Das Leben ein Schattenspiel

von Willibald Spatz

Augsburg, 16. Februar 2013. Es geht los, nachdem eigentlich schon alles vorbei ist. "Minna von Barnhelm" ist ein post-apokalyptisches Stück: Der Krieg ist aus, der Arm ist steif, das Geld ist weg und die Liebe vergangen. Die Menschen haben schnell kapiert, dass sie sich jetzt was suchen müssen, was ihnen einen neuen Sinn verspricht, zumindest solange, bis wieder alles kaputt ist.

Anne Lenk hat in Augsburg schon einige Male bewiesen, dass sie einen sehr guten Zugriff auf Stücke hat, die von Haus aus nicht unbedingt die dankbarsten sind. Sowohl ihre Inszenierung von Brechts Trommeln in der Nacht als auch die von Hebbels Maria Magdalena brachten diese Geschichten nah an die Zuschauer heran. Ebenso gelungen ist ihr nun Lessings Lustspiel "Minna von Barnhelm". Die Menschen darin rennen irgendwelchen Werten nach: ihrer Ehre, ihrer Liebe, ihrem Besitz. Doch in Wirklichkeit dreht sich alles in ihrer Welt um ein großes Nichts.

Drehungen zwischen Totsein und Dasein

In Augsburg ist das durchaus wörtlich zu verstehen. Die Bühne, die Marc Bausback gestaltet hat, ist leer bis auf einen großen Vorhang, hinter dem sich auch nur Schatten befinden. Und sie dreht sich ununterbrochen, sodass die, die sich auf ihr befinden, immer in Bewegung sein müssen, um nicht abzutreiben, hinter den Vorhang, wo sie dann nur noch als Schatten existieren. Die ersten, die auf diese Spielfläche gespült werden, sind zwei Karikaturen: Anton Koelbl als der Diener Just und Martin Herrmann als unendlich fetter Wirt. Sie rennen sich an und um, sie hampeln und fallen, streiten ums Recht.

minna 2 560 nik schoelzlNicholas Reinke als Major Tellheim und Judith Bohle als Minna von Barnhelm  © Nik Schölzl Am Rande, außerhalb des sich drehenden Bereichs liegt Nicholas Reinke als der verabschiedete Major von Tellheim. Ein Krüppel, der sich aufgegeben hat. Mühsam schleppt er sich, in eine Decke gehüllt, ins Geschehen. Er wirkt müde und fertig. Es geht ihm nicht wirklich um die Wiederherstellung seiner Ehre. Die meiste Zeit pflegt er seine Depression, das Totsein wäre ihm lieber als dieses Dasein.

Was für ein krasser Kontrast dazu ist die Minna von Judith Bohle. Wie sie loshüpft und aufjuchzt, als sie erfährt, dass sie ihren Geliebten gefunden hat. Ihre Gefühle sind rein, sie und ihre Liebe könnten die Erlösung bringen für alle diese Leidenden. Aber so einfach soll es nicht sein. Lessing wollte keine einfache Lösung für seine Protagonisten. Er wollte, dass sie sich solange selbst und ihrem Glück im Wege stehen, bis der letzte Zuschauer auf die Bühne springen, das dumme Paar an die Hand nehmen und sie zusammenführen will.

Liebe mit ausgestrecktem Arm

Dieses täppische Hin und Her aus einfachen Intrigchen und Eitelkeiten ist bei Anne Lenk sehr schön anzusehen, weil sie ihren Schauspielern viel Raum gibt. Ein Wahnsinnsmoment, wenn zum Beispiel der Major Minna das Fortbestehen seiner Liebe gesteht und sie dann doch stehen lässt, eine geraume Zeit mit ausgestrecktem Arm. Auch die Schattenspiele hinter dem Vorhang sorgen auf schlichte und doch effektvolle Weise für wunderbare Bilder.

minna 1 560 nik schoelzl uJudith Bohle als Minna und Lea Sophie Salfeld als Franziska  © Nik SchölzlDer Katalysator, der aus diesem Stillstand schließlich eine Entwicklung zu einem Ende macht, ist Minnas Dienerin Franziska. Bei Lea Sophie Salfeld ist sie ein Energiebündel, eine Person voll mit echtem Witz, die durch ihr bloßes Auftreten den Major nach und nach aus seiner Trance erlöst. Ja, er packt es nun richtig, er schmeißt sich auf Spielfeld; um seine Minna zurückzuerobern, wirft er sich eine liegengebliebene blonde Perücke über. Franziska rückt sie ihm zurecht. So ausgestattet, versöhnt er sich. Alles scheint zu gut zu sein. Die Liebenden lieben sich wieder, das Geld ist zurück, die Ehre ist wiederhergestellt, das mit dem lahmen Arm ist auch nicht mehr so schlimm.

Das Publikum setzt schon an, diesem Ensemble seinen wohlverdienten Applaus zu spenden und Anne Lenk für ihre stimmige Inszenierung zu feiern. Da hebt sich der Vorhang noch einmal, gibt den Blick frei auf eine leere sich drehende Bühne. Die, die sich da eben final geküsst haben, waren nur die Schatten. Und der Major liegt noch genauso kaputt am Rand wie ein vom Leben Ausgespuckter und Vergessener. Ein starkes Schlussbild für einen starken Abend.


Minna von Barnhelm
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Anne Lenk, Bühne: Marc Bausback, Kostüme: Silja Landsberg, Dramaturgie: Tobias Vogt.
Mit: Nicholas Reinke, Judith Bohle, Lea Sophie Salfeld, Anton Koelbl, Alexander Darkow, Martin Herrmann
Spieldauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.theater-augsburg.de


Kritikenrundschau

"Mitunter fallen Anne Lenk als Regisseurin des Abends Albernheiten und französische Affekte bei", schreibt Rüdiger Heinze in der Augsburger Allgemeinen (18.2.2013). "Dann kriegt dieser Lessing in Rokoko-Kostüm eine Schlagseite hin zu Posse und Farce." Deshalb sei die Produktion keine große. "Aber sie ist immerhin eine gute." Weil sie ohne Requisite auf leerer Drehbühne allein durch ihre Menschen- und Typendarstellung mitnehme. Weil sie Lessing so respektvoll wie respektlos neu auf den Prüfstand stelle und seinem Lustspiel-Bau ohne Verhohnepipelung, aber mit frischen Schrägheiten antworte. Weil sie staunenswert fantasievoll sei in der Vergrößerung des Interagierens durch Schattenspiel. Lob erntet außerdem Judith Bohle als Minna: "Nie sah man Judith Bohle so gelöst, so schwärmerisch, so verträumt, so verliebt am Theater Augsburg wie in diesem Lessing – wie sie andererseits, das schätzen wir bereits, auch energisch auftritt und zu keinem Kompromiss bereit." Mit noch mehr Wassern gewaschen sei Franziska. "Das Gör wird es in seiner Ehe zur Herrin bringen, da sie sich schon als Kammerjungfer deutlich mehr erlaubt als statthaft ist. Gereiztheit, inquisitorische Fragen, Vorwürfe, gar Befehle gehören zu ihrem Taktik-Repertoire." Lea Sophie Salfelds Rolle werde deutlich aufgewertet – "eine Vorgängerin von Mozarts Blondchen."

Lenks burleske Inszenierung hauche Lessing viel neues Leben ein, meint Frank Hendl in Die Augsburger Zeitung (18.2.2013). "Lessings Personal ist dem Umbruch ausgesetzt, hat’s nur noch nicht so recht bemerkt." Lenk versuche nicht, den Stoff in die Gegenwart zu holen. Stattdessen mache sie aus seiner Komödie eine zeitlose Groteske. Der Abend gehöre Lea Sophie Salfelds Franziska, "sie ist ein einziger, mit Frechheit und Aufsässigkeit garnierter Redeschwall ohne Ende, und sie ist permanent in Bewegung". Judith Bohles Minna lasse Lenk "meist Teil des wirbelnd-mitreißenden Chaos‘ rundherum sein", lasse sie sexy im Negligé eine natürliche Weiblichkeit ohne Hintergedanken, aber auch ohne Wenn und Aber darstellen – und stelle sie später in plötzlicher Stille ganz allein in die Mitte der Bühne. "Diese Momente der Einsamkeit sind auch Momente poetischer Sinnlichkeit": Fast schon ein Monument von Frau sei Minna da, eine Statue von Stärke und Zerbrechlichkeit – eine, die mit Spaß, Wagemut und Kampfeslust auch um ihr Überleben als Frau in der Männergesellschaft kämpft. Insgesamt habe Anne Lenk in ihrer Inszenierung um der Erkenntnis willen manchen Lessingschen Witz ausgelassen und dabei auch ein paar Längen riskiert – "ein lohnendes Wagnis."

Einen "gedanklich wie ästhetisch aufregenden Abend" hat Florian Welle für die Süddeutsche Zeitung (25.2.2013) in Augsburg verbracht. Lenk habe eine Lesart entwickelt, "die zwar auf unsere Gegenwart schielt", aber doch vermeide, Lessings Plot "mit Gewalt auf heute zu trimmen". Das "hochartifizielle Licht- und Schattenspiel" der Inszenierung gründe konzeptionell in einem einzigen Satz Tellheims: "So erwacht man plötzlich aus einem schreckhaften Traume!" Dadurch gebe sich das Spiel als "komisch-grotesker Alptraum des Majors von Tellheim zu erkennen". Lenk nutze "Übertreibung als Stilmittel: Bis zum Ehrmotiv dreht sich in der ausgeklügelten Inszenierung alles endlos im Kreise oder erscheint überdimensional groß und schemenhaft. Erlösung aus dem Alptraum gibt es nur im Erwachen."

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