Im hellen Licht der Stein des Weisen

von Dennis Baranski

Mannheim, 23. März 2013. Zertrümmerte Parkett- und Bestuhlungsreste liegen um einen riesigen, rotbraunen Quader verstreut und zeugen von dessen mächtigem Einschlag. Wo eigentlich die vorderen Ränge des Schauspielhauses stehen, liegt sie nun schwer in unserer Mitte: die unverrückbare steinerne Wahrheit. Darauf ein Mensch, der Ur-Mensch, aufgebahrt wie ein heiliges Stück Schlachtvieh, beinahe nackt und nur eben solange unschuldig, bis er zuckend und tobend aus unruhigem Schlaf erwacht. Es ist Gerichtstag heut.

Dorfrichters Verletzungen

Am Mannheimer Nationaltheater inszeniert Nora Schlocker Heinrich von Kleists auf deutschen Bühnen gern gesehenes Lustspiel "Der zerbrochne Krug" und begibt sich dabei nicht nur mit dem Bühnenbild von Steffi Wuster – für Mannheimer Verhältnisse geradezu unverschämt unorthodox – auf neue, noch nicht ausgetretene Pfade. Mit dem selten gespielten alternativen Schluss "Variant" präsentiert sich das Stück in einer Fassung, wie sie bei der Uraufführung 1808, wenngleich damals von Goethe in drei Akte aufgeteilt, durchfiel.

Endlich ausgezappelt, erhebt sich Klaus Rodewald mit Mut zur Hässlichkeit als Dorfrichter Adam, trägt offen die ihm angedichteten Verletzungen zur Schau und muss bald für selbige eine passende Erklärung finden: Licht erhellt den Saal. Das Richteramt fest im Blick, gibt Sven Prietz mit heiterer Mine und ernstem Tonfall den Schreiber von Beginn an zweideutig und stellt nüchtern fest, der Justitiar sehe "abscheulich" aus. Fürwahr und umso deutlicher als Martin Aselmann leichtfüßig und aufgeräumt in der Rolle des Gerichtsrats Walter aus dem auf der Bühne platzierten (Statisten-)Publikum hervortritt.

Mehr der Ordnung denn dem Recht verpflichtet, wird er in bester Markus-Lanz-Manier den Komödienteil des Abends moderieren. Und dieser ist spätestens mit dem heraufpolternden Mob eröffnet. Es lärmen ohrenbetäubend die eigens für den Abend gegossenen Glocken, und Adam sitzt ehe er sichs versieht zu Gericht über ein Verbrechen, das er selbst begangen hat.

Justitia höchstpersönlich

Jemand ist in Evens Gemach eingedrungen, belästigte die Jungfer, und zerbrach auf der Flucht vor deren Zukünftigem Ruprecht den Krug der Mutter, Frau Marthe Rull. Im schmucklosen Plastikeimer schleppt Anke Schubert herrlich geifernd als "verwünschte Vettel" das Corpus Delicti auf den Bühnen-Quader und ist sich eines Schuldigen längst gewiss: Ruprecht war's. Dieser jedoch vermag als vermeintlich Gehörnter, den erhobenen Vorwurf nicht einzugestehen, und pocht seinerseits auf baldige Wahrheitsfindung. Haarscharf entlang der Grenze zum albernen Klamauk – aber selten darüber hinaus – wird geleugnet und gelogen, verschleiert und bezeugt, bis letzthin alle Finger auf Adam zeigen.

Als dicke Justitia mit ausladender Schleppe (Kostüm: Marie Roth) wird der fleischgewordene Sündenfall durchs Dorf getrieben, zur Schlachtbank geführt und mehr tot denn lebendig verstoßen. Von Flucht kann kaum mehr die Rede sein. Die Übrigen stülpen sich hernach weiße Oberhemden über und waschen ihre Hände in Unschuld, aber weitere schmerzhafte Glockenschläge später ist die Geschichte noch nicht zu Ende – in Mannheim emanzipiert sich Eve von ihrer Naivität und darf auspacken.

Klage gegen die Obrigkeit

In einer an sakralen Elementen reichen Inszenierung scheint nicht nur Katharina Hauters Rolle, sondern auch ihr Spiel geradezu entfesselt. Eindringlich rekapituliert ihre nun entschlossen-fordernde Eve, die ihren eigenen Strick in Form von überdimensionierten Zöpfen stets mit sich trägt, das Geschehen und streut Verständnis für den Sündenbock. Mehr noch: Sie klagt die Obrigkeit und deren Entsandten Walter der Lüge am Volke an und kündet von tiefem Misstrauen, das sich hier nicht mit Geld aufwiegen lässt. Rein und unbescholten, durch eine Fußwaschung gar zur Heiligen stilisiert, wird letztlich Eve höhere Instanz.

Bei ihrem Mannheimer Regie-Debüt verzichtet Nora Schlocker auf überflüssige Aktualisierungen, und vor allem durch die Hinwendung zu der starken Frauenfigur gelingt ihr eine heutige, eine lohnenswerte Auseinandersetzung mit Kleists Komödie. Von Staatswegen aufrecht erhaltene Lügen und Halbwahrheiten, das Hinterfragen der Redlichkeit eines dem Volke verpflichteten Paragrafenungetüms sind Themen, die sie mit geschicktem Strich eng an Kleists herrlicher Sprache auszudeuten versteht. Das Publikum macht die gelungene Regiearbeit indes zu Geschworenen, ohne jedoch am Ende des kurzweilig verhandelten Klassikers einen eindeutig Schuldigen zu präsentiert. Trauen mag man letzthin niemandem mehr und sicher scheint nur noch eines: Der Abend findet wohlgesprochenes Recht – nicht aber die Wahrheit.

 

Der zerbrochne Krug
von Heinrich von Kleist
Regie: Nora Schlocker, Bühne: Steffi Wurster, Kostüm: Marie Lotta Roth, Musik: Paul Lemp, Dramaturgie: Tilman Neuffer.
Mit: Martin Aselmann, Christian Czeremnych, Mark Filatov, Katharina Hauter, Almut Henkel, Michaela Klamminger, Jacques Malan, Sven Prietz, Klaus Rodewald, Anke Schubert, Matthias Thömmes.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause.

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Mehr Inszenierungen des Zerbrochnen Krugs: Bastian Kraft inszenierte Heinrich von Kleists Stück im September 2012 im Hamburger Thalia Theater, Roger Vontobel im Januar 2011 im Schauspiel Dresden.

 

Kritikenrundschau

"Zerrissen, zerschnitten, zersprungen, zerhackt – so zeigen sich in Nora Schlockers Inszenierung [...] schließlich nicht nur das Titelobjekt und der Zusammenhalt in der Gesellschaft, sondern auch die gängigen Klischees in Bezug auf das Geschehen in diesem berühmten Bühnenwerk", ist Heribert Vogt in der Rhein-Neckar-Zeitung (25.3.2013) beeindruckt. "Alles in allem eine fesselnde und phasenweise mitreißende Aufführung, welche die althergebrachten Vorstellungen von Kleists 'Lustspiel' mit Nachdruck aufmischt und so neuen Überlegungen zu dem gut 200 Jahre alten Werk Tür und Tor öffnet."

Ralf-Carl Langhals sah für den Mannheimer Morgen (25.3.2013) ein "tiefenpsychologisches Mysterienspiel", in dem "der Teufel mit dem Beezlebub ausgetrieben oder der Staatsbankrott mit der FDP abgewendet werden" solle. Die Botschat dieser "Justiztragödie mit Universalanspruch" sei: "Einfach mal dem System die schiefen Zähne zeigen. Es ist nicht die schlechteste."

 

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