Man will ja nur ihr Innerstes

von Tobi Müller

Zürich, 6. Dezember 2007. "Platz Mangel" im Kulturzentrum der Roten Fabrik ist die vor vier Jahren versprochene Rückkehr Christoph Marthalers nach Zürich. In jene Stadt, die den Direktor letztlich doch nicht im Schauspielhaus haben wollte. Aber auch in jene Szene, die seinen und Stefanie Carps Kampf zahlreich, laut und lange unterstützt hatte.

Denn als 2002 die erste Kündigung des Verwaltungsrates eintraf, solidarisierte sich die Freie Szene sofort mit dem großen Konkurrenten. Das waren mehr als schöne Worte: Das Theaterhaus Gessnerallee gab zwei Tage danach 2.000 Protestierenden Gastrecht, gefolgt von vielen Aktionen – über Monate hinweg.

Gnädiger Gang in die Freie Szene

Zwei Jahre später, als die Kündigung zurückgenommen war und Marthaler trotzdem ein Jahr früher ging, sprach der Direktor davon, als Dank irgendwann eine freie Produktion in Zürich machen zu wollen. Viele dachten, das sei nicht mehr als ein rührseliges Versprechen des frisch, am Ende aber auch zum Teil freiwillig Verstoßenen (denn dass er den von vielen erstrittenen Vertrag nicht bis zum Schluss einhielt, enttäuschte manche).

Und so war diese nun tatsächlich angebotene Dankesgeste äußerst aufgeladen (auch wenn der gnädige Gang in die Freie Szene unter anderem von den Wiener Festwochen koproduziert wird). Mit der sozialen Energie eines nie ganz geklärten Konflikts.

"Platz Mangel" nutzt diese Affekte. "Platz Mangel" ist eine meist gesungene Polemik. Manchmal auch eine simple Abrechnung. Ersteres ist sehr komisch. Zweiteres halt ein bisschen simpel, und zwar ausgerechnet dann, wenn man nicht mit Situationen, sondern mit eingeschobenen Texten arbeitet. Und richtig gut wird der Abend da, wo er die persönliche Pathologie der Kränkung übersteigt. Manchmal liegt das aber alles nah beieinander.

Organentnahme statt Seelenheil

"Bye bye friends, we have no regrets for the good times we’ve had", singt die Marthaler-Menschenparade gleich zu Beginn. Die Rückkehr ist ein zweiter Abschied, der Song ein Schweizer Schlager von Peter, Sue & Marc (1981). Man trägt Perücke und Seventies-Trash, Schnauz- und Backenbart, toupiertes Haar und falsche Wimpern. Jürg Kienberger und Clemens Sienknecht sind die Kapellmeister, der Tenor Christoph Homberger hat das hinter der Bühne mit eingerichtet. Die drei musikalischen Marthaler-Geheimwaffen sind gleich alle im Einsatz. Hier muss also etwas auf dem Spiel stehen. Trash bleibt bei Marthaler selten harmlos.

Sienknecht moderiert den Abschied als Endlosschlaufe zu den Plastikbeats aus dem Keyboard. Ihr wart ein duftes Publikum. Vielleicht sehen wir uns wieder. Und: Vielleicht aber auch nicht. Damit wird erstmals der Raum angesprochen: Ein Sanatorium, in der Mitte aber eine Reling wie auf einem Schiff (Schiffbau heißt die teure und riesige neue Immobilie, Spiel- und Werkstätte des Schauspielhauses, die im Marthaler-Konflikt eine zentrale Rolle gespielt hat – und noch immer spielt). Selbstverständlich kennt Frieda Schneiders Bühne Anna Viebrocks Räume, neben Carp die dritte Signatur im Marthaler-Brand.

"Platz Mangel" gibt’s, aber nicht viel Platz für Metaphysik. Das "Hotel Angst", Marthalers Zürcher Eröffnung 1999, wird hier klar zum Hotel Tod. Doch dieser Tod ist – bewusst – am Schluss profan. In Dr.Dr. Bläsis Höhen- und Tiefenklinik werden den Insassen, die am Anfang noch die reichen Gönner waren, die Organe entnommen. Am Ende erweisen sich die gut zwei Stunden als Opfergang. Als Seilbahnfahrt in die Höllenklinik, in der Schmerz und Folter und Fettabsaugen mit postmoderner Katharsis verwechselt werden.

Der Originalklassiker: die Musikalische Witzparade

Mit "You can win if you want" von Modern Talking versuchen die Patienten mehrmals ein Aufbautraining, "Cherie Cherie Lady" kippt dann aber bereits in einen Choral. Die Hüllen und Verkleidungen fallen, die Schauspieler machen sich lustig darüber. Aber auch Schubert und Bach helfen den Insassen, die eigentlich Künstler sind, nicht weiter. Man will nur ihr Innerstes. Und das hat hier, in Zürich, nichts mit Seele zu tun. Sondern mit etwas Verwertbarem.

Der hohen Verwertbarkeit wird sich aber auch "Platz Mangel" nicht entziehen. Es ist immer wieder auch bloß ein Marthaler der Marke Musikalische Witzparade. Es ist eine Form, die ihm klassisch geworden ist. Aber es ist eine Klassizität, die auf eine Originalität zurückgreift, die er im Theater selbst erfand. Und die er in der Ausführung nach wie vor sehr ernst nimmt. Nicht zuletzt wegen ihnen, die nicht als Marke und Menetekel, sondern als Schauspieler zurückkehren: Bettina Stucky, Ueli Jäggi, Raphael Clamer, Josef Ostendorf, Katja Kolm, Catriona Guggenbühl, Bernhard Landau und die Musiker.

 

Platz Mangel
Regie: Christoph Marthaler, Bühnenbild: Frieda Schneider, Kostüme: Sarah Schittek, Licht: Ursula Degen, musikalische Einstudierung: Christoph Homberger. Mit: Catriona Guggenbühl, Katja Kolm, Bettina Stucky, Raphael Clamer, Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Josef Ostendorf, Clemens Sienknecht, Bernhard Landau.

www.rotefabrik.ch

 

Kritikenrundschau

"Versonnene Blicke und neckische Rollkragenpullover" – auch Dirk Pilz hat "Marthaler-Menschen" gesehen (Frankfurter Rundschau, 12.12.2007). Der "Bespaßungsfaktor ist hoch", allerdings werde es lediglich in einer Szene (sie singen Bach!) "ästhetisch dicht". Obwohl die Inszenierung nicht nur den "grassierenden Gesundheitswahn und den Zynismus der Krankenindustrie" auf’s "satirische Korn" nehme, vielmehr "blinzelt" er "tief in die Geschichte" zurück: "Für alle reicht es nicht!" war einst die mörderische Handlungsmaxime des Nationalsozialismus. Es reicht nur für die Schönen, Gesunden, Organspendenfreudigen, das ist die Losung einer vollauf ökonomisierten Gesellschaft." Dennoch sehe der "augenzwinkernde" Abend aus, "als seien die Szenen vor allem der drolligen Arrangements und Lieder wegen gebastelt."

In der Süddeutschen Zeitung (10.12.2007) will Egbert Tholl nur winzige Einschränkungen machen. "Platz Mangel" mit seinem kabarettistischen Reden über Organentnahme und dem sich nie erfüllenden Versprechen der Transzendenz, sei ein "nicht unbedingt ereignisdichter, doch fröhlich-fatalistischer Abend", mit einer "großartigen Humoreske des Widerstands gegen die Verwertbarkeit menschlichen Seins" am Ende.

Auch Stefan Kister in der Welt (10.12.2007) erzählt zunächst die Geschichte vom Abschied Marthalers aus Zürich vor drei Jahren und der jetzigen Rückkehr an die Stätte seines allerersten Wirkens, die ein Dank ist und ein abermaliges Winken zugleich. "Trotzdem wurde auf dem Theater selten bewegender gesungen. Und der graue Buchhalter an der Himmelspforte kann es so wenig verhindern wie Züricher Stadtkämmerer, dass etwas von den Visionen des Marthalerschen Theaterparadieses doch hinüber klingt ins Leben, in die Schweiz, wie sie dieses Satyrspiel umreißt: ein Land schöner Bergbahnen, nüchterner Kalkulationen, lohnender Investitionen – ein geeigneter Platz zum Sterben. Der Handel mit "organischem Transfermaterial" boomt. Ausgeweidet, ihrer Innereien beraubt, treten die Patienten am Ende ihre letzte Reise an. Ihr Odem ist ihnen geblieben. Ein letztes Mal stimmen sie die "himmlischen Freuden" aus Mahlers vierter Sinfonie an. Die Marthaler-Gemeinde wird ihnen folgen – egal wohin die Reise geht."

"Da sind sie wieder", merkt Barbara Villiger Heilig anlässlich des Zürcher Comeback des einst unsanft von dort entfernten Marthaler und seines Ensembles sybillinisch in der Neuen Zürcher Zeitung (8.12.2007) an. Zürich sei in mancher Hinsicht zu klein für ihn gewesen. Marthalers melancholischer Revue über die Härten des Verteilungskampfes kann sie dann auch einiges abgewinnen. "Perfekte Choreografie mit liebevoll integrierten Peinlichkeiten am Rande eines Abgrunds, der – schon ahnt man es – in die Tiefen des Todes führt," freut sie sich also und findet, dass es dieser neue Abend durchaus mit Marthalers Meisterwerk "Schutz vor der Zukunft" aufnehmen kann. Dessen schweres Thema – Euthanasiepraxis der Nazis – fehle zwar im neuen Stück. "Nicht aber dessen Ernst: Dort wie hier geht es um die Grenzen des Lebens; und hier, mehr als dort, geht es um die individuell-persönliche Verantwortung für die Ressourcen dieses Lebens. Diesmal beglückt und verstört uns Marthaler mit einer pessimistischen Komödie."

Martin Halter findet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.12.2007) zwar alles "marthalerisch-somnambul und surreal wie immer". Die Maladen summten "unsagbar leise unsäglich schöne Lieder". Aus "You can win if you want", der neoliberalen Siegerhymne von "Modern Talking", werde ein "Bee Gees"-Disco-Hit, aus "Cherie Cherie Lady" ein Madrigal, aus alten Schweizer Schlagerschnulzen ein höhnischer Rückblick auf die Ära Marthaler. Schuberts "Unendliche Freude durchwallet das Herz", schreite "als die Entblößung von allem irdischen Tand unter der Höhensonne der Nostalgie" voran. Trotzdem bleibe "die ganz große Verzückung" aus. Denn zwischendurch gondelt die Nummernrevue aus seiner Sicht immer wieder "in die Talsohle gehobener Unterhaltung und verliert in Bademänteln und Liegestühlen ihre resignative Energie fast völlig".

Kritischer schreibt Brigitta Niederhauser im Bund aus Bern (8.12.2007) von einer zwiespältigen Inszenierung. Die für Marthaler "so typische Aufführung" mache seine "grossen Qualitäten genauso sichtbar wie seine Schwächen". Die Schauspieler bewegten sich in "den altbekannten, lieb gewonnenen, aber auch ein wenig abgenutzten Mustern". Und nicht alles, was Marthaler diesmal aus dem "schwarzen Loch der Metaphysik" herausfische, komme "über trivial Philosophisches" hinaus. Zwar langweile keiner so schön wie er, doch verkomme "die Zerdehnung einzelner Szenen einmal mehr zur Masche". Dem gegenüber aber stünden "traumwandlerisch dichte Bilder", vor denen klar werde, warum der Regisseur "allen Wiederholungen und Maschen zum Trotz noch immer zu den ganzen Großen der Theaterszene gehört".

Auf tagesanzeiger.ch (7.12.2007), der website des Zürcher Tages Anzeigers, beginnt Peter Müller seine Kritik mit: "Das gab es noch nie bei Christoph Marthaler: Die Bühne ist frisch gestrichen." Nicht aus Willkür setze Frieda Schneider "mit gezielter Penetranz aufs Neue". Ginge es doch um die Einweihung von Dr. Dr. Bläsis Höhen- und Tiefenklinik. Zunächst falsche Bärte, Perücken, Pelze wie man sie bei Marthaler noch nie sah, Musik, die man noch nie bei ihm hörte, dann jedoch, wenn Pelze und Perücken fallen, liegt "fahles Halbdunkel" über der Szene. "Nie war Marthaler nachdenklicher", sogar seine Inszenierung bringe er damit "zeitweilig aus dem Rhythmus". Kaum je aber auch "tönte es bei Marthaler schöner", bei dem sich auch diesmal "Scherz und Schmerz" reimten.

 
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