Der Schuhverkäufer als Serienkiller

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 14. April 2013. Aus Johann Peter Hebels "Kannitverstan" haben wir gelernt, dass man "auf dem seltsamsten Umwege ... durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis" kommen kann. So meldeten die Nachrichtendienste dieser Tage, der russische Präsident Putin sei wegen seiner Verbindung zum Motorradclub "Nachtwölfe" versehentlich auf eine finnische Verbrecher-Liste gelangt. Versehentlich? Durch Irrtum zur Wahrheit! Am Stuttgarter Schauspiel sollte die Intendanz Hasko Weber mit einer Großinszenierung des Hausregisseurs Volker Lösch beendet werden. Das Debakel um die Sanierung des Theaters hat einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Experimente mit neuer Dramatik

Am Ende von Hasko Webers Intendanz stehen nun – Wahrheit auf seltsamem Umweg – Premieren, die vielleicht besser noch als das ursprünglich geplante "Große Fressen" dokumentieren, worin die besonderen Stärken dieser Intendanz bestanden: in der kontinuierlichen Pflege vorwiegend deutschsprachiger Gegenwartsdramatik, auch um den Preis der Vernachlässigung des "klassischen" Repertoires, und im risikobereiten Angebot an unerfahrene Regisseurinnen und Regisseure, sich unter professionellen Bedingungen zu erproben. Beides passt zu der in einem weiten Sinne politischen Auffassung Webers von der Funktion des Theaters in unserer Gesellschaft.

blaubart 560 cecilia glaesker uTödliche Liebe: Benjamin Grüter in "Blaubart - Hoffnung der Frauen" © Cecilia Gläsker

Wenn man sich bei dem aktuellen auf zwei Abende verteilten Projekt dazu entschlossen hat, eine der produktivsten und erfolgreichsten deutschen Dramatikerinnen der vergangenen zwei Jahrzehnte ins Scheinwerferlicht zu stellen, dann ist das zwar keine Pioniertat, ergibt aber dennoch Sinn. Denn das Theater, für das Dea Loher steht, ist in der publizierten Wahrnehmung schnell hinter jener Alternative verschwunden, die man vereinfachend "postdramatisch" nennt. So kann es schon wieder als Experiment gelten, zu testen, ob Stücke, die Dea Loher vor rund zehn Jahren geschrieben hat, heute, im veränderten Kontext, noch "funktionieren".

Liebe über alle Maßen

Den Anfang machte "Blaubart – Hoffnung der Frauen", dessen Titel an Oskar Kokoschkas Kurzdrama "Mörder, Hoffnung der Frauen" erinnert. Lohers Blaubart ist kein reicher Bürger wie bei Perrault, auch kein Ritter wie bei seinen deutschen Nacherzählern und kein Herzog wie bei Bartók. Er ist ein Schuhverkäufer, nicht dämonisch und auch nicht Objekt einer feministischen Lesart, die sich beim Stoff vom Serienmörder, der seine Frauen für ihre Neugier mit dem Tod bestraft, anbietet. Die erste Frau in Lohers Szenenfolge verübt vielmehr einen Selbstmord, den sie bereits geplant hat, ehe sie Blaubart kennen gelernt und zur Ehe verführt hat.

Benjamin Grüter spielt diesen Durchschnittsmenschen als gefühlsarmen, bindungsunfähigen Kleinbürger. Lise Bitter verwandelt sich in die sehr unterschiedlichen Frauentypen, die an der Überforderung durch eine Liebe "über alle Maßen" scheitern und denen allen das gleiche Ende droht. Anne Windmüller ist die Blinde, die, meist vom Bühnenrand her, mehr erkennt als die Sehenden. Die Regie nimmt sich zurück, verzichtet auf spektakuläre Aktionen, konzentriert sich auf den Text, in dem die Dialoge stellenweise durch frontale Erzählungen in der ersten oder dritten Person unterbrochen sind.

Körperteile mit Eigenleben

Auch Dea Lohers Verlagerung des Medea-Stoffs in das heutige Manhattan in "Manhattan Medea" besticht nach wie vor durch eine poetische Sprache, die mit der amerikanischen Trash-Ästhetik der Inszenierung von Sarah Schmid kontrastiert. Bijan Zamani spielt den Jason in der Kulisse einer schmutziggrünen kahlen Küche, als wäre er Stanley Kowalski aus Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht".

haende 560 cecilia-glaesker uSchwarzer Humor: "Hände" von Dea Loher © Cecilia Gläsker

Völlig anders als diese beiden Kurzdramen ist die Groteske "Hände", in der die transplantierten Körperteile ihr Eigenleben führen. Es ist, als hätte die Dramatikerin beweisen wollen, dass sie sich auf dem Feld des Schwarzen Humors zurechtfindet. Und doch wirkt dieser verspielte Einakter im wahrsten Sinn des Wortes wie eine Fingerübung. Das Publikum lacht, und wer denn will, kann das Absurde symbolisch deuten – etwa als Bild vom außengeleiteten Menschen oder von der Verselbständigung der Sinne. Man muss aber nicht.

Pseudokabarett mit Familie Kohl

Die drei Inszenierungen von Anne Drescher, Sarah Schmid und Sebastian Martin rechtfertigen das Projekt. Das vierte Stück, "Licht", ist eigentlich ein Monolog, wie "Hände" aus Lohers "Magazin des Glücks". In der Stuttgarter Bearbeitung unter dem Titel "Licht/Hannelore/Cool" wird der Text auf vier Figuren verteilt, die hierorts nicht unbekannte Technik des chorischen Sprechens kommt hinzu. Nicht daran aber und auch nicht an der Respektlosigkeit liegt es, dass dieses Pseudokabarett vollkommen versagt. Der Seiltanz zwischen (nicht mehr) aktuellen Realien und Allgemeingültigkeit misslingt.

Regisseur Jan Koslowski glaubt zudem, dem Komischen, das der Text nur sehr dosiert enthält, durch inszenatorische Überanstrengung nachhelfen zu müssen. "Wem gehört die Geschichte der Familie Kohl?", heißt es da. Leider gibt das Stück in dieser Form keine befriedigende Antwort auf die rhetorische Frage. Ein endloser Sprechchor schallt von der Drehbühne, die mit Wehmut an den Pollesch-Vorabend denken lässt, in dem sie eine prominente Rolle spielte. Da bleibt nur noch ein Ausweg: das von zahlreichen Komponisten, etwa Berlioz, Liszt, Rachmaninow oder Mahler, zitierte gregorianische "Dies Irae", dröhnend laut.


Blaubart – Hoffnung der Frauen und Licht/Hannelore/Cool
von Dea Loher
Regie: Anne Drescher und Jan Koslowski, Bühne und Kostüme: Hudda Chukri und Chasper Bertschinger, Nina Kroschinske, Musik: Murat Parlak, Dramaturgie: Kekke Schmidt und Otto A. Thoß.
Mit: Benjamin Grüter, Lisa Bitter, Anna Windmüller und Sarah Horak, Jan Jaroszek, Nora Quest, Fridolin Y. Sandmeyer.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Manhattan Medea und Hände
von Dea Loher
Regie: Sarah Schmid und Sebastian Martin, Bühne und Kostüme: Line Sexauer, Irmela Schwengler und Katja Fritzsche, Sound-Design: Markus Götze, Video: Robert Seidel, Dramaturgie: Beate Seidel und Annabelle Leschke.
Mit: Dorothea Arnold, Bijan Zamani, Toni Jessen, Boris Koneczny, Michael Stiller, Jasper Meyer Eggen und Markus Lerch, Sarah Sophia Meyer, Nadja Stübiger.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de


Kritikenrundschau

"Das Stuttgarter Schauspiel zeigt erneut Mut zum Risiko", schreibt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (15.4.2013) über den ersten der beiden Loher-Doppelabende. Und wie das so sei mit den Experimenten: mal glückt eins, mal scheitert eins. "Bei Jan Koslowskis 'Licht' hätte man mit den Augen am liebsten gleich auch die Ohren noch verschlossen, um sich den albernen, mit Tiefsinn um den Freitod von Hannelore Kohl kokettierenden Pubertätsquatsch vom Leib zu halten. Schwamm drüber!" Bei Anna Dreschers "Blaubart" dagegen, "da waren die Sinne aufs Allerhöchste geschärft." Benjamin Grüter gelinge in der Titelrolle nun ein kleines Kunststück: "Er spielt sich, anders als sonst, kein massives Seelenvolumen herbei, sondern treibt sich dieses Seelenvolumen restlos und rückstandslos aus. Er verbannt es aus seinem Körper, um endlich so leer, sachlich und nüchtern zu werden, wie sein Titelheld es verlangt." Insgesamt ein von Anna Drescher souverän auf die Bühne gebrachter Schauspielerabend, befindet der zufriedene Rezensent: "Mit Sommerjazz ironisch unterlegt, bringt sie uns mit diesem Regiedebüt das lapidar wuchtige Stück von Dea Loher nahe. Das Schwere macht sie leicht, das Rätsel halbwegs lösbar. Weiter so!"

Nicht jeder inszena­torische Zugriff überzeugte Horst Lohr (sic!), der das seiner Fast-Namensvetterin gewidmete Stuttgarter Vierfach-Paket in den Stuttgarter Nachrichten (16.4.2013) bespricht.  Drei der vier Aufführungen ließen Dea Lohers Sprachpoesie prächtig funkeln. "Vor allem, indem sie das Spiel der Darsteller in den Fo­kus rückten. In schlichten Bühnenbildern, die Fantasieräume öffneten." Das gelte insbesondere für Anna Dreschers Inszenierung von "Blaubart – Hoffnung der Frauen“. "Die Inszenierung beweist das Geschick der jungen Regisseurin, Schauspie­ ler zu führen." Dagegen schaffe Jan Koslowski es mit seiner Inszenierung "Licht/Hannelore/Cool" nur zu prätentiösem Brüll­ und Kreischtheater, wobei er unüberhörbar René Pollesch kopieren wolle. Den Untergang von Lohers "Manhattan Medea" fange Sarah Schmid zu Beginn des zweiten Doppelabends dann wieder "mit sehens­wert harten, filmisch geschnittenen Bildern der Trostlosigkeit" ein. "Gut gefallen kann auch Sebastian Martins Inszenierung des Stücks 'Hände'." Gekonnt entlocke der Regisseur dem Kurzdrama sei­nen bissigen Humor. "Wie soll die Liebe bei zwei Paaren funktionieren, wenn die Männer ihre Hände verloren haben und die trans­plantierten Spinnenfinger eines toten Mo­torradfahrers bei der Partnerin keine Lust zu erzeugen vermögen?" Solch makaber witzige Szenen über die Grenzen der Empfindsam­ keit beschlössen "ein gelungenes Kurzfestival zu Ehren einer bedeutenden Gegenwartsdra­matikerin".

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