Im Licht des Schattens

von Christian Rakow

Berlin, 29. März 2013. Was für ein Beginn! Irgendwo hinten, in der tiefen, dunklen Leere des Bühnenraums hocken die Schattengestalten. Im Zuschauersaal aber geht das Licht an, peu à peu, bis der riesige Kronleuchter des Deutschen Theaters gleißend hell ist. Und der Wiener Walzer von Johann Strauß "An der schönen blauen Donau" schunkelt sich herein. Neujahrsklänge am Karfreitag.

Blutige Flüche

Für einen langen, komischen Moment verharrt Michael Thalheimer an der Schwelle, die uns von dem chauvinistischen kleinbürgerlichen Milieu in Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" zu trennen scheint, an der Schwelle zwischen Parkett und Bühnenwelt: hier wir, im Strahlenglanz, die Kinder der Sonne, bildungsbürgerlich gerüstet zur Feiertagspremiere in dem Haus, in dem Horváths Volksstück 1931 seine Uraufführung feierte. Und dort die im Dunkeln, die man nicht sieht, die derben Horváth-Figuren, mit ihrem hingerotzten Vorstadtdeutsch und ihren dumpfen Lebensanschauungen. Aber dann wechselt das Licht aus dem Saal zur Bühne hinüber, und nichts ist mehr schwarz-weiß, nichts trennscharf. "Ein Mann hat Licht und Schattenseiten, das ist normal", sagt der verschlagene Geck Alfred einmal. Und Thalheimer wird sie an diesem Abend alle bis in die letzten Nuancen durchdringen, die dunklen wie die hellen Seiten.

wiener wald5 560 declair hAus der tiefen, dunklen Leere: Marianne (Katrin Wichmann)  © Arno Declair

Es ist – mir zumindest – kein Abend erinnerlich, an dem Thalheimer, der große Schwerkraftfinder des deutschen Regietheaters, einen derart leichten, schillernden, komödiantischen Reigen inszeniert hätte. Sein kongenialer Bühnenbildspezi Olaf Altmann muss ihm dabei irgendwie abhandengekommen sein. Wo sonst dessen analytisch klug durchdefinierte Räume helfen, Figuren auf ihren Existenzkern hin auszupressen, stehen nunmehr nur einige Stühle und ein Tisch an der Hinterwand. Von dort treten sie zur Rampe vor: Leute wie der grobe Schlachter Havlitschek (Henning Vogt) in blutiger Schürze und mit blutigen Flüchen auf den Lippen.

Gefühl der Unendlichkeit

Aber wie ungekannt elastisch geraten sie Thalheimer! Die "Synthese aus Ernst und Ironie", die Horváth in seiner "Gebrauchsanweisung" für seine Dramen reklamiert, verwirklicht sich hier in wunderbar weich pointierenden Figurenbildern. Da ist Peter Moltzen als Fleischer Oskar, im schwarzen Traueranzug, auf übergewichtig kostümiert. Mit Bonbons sucht er seine Verlobte Marianne zu bezirzen. Aber er kriegt die Packung schon nicht so recht aus seiner Tasche gezogen. Und als Marianne fort ist, probiert er minutenlang, die Schachtel wieder zusammenzufalten, geistesabwesend, kläglich, tragikomisch tief. "Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit", hatte Horváth als Motto seinem Stück vorangestellt. Und Thalheimer findet diese Unendlichkeit, bei einem jeden, in der durchlässigen Schlichtheit des Gemüts.

Allen voran bei der großen Leidenden des Stücks: Marianne alias Katrin Wichmann. Mit wonniger Unbedarftheit flieht sie ihren Verlobten Oskar: "Eigentlich ist es gar nicht das, was man Liebe nennt". Ihr neuer Geliebter Alfred ist in Person von Andreas Döhler weniger ein Möchtegern-Elegant als eine abgezockte Wuchttype. Er schiebt sie bald in ein zwielichtiges Revue-Ballett ab. Und wie Wichmanns Marianne dort barbusig im kühlen Konfettischnee steht und leis die romantische Weise "Draußen in der Wachau" singt, jenseits von Schuld und Sühne, das wird man kaum mehr vergessen können.

Welt der schrägen Töne

Oft hat Thalheimer Passionsgeschichten erzählt, Geschichten von geschundenen Frauen in bestialischen Männerwelten (mit Katrin Wichmann etwa in "Rose Bernd" von Gerhart Hauptmann 2006 am Thalia Theater Hamburg). An diesem Abend aber zeichnet er ein breites Tableau. Anstatt das Brutale zu akzentuieren, humanisiert er die Figuren mit all ihren Defiziten. Mariannes Vater, der Zauberkönig, bringt bei Michael Gerber Schmähungen eher resignativ und altersverstockt denn beißend vor. Es regiert der Kontrapunkt. Wenn Alfreds Großmutter (Simone von Zglinicki) ihre Intrige gegen die ungeliebte Marianne vollendet, tänzelt sie kurz abgehackt wie auf dem Elektro-Discodancefloor ihre eitle Freude heraus.

Diese Welt der schrägen Töne wird gleichsam regiert von Almut Zilcher als Trafikantin Valerie. Die Mittfünfzigerin, die sich mal mit dem virilen Lebemann Alfred einlässt, mal mit dem steifen Jung-Nazi Ernst (grandios als Spargeltarzan von höheren komödiantischen Gnaden: Moritz Grove), hat ihre Würde sorgsam in meterdicken Schichten Ironie verpackt. "Gott, wie herzig", platzt sie schroff heraus, wenn ein Ausflug an die Donau mit einem lieblichen Volkslied gekrönt wird (von Georgia Lautner als Ida). Eine ganze Biographie von Ausnutzung und unerfüllter Liebe lässt sie in einer einzigen, langsam gesteigerten Beschimpfungen aufscheinen: "Luder, Bestie, ... Drecksau!"

Tief drunten und nah bei den Sternen

Das begnadete DT-Ensemble, das zuletzt so oft Versprechen war, ist hier ganz Erfüllung, bis in die kleinste Nebenrolle hinein. Wie Clowns kommen sie daher, wie Menschen gehen sie ab. Noch die Pappmasken, die Thalheimer ihnen für ihr Schlussbild zugedacht hat, atmen eine dilettantische Ehrlichkeit. Überall wird schief und ungeschützt gesungen. Katrin Wichmann betet ihr Vaterunser haarscharf am gängigen Wortlaut vorbei. Der Mangel kündet vom Leben. Und dazu erklingen unentwegt die fiebernden Eingangsakkorde des Strauß'schen Wiener Walzers (Musikkonzept: Bert Wrede). Das ist die Sphärenmusik der Einfaltspinsel.

"Schau die Sterne – die werden noch droben hängen, wenn wir drunten liegen", sagt Marianne einmal, als sie sich in Alfred verliebt und ihr Gang in den Abgrund naht. Ein Satz mit Unendlichkeit. Eine Theaterwahrhaftigkeit. Wir waren lange nicht so tief drunten und so nah bei den Sternen.

 

Geschichten aus dem Wiener Wald
von Ödön von Horváth
Regie: Michael Thalheimer, Kostüme: Katrin Lea Tag, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Sonja Anders.
Mit: Katrin Wichmann, Andreas Döhler, Almut Zilcher, Michael Gerber, Peter Moltzen, Katrin Klein, Simone von Zglinicki, Moritz Grove, Harald Baumgartner, Henning Vogt, Jürgen Huth, Georgia Lautner.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Mehr Geschichten aus dem Wiener Wald? Am Berliner Ensemble inszenierte im Juni 2012 Enrico Lübbe, Leipzigs Intendant in spe, das berühmte Stück. Und vor einer Woche kam Christian Stückls Version der Kleinbürgertragödie im Münchner Volkstheater heraus.


Kritikenrundschau

Von einem "Wurf", von einer "Thalheimerschen Tiefenbohrung" berichtet Christine Wahl im Tagesspiegel (31.3.2013). Über zwei Stunden schäle Thalheimer "mit einem erstklassigen Ensemble" aus dem Horváth-Stück "eine Miniatur-Tragödie nach der anderen heraus". Dass die Einzeldramen "ihren Anlauf gern in der Beinahe-Komödie nehmen, wirkt am Ende nur zusätzlich tragikverschärfend". In dem leeren Bühnenraum besäßen die Darsteller "keinerlei Fluchtpunkte". Diese seien aber auch nicht nötig, denn: "Wie sie das Spiel zwischen Stilisierung und Individualtragödie beherrschen, aus der abstrakten Figurenskizze ins Konkrete switchen und aus der Ironie in den Abgrund, ist schlichtweg großartig".

Einen "Abend der Schauspieler, der beinahe zu einem Theaterereignis geworden wäre", hat Hartmut Krug für die Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (30.3.2013) gesehen. Man nehme Anteil an den Beziehungen der Figuren, weil "das bis in die kleinste Rolle tolle Ensemble uns so ungemein lebendige wie komische Menschen zeigt, deren Wünsche und Widersprüche sehr menschlich scheinen." Leider aber ziehe Thalheimer seinen Schauspielern nach und nach "schlichte quadratische Pappmasken vor die Gesichter. Wohl weil der Druck auf die Figuren, die immer mehr zu Ruinen werden, in sich zusammenkriechen und sich in Gruppenformationen finden, alle gleichermaßen beschädigt hat und zur individuellen Unkenntlichkeit kenntlich macht. Was vorher lebendig spannungsreiches Theater war, wird nun müdes Konzeptspiel ohne Timing."

Man bekomme zu wenig von dem, das Thalheimer sonst auszeichne, schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (2.4.2013) – "von der Empathie mit den Figuren". Spannend mache das Stück nämlich erst der Widerspruch; "der Kampf ums eigene Glück, den Horváth den meisten seiner Figuren mitgegeben hat. Dass ihre Verfehlungen und Notlügen so eindeutig nicht zu verurteilen sind, weil sie ja auch nur teilhaben wollen an dem, was die Besitzstandswahrung in der autoritär und hierarchisch geordneten Gesellschaft ihnen vorenthält." Doch von diesem Widerspruch sei nicht viel zu spüren in dieser Inszenierung. So vermeide sie zwar die Falle der Sentimentalität, der bei Horváth nicht leicht zu entkommen ist. "Aber um den Preis der Eindimensionalität." Wären die Figuren doch nicht ganz so ausrechenbar von Anfang an, "es gäbe mehr Anlass, ihnen in ihre beängstigende Welt zu folgen."

"Michael Thalheimer hat Ödön von Horváths 'Geschichten aus dem Wiener Wald' auf der leeren Bühne des Deutschen Theaters als Rampensau-Rauslass-Spiel inszeniert", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (2.4.2013). "Die Schauspieler kommen aus der Tiefe, schieben sich in Pose und fabrizieren deutlichste Schauspielkunst." Dieser Horváth’sche Aufmarsch von seelenlosen, Kalendersprüche klopfenden Typen sei bei Thalheimer, dem Fachmann für den Pathos des Nichtigen und Unveränderbaren, in sicheren Händen. "Lass mal weg! Mach mal größer! Steh mal schiefer! Diese Regieanweisungen müssten eigentlich genügt haben, um den zweistündigen grimmig lustigen, schmuck formverkrampften Kasperabend zustande zu bringen." Dank der Schauspieler seien dabei höchst ansehnliche, bissige, aber niemals abgründige Nummern herausgekommen.

Das wahre Bühnenbild dieses Abends formulierten Johann Strauß und sein Donau-Walzer, der den ganzen Abend lang oft unterschwellig aufrausche und mit den flirrenden Geigenpassagen zitiert werde, "die wie ein 'Klingen und Singen' in der Luft sind, das sich Horváth für sein Volksstück gewünscht hatte", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.4.2013). "'Schaut auf diese Musik!', verlangt Thalheimer, der radikalste und gescheiteste aller heutigen Theaterpuristen." Seine "herzzerreißend nüchterne Inszenierung" lasse allen Figuren des Abends, "wie sie da aus dem schwarzen Niemandsland an die Rampe treten und sich Horváths garstig genaue Sätze um die Ohren hauen", in ihren Untiefen beklemmende Wahrhaftigkeit widerfahren. Und wenn am Schluss dieser "formvollendet analytischen, meisterlich gelungenen Inszenierung" wieder der Donau-Walzer erklinge (wie schon zu Anfang), seien die Noten andere geworden als am Anfang. "Und wir auch."

Von einem atemberaubenden Abend schreibt Matthias Heine auf Welt-online (3.4.2013). "Es ist, als hätte Thalheimer mit jener "Donau"-Ouvertüre ein für alle Mal alle Bringschuld an Wiener Kolorit gegenüber dem Publikum begleichen wollen, um die Menschen aus Ödön von Horváths Stück dann umso grausamer durch die Kältekammern seiner Inszenierung zu schicken", . Kein überflüssiges Requisit lenkt hier aus Sicht des Kritikers "von der erbärmlichen Tragik des missgeleiteten Strebens nach dem kleinen Glück ab".

"Beeindruckend" genau findet Peter Laudenbach diese  Inszenierung, die er für die Süddeutsche Zeitung (3.4.2013) begutachtet hat und als "große Kunst" und beste DT-Produktion der Saison bezeichnet. Thalheimer erkunde darin lauter "verrohte, beschädigte, seelisch verkrüppelte Menschen". Dass diese Beschädigungen nicht höhnisch und mit der Selbstgerechtigkeit des Nachgeborenen in die Spießerkarikatur getrieben, "sondern sachlich, in größtmöglicher Nüchternheit" ausgeleuchtet würden, macht für Laudenbach das unübersehbare Format dieser Inszenierung aus.

 
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