"Wer auf dich baut, wird untergehen!"

von Falk Schreiber

Hamburg, 13. April 2013. Die Bühne ist leer. Einzig ein Faltgebilde hat Jakobus Durstewitz in den Theaterraum des Hamburger Thalia gestellt, ein riesiges Buch vielleicht, einen Ordner oder ein Album. Papieren sieht es jedenfalls aus, und wo man schon an Papier denkt, tritt auch gleich Christina Geiße auf, holt ein dünnes Diogenes-Bändchen hervor und beginnt vorzulesen: "Die Ehe des Herrn Mississippi. Von Friedrich Dürrenmatt." Ein arg trockener Brocken scheint da zu warten, zumal in der Folge umfangreiche Regieanweisungen verlesen werden. Beschrieben wird ein "spätbürgerlicher Salon", von dem man erstmal nichts zu sehen bekommt, was gleich zu Beginn die eherne "Show, don't tell"-Regel bricht.

Fröhlich mit falschen Bärten

Aber dann! Lässt Regisseurin Christine Eder "Sabotage" durchs Theater dröhnen, Hip-Hop-Rock-Crossover von den Beasty Boys, die leider auch schon länger Geschichte sind, das Ensemble tritt auf, malt sich fröhlich falsche Bärte ins Gesicht und entfaltet das Bühnenbildetwas. Überraschung – es ist tatsächlich ein Buch. Ein Popup-Buch, das aufgeschlagen den zuvor geschilderten Salon zeigt, als Kasperltheater mit Pappwänden und angedeutet skizzierten Möbeln.

Das lässt sich trefflich bespielen, und nach wenigen, noch etwas unentschlossen absolvierten Einstiegsszenen sind die Darsteller auch drin im Dürrenmatt. André Szymanski gibt einen ins Fanatische abdriftenden Staatsanwalt Mississippi, Sebastian Zimmler einen beinahe liebenswert verhinderten Revolutionär, Matthias Leja einen aasigen Politkarrieristen, Mirco Kreibich einen klug gegen das Image dieses Schauspielers angelegten tollpatschigen Idealisten und Cathérine Seifert das ewig Weibliche, an dem sich diese das Knallchargentum gekonnt unterlaufenden Männlichkeitskarikaturen die Zähne ausbeißen. Eigentlich ist es Boulevard, was Eder da anrichtet, aber es ist ein Boulevard, dessen Protagonisten sich der reinen Tür-auf-Tür-zu-Dramaturgie nach Kräften verweigern.

die ehe des herrn mississippi3 560 fabian hammerl hDürrenmatt-Figuren auf der Pop-up-Bühne von Jakobus Durstewitz. © Fabian Hammerl

Marxismus oder Murx?

Trotz tarantinoesker Zeitsprünge und Herbert-Fritsch-hafter Überhöhungen wird allerdings bald klar: Dürrenmatts 1952 uraufgeführte Politkomödie ist ein Stück aus der Vergangenheit. Sätze wie "Der Westen hat die Freiheit verspielt, der Kommunismus die Gerechtigkeit" mögen in Zeiten der Systemkonkurrenz ihre Relevanz gehabt haben, heute aber klingen sie hohl, selbst wenn der britische Sozialhistoriker Eric Hobsbawn im Programmheft nicht ungeschickt versucht, den Marxismus als Welterklärungsmodell zu retten.

Übrig bleibt ein, freundlich ausgedrückt, fragwürdiges Frauenbild: "Wer auf dich baut, wird untergehen!", das ist, was diese zwar lächerlichen, aber dennoch von Idealen beseelten Männer zu ihrem Objekt der Begierde zu sagen wissen. Und übrig bleibt eine Regisseurin, die mit dem Stück fremdelt und die das minimalistische Bühnenbild nutzt, ihre bestens aufgelegten Darsteller Kabinettstückchen vollführen zu lassen: Geiße zuzuschauen, wie sie als neugieriges Zimmermädchen lauschend durch die Kulisse staubwedelt, ist jedenfalls ein großer Spaß.

Schöner Scheitern

"Die Ehe des Herrn Mississippi" war vergangenes Jahr Sieger der Thalia-Spielplanwahl, einer mehr oder weniger demokratischen Entscheidungsfindung, die dazu führte, dass Dürrenmatts 61 Jahre altes Werk 43 Jahre nach seiner letzten Aufführung am Thalia der Vergessenheit entrissen wurde. Die Kritik hat sich weitgehend darauf geeinigt, dass die Spielplanwahl die doofste Idee sei, seit es Dramaturgen-Geistesblitze gibt.

Man kann das Ergebnis allerdings auch anders interpretieren – als bewusste Überforderung eines Theaterapparats, der sich in der Regel auf Stoffe konzentriert, die "auf den Nägeln brennen", und der aus dieser Überforderung kreative Funken zu schlagen weiß. Ein wenig spürte man solche Funken bei Marco Stormans Inszenierung des bei der Spielplanwahl drittplatzierten Wir sind noch einmal davongekommen von Thornton Wilder im Februar: Da ging es jenseits des lustigen Drehbühnen-Aktionismus klar um das Ringen eines Regisseurs mit einem Stück, mit dem er augenscheinlich nichts anzufangen wusste. Und solch ein Ringen deutet auch Peter Rüedi im Programmheft an, wo er Dürrenmatts Poetik als Poetik des Scheiterns interpretiert.

Ein Scheitern von Eders "Mississippi"-Inszenierung wäre entsprechend eine Annäherung an Dürrenmatt, es wäre vor allem auch eine Annäherung an die Figuren, deren Idealismus ebenfalls aufs Schönste scheitert. Scheitern aber will Eder nicht, sie nimmt die Vorlage als klugen Boulevard ernst und verpasst damit die einzige Chance, die "Die Ehe des Herrn Mississippi" im Jahre 2013 der Regie noch bietet. Als Boulevard aber ist diese Inszenierung erstens nicht ohne Charme und zweitens ziemlich egal.

 

Die Ehe des Herrn Mississippi
von Friedrich Dürrenmatt
Regie: Christine Eder, Bühne: Jakobus Durstewitz, Kostüme: Annelies Vanlaere, Musik: Thomas Butteweg, Dramaturgie: Sandra Küpper.
Mit: Christina Geiße, Mirco Kreibich, Matthias Leja, Cathérine Seifert, André Szymanski, Sebastian Zimmler.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Die Spielplanwahl des Thalia Theaters wurde auf nachtkritik.de heftig diskutiert. Ein Videointerview mit dem Dramaturgen Carl Hegemann, einem der Initiatoren der Wahl, ist hier zu sehen.


Kritikenrundschau

Als "Farce mit Happy End" stellt sich die Spielplanwahl des Thalia Theaters für Stefan Grund vom Hamburger Abendblatt (15.4.2013) nach dieser Premiere dar. Denn Christine Eders Produktion sei ein "Überraschungserfolg"; sie schenke dem Haus "einen neuen Theaterknüller". Die Regisseurin habe mit "leichten Modifikationen" den "Zeitgeist-Staub vom Text gepustet". Ironisch spiele sie auf das "auf das Zustandekommen der Inszenierung per Wahl" an. An diesem Abend stelle sich die Frage nach den Werten "in Zeiten beschleunigten globalen Wandels lodernd aktuell. Frei nach Dürrenmatt in einem Mix aus Humanismus, Rechtsstaat, Verantwortung, Freiheit und ganz viel Coffee to go."

Als "sehenswerte Politkomödie" empfiehlt Thomas Joerdens in der Nordsee-Zeitung (15.4.2013) diesen Abend seinen Lesern. Regisseurin Christine Eder "manövriert das minimalistische Kammerspiel nach und nach in ein überdrehtes Action-Bürgerkriegs-Spektakel mit knatternden Maschinengewehren und hysterischen Slapstickszenen".

Eine "Mogelpackung der Systemkritik, eine amüsante zwar, aber dennoch: Ideentamtam, Ideologiekarneval" hat Daniel Haas für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (15.4.2013) im Thalia Theater erlebt. In "Zeiten von Occupy und Arabischem Frühling, zockenden Banken und strauchelnden Volkswirtschaften" müsse "so eine Posse" doch "ein wenig mehr liefern als das Ätschbätsch der Comedy". Wieso wurde das Stück überhaupt aufgeführt, fragt der Kritiker rhetorisch: "Vielleicht einfach zur Illustration der Einsicht, dass eine Dramaturgie hilflos, ein Ensemble aber überragend sein kann. Aus einem Stück, dessen Ideenmechanik schon auf dem Papier verquast ist, kann man keine elegante Erzählung präparieren, wohl aber komische Vignetten, in denen die pure Spiellust zutage tritt."

Aus dem "Desaster" der Spielplanwahl habe Christine Eder immerhin einen unterhaltsamen Abend geschaffen, berichtet Alexander Kohlmann für "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (14.4.2013). "Die beengte Klappkulisse an der Bühnenrampe lenkt den Blick ganz auf die plakativen Figuren. Die, da ist dem Dürrenmatt-Text einfach nicht beizukommen, stolpern so komödiantisch und realistisch wie im Theater von einst durch den Abend." Der "naheliegende Versuch, dem Text mit allen Mitteln des Regietheaters von Mikrofonen, endlosen Erzählungen an der Rampe bis hin zu 'ein Schauspieler spielt alle Figuren'-Experimenten beizukommen" bleibe aus. "Und befreit von allen Überlegungen, was uns das Theater wohl mit diesem Stoff Neues sagen will, genießt das Publikum das kurzlebige und banale Vergnügen, das diesmal tatsächlich zum einen Ohr rein und zum anderen wieder rausgeht."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Herr Mississippi, Hamburg: Vergleichs-Dürrenmatt auf UsedomMartin S. 2013-04-14 13:28
Sehr interessant! Und als umherfahrender Theatergucker frage ich mich, ob Frau Eder - ebenso wie ich - vor einer Weile Urlaub auf Usedom gemacht hat. Dort konnte man "Die Physiker" von Dürrenmatt bewundern (eine Produktion der Vorpommerschen Landesbühne). Dort werden ebenfalls zu Beginn die ausführlichen Regieanweisungen und Raumbeschreibungen von den Schauspielern erzählt, bevor das Ensemble beginnt, das eigentliche Stück zu spielen. Dankenswerter Weise wird das eben Erzählte hier aber nicht im nächsten Moment visualisiert. - Auch Fritsch-hafte Überhöhungen werden in dieser Dürrenmattinterpretation sichtbar, eine Menge erfreulicher Klamauk, der aber nie den Bezug zum Thema verliert. Interessanterweise fühlt man sich hier - obwohl man das bei einer Landesbühne doch eher erwartet - nicht im Boulevardtheater. Vielleicht, weil man sich für das Einflechten verschiedener Fremdtexte entschieden hat. Auch das Frauenbild, bei Dürrenmatt generell zu hinterfragen, wurde in dieser Inszenierung sehr feinfühlig und komplex gezeichnet. Da hat es jemand verstanden, ein "Stück aus der Vergangenheit" ganz gegenwärtig umzusetzen.
Wenn ich demnächst nach Hamburg fahre, werde ich mir zum Vergleich auf jeden Fall die hier beschriebene Inszenierung angucken. Vielleicht hat Frau Eder ja doch woanders Urlaub gemacht und die gleichartige Dürrenmattinterpretation war nur ein Zufall.
#2 Herr Mississippi, Hamburg: Wessen Blitz?Matthias L. 2013-04-14 22:28
Wer hat denn den doofsten Geistesblitz mit der Spielplanwahl?
#3 Herr Mississippi, Hamburg: trefflich zu diskutierenZeitungskiosk 2013-04-16 00:14
@ 2

Ja, das geht mir bei Herrn Schreiber auch viel zu schnell und salopp von der Hand !
Von wegen "Doofste Idee" ! Gerade hat Herr Lux sich dazu noch einmal zu Wort gemeldet, auch im Sinne von "Deckel drauf !"; dabei ließe sich das schon trefflich bis in Einzelheiten hinein diskutieren (zB. ob das "Zensuswahlmodell" Herrn Luxens tatsächlich einen Unterschied gemacht hätte und wie der dann so aussähe. Könnten nicht auch auf den Schlips getretene Abonnenten hinter Thalia Wilder stecken ? , um nur eine Beispielsfrage zu nennen. Und ist das nicht auch ein ZENSUS-Wahlrecht, wenn hier gewonnen wird von Leuten, die genug Zeit haben gezielte Kampagnen zu starten ??, um nur noch eine Frage zu nennen), wie so eine Spielplanwahl halt doch ne dufte Sache sein könnte. In den Threads dazu ist jedenfalls auch derlei noch zur Sprache gekommen (siehe "Postdramatiker") ! Was von der Spielplanwahl als eine Art Experiment haften bleibt ? Daß der größte Unsicherheits- und Fehlerfaktor bei den Experimentatoren selbst lag, und Herr Lux in seiner innerhauslichen Demokratie wohl grundlegend überstimmt wurde, was er nicht müde wird, auch jetzt noch einmal herauszustreichen, wohl um bloß nix mit der "doofsten Idee" zu tun haben zu müssen. Ich ahne schon, daß diese Diskussion wohl nirgendwo wirklich geführt worden sein wird, hoffe aber, daß jene Liebhabersache, erinnert sich jemand ?!, mit der "Erbsenfrau" dann schlußendlich auch noch eine Nachtkritikerin, einen Nachtkritiker finden wird..
#4 Die Ehe des Herrn Mississippi, HH: Hegemann-BeteiligungMarco P. 2013-04-16 19:35
War da nicht C. Hegemann beteiligt??
#5 Ehe des Herrn Missisippi, HH: Linkviedoguckerin 2013-04-16 21:26
#6 Ehe des Herrn Missisippi, HH: es braucht Interessewasti 2013-05-05 21:16
es scheint als müsste die Spielplanabstimmung überhaupt keine schlechte Idee sein. Sie sollte aber noch einen Modus nach sich ziehen, der dazu führt, dass die gewählten Stücke dann aber auch von Regisseuren und Darstellern angegangen werden, die sich tatsächlich für die Materie interessieren. Und sollte das auf den Rest des Spielplans abfärben, umso besser ... Carl H., lesen Sie mit?
#7 Ehe des Herr Mississippi, Hamburg, nachgetragen: Gelungen?Dr. Michael Pleister 2015-07-24 14:21
Hamburg, 20. November 2013. Wenn in dem kurzen, erläuternden Text zu Friedrich Dürrenmatts Komödie "Die Ehe des Herrn Mississippi", die derzeit am Hamburger Thalia Theater aufgeführt wird, auf deren Webseite von einem Bühnenstück, das "selten gespielt" wurde und "in den letzten Jahren nur als Schulstoff Geschichte gemacht" hat, die Rede ist, dann dürfte allein der mit dieser Feststellung gegebene Schulbezug – und das sei weder mit Ironie noch Arroganz gesagt - als Fingerzeig auf einen höheren Grad an Qualität und Gehalt, als dies in einem der auf der Webseite ebenfalls positionierten Pressekommentare mit den Worten "substanzloses Stück" suggeriert wird, zu werten sein. Fragen, Aspekte und Probleme – und das geht auch aus dem Programmheft hervor - , die mit Ideologien, Weltanschauungen, Werten, schließlich auch mit politischen Positionen korrespondieren, sind dem vorliegenden Bühnenstück immanent und bieten manche Anlässe für Interpretationen und Diskurse, die traditionellerweise in der Schule und überhaupt in Bildungsinstitutionen ihre Entfaltungsmöglichkeiten finden.



Andererseits ist es überaus lobenswert, wenn sich das Theater dazu versteht, eher selten gespielte, im Lektürekanon von Lehranstalt und Unterricht jedoch Berücksichtigung findende Dramen ebenjenen deutschdidaktischen Interpretationsansätzen und -versuchen schulischer Provenienz, Lehrplan- und Traditionsgebundenheit – Ansätzen, die gleichwohl keineswegs grundsätzlich in Frage gestellt werden sollen - zu entwinden, durch eine effektvolle Inszenierung einem größeren Publikum zugänglich zu machen und damit der inhaltlichen Substanz der jeweiligen Stücke in ihrer Komplexität, Problembezogenheit und Aussagekraft – je nachdem - einen größeren Bekanntheitsgrad und Wirkungsradius zu verschaffen.

Die von Christine Eder verantwortete Inszenierung der vorliegenden Komödie von Dürrenmatt, eine Inszenierung, die in der Vermischung von Kunst und "Boulevard" ihre Profilschärfung sucht, verfehlt im Zuge ihrer nicht zu leugnenden Ausdrucks-, vielleicht sogar Faszinationskraft den entsprechenden Effekt auf das Publikum keinesfalls. Das Drama, das in manchen der auf der Webseite abgedruckten Kommentare und Kurzkritiken wohl eher zu Unrecht dem Verdikt des "Verstaubtseins" anheimfällt, wird, folgt man gleichwohl dieser Einschätzung vonseiten einiger Medien, durch die Regie mit Slapsticks und akzentuierter Situationskomik, mit "wilden Tarantino- und Inspektor-Clouseau-Anleihen" (Webseite/ Pressestimmen/ Hamburger Morgenpost) "aufgefrischt". So dürfte sich die Inszenierung in ihrer Verschärfung und Zuspitzung der im Stück angelegten skurrilen, grotesken, z.T. absurden Elemente und damit in ihrer auf Belustigung und Erheiterung des Zuschauers, insgesamt auf "Rezipientenfreundlichkeit" zielenden Gesamtkonzeption als eigentlicher Publikumsmagnet erweisen.

Die mit den "Pressestimmen" gebotenen Rezensionen, soweit sie der Webseite zu entnehmen sind – sie erscheinen dort z.T. nur ausschnittsweise - , kaprizieren sich größtenteils auf diesen Aspekt, mithin auf die Regie, auf Bühnenbild und Aufmachung, insgesamt auf das Spektakuläre der Inszenierung, offensichtlich ohne dass Korrelationen mit dem Gehalt der Komödie in hinreichender Weise, überhaupt die Interdependenz von Inhalt und Inszenierung als grundsätzliches Beurteilungskriterium hinlänglich berücksichtigt werden.

Die Komik steht in der aktuellen Aufführungspraxis des Dürrenmatt-Stückes am Hamburger Thalia Theater im Vordergrund und dürfte sich somit auch als tragendes Element sowie bleibende Erinnerung ins Bewusstsein der Theaterbesucher einschreiben. Dies wäre wohl nicht weiter zu bemängeln, wenn das Werk in der Comedy-Komponente seiner Präsentation aufginge, was aber nicht der Fall ist. Im Trubel der von der Art der Inszenierung z.T. akzelerierten Geschehnisse, in der streckenweise spürbar werdenden Rasanz von Sprache und Bewegung der Akteure drohen manche sinnkonstituierenden Elemente zu stranden, und es besteht die Gefahr, aus dem Blickfeld zu verlieren, dass das Drama als "bitterböse Komödie" (Webseite des Stückes) insgesamt wohl ernster gemeint ist, als sich seiner Darbietung derzeit in Hamburg entnehmen lässt.

Dabei gibt das Stück von 1952 in seiner vielschichtigen Struktur, in seinen z.T. sorgsam herauspräparierten Einzelaspekten grotesken Zuschnitts, in seiner zwar nicht ausschließlich, aber eben auch auf Störung und Beunruhigung des Rezipienten hin angelegten Gesamtkonstellation auch im Jahr 2013 Anstöße – und zwar drängender denn je - , über Sinnfragen, Orientierungen, Perspektiven, insbesondere aber über menschliches Scheitern (vgl. Programmheft, S. 25) nachzudenken, und dies alles heutzutage in einer Phase der Weltgeschichte, deren Lebens- und Wertepluralismus in manchen Breiten des Erdkreises von einem mächtigen Strom medienunterstützter Zeitgeistkompatibilität und Gesellschaftskonformität mitgerissen wird.

Die Leistung der Schauspieler stellt sich als bemerkenswert dar, besonders hervorzuheben ist die Wahrnehmung der Rolle des Grafen Bodo von Übelohe-Zabernsee durch Mirco Kreibich.

Es dürfte sich insgesamt um eine durchaus wohlwollend zu beurteilende Inszenierung handeln, die aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten nicht erschöpfend zu einer Ausdeutung des vorliegenden Theaterstückes vordringt.

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