In den lichten, dunklen Zonen des Gefühls 

von Ralph Gambihler

Magdeburg, 7. Dezember 2007. Was beim Fußball mit vollem Organ skandiert wird, wenn endlich der Anschlusstreffer fällt, kommt Emilia gleich in der ersten Szene über die Lippen, allerdings vorsichtig und feierlich. Da steht sie vor dem Eisernen Vorhang, mit süßer Verlegenheit und aufgeregt wie eine Schülerin, die zum ersten Mal im Rampenlicht steht. Und sagt: "Jetzt geht's los!" - Das ist natürlich ein dunkler Witz. Schließlich geht ja nicht nur die Vorstellung los, sondern auch die Tragödie – bis zum blutigen Ende.

 

 

Zumal hier sichtlich kein junges Ding in den Abgrund gerissen wird, sondern ein Individuum mit eigenem Willen, eigenen Wünschen, eigenen Gefühlen. Das hat uns die wunderbare Melanie Straub jedenfalls wissen lassen, als sie mit weißer Wandfarbe "Ich-Emilia" auf die Stahlwand pinselte, Strich für Strich, Großbuchstabe für Großbuchstabe: ein Manifest in eigener Sache. Freilich: Das Ich ist ein seltsames Wesen, undurchsichtig, verwickelt, eigen. Als solches ist es in Andreas Kriegenburgs Lessing-Schlachtfeld am Schauspiel Magdeburg zu besichtigen.

Keine Lust auf Lessing
Die Dramen des Individuums. Die Macht und die Ohnmacht der ersten Person Singular. Hettore Gonzaga etwa, der in Emilia verknallte Prinz von Guastalla, den Martin Brauer als schwer neurotischen Décadent anlegt, kann am Anfang seinen Körper kaum bewegen. Er ist so alkoholisiert, entrückt und liebeskrank, dass ihm die Glieder starr und steif werden. Lust auf Lessing hat er in dieser Szene nicht, denn er hat ja einen Kater. Und das ärgerliche Scheppern in seinem Piano ist allemal interessanter als sein pomadiger Kammerherr Marinelli, der vor lauter Singwut das Mikrofon verschluckt.

Andreas Kriegenburg ist heimgekehrt: nach Magdeburg. Da war er einst Tischler, dann wurde er Regisseur. Eine Galotti-Verknappung wie Michael Thalheimers Berliner 70-Minuten-Inszenierung am Deutschen Theater hat er sich für diesen speziellen Anlass nicht einfallen lassen. Ebenso wenig ein Rührstück für die Freunde des klassischen Repertoires. Nein: Er nimmt sich über drei Stunden Zeit für einen hochgradig aufgeheizten, zischenden, kantigen, stellenweise absurd-komischen bis grotesken Lessing-Abend, der um die Auflösung des Moralbegriffs kreist und um die emotionalen Fliehkräfte, die sich daraus ergeben.

Kalte Konsequenz
Und ja: Er verdringlicht diesen Autor. Er spielt Lessing, spielt mit ihm, bricht ihn auf. Er lässt ihn im zeitlichen Kontext und reißt ihn doch mit aller Kraft ins Heute. Wenn Kriegenburg Lessing kommentiert, spricht er von "einem der größten dramatischen Extremisten, denen ich begegnet bin". Als Fingerzeig für seine Lesart ist das Zitat durchaus brauchbar. Denn es sind die Extreme, die ihn interessieren. Die kalte Konsequenz, mit der die Gewalt im Stück umgeht. Die Grausamkeit verhängnisvoller Verkettungen über den lichten, dunklen Zonen des Gefühls.

Der Prinz hört, dass die bezaubernde Emilia verheiratet wird und rastet aus. Er brüllt vor Schmerzen und ballert Richtung Marinelli. Der nimmt den Impuls auf und beginnt dienstfertig sein finsteres Spiel, das den Grafen Apiani aus dem Leben pustet. Als Emilia vom Tod des Bräutigams erfährt, stirbt sie bei lebendigem Leibe. Sie verschwindet in ihrer Hülle, wird Gliederpuppe und Automat. Die Figuren sind diesen dramatischen Fliehkräften nicht gewachsen. Sie haben keine Mitte oder verlieren sie Stück für Stück.

Verführung als wahre Gewalt
Insofern ist es keine Faxenmacherei, sondern durchaus glaubhaft und schon fast natürlich, wenn sie immer wieder aus der Rolle fallen, direkt hinein in die Lässigkeiten unserer Tage. Der Fluchtpunkt beider Ebenen ist ein Satz, den Emilia im letzten Aufzug spricht: "Verführung ist die wahre Gewalt!", brüllt sie da. Das trifft auf den vorrevolutionären Absolutismus eines Lessing genauso zu, wie auf die Entertainmentwelten von heute, denen ihr Interpret Kriegenburg hellsichtige Grotesken abgewinnt.

Die Bühne (die Kriegenburg selber entworfen hat) zeigt viel Luft, viel luxuriöse Leere. Die Blicke bleiben eigentlich nur an dem schwarzen Flügel hängen, auf dem der Prinz immer wieder herumklimpert, wenn das Drama zu verstörend wird. Die Darsteller müssen sich diesen Raum nach allen Regeln der Kunst erspielen; sie gewinnen dabei erstaunliches Format.

Eine große Verlorene
Melanie Straub glänzt als fragile, innerlich intakte Emilia. Sie ist ein Rätsel an Widerständigkeit, eigentlich eine große Verlorene. Neben ihr gibt Nicole Lippold als Gräfin Orsina eine echte Giftspritze, eiskalt und sagenhaft kokett beim Einsatz weiblicher Waffen. Der Marinelli von Christian Bo Salle ist ein abgefeimter Subalterner, der Rache übt für allzu viel erlittene Demütigung. Bernd-Michael Baier nimmt man den heiligen Zorn von Emilias Vater Odoardo sofort ab. Am Schluss stirbt Emilia wie bei Lessing von der Hand des Vaters. Es liegt eine schmerzvolle Logik darin.

 

Emilia Galotti
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Irene Ip.
Mit: Iris Albrecht, Nicole Lippold, Melanie Straub, Bernd-Michael Baier, Martin Brauer, Daniel Flieger, Christian Bo Salle.

www.theater-magdeburg.de


Kritikenrundschau

Die Emilia der Melanie Straub, meint Katrin Bettina Müller (taz, 12.12.2007), "gewinnt einen schon, bevor das Drama beginnt". Entschuldigend erläutere sie zu Beginn: "Ich fange ganz groß an und werde dann immer kleiner." Das entpuppe sich als "doppelte Vorhersage": Denn einerseits "sehen wir, wie der schmale Raum von Emilias Handlungsfreiheit Stück für Stück eingeengt und zerstört wird", und "andererseits wird die Inszenierung selbst dabei von einem großzügigen Spiel, das hier und heute stattfindet, zu einem Stück Theater, das vor allem auf die Geschichte zurückverweist". Es scheine, "als ob der Kontext, dessen sich die Schauspieler bedienen können, um ihren Rollen Leben zu verleihen, zunehmend auf die Entstehungszeit des Dramas zurückschrumpft. Denn nur dort ist das Ende zu verstehen." Und das stoße einem "in diesem Drama immer wieder bitter auf, auch in der Magdeburger Inszenierung, die gegen Ende immer härter um die Anteilnahme des Publikums kämpft".

Durchwachsen, weil des Guten und Komischen in Sachen Regieeinfällen "einfach zuviel" stöhnt Andreas Montag in der Mitteldeutschen Zeitung (10.12.2007) aus Halle. Kriegenburg habe seinen Anspruch, das Trauerspiel "als zeitgemäße Störung auf die Bühne zu holen" nicht einlösen können. Weil das Stück zum einen doch zu sehr in seiner, in Lessings Zeit verhaftet sei und zum anderen, weil Kriegenburg die Tragödie des Bürgermädchens zeitweise aus dem Blick verliere und sich nur mehr "opulent bis albern ausgespielten Einblicken in die zynische Oberschicht" widme. Fatale Erkenntnis am Ende: Dass es dankbarer sei zu zeigen, "wie verdorben die Herrschenden allzeit sind. Und wie sexy." Erst zum Schluss hole die Inszenierung den gelungenen Ernst des Beginns wieder ein.

"Comedy und Tragödie zugleich, selten wurde in einem ‚bürgerlichen Trauerspiel' soviel gelacht", schreibt Dr. Herbert Henning in der Magdeburger Volksstimme (10.12.2007) missbilligend. Viel Kriegenburg auf der Bühne, viel zu wenig Lessing. In Kriegenburgs Bühnenraum könne man auch alles andere spielen, überdies traue der Regisseur dem Lessing-Text nicht sonderlich. In jähen Brüchen, Markenzeichen des Kriegenburg, entferne sich die Inszenierung Mal um Mal in Richtung Comedy oder Volkstheater. Dann aber geht Dr. Henning ans Loben, er lobt Kriegenburg als großen Schauspieler-Regisseur und die Schauspieler, allen voran die "wunderbare, einzigartige Melanie Straub" gäben dem Abend doch noch Größe, indem sie "eine leidenschaftliche Studie über Menschen und deren Zweifel und Verzweiflung zwischen höchster Anstrengung und beiläufiger Flapsigkeit" böten. 

Reinhard Wengierek von der Welt (10.12.2007) blickte mit Sympathie auf die Inszenierung. Melanie Straub als Emilia sei ein "wundersames Menschenkind", und betöre mit ihrem "lachenden kleinen Schmerzensspiel", wenn sie zu Anfang mit immer kleiner werdenden Buchstaben "Ich Emilia" auf die Wand pinselt. "Dann Vorhang auf! Blick auf die ekel-rosa Hölle namens Welt, in der das Geschrumpfte, Krumme, Klein- und Kleinstbuchstabige, Böse oder bloß Banale sich 'hopsaheißassa' tummelt." Kriegenburg male das "drei Stunden lang hingebungsvoll aus". Lessings "dramatische Algebra im bittersüßen Brei der zärtlich bissigen, trostlos trudelnden, weh summenden Kriegenburg-Melancholie" – letztlich doch versackt? Das wird nicht ganz deutlich.

Kommentar schreiben