"Bitte berichten Sie, was hier geschieht!"

von Esther Slevogt

Budapest, im März 2013. Es war nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet am 15. März, dem Nationalfeiertag, an dem Ungarn seit der Jahrtausendwende der gescheiterten Revolution von 1848/49 gegen die habsburgische Fremdherrschaft gedenkt, mancherorts Panzer eingesetzt werden mussten, um die plötzlich auf das Land niedergegangenen Schneemassen zu bekämpfen. Panzer hatten bekanntlich 1956 einer anderen ungarischen Revolution den Garaus gemacht. Angesichts des zutiefst gespaltenen Landes drängten sich bei diesen Bildern auch Bürgerkriegsassoziationen auf, obwohl es vorerst nur das Schneechaos war, dem hier zu Leibe gerückt wurde.

Doch wie um noch den letzten Zweiflern zu bestätigen, dass kein böser Traum, sondern finsterste Wirklichkeit ist, was sich hier seit dem Wahlsieg der rechtsnationalen Fidesz-Partei im April 2010 inmitten Europas abspielt, wurden am Nationalfeiertag drei bekennende Rechtsradikale mit hohen nationale Auszeichnungen bedacht: János Petrás erhielt ein Verdienstkreuz – Petrás ist Sänger und Bassist der bekanntesten Band der ungarischen Rechtsrockszene Kárpátia, die auch Urheber des Marsches der rechtsextremen paramilitärischen "Ungarischen Garde" (Magyar Gárda) ist, welche sich mit Auftritten im Stil der ungarischen Nazis (Pfeilkreuzlern) und Hetzliedern gegen Minderheiten hervortut. Ein weiteres Verdienstkreuz ging an den rechten Archäologen Kornél Bakay, der sein Fach immer wieder zur Untermauerung kruder Geschichtsklitterung und für antisemitische Ausfälle missbraucht.

3 ungarischesnationaltheaterbudapest 560 juditpuska uKunst der Allegorie: im Park des Ungarischen Nationaltheaters in Budapest  © Judit Puska

Ein Staatspreis für einen Antisemiten

Die hochkarätigste Auszeichnung erhielt mit dem Mihály-Táncsics-Preisder Fernsehmoderator Ferenc Szaniszló. Szanisló ist berüchtigt für rassistische Hetze zur Primetime im regierungsnahen Sender Echo TV. Eine Moderation, in der er mit der phonetischen Nähe der ungarischen Bezeichnungen für Antisemitismus und "Anti-Müll" ein geschmackloses Wortspiel im Stil von Radio Ruanda betrieb ("Wir werden unsere Heimat vom Müll säubern") hatte ihm 2011 nach einer Anzeige durch Bürgerrecht-NGOs noch eine Geldstrafe von 500.000 Forint eingebracht. Nun also einen Staatspreis. Der Namensgeber des Preises, Mihály Tancsics (1799–1884), war ein ungarischer Politiker und Journalist, der aufgrund seiner radikal für ein freies Ungarn eintretenden Schriften 1846 von den Habsburgern inhaftiert und am 15. März 1848, also just am Tag des Ausbruchs der Revolution gegen die Habsburger, von ungarischen Revolutionären aus der Haft befreit wurde. Der Nationalfeiertag vom 15. März wird in Ungarn heute auch als "Tag der Pressefreiheit" begangen, deren Fundament von der Orbán-Regierung allerdings inzwischen massiv ausgehöhlt worden ist.

Nachdem nicht nur frühere Preisträger ihre Auszeichnungen zurückgaben, sondern selbst der zuständige Minister Zoltán Balog sich von dem durch eine Jury gekürten Preisträger distanziert und ihn zur Rückgabe des Preises aufgefordert hatte, trat Szanisló am vergangenen Mittwoch zurück: "Ich kann nicht zulassen, dass Ungarn mit diesen infamen Begründungen gewürgt wird", teilte er mit und sprach von einer Verleumdungskampagne gegen seine Person. Dabei sind seine antisemitischen Ausfälle via YouTube für alle zugänglich (auf Ungarisch freilich). "Sollen sie doch alle feiern. Zum Preis der Erpressung meiner Nation – des Würgens unserer Heimat – brauche ich den Preis nicht."

* * *

"Bitte berichten Sie in Ihren Ländern darüber, was hier geschieht!" hatte in der zweiten Märzwoche der Regisseur Márton Gulyás, Produktionsleiter des international renommierten freien Budapester Theaters Krétakör um Arpád Schilling, einer etwa hundertköpfigen Gruppe von internationalen Theaterleuten und Journalisten zugerufen, die sich auf Einladung des ungarischen Verbands der Theaterkritiker in Budapest eingefunden hatte. "Ungarn wird in eine Diktatur verwandelt, und die Welt schaut zu."

4 disgrace 560 hungarianshowcase uDie Zivilisation als Beute: Szenenfoto aus "Disgrace / Schande" von Kornél Mundruczó
© Hungarian Showcase

Es waren die Tage kurz vor dem Putsch der Orbán-Regierung gegen das ungarische Verfassungsgericht, der letzten demokratischen Kontrollinstanz des zunehmend totalitär regierten Landes. Vom 2.-9. März hatte der ungarische Kritikerverband einen "Hungarian Showcase" organisiert: eine Tour, die durch die auf Grund massiver Eingriffe der Regierung radikal im Umbruch begriffene Budapester Theaterlandschaft führte – wo sich allerdings die Szene trotz des großen politischen Drucks sehr selbstbewusst und widerständig zeigte. Und wo es noch einmal das Theater zu sehen gab, für das Ungarn in den letzten zehn Jahren auch international gerühmt worden ist.

Gewalttätige Parabel, schockierend düsteres Panorama

Es waren Bilder einer moralisch korrumpierten, zerfallenden Gesellschaft, die verzweifelt nach Identität, Geschichte und Orientierung sucht, die fast alle Stücke gemeinsam hatten, die für den Showcase ausgesucht waren, fast alle in den letzten drei Jahren produziert. Bilder einer Gesellschaft, die sich in einer tiefen Identitätskrise befindet: und zwar mit höchst ungewissem Ausgang. So in Kornél Mundruczós (2012 in Koproduktion mit den Wiener Festwochen entstandener) Adaption von J.M. Coetzees berühmtem Roman "Schande", in dem das notwendige wie unausweichliche Ende der weißen Herrschaft in Südafrika mit einem atavistischen Fatalismus verknüpft, der Rückfall der (weiß-zivilisierten) Gesellschaft in die Barbarei als Ausweis historischer Gerechtigkeit beschrieben wird. Mundruczó hat den Stoff als ultragewalttätige Parabel auf ungarische Verhältnisse übersetzt, in denen der dünne demokratische Firnis der Jahre nach 1989 inzwischen rechtsnational aufgekratzt und die Gesellschaft deutlich radikalisiert und brutalisiert worden ist.

Darauf verweist auch die wachsende Pogromstimmung im Land gegen die ungarischen Sinti und Roma, die sich in den Jahren 2008 und 2009 schon einmal in brutalen Lynchmorden an Unschuldigen entlud. Diese Morde und die gleichgültige bis zustimmende Haltung der Öffentlichkeit diesen Taten gegenüber hat die Regisseurin Anna Lengyel zum Gegenstand ihrer dokumentarischen Theaterarbeit gemacht: "Word for Word", 2011 im Nationaltheater herausgekommen. Ein spröder und in seinen Befunden schockierender Abend, der auf der Basis von Textmaterial ein düsteres Gesellschaftspanorama entfaltet, das in unzähligen Interviews gesammelt oder aus offiziellen Medien-Statements gesampelt wurde.

Auch die antisemitischen Drohungen, die vor zehn Tagen gegen die Philosophin Agnes Heller und andere jüdische Professoren der Budapester Universität ausgesprochen wurden, lassen wenig Raum für Illusionen über den gegenwärtigen Zustand der ungarischen Gesellschaft, für den die im Kontext des Showcase gezeigten Arbeiten immer wieder drastische Bilder fanden. Manchem internationalen Festival-Gast war (wie auch schon der Wiener Kritik) besonders Mundruczós Inszenierung mit ihren Gewalt- und Vergewaltigungsexzessen zu brutal. Im Kontext der ungarischen Verhältnisse leuchtete ihre Schonungslosigkeit jedoch grundsätzlich ein.

7 zsoltnagy inpitbull 280h hungarianshowcase ujpgDubioser Prophet: Zsolt Nagy in "The Acts of the Pitbull" von Péter Kárpati © Hungarian Showcase Scheinheilige Erklärung des Ministeriums

Péter Kárpatis Inszenierung seines eigenen Stücks "The Acts of the Pitbull", 2011 für das Budapester Kunsthaus Trafó produziert, führt auch den privaten Raum als längst erodiert vor und spielt virtuos mit den totalitären Sehnsüchten, in die sich Menschen schnell flüchten. Ein merkwürdiger Mann, der ebenso gut Verbrecher wie Prophet sein könnte, klopft an fremde Wohnungstüren, erbittet Quartier und bringt in luzide geführten Dialogen in wenigen Minuten Familien- und Liebesbeziehungen sowie andere fragile Sozialkonstruktionen seiner Gastgeber zum Einsturz. Die Zuschauer sind inmitten der Szene platziert und können hautnah erleben, wie hier eine Figur mit minimalen Mitteln immer wieder sämtliche Gefüge aus den Angeln hebt. Auch die, die im Theater Szene und Publikum einander zuordnen. Denn immer wieder werden Zuschauer von Zsolt Nagy (der den merkwürdigen Fremden spielt und ursprünglich zum Ensemble von Arpád Schillings Krétakör-Theater gehört) aufgefordert, ihre Plätze zu wechseln.

Angesichts des fatalen Bildes, das die Arbeiten des Showcase von der ungarischen Gegenwart zeichneten, war es nicht verwunderlich, dass, kaum hatte das Festival begonnen, auf der Internetseite des ungarischen Kulturministeriums eine Erklärung erschien: Man sei "erfreut über das Interesse der internationalen Experten", müsse jedoch konstatieren, dass die Auswahl des Showcases mitnichten repräsentativ für das ungarische Theater sei. Daher würden die Experten gebeten, auf andere Informationsquellen zurückzugreifen. Selbstredend sei man beim Auftun dieser Quellen gerne behilflich. Selbstredend auch, dass sich der ungarische Kritikerverband zuvor vergeblich um Unterstützung des Festivals durch das Kulturministerium bemüht hatte. Eine nachtkritik.de-Anfrage, welche Theater denn vom ungarischen Kulturministerium als repräsentativ empfohlen würden, ist bis jetzt übrigens unbeantwortet geblieben.

1 martongulyasvonkretakor 280 juditpuska uPublikumsgespräch während des Showcase, stehend: Márton Gulyás © Judit PuskaDer Verband der ungarischen Theaterkritiker hatte im Winter 2010 zu den ersten Stimmen gehört, die kurz vor der Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch den ungarischen Präsidenten Viktor Orbán international auf die massiven Einschnitte in die Freiheit der Kunst und der Medien durch die rechtspopulistische Regierung aufmerksam zu machen versuchten. Und auf die Kampagne gegen den Direktor des Nationaltheaters Róbert Alföldi, dem Homosexualität und eine jüdische Abstammung zum Vorwurf gemacht wurde. Und dass sein Theater pornografisch, obszön und antiungarisch sei. Inzwischen sind die Tage der Intendanz Alföldi gezählt, mit Attila Vidnyánszky ist ein regierungsnaher Nachfolger ernannt.

Ungarische Jagdszenen

Aus der Zeit, als die Kampagne gegen den populären wie erfolgreichen Alföldi an Fahrt aufzunehmen begann, stammt seine Inszenierung von Martin Sperrs Drama "Jagdszenen aus Niederbayern". 1966 uraufgeführt, entwirft das Stück das Porträt einer verrohten deutschen Dorfgemeinschaft in den ersten Jahren nach 1945, die Sperr als eine Gesellschaft von orientierungslosen Verlierern zeichnet, die nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus auf der Suche nach neuen Werten zu Bestien werden. Im Zentrum steht mit Abram ein Mann, der nach einer Gefängnisstrafe in sein Dorf zurückkehrt, zu der er wegen des Vorwurfs der Homosexualität verurteilt worden war.

5 jagdszeneninniederbayern 560 hungarianshowcase u"Jagdszenen aus Niederbayern": András Stohl (Abram) und Kátya Tompos (Tonka)
© Hungarian Showcase
In seiner Studioinszenierung, die im April 2010 (fast parallel zum Wahlsieg von Orbáns Fidesz-Partei) herauskam und zu den Highlights des Showcase-Programms gehörte, gelingt es Alföldi auf frappierende Weise, das Stück zu einer Parabel auf das postsozialistische Ungarn in seiner gegenwärtige Identitätskrise zu machen. Staatsschauspieler agieren mit einiger Lust als depravierte, abgestumpfte Dorfbewohner; ein voluminöser Tätowierter, der auch als ungarischer Rechtsrocker locker seinen Mann bei Jobbik-Aufmärschen stehen könnte, hantiert mit Frikadellen auf einem Grill (die nachher dem Publikum zum Verzehr angeboten werden). Der Dorffleischer zerhackt mit ähnlich blutiger Inbrunst die realen Fleischblöcke wie Abram später die von ihm schwangere junge Tonka. Mit ihr hatte er versucht, eine Beziehung zu beginnen, um irgendwie der verordneten Norm entsprechend zu leben. Die Dorfbewohner aber hetzen die beiden aufeinander, bis es zur Katastrophe kommt. Bevor man den Aufführungsort, einen sonst als Malersaal genutzen Raum im 5. Stock, betritt, passiert man einen zum Kirchenschiff umfunktionierten Flur, wo das Ensemble sich in enge Kirchbänke drückt und den einpeitschenden Reden eines bigotten Priesters lauscht. Die Zuschauer werden dann in der Mitte des Theaterraums auf Säcken platziert. Die Aktion findet simultan in rund um sie herum gebauten Bildern statt.

Ein Theaterbau als kulturpolitische Drohung

Um den Affront zu begreifen, den eine Arbeit wie diese nicht nur formal für die rechtskonservative Kulturpolitik bedeutet, lohnt es sich, einen Blick auf den Bau des Nationaltheaters zu werfen, den man als gebaute kulturpolitische Vision begreifen (und fürchten) kann: ein gigantischer postmoderner Bau, der dem Betrachter mit jedem Bauelement nackten Repräsentationswillen entgegenschleudert (und dabei doch wirkt, als stamme er aus der Traumfabrik von Walt Disney). Als Vorplatz fungiert ein enormer stilisierter Schiffsbug, der Kurs auf Budapests historisches Stadtzentrum zu nehmen scheint, auf dessen beeindruckende repräsentativen Bauten mit ihren Skulpturen und städtebaulichen Visionen der Jahre um 1900 sich der üppige Zierrat des Nationaltheaterneubaus mehr als deutlich in Bezug zu setzen versucht. Eröffnet wurde das Haus im Jahr 2002 – als die Orbán-Partei schon einmal die Regierung stellte.

2 ungarischesnationaltheaterbudapest 560 nemzetishinhaz uDas ungarische Nationaltheater in Budapest
© Nemzeti Shinhaz
Gerahmt wird das Nationaltheater von einem allegorischen Landschaftspark, dessen Höhepunkt eine Rekonstruktion der geborstenen klassizistischen Fassade des 1965 für die Budapester U-Bahn gesprengten alten Nationaltheaters ist, die dekorativ in ein Wasserbecken drapiert liegt. Als Skulptur sitzt auf einem Eisenstuhl trauernd eine große Schauspielerin aus dem damaligen Ensemble und betrachtet das zerstörte Heiligtum. Klare Konnotation dieses allegorischen Bildes: Der Abriss des alten Theaters war ein (kommunistischer) Anschlag auf die ungarische Nationalkultur, die es nun also wieder aufzurichten gilt. Die Ironie des architektonischen Missverständnisses, als das einem dieser ambitionierte Bau mit all seinem Pathos entgegentritt, ist, dass er gut auch als Shopping-Mall in Las Vegas funktionieren würde.

6 robertalfoldi angels 560 hungarianshowcase u"Angels in America" mit Róbert Alföldi
© Hungarian Showcase
Standing Ovations für Róbert Alföldi

Dem 1968 geborenen Róbert Alföldi ist dennoch das Kunststück gelungen, in den vergangenen sechs Jahren diese bauliche Totgeburt in einem Niemandsland zu einem pulsierenden Ort des ungarischen Gegenwartstheaters zu machen. Zur Zeit steht er, allen geifernden Anfeindungen, ein jüdischer Homosexueller zu sein, zum Trotz, in der Hauptrolle von Tony Kushners Pulitzerpreis-gekröntem Stück "Angels in America" auf der Bühne, das (im September 2012 herausgekommen) ebenfalls im Programm des Festivals war.

Inszeniert hat das allegorische US-Gesellschaftspanorama aus der Reagan-Ära, in dessen Zentrum vom Leben und Sterben eines New Yorker jüdischen Homosexuellen kurz vor dem Ende des Kalten Krieges im Zeitalter der beginnenden AIDS-Epidemie erzählt wird, der den 1960er Jahren aus Rumänien in die USA gegangenen Regiestar Andrei Serban: ein übermütig-abgründiger Bilderbogen einer maroden und von den Geistern ihrer unverdauten Geschichte gejagten Gesellschaft. In einer der letzten Szenen beschwört Alföldi in einer suggestiven Verschmelzung der Bühnenfigur mit seiner realen Person (mit einem Kushner-Text aus dem Stück und im Totenhemd) die Vision einer Gesellschaft, in der jeder frei und ohne Angst leben kann. Am Ende feiert das Publikum mit anhaltenden standing ovations den Schauspieler und Nationaltheaterintendanten Róbert Alföldi und sein Ensemble als Symbol für eine offene ungarische Gesellschaft. Und zwar, wie man hört, bei jeder einzelnen Aufführung dieser Inszenierung, die bis zur letzten Vorstellung im Juni hoffnungslos ausverkauft ist.

8 ourclass 560 hungarianshowcase u"Our Class" von Tadeusz Słobodzianek
© Hungarian Showcase
Kollaboration und Demontage

Von den Geistern der unverarbeiteten Geschichte handelt auch das 2009 geschriebene preisgekrönte polnische Stück "Our Class" des Dramatikers Tadeusz Słobodzianek (*1955), das der Regisseur Gábor Máté an dem von ihm geleiteten Katona József Theater in Budapest inszeniert hat. "Our Class" beginnt 1925 und reicht bis in die Gegenwart. Erzählt wird anhand der Geschichte einer Schulklasse im polnischen Galizien kurz nach dem Ende der Habsburgerherrschaft, wie die Zeitverläufe durch die politisch instabile Zwischenkriegszeit mit all ihren Hoffnungen und Verirrungen schließlich im Nationalsozialismus aus den katholischen und jüdischen Kindern von einst erst Feinde macht und die einen am Ende zu den Mördern der anderen werden lässt. Słobodzianek schenkt keiner seiner Figuren etwas, nicht den Opfern (deren Überlebende er später mit ihrem Opferstatus hausieren gehen lässt) und erst recht nicht den Tätern. Sehr eindringlich gelingt es ihm, nicht nur die Brutalität zu zeigen, die die Ideologien des 20. Jahrhunderts in den Menschen freigesetzt haben, sondern auch, wie sich die Ereignisse im Zuge der Geschichtsschreibung unter den wechselnden ideologischen Anforderungen durch die Zeiten hindurch langsam ins Unkenntliche verändern.

Trotz der eher konventionellen Inszenierung dieses konzentrierten Kammerspiels aus dem Jahr 2011 durch Gábor Maté war "Our Class" ein Höhepunkt des Showcase. Das Stück erzählt auch die Geschichte des Schuldig-Werdens durch Kollaboration in einem besetzten Land und damit eben eine sehr ungarische Geschichte. Denn Ungarns Geschichte ist auch eine durch fast fünf Jahrhunderte reichende Geschichte wechselnder Fremdherrschaft und totalitärer Regime, die das Ungarn von heute so schwer zu einem Verhältnis zu sich selbst und einer Identität finden lässt. Daher möchte man diesem Land eigentlich wünschen, es könnte ein kritisch seine Gesellschaft und Geschichte befragendes Theater ertragen, statt es zu bekämpfen und zu ersticken.

9 belapinterundszabolcsthuroczy 560 hungarianshowcase uNationalhelden unter sich: Béla Pintér (als Sándor Petöfi) und Szabolcs Thuroczy (als Lajos Kossuth)  © Hungarian Showcase Dass die augenzwinkernde Schändung sakrosankter Nationalheiliger wie des Revolutionsdichters Sándor Petőfi (1823–1849) und Lajos Kossuth (1802-1894), des Freiheitshelden des 1848er-Kampfes gegen die Habsburger, nicht nur produktiv, sondern auch im höchsten Maße unterhaltsam ist, das führte ziemlich eindrucksvoll Béla Pintérs Farce "Kaiser TV" vor. Im Rahmen einer Habsburgischen (und irgendwann von Aufständischen besetzten) Fernsehshow wird ein fiktiver Märtyrer des Freiheitskampfes genüsslich als Lügner demontiert und nationales Pathos auf dem Weg der Komik gesundgeschrumpft. Hinter den Sottisen gegen die Habsburger Monarchie verbergen sich auch Anspielungen auf die EU, die aus Sicht von manch heutigem Ungarn inzwischen den Platz der K.u.K.-Monarchie als Bevormunderin der Völker eingenommen hat. Der Regisseur und Autor Béla Pintér tritt in seinem Stück auch als Schauspieler auf: als unnachahmlich verklemmter und schiefe Verse schmiedender Dichter Sándor Petőfi, der hier plötzlich nicht mehr die geniale identifikatorische Lichtgestalt ist, als die er durch die ungarische Geschichte geistert (wo er imaginärer Bannerträger auch der Revolution von 1956 war), sondern plötzlich wie der schwülstige Traum eines Kulturpolitikers der Fidesz-Fraktion auf der Bühne erscheint, deren bleischweren Nationalismus Pintér charmant dem verdienten Gelächter preisgibt.

 

Offenlegung: Die Nachtkritikerin war auf Einladung des Goethe-Instituts in Budapest, das die Kosten für Flug und Übernachtung getragen hat.

 

Links:

Alles, was es auf nachtkritik.de zum ungarischen Theater gibt, ist im Lexikon zusammengefasst.

Infos zur Lage in Ungarn in deutscher Sprache:

Pester Lloyd
Hungarian Voice
Pusztaranger

Festivalseite

www.hungarianshowcase.com

Theater
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Katona József Theater
Kunsthaus Trafo
Krétakör
Béla Pintér und Company

 

 
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