Vernebelter Theaterdonner

von Gerd Zahner

St. Gallen, 17. April 2013. Die Lokremise in St. Gallen, dieser schöne, hohe Raum, ist wie geschaffen für ein Fehmengericht. Ein unterirdischer Raum der Einfälle könnte es sein. Eigentlich liegt alles parat, die Skeletttürme aus Stahl und die Lichter in den Bodenkästen, wie Scharten nach draußen, schwarze Netze auf dem Boden, darin eingewoben die Geschicke des Stückes.

Dann stehen drei Schauspieler wie bestellt und nicht abgeholt in einer Linie vor dem Publikum und warten. Und reden. Friedrich Wetter, Graf vom Strahl (Sven Gey) in blauen Bermudas mit einem NY-T-Shirt, Käthchen (Hanna Binder) in der Mitte in einem weißen Kleid, löchrigen Schuhen und einem grünen Jäckchen, das Haar zersaust, ihr Vater (Alexandre Pelichet) trägt einen langen Mantel. Die Richterstimme kommt aus dem Off, so süß wie eine belehrende Mischung aus Navi-Anweisung und Kaufhausangebot. Und die drei, sie berühren sich nicht, nicht mit der Stimme, nicht mit dem Sinn. Es geht so dahin, als sei nichts geschehen.

GZSZ, Zitiergestalten und Joghurtbecher

So ist dieses Käthchen gleich am Anfang wie mit Fremden an einem fremden Bahnhof der Sprache eingefahren und weiß nicht wohin. Diesem Käthchen wird man nicht glauben, dass sie diesen Friedrich abgöttisch lieben wird. Friedrich ist so eine GZSZ-Figur, ihm wird man nicht glauben, dass er fähig ist, sich an den Gefühlen von Käthchen mit zu entwickeln. Die Stimme Kleists erstickt. Die Regie weiß nicht so Recht wohin mit dieser Sprache und diesen Gefühlen und beginnt, sich mit Einfällen einen Weg freizuschlagen. Mit vielen Einfällen. Es wechseln sich bis zur Pause Zeitmenschen aus Filmszenen und Zitiergestalten panisch ab. Das Ganze besitzt die Dramatik eines abgelaufenen Joghurtbechers.

Kaethchen3 560 TineEdel uJapanische Samurai, Schneebesen-Highlander und natürlich: Kampffahrräder © Tine Edel

Die Inszenierung scheitert an den gesuchten Brüchen. Es wird keine Stimmung, keine Idee aufkommen, die sich auf ein Ziel entfaltet. Die jungen Darsteller deklamieren im Tonfall der 50er Jahre mit ausladenden Gesten, nichts passt, es soll wahrscheinlich nichts passen. Hätte man die schönen Bilder, die es tatsächlich gibt, einzeln fotografiert und einen Stapel davon jedem Zuschauer zum Ansehen gegeben, und hätte man dann den Text dazu gedacht, man hätte mehr erlebt, als dieses. Käthchen im Rauch, im weißen Nebel, ohne diese kitschige Musik, ein schönes Bild.

Für wen, wozu?

Die Inszenierung kann sich nicht entscheiden, ob sie überhöht dramatisch, albern, komisch, grotesk sein will, Regisseur Jérôme Junod zitiert alles und nimmt jeden Einfall auf, knüpft Ideen aneinander, die niemals ein Ganzes geben. Japanische Schwerkämpfer, Highlander, Knappen schwenken Schneebesen und Kampffahrräder, Käthchen klettert, schreit, stürzt, vernetzt sich, sie spielt, gibt alles, aber wir wissen nicht für wen, wozu. Sie spielt es mit soviel Herz, aber sie spielt es allein. Kitschige Blitze und Theaterdonner und Stimmen aus dem Himmel. Bruno Riedl als Kaiser hatte allein die Kraft mit Ironie eine Rolle zu entfalten. Dieser Tonfall ergänzte sich zu den Bildern aus den Kinowelten und fast erleichtert hört man ihm zu. Wenigstens einer wehrt sich. Und das wäre der Tonfall, nicht mit, sondern gegen diese Bilder zu arbeiten.

Vielleicht wollte die Regie diesen breiten Graben von gewollten Einfällen öffnen und alles darin versinken lassen. Das Publikum jedenfalls durfte zusehen, wie man Kleist über die Klippe jagt.

 

Das Käthchen von Heilbronn
von Heinrich von Kleist
Inszenierung: Jérôme Junod, Bühne: Lydia Hofmann, Kostüme: Anna von Zerboni, Dramaturgie: Nina Stazol.
Mit: Hanna Binder, Boglárka Horváth, Meda Gheorghiu-Banciu, Silvia Rhode, Sven Gey, Julian Sigl, Alexandre Pelichet, Lukas Spisser, Tim Kalhammer-Loew, Bruno Riedl, Nicolas Wild.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.theatersg.ch

 

Mehr Käthchens von Heilbronn wurden unter anderem von Jan Bosse (2011), Dieter Dorn (2011), Andreas Kriegenburg (2011), Julia Hölscher (2010) inszeniert.

Kritikenrundschau

"Warum? Die Frage klebt im Theatersaal wie der (vor-)letzte Schnee auf dem Gäbris: Warum spielt man heute Heinrich von Kleist?" fragt sich Brigitte Schmid-Gugler im St. Galler Tagblatt (19.4.2013). Und, rhetorisch: "Kann man junge, kritische, digital vernetzte Menschen mit einem Verschnitt aus der Kraft des Unbewussten, historischen Kostümteilen, Ninja-Kämpfern, einem Schwingbesen schwingenden, mit einem zackigen Einrad ausgerüsteten Ritter, als wollte er den Reisbauern zu Hilfe radeln, heute noch für einen klassischen Theaterstoff begeistern?" Die Spannung der Inszenierung ende mit ihrem Auftakt weitgehend. Es gebe da und dort Momente, Einfälle, parodierende Figuren, die die Szenen aufbrezelten. Und das starke Ensemble mühe sich sehr darum, die Einfallslosigkeit der Regie zu kaschieren. "Doch wer diese Aufführung besucht, ohne die Geschichte gut zu kennen, wird aus gewissen Szenen kaum schlau werden."

"Die Aufführung ist unterhaltsam, behält trotz der unvermeidlichen Kürzungen bemerkenswert viel Originaltext und damit auch den spezifischen Klang der Kleist'schen Sprache", schreibt Peter E. Schaufelberger für den Südkurier (online 20.4.2013). Jérôme Junod bewege sich zwischen "Ernst und Parodie, schlichter Eindringlichkeit und pathetischem Überschwang, bisweilen überkippend in bloßen Klamauk". Allerdings gehe in seiner Inszenierung – mit Ausnahme des Traumdialogs zwischen Käthchen und dem Grafen vom Strahl – "der schwebende Zwischenbereich zwischen handfester Diesseitigkeit und mystischer Übersteigerung verloren, das Ausgreifen in Träume und nächtliche Visionen, die Kleist eben nicht nur parodistisch schildert, sondern als durchaus mögliches Einwirken übersinnlicher Mächte einbezieht."

Merklich genervt berichtet Stefan Busz im Landboten (22.4.2013) von dieser Inszenierung: "Zusammengeschustert sind auch die Accessoires für die Geschichte, sie stecken in einer Art Säulenkonstruktion: hier ein abgehackter Arm, dort ein großes Schwert, alles kommt aus dem Fundus Abteilung Lustige Ritterspiele. Gegen den Feind wird auch mit einer Fünf-Gang-Velo-Kettensäge angetreten wie auch mit einem Rührbesen. Da gibt es auch viel Geschrei und auch Star-Wars-Gesang." Alle Figuren "spielen so komplett an Käthchen vorbei". Der Traumdialog zwischen Käthchen und dem Grafen Wetter vom Strahl sei allerdings "eine schöne Szene, einfach und voller Licht".

 
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