Visionär im Räderwerk

von Ralph Gambihler

Dessau, 23. Februar 2013. Hugo Junkers (1859-1935) war als Ingenieur ebenso genial wie flexibel. Er perfektionierte den Gasbadeofen und beglückte die Menschheit mit der Erfindung des Durchlauferhitzers. Er revolutionierte den Flugzeugbau, indem er den Metallflügel entwickelte und bald ganze Flugzeuge aus Metallkörpern herstellte. Nebenbei gründete er eine Fluggesellschaft, die später in der Lufthansa aufging. Gegen Ende seines Lebens, nach Teilenteignung und Verbannung ins bayerische Exil, machte er einfach weiter – mit Metallhausbau.

Geschichte eines Fortschrittsgläubigen

Tine Rahel Völcker hat im Auftrag des Anhaltischen Theaters Dessau ein Stück über diesen schillernden, unentwegten Technikpionier und Unternehmer vorgelegt. Ihre "Junkers-Saga" ist ein Mix aus Politfabel und Familiendrama, angesiedelt auf dem Fundament dokumentarischer Redlichkeit, ausgeschmückt aber mit erzählerischer Freiheit und Fantasie. Ein bisschen funktioniert sie wie ein Biopic.

Völcker skizziert dabei das Porträt eines gutwilligen Erfolgsmenschen. Sie zeigt einen Mann, der fortschrittlich dachte und niemals Bomber bauen wollte, der in seinem Glauben an den neuen, besseren Menschen die Nähe zum Bauhaus suchte, der als Eigentümer der Dessauer Flugzeugwerke aber nach und nach in das Räderwerk der Zeit geriet. Im Kern handelt "Der Fliegende Mensch" vom Streben und Scheitern eines Fortschrittsgläubigen.

der fliegende mensch3 560 claudia heysel uDer fliegende Mensch © Claudia Heysel

Original Junkers' beheizt

Zugleich wird ein Kapitel der Dessauer Stadtgeschichte beleuchtet, mit Fokus auf den Jahren 1921 bis 1945. Und weil an diesem Stück sowieso alles irgendwie historisch ist, ist es auch der Ort: Die Inszenierung (die im Rahmen des Kurt-Weill-Fests 2013 läuft) wird nicht im Dessauer Theater gezeigt, sondern in der Aula des (koproduzierenden) Bauhauses, wo man noch heute auf originalen Stuhlreihen von Marcel Breuer sitzt, umgeben von originalen Heizkörpern aus Junkersproduktion und womöglich angehaucht vom nicht minder originalen Atem der Geschichte.

Neben der Hauptfigur treten auf: Junkers Sohn Klaus, ein exaltierter Sonderling, der den Vater ablehnt und sich als Tänzer versucht; Junkers Tochter Hertha, erfolgsorientiert, schön, dem Vater zugetan; Junkers Pressechef, scharf gescheitelt und keineswegs unterwürfig; ein Bauhauskünstler, der bei Junkers als Werbechef einsteigt und sich als "kommunistischen Kapitalisten" bezeichnet; schließlich ein Ingenieur, der blind technikgläubig ist und nach dem erzwungenen Abgang des Firmengründers im Jahr 1933 den Betrieb auf Linie bringt. Zudem gibt es zwei Erzählerfiguren in weißen Kitteln. Per Infohäppchen halten sie das Publikum auf dem Stand der Dinge.

Historische Reibefläche

Auf der Bühne von Karoly Risz ist nicht übermäßig viel zu sehen. Es stehen nur einige von diesen metallenen Kisten herum, in denen normalerweise empfindliche Technik verstaut wird. Rechts ist ein kleines Puppentheater aufgebaut. Henry Ford und Joseph Goebbels werden darin zu Witzfiguren der Weltgeschichte geschrumpft. Ansonsten gibt es Unmengen von historischen Fotos und Filmausschnitten, die in die Kulisse projiziert werden. Meist bleiben sie Beiwerk und verpuffen.

der fliegende mensch2 280 claudia heysel u Patrick Rupar, Gerald Fiedler © Claudia Heysel

Der Text von Tine Rahel Völcker hat Kanten und Reibeflächen, überzeugt mit stimmig-nuancierter Sprache, macht aber einen etwas vordergründigen und zerfransten Eindruck. Man muss das allerdings mit Vorsicht sagen, denn Andrea Moses (Regie) und die acht Darsteller haben bei der Uraufführung mehr verkleistert als aufgeschlossen. War es Misstrauen in die Bühnentauglichkeit dieser modernen Ikarus-Geschichte? Scheint so. Jedenfalls wird tüchtig am Text vorbei ironisiert und gepeppt. Obendrein chargieren die Darsteller, das kann einem alles verleiden. Was aus dem Abend hätte werden können, ahnt man nur zweimal: Die eine Szene zeigt Sohnemann Klaus beim ersten Hitlergruß, die zweite wirft ein gespenstisches Schlaglicht auf den Brand der Dessauer Synagoge.

Idealistischer Irrglaube

Immerhin: Gerald Fiedler macht seine Sache gut. Sein Hugo Junkers ist ein äußerlich strenger und nüchterner Mann von Grundsätzen, dem Glanz und Gloria völlig fremd sind. Dass in ihm ein Visionär, ein Idealist und ein Utilitarist miteinander auskommen müssen, merkt man meist nur an seiner Unruhe. Als ihn die Nazis unter Druck setzen, wehrt er sich. Er sagt: "Ich bin kein Pazifist. Ich habe nur etwas gegen diesen hohlen Militarismus, wo doch alles auf eine viel produktivere Weise über Märkte zu regeln wär. Ich hasse den Krieg, ja. Ein Flugzeug zusammensetzen, damit es wenig Wochen später in Flammen aufgeht? Diese Rücksichtslosigkeit gegenüber unserer Technik ist mir ein Gräuel." Die Technik allerdings ist in der Welt, man wird sie ihm aus der Hand nehmen.


Der Fliegende Mensch – Eine Junkers-Saga (UA)
von Tine Rahel Völcker
Regie: Andrea Moses, Ausstattung: Karoly Risz, Video: Marcus Nebe, Dramaturgie: Holger Kuhla.
Mit: Gerald Fiedler, Patrick Rupar, Julian Mehne, Katja Sieder, Sebastian Müller-Stahl, Peter Wagner, Thorsten Köhler, Antje Weber.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause.

www.anhaltisches-theater.de

 

Kritikenschau

Eine typische Dokumentararbeit, die statt "inszenatorischer Sinnlichkeit Materialfülle" präsentiere und "ein üppiges Programmheft zur Nachbereitung geradezu verlangt", hat Hartmut Krug für die Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (23.2.2013) in Dessau erlebt. Völker montiere Junkers' "politische und private Geschichte überzeugend ineinander"; doch leider werde ihr "Redestück" von Andrea Moses "recht uninspiriert arrangiert. Die Darsteller stehen oft nur so herum, dann wieder erscheinen sie unter mimischen Ausdruckswillen gesetzt. Das Dokumentarische siegt über das Theatralische des Abends", sodass die Inszenierung im Ganzen "mächtig" enttäusche.

Klug verschränke Tine Rahel Völcker die Ergebnisse der Junkers-Recherche, findet Michael Laages im Deutschlandfunk (24.2.2013), "und manchmal gelingen ihr wirklich prächtige Miniaturen". Andrea Moses kreiere "mit dem sehr speziellen Bühnenbildner Karoly Risz für diese Saga eine Art Dauerwerkstatt". Doch mit Junkers Tod sterbe das Stück "leider mit". Hinten dran klebe lokale Rechercheroutine, die für Dessau interessante Details sein mögen. "Ästhetisch rennt Moses nun aber nur noch offene Türen ein."

"Theater muss stimmig sein in sich und unterhaltsam - sollte in seiner Spiegelung der Realität anregen zum Diskutieren, in diesem Fall: über die Verantwortung der Wissenschaft und des Einzelnen", wird Johannes Killyen in der Mitteldeutschen Zeitung (25.2.2013) allgemein, um dann zu resümieren: "Das ist Völcker und Regisseurin Andrea Moses packend gelungen." Moses halte das Ensemble meisterhaft in Bewegung, schaffe immer wieder neue Konstellationen und Bezüge, verfremde durch steten Wechsel zwischen Erzähler- und Protagonistensicht.

Auch wenn Tine Rahel Völkers eigentlich "nichts Neues, bisher Unbekanntes oder Verstecktes über den Ingenieur und Flugzeugpionier Junkers (1859-1935) und dessen Geschichte recherchiert" habe, ermögliche die Inszenierung es, Junkers "unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten", schreibt Helmut Rohm in der Magdeburger Volksstimme (25.2.2013). "Regisseurin Andrea Moses und Dramaturg Holger Kuhla schufen eine überaus spannende und dramaturgisch anspruchsvolle etwa zweistündige Bühnenfassung. Alles in allem ein von der gewichtigen Thematik her sicher gewagtes und auch mutiges Unterfangen – doch mit dem Blick für Realitäten eine durchaus gelungene aussagekräftige Komprimierung." Die Akteure "agieren mit bemerkenswerter Agilität und mit bewundernswerter Konzentration in schnell wechselnden Darstellungsebenen und verschiedenen Rollen, auch in der erläuternden Erzählerfunktion."

 

 
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