Zuschauervolksbeschimpfung 

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 8. Dezember 2007. Üblicherweise sind die Sympathien bei Aufführungen von Ibsens "Ein Volksfeind" einigermaßen klar verteilt. Sympathisch: Tomas Stockmann, der feststellt, dass das Wasser des örtlichen Heilbades verseucht ist und zu handeln beginnt. Unsympathisch: Sein ungleicher Bruder Peter, Bürgermeister des Ortes, der mit aller Macht des Faktischen verhindert, dass die Sauerei in die Öffentlichkeit kommt. Denn das wäre das Aus für die wirtschaftliche Sprudelquelle Kurbetrieb. Kurz: Tomas, der Gutmensch. Peter, das Arschloch.

Gegen die Konvention gebürstet
Der 1977 geborene Regisseur Florian Fiedler macht sich die Sache nicht ganz so einfach: Sein Tomas wirkt nämlich von Anfang an wie ein naiv übergeschnappter Tor. Aljoscha Stadelmann verkörpert ihn als maßlosen Typen im schlecht sitzenden Cordanzug. Ein schwerfälliger Jammerlappen, ein großes Kind, das immerzu nach seiner Mutti schreit, die ihm in Form seiner Ehefrau (auf den Punkt gespielt von Anita Iselin) zur Seite steht.

Sein Bruder Peter hingegen wirkt in seiner bügelfreien Angepasstheit beinahe vertrauenerweckend. Wie aus dem Ei gepellt sieht er aus. Der Mann hält Maß und ernährt sich gesund. Ein gesellschaftlicher Vorturner unserer Zeit. Rainer Frank gibt ihn als erstaunlich agilen FDPler, der die wirtschaftlichen Argumente auf seiner Seite hat.

So ist es nicht verwunderlich, dass die beiden herrlich ungewaschenen Zeitungsfritzen Billing (Özgür Karadeniz) und Hovstad (Daniel Christensen), nachdem sie erst Tomas unterstützten, schnell die Fronten wechseln. Dasselbe gilt für den übermäßig am Allgemeinwohl interessierten Drucker Aslaksen, den Mathias Max Herrmann als aalglatten Interessenvertreter der Mehrheit spielt.

Modern ohne Stückschädigung
Fiedler, Hausregisseur in Frankfurt und Kurator der Spielstätte schmidtstraße12, dessen Werther-Bearbeitung noch in allerbester Erinnerung ist, lässt sich Zeit, die immergültige Geschichte zu erzählen. Dabei gelingt es ihm, den bekannten Text ins Heute zu heben, ohne das Original zu schädigen. Intelligent verspielt und gewitzt fügt er ironische Einsprengsel hinzu, deutet um, motzt musikalisch auf und gewinnt daraus dreieinhalb kurzweilige Stunden Theater.

Maria-Alice Bahra bereitet ihm dafür eine großzügige Bühne auf mehreren Stockwerken: Ein langer Holzsteg führt von der Bühne durch den gesamten Zuschauerraum, auf dem die Schauspieler hinauf- und hinunterdonnern. Auf der rechten Seite steht das angedeutete Domizil der Familie Stockmann auf zwei Etagen, darüber eine lange Brücke. Von dort herab schwingt Tomas seine Rede an das Volk, die schon bei Ibsen eine formidable Publikumsbeschimpfung ist.

Stadelmann nimmt die Zuschauer massiv ins Visier, begibt sich später ins Publikum und hält ihm seine Untätigkeiten vor wie einen schmutzigen Spiegel. Augenblicklich wird es mucksmäuschenstill im Saal. Beifall kann ein Volksfeind nicht erwarten. Die öffentliche Meinung als schwarzer Block.

Gesunder Volksverstand als Boygroup
Doch nachdem Tomas mit dem Publikum fertig ist, stürmt der gesunde Volksverstand die Bühne und verwandelt das große Haus in eine Konzertarena im Diskofieber. Peter, Hovstad, Billing und Aslaksen formieren sich zur Boygroup einer nicht wählbaren Spaßpartei, die niemandem weh tut, sondern vollmundig "It’s a wonderful world" tönt und den Massen gibt, was alle wollen: "Let me entertain you!". Die Meinungsumfragen sind deutlich: Applaus für den Stimmungsaufschwung der Gute-Laune-Jungs. Und weiter geht's im Text.

Im letzten Bild sitzt Tomas wie ein Häufchen Elend an der Bühnenrampe und begutachtet die Scherben seines Lebens. Seine Heldenträume werden kleiner, die Gier nach Anerkennung war umsonst. Stattdessen hat er sich endgültig ruiniert und entwirft Utopien und Wunschgedanken. Stadelmann lässt ihn immer mal wieder in hysterisches Gelächter ausbrechen, spielt ihn anrührend als einen, der in manisch-depressivem Größenwahn mit sich und seinem Schicksal hadert, um zum Schluss trotzig zu posaunen, dass der stärkste Mann der sei, der allein da stehe. Das sagt er nicht selbstgerecht, sondern rein verzweifelt.

 

Ein Volksfeind
von Henrik Ibsen
Deutsch von Heiner Gimmler
Regie: Florian Fiedler, Bühne: Maria-Alice Bahra, Kostüme: Bernd Schneider, Musik: Martin Engelbach, Frank Wulff.
Mit: Daniel Christensen, Martin Engelbach, Rainer Frank, Andreas Haase, Mathias Max Herrmann, Anita Iselin, Özgür Karadeniz, Julia Penner, Nicholas Reinke, Aljoscha Stadelmann, Frank Wulff.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Rundschau (10.12.2007) hat sich Peter Michalzik für lokale Aktualität entschieden. "Platz Mangel" und "Mamma Medea" stehen noch aus, Fiedlers Ibsen-Adaption wird pünktlich gelobt: "Das beschimpfte Volk steht bei Ibsen auf der Bühne, in Frankfurt sind es die Frankfurter in den Stuhlreihen. Das spart nicht nur Schauspieler, es macht die Sache auch direkter." Beschimpft werde in überaus zutreffender Weise ("Wir haben uns alle selbst entmachtet. Wir hätten uns überflüssig gemacht, deswegen sollten wir – die Zuschauer – jetzt auch gehen.") und zwar von einem "fabelhaften" Aljoscha Stadelmann. "Stadelmann ist genau das, was ein Schauspieler in einer solchen Rolle sein muss: schamlos, wütend, raum- und besitzergreifend, anmaßend." Fiedlers Regie sei "zugleich präzise im Umgang mit dem Stück und offen für die Gegenwart, zugleich entspannt und gespannt, direkt und subtil. (...)  Das Beste aber ist, dass Ibsens einfache Frage – sind wir nun ein verrottetes Gemeinwesen oder nicht? – hier so einfach und heftig und deutlich und ungelöst im Raum steht. Schön, müsste man fast sagen."

Im ersten Moment wirke die Inszenierung, schreibt Jürgen Berger (Süddeutsche Zeitung, 29.12.2007), "als habe Regisseur Florian Fiedler sich verängstigt in die rechte Ecke des leeren Raums zurückgezogen, um sich dort ein Krippenspiel für Alt-Hippies zu leisten". Interessanterweise entpuppe sich Fiedler "dann aber doch ganz plötzlich als zupackender Regisseur und hat in Aljoscha Stadelmann einen Badearzt, der den Stockmann gegen den moralinsauren Strich bürstet". Das habe "Klasse". Zudem entwickle sich der Abend "zu einem veritablen Kräftemessen mit dem Publikum als Spielball": Hier ein Badearzt, "der aus der unterhaltungssüchtigen Masse da unten Attac-Demokraten machen möchte" und dort "die Honoratioren des Kurstädtchens, die sich lässig Instrumente umschnallen und den Protest des außerparlamentarischen Stockmann im Popkonzert ertränken". Das Frankfurter Schauspiel lasse "die Muskeln spielen".

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