Al Capone vom Alex

von Anne Peter

Berlin, 15. März 2013. Eine Stadt in Trümmern, der Anarchie ausgeliefert, eine Stadt mit Sektorengrenzen, Schwarzmarkt, Rosinenbomberlärm, Knautschzone des heraufziehenden Kalten Krieges, 1948. Mittenmang der Schüler Werner Gladow, der sich zum Gangsterboss hochballert, mit 18 Jahren für 127 schwere Verbrechen, zwei Morde, 15 Mordversuche, Raubüberfälle und zahlreiche weitere Straftaten verantwortlich ist und nach einem Aufsehen erregenden Prozess unterm Fallbeil endet, verurteilt nach einem reaktivierten Gesetz aus der Nazizeit. Gladow, der selbsternannte Al Capone vom Alex. Berlin war beinahe Chicago, ein gutes Jahr lang. Was für ein Stoff!

gladowbande5 560 bettinastoess uBerliner Ganovenrevue mit rosa Tüll und schnoddrigem Erzähler © Bettina StößÜber diesen urberliner Mythos macht sich jetzt Armin Petras her, kurz bevor er im Sommer, nach sieben hochengagierten Jahren am Maxim Gorki Theater, nach Stuttgart wechselt. Sein Stück über die "Gladow-Bande", das hier von Jan Bosse inszeniert wird, ist wohl eine Art Abschiedsgeschenk an Berlin. Fast ausschließlich schwelgt Petras dabei in dem schnodderig aufmüpfigen Idiom dieser Stadt. Die Anekdoten um jene Bande, die als "Weiße Krawatten" bekannt wurde, lässt er aus langen, retrospektiven Erzählpassagen vom Gladow-Kumpanen Sohni aufploppen – die Milan Peschel, der Berliner Schnauze vom Dienst, auf den Leib geschrieben scheinen. Auch diesmal ist es wieder ein Großvergnügen, wie der begnadete Schnoddrigkeitsexperte in Sonnenbrille und Prolo-Hemd den Unterkiefer vorschiebt und sich unbekümmert durch den Abend nuschelt.

Vor den Vätern sterben die Söhne

Petras mag zumindest eine Teilveredelung Gladows im Sinn gehabt haben, die das Verbrechertum in den Stand des Subversiven erhebt: "wenn ick weg bin is alles wieder in ordnung / dann ist der krieg zu ende / dann können endlich alle ins büro", lässt er ihn kurz vor seiner Hinrichtung sagen. Und tatsächlich räkeln sich am Ende die Übriggebliebenen in einem Wirtschaftswundertableau vor rosa Tapete.

In der Tendenz folgt Petras damit den Lesarten Heiner Müllers oder Thomas Braschs. Letzterer machte Gladow in seinem strengen Schwarz-Weiß-Film "Engel aus Eisen" von 1980 zum stur asketischen Rebellen wider den Aufbaueifer der Anpasser und Arbeitsamen. Während Brasch sich jedoch deutlich vom historischen Material emanzipierte, begnügt Petras sich weitgehend mit einem Sampling der bekanntesten Geschichten und der Anverwandlung von O-Tönen. Das meiste von dem, was er verändert – die zentrale Rolle der Frau, die Aufwertung des Scharfrichtergehilfen Völpel zum Polizisten, der Drift ins Gesellschaftspolitische – stammt von Brasch. Hinzu fügt er noch die Andeutung, dass Gladow am Ende von seinem eigenen Vater verraten wird: Der Ex-Wehrmachtssoldat trägt jetzt Vopo-Uniform, vor den Vätern sterben die Söhne.

Ein Zentimeterchen in Richtung Robin Hood

Den bei Petras ohnehin schon vergleichsweise zaghaften politischen Impetus bringt Jan Bosse in seiner gefälligen Ganovenrevue allerdings fast gänzlich zum Verpuffen. Zum Beispiel streicht er jene Szene, in der Pimpf Gladow an der Barrikade nur knapp dem Tod entkommt und die den Erfahrungsgrund erahnen ließe, auf dem dessen kaltschnäuzige Todesverachtung gediehen ist. Und wenn Johann Jürgens' Gladow der Mutter gegenüber seine Gangsterpraxis als Umverteilungsmaßnahme beschreibt und von Petras dabei immerhin ein Zentimeterchen in Richtung Robin Hood geschubst wird ("s jibt keene gerechtigkeit dit wort haben die leute erfunden die sich immer zuerst bedienen dit sind dieselben leute die den krieg jemacht haben"), macht Bosse daraus die kleinlaute Entschuldigungsrede eines ertappten Schuljungen, dem seine resolute Mama (Sabine Waibel) zwischendurch ein paar hinter die Löffel gibt.

gladowbande 560 bettinastoess uGangstertraining im Gladow-Stil © Bettina Stöß

Lausbuben- und Lachnummernverein

Der Abend ertändelt sich Szene für Szene auf der karg bestückten Bühne von Dirk Thiele, mit ein paar Kinosesseln im Vordergrund (Gladow schickte seine Männer zum Gangstertraining ins Kino), einer Ruinenwand hinten, einer Luxusbar links, dazu Video-Trümmer in Schwarzweiß, Zigarrenrauch und Bühnennebel. Wie immer findet Bosse bisweilen schöne, verblüffende, auch hochkomische Lösungen. Im Schattenspiel beugen sich die Junggangster auf dem Schwarzmarkt großtuend über die bedauernswerte Provinzlerin, die mit Falschgeld um ihr Meissner Porzellan gebracht wird. Svenja Liesau als Sehnsuchtsdame Katja im Tüllbauschkleid steigt statt ins Riesenrad auf einen Kronleuchter und entschaukelt so allen Begehrlichkeiten. Milan Peschel extemporiert – gefühlt – sämtliche Straßen von Berlin-Friedrichshain und führt später Sohnis Ausstieg aus der Bande mit einem rührenden Striptease vor, der unterm Maßanzug die Satin-Shorts zum Vorschein kommen lässt.

Was diesen Einzelszenenperlen aber fehlt, ist der sinnstiftende Faden, auf den man sie auffädeln könnte. Was fehlt ist ein erspürbares Wollen der Gesamtunternehmung. Bosse entwirft den Ausnahmezustand als lustige Party, die Gladowbande als Lausbuben- und Lachnummernverein. Das Abgründige, Gefährliche und eben Subversive geht diesen drolligen Draufgängern ebenso wie ihrem Gegenspieler, Kommissar Schütze (Ronald Kukulies mit pomadiger Stirntolle und erhobenem Zeigefinger), fast gänzlich ab. Wäre da nicht der gelegentlich fanatisch ins Ferne strebende Blick von Johann Jürgens, die nervöse Unruhe, die seinen muskelgespannten Körper bisweilen durchschüttelt, es schlüge kaum mal ein Fünkchen Ernst und Dringlichkeit durch. So fällt es nicht schwer, am nächsten Morgen einfach ins Büro zu gehen, ganz unangefochten.

 

Gladow-Bande (UA)
von Armin Petras
Regie: Jan Bosse, Bühne: Dirk Thiele, Kostüme: Kathrin Platz, Musik & Sounddesign: Arno Kraehahn / Susanne Kirchner, Video: Bibi Abel, Licht: Jens Krüger, Dramaturgie: Sibylle Dudek.
Mit: Milan Peschel, Johann Jürgens, Bastian Reiber, Robert Kuchenbuch, Svenja Liesau, Thomas Lawinky, Sabine Waibel, Ronald Kukulies, Martin Otting.

www.gorki.de


Kritikenrundschau

"Gegen Ende von Armin Petras' Zeit als Intendant des Maxim Gorki, das muss man verstehen, will der Zuschauer vielleicht auch nur: ein bisschen Wehmut. Und ansonsten Spaß", schreibt Andreas Schäfer im Tagesspiegel (17.3.2013). "Und beides bekommt er in Hülle und Fülle. Zumindest solange er die rosa getönte Amüsierbereitschaftsbrille fest vor die Augen drückt." Milan Peschel als Diamanten-Sohni, Johann Jürgens als fiebrig halbstarker Werner Gladow, Ronald Kukulies als Kommissar Schütze oder Thomas Lawinky als zwischen den Welten wandelnder Scharfrichter Gustav Völpel seien schon eine Wucht. Als die Amüsierbrille einmal rutscht, frage man sich zwar, wo in der Inszenierung das Bild aus Petras' Stücktext geblieben ist, das Gladow als kämpfendes Kind bei der Hitlerjugend zeigt und dadurch nicht nur seine Gewaltbereitschaft herleitet, sondern auch ein Schlaglicht auf den Vergessensrausch der Nachkriegsgesellschaft wirft. "Hoch mit der Brille: Eine Party ist eine Party, und mehr will und soll dieser Abschied auch nicht sein."

Bosse lasse Petras' Stück, das nicht zu dessen stärksten zähle, "als munter-trashiges Erinnerungstheater auf dem Theater spielen", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (18.3.2013). Ohne "den fabelhaften, grantig-schnodderigen Milan Peschel" wäre bei den Erinnerungen des Diamanten-Sohni Papke "sicher verschärfter Milieukitschalarm zu melden gewesen". Doch mit Peschel, "der die luftigen Erinnerungssprünge und klischeesatten Kommentare dieses Sohni in aasige Nüchternheit packt", entgehe man dieser Gefahr. Fazit: "Die Gladow-Bande ist historisch ein Fund, ein Schmelztiegel politischer und persönlicher Widersprüche, und Jan Bosse spitzt das zum großen Projektionstheater zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu. Dennoch hätte dem Stück mehr thematische Konzentration gut getan, zerfasern die vielen Zeit- und Spielebenen in bloße Spotlights. Die Kraft des Abends bergen die Spieler."

Viel "interessanter als die Petras-Revue jetzt" sei die Aufarbeitung der Gladow-Geschichte durch die Berliner Autoren Annett Gröschner und Grischa Meyer vor über zehn Jahren in einem Sonderheft von "Theater der Zeit" gewesen, ebenso wie die Inszenierung eines Gladow-Stücks mit dem Obdachlosentheater "Ratten 07" und dem Knast-Theaterprojekt "AufBruch", sagt Michael Laages in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (16.3.2013). Für seine "kleine Gangster-Revue" zaubere Jan Bosse „eine gehörige Menge von Theatertricks aus dem Hut". Er "sucht auch beharrlich, wenn auch häufig erfolglos, nach sinnfälligen Momenten und Details in den Geschichten der Banden-Mitglieder". Und er „kann sich bei all dem vor allem auf das extrem spielfreudige Ensemble um den wirklich mitreißenden Entertainer Milan Peschel verlassen".

Petras' Text wirkt für Peter Hans Göpfert vom rbb Kulturradio (16.3.2013) "fast lieblos hingewischt". Jan Bosse "rollt die Geschichte in einem Kintopp auf" und "versucht immerhin, den starren, oft auch kalauernden Textapparat spielerisch aufzupeppen". Milan Peschel sei als "Quasselstrippe" Diamanten-Sohni eigentlich die Hauptfigur; "Johann Jürgens als Werner Gladow spuckt auch große Töne mit Berliner Lippe, aber er spielt doch nur eine sehr schmale Figur, so als fühlte sich dieser Gangsterboss am wohlsten, wenn er nackt oder in heutiger Unterwäsche rumlaufen kann." Im Ganzen lange es zu nicht mehr "als einem etwas brüchig aufgeputzten Volksstück".

"Wenn es im Theater lässig lustig zugeht, sorgt das für gute Laune, wenn auch nicht zwangsläufig für gesteigerte Relevanz", bemerkt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (9.4.2013) über diesen Abend. Bosse und seine spielfreudigen Darsteller setzten "auf unkompliziertes, schwer berlinerndes Haudrauf-Theater". Ausführlich würdigt er Milan Peschel und Sabine Waibel. Und schlägt vor: "Vielleicht sollte Petras die Inszenierung nach Stuttgart mitnehmen, um den Schwaben gleich mal zu zeigen, dass es sich bei seinem Theater nicht unbedingt um eine gutbürgerlich kultivierte Veranstaltung handelt."

 
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