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Das Gespenst ist tot

von Kai Krösche

Wien, 15. Februar 2013. Einen langen Titel hat sich der US-amerikanische Autor Tony Kushner (dessen Drehbuch zu "Lincoln" man derzeit in der Verfilmung von Steven Spielberg im Kino sehen kann) da ausgedacht. Nichts Geringeres als einen "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur heiligen Schrift" verspricht der sperrige Titel; einen Ratgeber also für die ganz großen Ideologien (nicht nur) des 20. Jahrhunderts oder, anders formuliert: ein hoffnungsloses Unterfangen.

Lang ist auch das Stück selbst, das natürlich gar nicht erst versucht, seinem Titel gerecht zu werden, das stattdessen auf grenzboulevardeske Weise die Geschichte einer amerikanischen Familie italienischer Herkunft erzählt: Der Vater Gus, einst Hafenarbeiter und überzeugter Kommunist, ist seines sinnlosen und in seinen Augen verpfuschten Lebens überdrüssig und möchte sich deshalb selbiges nehmen, vorher jedoch beruft er Schwester und Kinder, um, ganz und gar demokratisch, über sein geplantes Unterfangen abzustimmen.

Teilen können, teilen wollen

Dabei haben die Kinder ganz andere Sorgen: Da ist sein ältester Sohn, der homosexuelle Pill, hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu seinem von ihm entfremdeten Ehemann und dem Begehren zu dem jungen Stricher Eli; da ist die lesbische Tochter Empty, die ihre Lebensgefährtin Maeve verlassen will, weil diese ein Kind mit ihrem zweiten Bruder Vinnie gezeugt hat, anstatt sich künstlich befruchten zu lassen. Schließlich Vinnie selbst, der cholerische jüngste Spross des großen und nun müden Übervaters Gus, der auf das Alleinerbe des Hauses hofft, zeitgleich aber enttäuscht ist, weil ihm sein Vater zutraut, nicht mit seinen Geschwistern teilen zu wollen. Bei allen dreht es sich um Liebe und Geld, die zwei vielleicht größten und aufs Tragischste ineinander verwobenen Themen des Kapitalismus, und bei allen führen die Verstrickungen zu Problemen, Identitätskrisen, Verlorensein.

Nach der letztjährigen, deutschsprachigen Erstaufführung durch Burkhard C. Kosminski in Mannheim wagte sich nun Elias Perrig am Wiener Volkstheater an den ausladenden Stoff, dabei streift der Abend trotz Kürzungen die vollen 3 Stunden. Dass nur zeitweise Langeweile aufkommt, verdankt sich dabei weniger der konventionellen Regie als dem nach einer Warmlaufphase – die schnellen und ineinander verflochtenen Dialoge wollen zu Beginn nicht wirklich zünden – konzentrierten Ensemble.

ratgeber2 560 arminbardel uEine amerikanische Familie © Armin Bardel

Bühnenbildner Wolf Gutjahr ließ auf die Drehbühne des Theaters ein zweistöckiges Hausgerippe bauen, einsehbar von allen Seiten, dreh- und wendbar und stets gläsern; in diesem Überbleibsel eines Hauses, das auch als Vorwegnahme der amerikanischen Immobilienkrise gelesen werden könnte (die Geschichte spielt im Jahr 2006), treffen nun also diese so unterschiedlichen und doch wieder ganz ähnlichen Seelen aufeinander.

Die Frage nach Sein oder Nichtsein

Erich Schleyer zeichnet den frustrierten Familienvater als zwischen Geschwätzigkeit und aufrichtiger Resignation wechselnden Verlorenen: Charismatisch und erbärmlich zugleich besteht dieser Mann trotz aller Beteuerungen seiner Kinder auf den baldigen Freitod. Nichts kann ihn von seinem Entschluss und der Überzeugung, nur im selbstherbeigeführten Tod dem Dasein noch einen Sinn zu verleihen, abbringen und ohne mit der Wimper zu zucken, zärtlich und undurchschaubar zugleich, belügt er sogar die eigenen Kinder.

Hans Piesbergen in der Rolle des älteren Sohnes Pill spiegelt auf spannende Weise die Ambivalenz des Vaters wider; schlank und mit blondierter Kurzhaarfrisur an David Bowie erinnernd, verleiht er mit beinahe schleichenden Bewegungen dem zwischen Sehnsucht und Zerstörungsdrang zerrissenen Liebenden eine Mischung aus Verletzlich- und Unnahbarkeit. Seinen teuer bezahlten Liebhaber Eli zeichnet Robert Prinzler als selten, aber umso berührender unter der betont lässigen Oberfläche hervorblitzenden jungen Mann; durch ein subtiles Spiel im Spiel entsteht der Eindruck eines orientierungslosen, aber liebenswerten Menschen, der den Sinn seines Lebens Augenblick für Augenblick neu für sich entscheidet.

Auf die Schauspielführung gesetzt

In Roman Schmelzers Blicken und Gesten hingegen schwelt stets die Aggression: Seinem Vinnie merkt man eine innere Anspannung an, die sich jederzeit explosiv entladen kann. Die einzige, die ihn in seinen cholerischen Anfällen zur Räson bringt, ist seine Frau: Nina Horváths Sooze genießt sichtlich ihre Rolle als Außenstehende in der Familie, als einzige Unbeteiligte bewegt sie sich mit beinahe naiver Leichtigkeit durch die Zimmer des Hauses und schluckt sogar noch den Seitensprung ihres Ehemanns, ohne die Fassung zu verlieren.

Und die Regie? Beschränkt sich auf das Wesentliche – die Schauspielführung. Was oft gelingt, zwischendurch und insbesondere zum Ende hin jedoch immer wieder zu ermüdenden Längen führt. Zu trocken auch an vielen Stellen Kushners trotz aller Vermenschlichung immer noch theorieschwangerer Text, um durch seine reine, realistische Darbietung durchgehend zu fesseln; da hilft es auch wenig, wenn die am unverhohlensten politischen Passagen direkt von Gus redenartig Richtung Publikum rezitiert werden. Die Figuren und ihre (im Programmheft fiktiv bis in 19. Jahrhundert zurückgeführte) Geschichte bleiben einem unterm Strich irritierend fern.

Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift (ÖEA)
von Tony Kushner
Regie: Elias Perrig, Bühne: Wolf Gutjahr, Kostüme: Katharina Weissenborn, Musikalische Einrichtung: Thomas Schöndorfer, Dramaturgie: Susanne Abbrederis.
Mit: Hans Piesbergen, Robert Prinzler, Ronald Kuste, Claudia Sabitzer, Roman Schmelzer, Erich Schleyer, Inge Maux, Martina Stilp, Nina Horváth, Patrick O. Beck, Nanette Waidmann.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause.

www.volkstheater.at

 

 
Kritikenrundschau

"Beachtliches" leiste das Ensemble insgesamt, schreibt Norbert Mayer von der Presse (17.2.2013). Erich Schleyer gelinge eine "sensible, stimmige Darstellung" des Gewerkschafters Gus Marcantonio und er werde dabei "von einer bunten Schar eigenwilliger Charaktere unterstützt". "Kushners überaus gewitzter Text analysiert diese Stadtneurotiker, die süchtig nach Nostalgie und Revolution sind, nach Garibaldi und Verdi, mit einem Feuerwerk an Assoziationen." Dass in dem "unübersichtlichen Umfeld" letzte Fragen wie „Sterbehilfe und Erbschaft" diskutiert würden, könne man nur als "schwarze Komödie" darbieten. "Regisseur Elias Perrig hält sich dabei aber oft dezent zurück."

"Ratgeber ist ein sattes Stück mit prächtigen Figuren", findet Margarete Affenzeller im standard (18.2.2013). Was im Titel des Stücks Signalwirkung habe, entpuppt sich als unaufgeregt: "Zur Familie Marcantonio gehören auch homosexuelle Paare, die Regisseur Elias Perrig körperlich präsent inszeniert." Im zweiten Teil breche das hektische Treiben spürbar ein. "Dennoch: Die letzten Zweifel über die recht theatralische Grundkonstellation des avisierten Selbstmords zerstreut das Ensemble im Verlauf des Abends. Es spielt so entschlossen, dass man ihnen alles glaubt."