Hinter der Fassade

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 6. April 2013. In Braunschweig entpuppt sich die glorreiche Vergangenheit beim näheren Hinsehen manchmal als eine bloße Illusion. Ganz zu Beginn dieses langen Abends sehen wir auf der Bühne das alte Braunschweiger Stadtschloss. Irgendwann vor dem Zweiten Weltkrieg muss das Sepia-Dia aufgenommen worden sein, vor den verheerenden Zerstörungen und dem umstrittenen Abriss der immer noch ansehnlichen Ruine in den Nachkriegsjahren.

Als die Postkartenillusion auf der Bühne erst langsam verblasst und dann ganz erlischt, bleiben nur kalte Betonquader zurück. Denn hinter der 2007 nur teilweise wiederaufgebauten Schlossfassade verbirgt sich heute ein gigantisches Einkaufscenter. Wer durchs Portal geht und Welfenglanz erwartet, landet bei Starbucks. Das Braunschweiger Stadtmarketing wird dennoch nicht müde, die Disneyfassade als rekonstruiertes "Residenzschloss" zu vermarkten.

Zwischen Monarchie und Moderne

Man kann das, was in Braunschweig in den vergangenen Jahren passierte, als eine Art restaurative Geschichtspolitik begreifen. Und auch im Zusammenhang mit dem Kulturprojekt "1913 –Braunschweig zwischen Monarchie und Moderne" ist dieser Verdacht gelegentlich geäußert worden. Gemeint ist eine Geschichtspolitik, die sich nicht kritisch mit der Vergangenheit auseinandersetzen, sondern bestimmte Geschichtsbilder instrumentalisieren will, etwa zur Förderung einer sogenannten "Braunschweigischen Identität".

heldenleben 560 karl-berndkarwarsz x© Karl-Bernd Karwasz

Nicolai Sykoschs Theaterabend mit drei Stücken aus Carl Sternheims Zyklus "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" steht "im Kontext des Kulturprojekts" und hätte alle Chancen zwischen Geschichtspolitik, Finanzkrise und Sternheims zynischen und prophetischen Texten ein faszinierendes Kaleidoskop mit einem Blick durch alle Zeiten und (lokale) Räume zu eröffnen. Doch nutzt er diese Gelegenheit leider überhaupt nicht. Denn im Gegensatz zur Stadtschlosskulisse kommen nicht die Kapitalgesellschaft und die Maskes der Gegenwart hinter der Postkarte von Einst zum Vorschein, sondern die Drehbühne dreht volle Kraft zurück in die Zeit des späten Kaiserreichs.

Nach Art der Heimatfilme

Vor braunen Tapeten-Labyrinthen werden die Sternheim-Texte museal ausgestellt. Wenn Theobald Maske (Moritz Dürr) geschlagene anderthalb Stunden die verlorene Hose seiner Frau Luise (Theresa Langer) in lupenreine Gewinne verwandelt, führt kein Weg zu den sich überschlagenden Ereignissen auf Zypern, in Griechenland, in Deutschland. Stattdessen wird auf einem Teppichausschnitt vor dem Portal der zähe Text gnadenlos durchdeklamiert. Das Spiel zwischen klappernden Türen und dampfenden Schüsseln mit Sonntagsessen aus der Requisite erinnert entfernt an alte Heimatfilme.

Im Braunschweiger Schloss-Kaufhaus gibt es auch ein Museum. Völlig losgelöst von historischen Raumfluchten werden hier Räume präsentiert, die mit allerlei Tapeten und Leihgaben aus den umliegenden Museen den Anschein einer Vergangenheit zeigen sollen, die es nicht mehr gibt. Nichts in diesen Räumen entspricht den historischen Tatsachen, aber das Feeling stimmt: irgendwie Vergangenheit, irgendetwas hat das wohl mit uns zu tun.

Leise rieselt der Staub

Ganz ähnlich verhält es sich mit diesem Theaterabend. Auch im zweiten Teil nach der Pause fehlt in "Der Snob" jeglicher Gegenwartsbezug, die Geschichte vom Aufstieg von Sohn Christian Maske (Hans-Werner Leupelt) wird größtenteils auf einer Sofasitzgruppe von Schauspielern in pseudo-wilhelminischem Schick verhandelt, keine Spur vom Wahnsinn eines entfesselten Turbokapitalismus, wie ihn Milan Peschel mit demselben Stoff im nahen Schauspiel Hannover so beunruhigend von der Kette ließ. Wo in Hannover das Karussell der Märkte von Maske angeheizt immer schneller rotierte, bleibt in Braunschweig die Szenerie statisch, die Drehbühne bewegt sich im Übergang von einem Stück zum nächsten, ansonsten rieselt leise der Staub.

Das ist umso bedrückender, als das Theater am selben Ort mit demselben Stoff schon einmal viel weiter war. Bereits 2003 inszenierte der inzwischen verstorbene Regisseur Davud Bouchehri Sternheims "1913" als dekadentes und gegenwärtiges Kammerspiel, das in seinen präzisen Charakterportraits der Kindergeneration der Supereichen viele Geschehnisse der letzten zehn Jahre fast prophetisch vorwegnahm.

Heute wird auf der Bühne der Schneider Easton durch einen Drogenhändler ersetzt und Sohn Philipp Ernst (Raphael Traub) torkelt fortan mit Kokain gepudertem Mund bis zum Maske-Tod und Ende der dreidreiviertelstündigen Sternheim-Zerdehnung. Zwischen den Szenen wird Wagner gespielt, der Walküren-Ritt und Auszüge aus der "Götterdämmerung". Musikalische Motive, die eine Bedeutung implizieren, die der Abend nicht hat. Es verhält sich eher wie mit der Braunschweiger Stadtschlosskulisse, hinter der Fassade herrscht Leere.


Aus dem bürgerlichen Heldenleben
"Die Hose", "Der Snob" und "1913". Eine deutsche Familiengeschichte
von Carl Sternheim
Regie: Nicolai Sykosch, Bühne: Alissa Kolbusch, Kostüme: Britta Leonhardt, Dramaturgie: Charlotte Orti von Havranek.
Mit: Moritz Dürr, Sandra Fehmer, Christoph Finger, Theresa Langer, Klaus Lembke, Hans-Werner Leupelt, Martina Struppek, Raphael Traub.
Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-braunschweig.de

 

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Mehr zu unserem Niedersachsen-Schwerpunkt finden Sie im nachtkritik.de-Lexikon unter dem Stichwort Niedersachsen-Schwerpunkt. Zum Auftakt der Schwerpunkt-Berichterstattung schrieb André Mumot den Überblicksartikel Punktsiege auf dem platten Land.

 

Kritikenrundschau

In der Braunschweiger Zeitung (7.4.2013) kritisiert Andreas Berger Regisseur Nikolai Sykosch, er bliebe lieber im Allgemeinen, statt den Mut zu haben, sich Braunschweiger Unternehmerfamilien und ihren Rotenhass und ihre Neigung zum Nationalsozialismus vorzuknöpfen. Sykosch habe für den Auftakt mit "Die Hose" einen "zündend komödiantischen Expressionismus" entwickelt. Er kitzele durch "gewagte Handlungen und eine Betonung des verknappten, oft in Satzabbrüchen endenden Sprachstils" zusätzliche Pointen heraus. Alle Rollen seien "perfekt auf Typ" besetzt. Das "dicke Ende" komme nach der Pause. Über "Der Snob" hin zu "1913" nähmen "schnell absolvierte" Selbsterläuterungen und trockene Exkurse, kurz: das Thesentheater überhand. Weil zudem die Schauspielerleistungen gegenüber dem Beginn abfielen, entstehe im letzten Stück oft Klamotte anstatt prägnanter Witz wie im ersten. Dennoch ein insgesamt "durchaus unterhaltender Ritt auf- und abwärts durch das rechte Bürgertum".

 

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