Mein erstes Mal

von Anne Peter

Berlin, 17. April 2013. Illusionen darüber, was Mann und Weib im Schilde führen, wenn sie von Liebe säuseln, sind nach diesem Abend nicht mehr möglich. Wer es bis heute noch nicht wusste, weiß es jetzt: Sex ist es und nichts als Sex, auf was es die Damen und Herren abgesehen haben. Mit dieser bahnbrechenden Erkenntnis hält Lars Eidingers Version von "Romeo und Julia" an der Schaubühne nicht hinterm Berg. 

RomeoJulia1 560 ArnoDeclair uIris Becher und Moritz Gottwald unterm Bühnenmond © Arno DeclairDas Setting: Eine mit Papphäuschen oder Holzkulissen vertrashte Theater-auf-dem-Theater-Bühne mit Guckkastenrahmen in der Mitte, sichtbarem Backstage-Bereich rechts (in dem immerzu gequarzt wird) und Lametta-Show-Insel links, von wo aus die dänische Frau-Mann-Band "The Echo Vamper" immer wieder jaulenden New-Wave-Rock als Stimmungs-Einheizer über die Bühne schickt.

Erotikfreie Triebgymnastik

Alle obszönen Scherzchen, die Shakespeares Recken so wortgewitzt treiben und die Thomas Brasch in seiner sperrig-kühnen Übersetzung unverblümt bringt, versieht Eidinger – als Schauspieler der ausgewiesene Maßlosigkeitsexperte des Hauses, jetzt zum zweiten Mal Regisseur – mit fetten szenischen Ausrufezeichen. Da züngeln lüstern Zungen, spreizen sich Beine oder wird Kopulationspantomime betrieben. Beim Fest steckt Lady Capulet im Vagina-Kostüm, Julia trägt Gummipuppenmaske zum fleischfarbenen Ganzkörpersuit. Und beim Liebe-auf-den-ersten-Blick-Kennenlernen macht das titelgebende Paar erst gar keine hehr reimenden Worte, sondern klebt im Konfettiregen gleich knutschend aneinander.

Bei all der Triebgymnastik glimmt allerdings nirgendwo auch nur der kleinste erotische Funken, alles bleibt grell, überdeutlich, ausgestellt. Wenn Romeo und Julia auf dem Doppelstockbett in Julias 80er-Jahre-Teenie-Zimmer unbeholfen hastig übereinander herfallen, versprüht das so viel Sex-Appeal wie das Dr.-Sommer-Team der Bravo. Und bevor Iris Becher als backfischige Julia mit Wurschtel-Dutt zu ihrem berühmten Satz über Nachtigall und Lerche ansetzen kann, hat sich Moritz Gottwalds spilleriger Romeo fast schon in Unterhose davongestohlen wie nach einem missglückten One-Night-Stand.

Lovesongs für "Sweetie"

Eidinger interessiert sich augenscheinlich nicht für die gesellschaftlichen Verhältnisse um die Liebenden herum. Die Elternpaare sind auf je einen Alleinerziehenden halbiert, es gibt keine ernstzunehmende Autorität, gegenüber der die Jungen aufbegehren oder ihre Liebe verteidigen müssten.

Manches ist für den Moment ganz witzig, einiges hat Charme, vieles zeugt von Spielfreude, wenn auch nicht mit Glaubwürdigkeitsintention. Die tarantinohafte Slow-Motion-Kampfszene zu Beginn zum Beispiel, wenn die verfeindeten Gangmitglieder – allesamt schon per Ripp-Strumpfhose zur Halskrause gen Lächerlichkeit geschubst – miteinander fechten, verweist auf den Showcharakter ihrer Gewalt, die mehr Attitüde ist als Notwendigkeit. Wo Romeo seine Angebetete einst noch mit raffinierten Sprachbildern bezirzte, nennt Gottwalds Romeo sie lässig "Sweetie" und singt ihr alle Lieder mit "love" vor, die ihm einfallen – von Liebe, so sagt dieser Abend, lässt sich bloß in Klischees und vorgestanzten Formen sprechen. Gefühle in Anführungszeichen, Second-Hand-Emotion.

RomeoJulia3 280 ArnoDeclair uIris Becher und Moritz Gottwald © Arno DeclairAlles steht im Zeichen einer Dekonstruktion des romantischen Liebesideals, das Eidinger in mal mehr mal weniger witzige Abziehbildchen verpackt und der Verjuxung preisgibt. Er fischt dabei fast beliebig wirkende Bilder aus dem Fundus der Popkultur, gießt Schwarzlicht aus, schmeißt Nebelmaschine und Spotlight an, lässt Romeo moonwalken und flaschenweise Kunstblut verschütten und setzt Sebastian Schwarz als Paris eine Angela-Merkel-Perücke auf. Einiges entlehnt er dem Baz-Luhrmann-Film, wie den Rauschmittel-affinen Pater Laurence, der bei Kay Bartholomäus Schulze allerdings vollends zur zugedrogten Witzfigur verkommt.

Clownsfiguren, die im Leeren zappeln

Die Schauspieler legen sich allesamt ins Zeug, aber nicht jeder taugt gleichermaßen zur lockeren Lars-Eidinger-Ich-lass-die-Sau-raus-Kopie. Regine Zimmermann beherrscht die Klaviatur der schrillen Überzeichnung allerdings virtuos, ihre Lady stakst als fies-versaute Clownin mit hochtoupiertem Pony auf Hochhack-Pantoletten einher. Und Tilman Strauß gibt den zynischen Zotenreißer Mercutio mit Dialekt-Switching und manch körperlicher Exaltation.

Allein, es fehlt diesen komischen Figuren ihr Gegensatz – Clownsfiguren sind's, die im Leeren zappeln. Shakespeares Stück lebt von dem Nebeneinander obszönster Derbheit und himmelstürmender Liebeslyrismen. Hier aber fehlt die Reibung, der Kontrast, die Fallhöhe. Alles wird gnadenlos und unterschiedslos durch den Kakao gezogen, die weltentrückte Liebe eingeebnet zur "Mein erstes Mal"-Klamotte. Bleibt die Frage, wofür sich hier eigentlich jemand duellieren oder umbringen sollte.

 

Romeo und Julia
von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Lars Eidinger, Bühne / Kostüme: Nicole Timm, Musik: The Echo Vamper, Dramaturgie: Florian Borchmeyer, Licht: Erich Schneider, Kampfchoreographie: René Lay.
Mit: Moritz Gottwald, Iris Becher, Regine Zimmermann, Kay Bartholomäus Schulze, Sebastian Schwarz, Tilman Strauß, Bernarndo Arias Porras, Franz Hartwig, Maria Matschke/Anton Oels; Musiker: Janes Mrook, Iza Mortag Freud.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Mehr zu Romeo und Julia: Shakespeare widmeten sich Tina Lanik (2008), Thorleifur Örn Arnarsson (2009), Heike Marianne Götze (2010), Bruno Cathomas (2011) und Christine Hofer (2012).


Kritikenrundschau

Im Deutschlandradio Fazit (17.4.2013) lobt Andrea Gerk die Musiker von "The Echo Vamper" und ist ansonsten nicht begeistert von einem "reichlich verkalauerten Abend, der viele gute Ideen verschenkt, indem er sie nicht ernst nimmt". Eidinger vergeige so manche Szene, die schön, humorvoll und stimmig beginne und dann - in dem er einen heftigen Kalauer draufsetzt - zerschlagen werde. Immerhin legten die Schauspieler Spielfreude an den Tag, allerdings so ungehemmt, "dass Romeo und Julia – als Figuren und als Stück – irgendwo zwischen wilder Musik, wüsten Auftritten und wenig Text verschwinden."

"Wo Romeo Julia mit eigenen Worten von seiner Liebe überzeugen müsste, kommen nur noch Fragmente aus vorgefertigten Gefühlen aus dem Fundus der Popgeschichte", berichtet Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (18.4.2013). Das sei zum einen sehr lustig und unterhaltend, zum anderen aber eine Theaterfeststellung von ungeheurer Traurigkeit, "die jetzt eigentlich für einen etwas tiefsinnigeren zweiten Teil der Inszenierung die Tür öffnen müsste". Aber die Regie begnüge sich mit der Zielvorgabe, die beiden Liebenden wollten eigentlich nur ein klein bisschen Sex. Gestorben werde am Ende immerhin "sehr stilvoll", "aber wofür denn eigentlich, diese Frage bleibt ohne Antwort."

"Es ist ein Missverständnis zu glauben, in 'Romeo und Julia' ginge es um die Liebe", schreibt Jan Küveler in der Welt (19.4.2013). Shakespeares nach "Hamlet" berühmtestes Stück handele vielmehr davon, wie umständlichste Bemühungen total in die Hose gehen können. "Insofern ist Lars Eidingers Inszenierung an der Berliner Schaubühne – die zweite Regiearbeit des Schauspielers – geradezu mustergültig." Warum wer was gegen wen hat, gehe in dieser "versalzenen Suppe aus Blut, Schweiß und Sperma" völlig unter. "Handlung und Motivation ersetzen müde Zoten und, ojemine, dialektale Verballhornungen, ein untrügliches Zeichen für von der Regie im Stich gelassene Schauspieler." Wenn wenigstens auf Weltniveau gefeiert würde, so Küveler, könnte man die Gedankenarmut und Gesellschaftsblindheit vielleicht verschmerzen. "Aber anders als zum Beispiel im furiosen 'Hamlet' am selben Haus, in dessen Titelrolle Eidinger seit Jahren einen DJ Katharsis gibt, der in den Partymetropolen zwischen England und Dänemark zu Recht auf Jahre ausgebucht ist, fühlt sich hier doch alles arg nach Abiparty an."

Lars Eidinger arbeite konsequent daran, die Behauptung von der himmelstürmenden, unschuldigen Herzensaufwallung einer kritischen Revision zu unterziehen, schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (19.4.2013). "Dass Lovestorys in unseren postromantischen Tagen gern zu Endlospartys narzisstischer Poser mutieren, die sich mehr an ihren eigenen Gefühlen als am gefühlsauslösenden Objekt berauschen und mit einer Art Emotionskaraoke am breit gefächerten Pop-Reservoir vergreifen, dürfte ja den wenigsten Zeitgenossen völlig fremd sein." Auf den Unterhaltsamkeitsquotienten des Abends wirke sich Eidingers Poser- und Popzitatzugriff in der Thomas-Brasch-Übersetzung überaus vorteilhaft aus. Doch wirkender Abend insgesamt, als sei Eidinger (der sein Regiedebüt an der Schaubühne mit Schillers "Räubern" gegeben hat) öfter auf halbem Dekonstruktionsweg stehen geblieben: "Von Revoluzzergedanken lässt es sich offenbar leichter Abschied nehmen als vom romantischen Liebesideal – was zwar nachvollziehbar und durchaus nicht unsympathisch ist, allerdings zu mancher unentschiedenen, ungenauen und relativ ausgebreiteten Szene führt." Andererseits gelinge in den größten Momenten etwas Seltenes: "Dank des live rockenden Duos James Brook und Iza Mortag Freund bekommen Musik, Zitat und Selbstinszenierung so etwas wie eine eigene Wahrheit, die der kulturkonservative Spießervorwurf vom Second-Hand-Gefühlsposing hoffnungslos verfehlt." In solchen Augenblicken sei Lars Eidinger auf der Höhe der Gegenwart – und eines jugendlichen Zielpublikums – "wie nur wenige seiner Regiekollegen".

"In dieser wohlstandsverwahrlosten Welt, wo die Kinder alles über Sex wissen, bevor sie selbst welchen hatten (und nichts über die Liebe) – und zwar aus dem pornografischen Material, das ihnen Popindustrie und Internet frei Haus liefern, hat Lars Eidinger seine Romeo-und-Julia-Inszenierung angesiedelt", schreibt Esther Slevogt in der taz (19.4.2013). Das sei profund und zwingend gedacht. "Es ist etwas schade, dass Eidinger keine Geduld aufbringt, diese Geschichte wirklich auszuerwählen." Stattdessen gebe es ein wildes und überdrehtes Shakespeare-Happening. Das szenische Feuerwerk mache immer wieder Spaß. Allerdings sei das alles ein wenig grobmotorisch zusammengebaut. "Und wenn der Spaß aufhört, es also ernst wird auf Nicole Timms Bühne, dann werden die Monologe tremoliert wie im Kleinstadttheater."

"Der laute, schräge Abend ist zu einer unerheblichen, luftleeren und bemüht unbraven Wenn-schon-denn-schon-Parade geraten", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (19.4.2013). "Wenn schon Theater, dann Theater." Die Schauspieler chargierten, sudelten, posierten, seien lustig und zögen sich die Hose runter zur Verdeutlichung der Inszenierungsthese, die da lauten könnte: Der Mensch hat einen Sexualtrieb, wozu braucht er auch noch ein Gehirn? "Wer cool, sexy und interessant sein will − und welcher Pubertierende wollte das nicht? − darf auch keinen falschen Respekt vor Shakespeare haben und sich keine biederen romantischen Illusionen von der Liebe machen." Aber wenn man dieses Liebesdrama schon zum Pubertätsslapstick herunterbrechen wolle, wo seien dann Kraft, Hitze und Wut abgeblieben? "Die gehören doch auch irgendwie zum Erwachsenwerden?"

Eidingers Lesart von Shakespeare kann Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (20.4.2013) zwar "am Ende nicht überzeugen". Ganz falsch sei sie aber auch nicht. Die Szenen des "Testosteron-Trios" Mercutio, Benvolio und Romeo gelängen der "bekennenden Rampensau" Eidinger als Regisseur am besten. "Aber was diese jungen Männer zum Degen greifen lässt, bleibt unklar. Denn eigentlich sind sie viel zu cool zum Kämpfen -und zum Lieben." Weil die Liebe in Romeo und Julia-Inszenierungen oft verklärt werde, sei Eidingers Gaudi mit kopulierenden Stoffhasen und kreischender New-Wave-Band auch irgendwie erfrischend. Und am Ende ahne man, dass er gar nicht von der Liebe erzählen wolle, sondern von der Sehnsucht nach ihr. "Und diese Vergeblichkeit hat - bei all den grellen Tönen der Inszenierung - etwas Rührendes." Ganz ohne Gefühl gehe es bei Shakespeare eben doch nicht.

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