Rauch ohne Feuer

von Stefan Schmidt

Saarbrücken, 23. März 2013. Die Umzugskisten sind gepackt im Saarländischen Staatstheater. Ab diesem Frühjahr wird die Bühnentechnik im Großen Haus auf Vordermann gebracht. Ein längst überfälliges Unterfangen. Das Theater reist derweil durch die Region - und erkundet außerdem, was die bisherigen Nebenspielstätten in der Landeshauptstadt noch so alles hergeben. So findet sich das ausufernde Personal rund um Albert Camus' "Die Besessenen" in der so genannten Alten Feuerwache in Saarbrücken wieder, einem fast schon sakralen Profanbau aus dem späten 19. Jahrhundert, der mal Gerätehaus war und lange Turnhalle, bevor er im Jahr 1982 von Staats wegen theatralisiert wurde.

Und da reißt nun Bühnenbildnerin Jutta Burkhardt endlich einmal wieder die Vorhänge auf, legt die hohen Fenster mit ihren Rosetten frei, die Backsteinsäulen, die mit Rundbögen versehenen Balustraden. Zu einer führt in dieser Theaterproduktion eine Treppe hinauf, keine Stiege in metaphysische Regionen allerdings, schließlich ist in diesem Gebäude das Erhabene nur schöner Schein, dekoratives Zitat sinnstiftender Architektur, ebenso bedeutungslos und hohl wie das Geschwätz der Figuren, die sich durch den Raum bewegen.

Pflege des zerstörerischen Extrem

Pjotr Stepanowitsch Werchowenski plant die große Revolution, nicht aus Idealismus, sondern aus Aktionismus - und weil ihm sonst nicht viel einfällt, was er mit seinem Leben anfangen könnte. Für seine Ersatzreligion fehlt ihm nur noch der Messias, ein Anführer, ein potentieller neuer Zar. Den meint er in dem Manipulator Nikolai Stawrogin gefunden zu haben, zumal der sich mit bösen Geistern vortrefflich auskennt. Georg Mitterstieler gibt diesen Verführer über weite Strecken des Abends als harmlos-lässigen Schönling in Sonnenbrille und schwarzem Anzug, lehnt meist desinteressiert an irgendwelchen Wänden, bis er unerwartet zupackt oder zubeißt, mit einer körperlichen Präsenz, die dieser Schauspieler aus dem Nichts heraus entwickeln kann.

die besessenen3 560 thomas m jauk stage picture xStairway to heaven in "Die Besessenen" © Thomas M. Jauk 

Lust empfindet seine Figur nur noch am zerstörerischen Extrem, wobei dieser Stawrogin das eigentliche Handeln den anderen überlässt. Er selbst spannt nur das Netz, in dem sich die restliche Bühnengesellschaft verheddert. Wie Hauptmann a.D. Lebjadkin, dessen geistig behinderte Schwester der Womanizer aus Faszination am Abseitigen geheiratet hat.

In einer der am stärksten berührenden Szenen der Inszenierung wiegt sich dieser Ex-Militär mit herunterhängender Hose schwankend zum Playback einer immer lauter dröhnenden Aufnahme des abgenudelten Volkslieds "Kalinka". Schauspieler Klaus Meininger changiert überzeugend zwischen der Komik des Absurden und der Tragik des Verlorenen: Selbst die russische Seele ist zur Pose geworden, ein Schicksal, dem später auch die französischen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht entgehen werden.

Aufs Gespräch fixiert

In solchen Szenen lodert es tatsächlich in der Alten Feuerwache, sprühen Funken von menschlichem Elend, verlorener Hoffnung und bitterer Verzweiflung. Leider gelingt es Regisseurin Daniela Kranz nicht, aus diesen Einzelbildern einen theatralen Flächenbrand zu entfachen. Kraftvolle Ideen erstickt sie zum Teil regelrecht, weil sie sich - trotz manch strukturellen Eingriffs - zu sehr am Text und der Handlung entlang hangelt. Und an dem endlosen diskursiven Gerede der diversen Figuren.

die besessenen1 280 thomas m jauk stage picture x© Thomas M. Jauk

Was sich in Dostojewskis Roman "Die Dämonen" von 1873 noch spannend liest und Literaturnobelpreisträger Albert Camus so fasziniert hat, dass er daraus Ende der 1950er Jahre ein Bühnenstück machte, wirkt im deutschen Theater des 21. Jahrhunderts stellenweise doch zu zäh, zu stark abgehangen, zu thesenhaft. Natürlich: Die Fragen nach den (moralischen) Grenzen individueller Handlungsfreiheit, nach den Folgen von Beliebigkeit und Werteverlust, nach der Erklärbarkeit scheinbar sinnloser Gewalt, nach politischer Verantwortung - sie betreffen uns auch heute, aber wir stellen sie anders. Selbstverständlich fehlt auch uns eine tragfähige Vision für die Zukunft unserer Gesellschaft, aber das ist nun wirklich keine überraschende Erkenntnis, die uns über das Vehikel eines Textes vermittelt werden müsste, zu dessen Entstehungszeit der despotische Sozialismus noch eine real existierende Bedrohung darstellte.

Späte Erkenntnis

Wer heute mit den "Besessenen" noch etwas entfachen möchte, braucht wohl einen handfesten Zugriff – möglicherweise ein Grund dafür, dass das Stück aktuell nicht gerade ein Dauerbrenner auf deutschen Bühnen ist. Dass in dem Text gleichwohl nach wie vor Zündstoff zu finden ist, zeigt sich in Saarbrücken besonders in den Szenen, in denen es den Schauspielern gelingt, das Menschliche hinter dem Geschwätz ins Zentrum zu rücken. 

Wenn Saskia Petzold als Witwe Stawrogina und Klaus Müller-Beck als Stepan Werchowenski, der ehemalige Hauslehrer ihres Sohnes, gegen Ende des Abends eng umschlungen auf dem Boden liegen und sie ihm die Teufelsaustreibung aus dem Lukasevangelium vorliest, ist man versucht aufzustehen, um sie zu trösten: zwei desillusionierte Alte, die viel zu spät erkennen, dass ihre gegenseitige Zuneigung, vielleicht sogar: Liebe, ein Ausweg aus dem Irrgarten der verlorenen Gewissheiten gewesen wäre. Dass sich kurz darauf Stawroginas Sohn Nikolai das Leben nimmt, dessen er überdrüssig geworden ist, muss dagegen nur noch der Vollständigkeit halber abgewickelt werden. Und Oberrevolutionär Pjotr? Der ist einfach weg. Mutmaßlich umgezogen. Aber das spielt irgendwie auch überhaupt keine Rolle mehr.

Die Besessenen
von Albert Camus, nach dem Roman "Die Dämonen" von Fjodor Dostojewskij
Regie: Daniela Kranz, Bühne & Kostüme: Jutta Burkhardt. Mit: Marlene Hoffmann, Gertrud Kohl, Gabriela Krestan, Christiane Motter, Saskia Petzold, Nina Schopka, Marcel Bausch, Benjamin Bieber, Hans-Georg Körbel, Pit-Jan Lößer, Klaus Meininger, Georg Mitterstieler, Klaus Müller-Beck, Jonas Schlagowsky, Heiner Take.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause.

www.theater-saarbruecken.de

 

Kritikenrundschau

Das Figuren-Gewusel auf der Bühne findet Johannes Kloth in der Saarbrücker Zeitung (25.3.2013) "bisweilen schlicht verwirrend". Insgesamt sei die Inszenierung "ziemlich mutlos geraten". "Bis auf die moderne Kostümierung (Mitterstieler etwa als Beau mit Sonnenbrille und Anzug) findet sich hier kein Versuch, Anschluss an das Hier und Jetzt zu finden." Das sei doppelt schade, weil es andererseits auch kaum gelungen sei, einfach "nur" spannendes Theater mit einem Fokus auf die dramatischen menschlichen Konflikte zu bieten, die das Stück auch bereit halte. "Stattdessen plätschern viele Dialoge vor sich hin, bleiben die meisten Schauspieler weitgehend konturlos oder bekommen erst gar keine Chance, sich frei zu spielen." Doch es gebe auch rare Höhepunkte, immer dann, wenn Figuren ein Profil erhielten – "wie Klaus Meininger zum Beispiel als versoffener, abgehalfterter Hauptmann Lebjadkin. Mit rutschender Hose und Russenmütze auf dem Kopf taumelt er zu Ivan Rebroffs "Kalinka" über die Bühne." Und plötzlich werde etwas von der Verzweiflung, dem Hass, der Hoffnungslosigkeit – den großen Gefühlen eben – spürbar, die man über weite Strecken vermisse.

 

 
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