hier Regie führt, es offensichtlich abgesehen. Also macht Maik Solbach nach einem Vers wie "Gegrüßet aller Widerhall, der im Welttopf tönt" eine Pause, in der er seinen gerade gesagten Worten lauscht, als hörte er sie zum ersten Mal, als hätte er sie vorher nicht gedacht. Und Marina Frenk "sehnt" und "zinst" sich in die Zukunft in einem Singsang-Modus, der mehr auf schiefe Töne als auf schräge Wortspiele horchen lässt. Und das ist gut so.

dassausenderwelt3 560 klauslevebvre uRennen, Rauschen, als Krisenwesen zu Boden gehen. © Klaus LevebvrePeterLicht hat einen Text über das Grundrauschen der Welt geschrieben, hat der Menschheit den globalen Tinnitus abgelauscht. Er grüßt die Geräusche und betet Klang und Krach an, zum Beispiel den Krach im Inneren der Zellen oder den Klang vom Umherschwirren von Geld. Assoziativ ist dieser Text, und natürlich saust einem immer mal wieder phrasenweise die Kritik am Kapitalismus um die Ohren, dessen Ende der Popmusiker schon vor Jahren besungen hat. PeterLicht tönt gerne mit großen Worten im Mantel seichter Unterhaltung. Alexandra Dederichs und S. E. Struck von SEE! tun gut daran, sich ganz auf die Musikalität des Textes zu konzentrieren. Das verleiht dem Abend zwar keine Tiefe, schützt aber vor Bedeutungshuberei.

Gesummt, gegurrt, geschnalzt

Struck und Licht haben in München schon gemeinsam Räume räumen auf eine vollgemöbelte Bühne gebracht. Diesmal ist die Bühne (von Gerburg Stoffel) im EXPO-Saal leer. Abgehängt mit silbernen Vorhängen dient sie ganz als Resonanzraum für das Sausen und Sirren dieser Welt. Das wird instrumental gespielt (von den drei Musikern Christoph Mäcki Hamann, Ben Lauber und Nils Slin Tegen), mehrstimmig gesungen oder gesprochen, gesummt, gegurrt, gehaucht, geschnalzt. Die Darsteller sind Tontransporteure, Echogeber und Klangkörper, denen krisengeschüttelt die Sätze aus den Wangen purzeln oder die sich im Pulk vors Mikro quetschen, um gehört zu werden. Lauter Verlautbarungen, die da aus ihnen hervorsprudeln.

SEE! arbeiteten in ihren bisherigen Performances vor allem mit Tänzern. Also bewegen sich diese Klangkörper auch, rennen als Rausch, laufen Geräuschbahnen ab, werfen sich als Krisenwesen zu Boden. Denn Krach ist bei PeterLicht immer auch Krise. Aber eigentlich ist von Krise kaum etwas zu spüren. Dieses Performancespiel und Wortkonzert ist ein nettes Vergnügen in 70 Minuten, das sich und die Semantik nicht so wichtig nimmt. Die Worte rauschen vorbei, aber sie klingen gut.

 

Das Sausen der Welt – Eine Raumeroberung
von PeterLicht
Text und Lieder: PeterLicht, Konzept und Regie: SEE! (Alexandra Dederichs & S. E. Struck), Komposition/Arrangement: Christoph Mäcki Hamann, Ben Lauber, Nils (Slin) Tegen, Musikalische Leitung: Ben Lauber, Bühne: Gerburg Stoffel, Kostüme: Pascale Martin, Dramaturgie: Marion Hirte.
Mit: Martin Clausen, Dina Ed Dik, Marina Frenk, Andreas Grötzinger, Orlando Klaus, Ruth Marie Kröger, Maik Solbach, Frank Willens. Gesang: Kirsten Schötteldreier, Anette von Eichel, Tobias Christl, Maki Masamoto.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Mehr zu PeterLicht gibt's hier.

 

Kritikenrundschau

Dass Krisen menschliche Konstanten oder sogar Notwendigkeiten sind, sei letztlich doch auch nur inhaltsloses Geplapper, so Dorothea Marcus im Deutschlandfunk (16.2.2013). "In seinen besten Momenten lässt dieser Abend daher konkrete Krisen eher links liegen und entwickelt sich zu einer Art Traum-Mediation. Er benennt Ungreifbares, lässt Aufmerksamkeit für Kleines, Unhörbares, Unbewusstes entstehen." In den schlechteren Momenten bleibe jedoch der Eindruck, dass dem Regieteam nicht allzu viel eingefallen ist, um aus dem Lautgedicht von PeterLicht Inhalt und Zusammenhalt zu kreieren. Fazit: "Als Theaterstück gesehen, ist 'Das Sausen der Welt' nach einer guten Stunde ärgerlich ornamental, ungreifbar und unverbindlich geblieben."

"Worum es geht, erschließt sich nicht so recht", schreibt Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (17.2.2013). "Zu formelhaft sind die wiederholten Phrasen"; Schlagworte wie "Krise" oder "Zinsen" würden "den Text politisch klingen" lassen. Manchmal steche ein "Halbsatz" heraus, "um dann vom weiteren Textfluss untergespült zu werden". Während man mit der Musik driften könne, erlebe man, wie sich das Ensemble "redlich abmüht, den aktionslosen Text in Bewegung umzusetzen", mit "laufen, springen, tänzeln, torkeln". Die alles wirke "wie eine frühe Probensituation, in deren Stadium die Produktion steckengeblieben zu sein scheint".

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