Latex, Lügen und Video

von Andreas Klaeui

Zürich, 22. Februar 2013. War's das jetzt? Nein, es ist erst die Pause. Nach zwei von zweieinhalb Stunden, kurz vor dem Finale, kommt sie zu einem überraschenden Moment – doch es ist klar: es ist der entscheidende Moment, in dem die Lüge endlich benannt wurde, wo die jahrelange Heuchelei in sich zusammenfällt, der Zusammenbruch von Big Daddy und die Aussprache mit seinem Sohn Brick.

Familienfest mit großer Aussprache

Der gab einmal als Footballer zu Hoffnungen Anlass, nun ist er versoffen, Alkoholiker, seitdem sich sein Football-Freund Skipper getötet hat, er hatte ihn zurückgewiesen. Schon wenn Brick das Wort "Schwuchtel" sagt, überschlägt sich seine Stimme. Nun ist er mit Maggie verheiratet, die vergeblich um seine Zuwendung ringt und sich fühlt wie die titelgebende Katze, also wie auf glühenden Kohlen.

Anlass für das Ganze ist Big Daddys 65. Geburtstag, ein Familientreffen, weiter sind zugegen: der brave Sohn Gooper und Gattin nebst reizenden Kindern ("halslose Monster" nennt sie Maggie), sie wollen Big Daddy ziemlich unverfroren beerben. Denn Big Daddy ist krebskrank, was außer ihm und Big Mama alle wissen. In der finalen Aussprache sagt's ihm Brick, und gesteht auch sich selber beinahe das Offensichtliche ein, jene Liebe, die er abgetötet hat, zu Skipper.

Antihaftbeschichtet

Die Verlogenheit implodiert – es ist für Stefan Pucher ganz klar der Scharnierpunkt des Abends. Daneben gibt es einen zweiten Höhepunkt: das positive Pendant, sozusagen, zur Hypokrisie, die echte Zuwendung, auf deren Möglichkeit er am Ende seiner Inszenierung zusteuert und in der er das falsche Happy-End des Films aufhebt. Da scheint so etwas wie ein Gegenmodell zur allgegenwärtigen Verlogenheit aufzublitzen. Beide Szenen sind kostbare Momente an diesem Abend, aber sie sind kurz, und sie kommen spät.

katze 3 560 suter dorendorf tt uGeschwungenes Familienbildnis: Tabea Bettin, Markus Scheumann, Julia Jentsch, Friederike Wagner und Jan Bluthardt © T + T Fotografie / Toni Suter + Tanja Dorendorf

Was bis da zu sehen ist, ist vor allem eins: viel (ehrliches!) Handwerk. Eine Inszenierung, die immer auf dem sicheren Boden bleibt, sich nicht vorwagt, dafür viel Aufwand treibt mit mobilen Bühnenelementen und Kontrastbildern im Video. Schauspieler, die viel tun und wenig verrichten. Eine Julia Jentsch, die sich als Maggie schwer ins Zeug legt und dennoch befremdend antihaftbeschichtet bleibt. Sie faucht, sie fährt die Krallen aus, sie räkelt sich, und hat doch in keinem Augenblick die Rage eines hysterischen Südstaaten-Raubtiers, oder die Tiefe einer verzweifelt Liebenden, dafür die Anmutung eines biederen Weibchens aus der deutschen Provinz; den gewagten Beate-Uhse-Latexbody unterm Regenmantel.

Mit "Brokeback-Mountain"-Touch

Big Mama kommt bei Friederike Wagner patent daher, aber auch als hätte sich ein Mädchen die Pumps seiner Mutter angezogen, die Üppigkeit der Rolle schlottert um ihre Dürre. Und Jean-Pierre Cornu als Big Daddy spielt schön grantig, aber halt auch immer wie ein Buchhalter, der sich an Zoten versucht. Allein im Zusammenbruch bekommt er Größe, da liegt er unter dem ganzen Lügengebäude seiner Familie begraben; und einzig wenn von Bricks verlorener Liebe die Rede ist, glüht endlich auch mal so etwas wie Leidenschaft auf zwischen den Figuren. Da kann dann Markus Scheumann seinem unnahbaren Zombie Brick endlich auch eine Lebensdimension geben, die "Brokeback-Mountain"-Mundharmonika an den Lippen. Da bekommt der Abend plötzlich Atmosphäre.

Doch sonst: eine Inszenierung die nicht abheben will. Das peppen auch Musikeinlagen mit der Zürcher Sängerin Evelinn Trouble nicht auf – der "Trouble", möchte man kalauern, ist gerade das, was fehlt. Gewiss, dies mag Puchers Idee gewesen sein: es steuert alles auf die eine Szene zu. Die Stunde der Wahrheit. Die hat aber bloß zehn Minuten, und die sind leider nicht abendfüllend.


Die Katze auf dem heißen Blechdach
von Tennessee Williams
Deutsch von Jörn van Dyck
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Aino Laberenz, Musik: Christopher Uhe, Evelinn Trouble, Licht: Gerhard Patzelt, Video: Sebastian Pircher, Dramaturgie: Alexander Keil.
Mit: Julia Jentsch, Markus Scheumann, Tabea Bettin, Friederike Wagner, Lena Schulthess, Jean-Pierre Cornu, Jonas Gygax, Jan Bluthardt, Nicolas Rosat, Chiara Albert, Jasleen Bal, Ella Kaufmann, Marie Rosat, Joel Singh, Roland Regner.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.ch


Ein Händchen für amerikanische Stoffe: Mit Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden war Stefan Pucher 2011 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Kritikenrundschau

Barbara Villiger Heilig schreibt auf NZZ Online (23.2.2013), wenn Stefan Pucher "Die Katze auf dem heissen Blechdach" inszeniere, werde daraus "eines langen Geburtstages Reise in die Liebesnacht". Pucher verquirle wieder Theater, Kino und Videoclip zu einen "Flow aus Mixed Media", in dem immer dann, wenn die Sprache versage, "alle hochkochenden oder explodierenden Emotionen in buntes Licht, bewegte Bilder und Live-Musik (...) diffundieren". Die Inszenierung habe einen "wunderbar zügigen Drive, der betriebsames Entertainment und psychologischen Tiefgang im Wechsel verfliessen" lasse. Die mit Filmbildern unterlegten Rückblenden weiteten "die Gesprächssituation zu Erinnerungsräumen". Was zwischen den Figuren an "Auf- und Abrechnerei erzittert", kondensiere sich "spannungsvoll zur schauspielerischen Substanz des Abends". Klar, gebe es auch "viel unkoordinierten Klimbim". Doch der umspüle "charmant die Protagonisten".

Puchers "ausgefeilter, eisgekühlter Einstieg", wenn er das Stück-Motto zum "parodistischen Pastiche" ausarbeite, sei "phänomenal", schreibt Alexandra Kedves im Tages-Anzeiger (25.2.2013). Dann aber beginne das Stück selbst, und "wie die Regie hier Williams' gruppendynamischen Selbsterfahrungstrip poppig plastifiziert, mag eine intelligente Antiillusionskunst schaffen, einen Kunstgenuss indes schafft sie nur bedingt". Pucher zeige "eine Art Antitheater aus dem grässlichen Geist der Siebziger", mit vielen Brechungen und ironischen Distanznahmen. Schwung würde in diesem "trostlos intellektuellen Abend" vor allem durch die "Musical-mäßig gestalteten, ironischen Intermezzi" aufkommen.

Anders Ewa Hess in der Sonntags Zeitung (24.2.2013), sie schreibt, Pucher habe es diesmal nicht geschafft, ein "heisses Stück aus der amerikanischen Nachkriegszeit, das Staub angesetzt hat, für die Gegenwart" zu retten. Die übliche "Pucher-Methode, die Atmosphäre mit Songs, Videoprojektionen und effektvollen Szenen anzureichern", greife "zu wenig", es gebe nur wenige "magische Momente. Am Ende hat man noch Hunger." Zwar sei Julia Jentschs Anfangsmonolog, in dem sie den "saufenden Gatten Brick lobt, tadelt, umgarnt und dabei zwischen kluger Analyse und bettelnder Begierde" pendele, "grossartig". Doch Jan Bluthardt als Gooper und Tabea Bettin als Mae (Tabea Bettin) blieben "in der Karikatur gefangen". Jean-Pierre Cornu bekomme als Big Daddy "zu wenig Platz". Es gebe alles in allem "viel nettes Geplänkel".

Für Zentralschweiz am Sonntag (24.2.2013) schreibt Urs Bugmann: Pucher zeige "Theater für Vollblutschauspieler. Wenn Gefühle ins Spiel kommen, sind sie in Popsongs gespiegelt, schillern zwischen wahr und falsch". Dies sei "ein großer Theaterabend, von Filmbildern und Filmmusik begleitet, mit hoher Emotionalität".

Tennessee Williams' Stück sei nicht nur „eine Familienaufstellung; seine Grundmelodie heißt auch: Spiel mir das Lied vom Tod", sagt Christian Gampert in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (23.2.2013). Pucher packe die todesnahe Vater-Sohn-Konstellation "konsequent in ein 50er-Jahre-Ambiente, vom Fernseher und blöden rosa Plissée-Kleidern bis zu den Posen des todessüchtigen James Dean". Diese "Gelangweiltheit, diese Gleichgültigkeit muß man erstmal hinkriegen". Eingehend schildert der Kritiker die diversen popkulturellen Bezüge der Inszenierung. "Die faulige Südstaaten-Depression wird durch einen wimmernden, Ry-Cooder-ähnlichen Sound hergestellt. Es wird aber auch viel Konversation gemacht, bevor die Aufführung in die Abgründe der Verzweiflung taucht; das ist streckenweise sehr konventionell gespielt."

An seine zum Theatertreffen eingeladene Arthur-Miller-Inszenierung "Tod eines Handlungsreisenden" könne Pucher an diesem Abend „nicht im Entferntesten anknüpfen", schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (25.2.2013). "Mag sein, dass das plakative Bühnenbild den Schauspielern nicht genügend Raum zur Entfaltung bietet. Über die Beliebigkeit der Videoeinspielungen will man kein Wort mehr verlieren. Sicher ist, dass die Darsteller unter ihren Möglichkeiten bleiben – oder falsch besetzt sind." Einzig das "verbale Ringen" zwischen Vater und Sohn am Ende des zweiten Aktes sei packend.

"Wie ein Mixed-Media-Entertainer lässt Pucher die Neurosen seiner Protagonisten blühen; effektreich, aber ohne dass dabei die Psychostudie an eine schiere Revue verraten würde", schreibt Torbjörn Bergflödt im Südkurier (25.2.2013). Eine "fantasiereich collagierte und in seinen Teilen höchst bewegliche stilisierte" Bühne habe Barbara Ehnes entworfen, und die "bunten und typengerecht geschneiderten Kostüme von Aino Laberenz sorgen für die passende Atmosphäre." Die Schauspieler "leisten fallweise Erstaunliches (auch) in diversen Musikeinlagen"; leiser Einwand: "Was man momentweise vermisst, ist die Dringlichkeit der Leidenschaften. So werden die Emotionen manchmal doch mehr behauptet als wirklich glaubhaft eingelöst".

Martin Halter schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (26.2.2013): Jean-Pierre Cornu erinnere mit "seinem teiggesichtigen Groll" mehr an einen "schlechtgelaunten Sparkassenangestellten" als an "Big Daddy". Aber angesichts der Bühnendekoration müsse er früher wohl "ein gefürchteter Großwildjäger" gewesen sein. Auch Julia Jentschs Maggie sei eher "Haus- als Wildkatze". Sie zeige "keine Krallen und nicht die Spur gewitterschwüler Sinnlichkeit". Friederike Wagners Big Mama wirke wie "eine amerikanische Hausfrau auf Diät", nur Tabea Bettin als Schwiegertochter Mae bringe als kratzbürstiges Muster- und Muttertier Leben in die Steinzeitbude. Doch leider vermöge der zentral gesetzte Konflikt um Bricks Homosexualität - Markus Scheuermanns ähnele, aufreizend gut aussehend, dem schwulen Cowboy aus "Brokeback Mountain" - keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorzulocken. Das Ganze sehe aus wie eine "modellhafte Familienaufstellung aus der Fünfziger-Jahre-Gruppentherapie". Schön bloß, "dass sich die heillos zerstrittene Familie immer wieder zum Live-Konzert versammelt und alte Bob-Dylan- oder Nina-Simone-Songs zum Besten gibt".

In der Tageszeitung Die Welt (26.2.2013) schreibt Klara Obermüller: Pucher verstehe sich "blendend auf die psychologischen Tiefenbohrungen der amerikanischen Nachkriegsdramatik". Dabei müsse er gegen übermächtige Filmbilder anspielen lassen. Julia Jentsch und Markus Scheumann seien nicht Liz Taylor und Paul Newman, sie seien "spröder, verletzlicher, gebrochener, als man sie in Erinnerung hatte". Bei Pucher seien Bricks verleugnete Homosexualität wie Big Daddys Krebserkrankung Metaphern für "Verdrängtes und Auslöser der Krise zugleich". Bricks Entlarvung lasse die Geburtstagsfeier für Big Daddy zum "erschütternden Countdown" werden. Die nach vier Jahren ans Schauspiel zurückgekehrte Julia Jentsch mache sichtbar, dass "unter der rüden Oberfläche echte Gefühle brodeln und sie sich als Einzige in dieser kaputten Familie einen Rest von Vitalität und Eigenständigkeit bewahrt hat". Nur wirke sie für eine Katze zu clean, zu wenig animalisch und deshalb trotz allen schauspielerischen Könnens seltsam blass neben Markus Scheumann, der seine Qual so abgründig leise in Szene setzt, dass es einem kalt über den Rücken läuft. Neben den beiden Hauptdarstellern nehme sich der Rest der Familie "trotz guter Einzelleistungen reichlich eindimensional aus".

"So richtig langweilig (und überhaupt von Anfang bis Schluss missraten und grotesk fehlbesetzt)" findet Simone Meier von der Süddeutschen Zeitung (27.2.2013) diesen Versuch, Tennessee Williams' Stück, das mit seinen Problemen "vollends jenseits unserer Zeit" stehe, neu aufzuführen. Sehr schlecht kommt Julia Jentschs Darstellung der Maggie weg ("Was lasziv wirken soll, ist angestrengt gepresst, das Katzengefauche ein Graus, ihre Ausbrüche kommen unangenehm gekünstelt, von Anfang an klingt jeder Ton gespreizt, ist jede Bewegung falsch gesetzt."); etwas besser Tabea Bettin als Mae ("Auch sie ist unerträglich in ihrem Willen, ein Stepford Wife zu sein, aber sie ist das äußerst gekonnt."). Vom Rest der Ensembles möchte die Kritikerin lieber schweigen und hebt denn noch einzig die "extraterrestrisch guten Auftritte der jungen Musikerin Evelinn Trouble" positiv hervor.

 
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