Roulette auf Vollnarkose

von Christian Rakow

Berlin, 19. April 2013. Also wie muss man sich das wohl vorstellen? Roger Vontobel, noch etwas erschöpft von seiner poppigen Hamlet-Revue, die er unlängst (wenigstens eine Halbzeit lang) im Dresdener Staatsschauspiel abfeuerte, sagt sich: "Puh, schon wieder eine Revue", und lässt sich ganz tief in seinen Regiesessel im Großen Haus des Deutschen Theaters Berlin fallen.

Derweil streuen seine drei Jazz-Musiker Matthias Herrmann, Marc Fantini und Keith O'Brien an Cello, Schlagzeug und Gitarre ein paar lauschige Mitternachtsbarmusiken ein. Ein großer samtweicher Schleier aus Entspanntheit senkt sich über die Bühne (von Claudia Rohner), die mit ihren im Halbrund zum Podest ansteigenden Treppen wie ein riesiger Roulette-Kessel anmutet. Irgendwo da muss das angefangen haben, dass Vontobel seinen Spielern bei jeder erdenklichen Szene sagte: bleibt cool, ganz chillig, ganz laid-back. Und dann sind sie vor lauter Entspanntheit reihum eingeschlafen und nicht mehr rechtzeitig zur Premiere aufgewacht.

Im Sündenpfuhl Berlin
Es kann natürlich auch alles ganz anders gewesen sein, und Vontobel, der eigentlich auch an schwächeren Abenden immer noch eigenwillige, inspirierende Deutungen aufflackern lässt, hat einfach kapituliert vor dieser ultraschlanken Romanadaption, die John von Düffel aus Hans Falladas gut tausendzweihundert Seiten dickem Opus Magnum "Wolf unter Wölfen" gewonnen hat.

Wolf3 560 ArnoDeclair hThe Show must go on: "Wolf unter Wölfen" © Arno Declair

In Ticker-Manier handelt von Düffel einige Schicksale des Buches ab: Wolfgang Pagel, ein besessener Glücksspieler, und seine Geliebte Petra Ledig, eine ehemalige Gelegenheitshure, kämpfen im Inflationsjahr 1923 im Sündenpfuhl Berlin ums Überleben. Als Petra unschuldig inhaftiert wird, trennen sich ihre Wege für mehrere Monate. Gemeinsam mit zwei Weltkriegskameraden, dem Rittmeister von Prackwitz und dem Oberleutnant Studmann, begibt sich Pagel auf des Rittmeisters Gut nach Neulohe, wo man sich in landwirtschaftlicher Verwaltung übt. Eine kleine Eifersuchtsgeschichte um Studmann und die Frau des Rittmeisters Eva von Prackwitz wird auch nicht vergessen.

Wölferl ohne Wölfe
Was fehlt, ist eigentlich alles, was eine theatrale Fantasie entzünden könnte: Die Entwicklungsgeschichte auf dem Lande, ja überhaupt jedwedes szenische Futter fällt für Pagel in Ermangelung aller relevanten Frauenfiguren aus (entsprechend hatte Ole Lagerpusch wohl selten so verloren eine Rolle – im wahrsten Sinne des Wortes – durchzustehen). Historische Bezüge rund um rechte Putschbestrebungen gegen die Weimarer Republik sind auf ein Minimum eingekürzt. Nirgends gibt es eine Spur von dem Bizarren, Erotischen, Manischen, Wahnsinnigen, Dunklen, Triebhaften, das Falladas breites Gesellschaftsporträt in der Krisen-Ökonomie ausmacht. Das ist eine Romanschrumpfung sondergleichen: Wölferl ohne Wölfe.

Nur ein Beispiel aus dem Buch: In dem Berliner Hotel, in dem Studmann anfangs arbeitet, taucht eines Tages ein irrer Baron von Bergen auf, zückt einen Revolver und fordert Angestellte auf, sich rückhaltlos mit Sekt und Kognak zu betrinken. Die Geiselhaft strebt auf eine aberwitzige Orgie zu. Nur Studmann kämpft als korrekter Angestellter gegen den Rausch an, um den durchgedrehten Baron zu überwältigen. Später wird er trotzdem wegen ungebührlichen Verhaltens entlassen. Bei Vontobel und von Düffel bleibt von dem ganzen Treiben ein anlasslos trunkener Studmann (Matthias Neukirch) im Arm des Rittmeisters (Peter Jordan). Wie Männer halt so torkeln, manchmal.

Regen aus Papiergeld
Roulette-Szenen werden wie in Vollnarkose dargeboten, als wollte man das radikale Gegenangebot zum irisierenden, fiebrigen Spieler von Frank Castorf an der Volksbühne schaffen. Intime Szenen zwischen Pagel (Ole Lagerpusch) und Petra Ledig (Meike Droste) rattern auf Maximalabstand – komm du mir nicht zu nah, ich tu dir auch nichts. Gleichsam aufs Dramaturgen-Stichwort regnet es Papiergeldmassen.

Einzig und allein Katharina Marie Schubert verweigert sich der Ödnis und funkelt mit jedem ihrer Auftritte. Schon im Prolog gibt sie eine hinreißende Kurzchronik der Inflation mit französischem Akzent und unnachahmlicher Ich-kann-nichts-dafür-Jungmädchenkoketterie. Danach wirft sie sich in die Chargenrollen diverser Dirnen im Glitzerkleid mit ungebremstem Revue-Furor (stimmt, es sollte ja eigentlich eine Inflations-Revue werden!). Nach der Pause zaubert Schubert dann ihre schillernde Eva von Prackwitz so locker und bissig hervor, so kühl taktierend, wenn sie es für die Männer wie Verführung aussehen lässt, so abgebrüht, als sie ihrem mittelmäßigen Gatten sagt: "Warum sollte ich tun, was du für richtig hältst, wo du doch alles, alles falsch machst?" Das, wenigstens das, ist abgründig. Und abgründig sollte es ja auch sein, das Theaterspiel und das Glücksspiel, von dem es heißt: "Das Spiel ist ein unerbittlicher Gott, es verlangt völlige Aufmerksamkeit, nur wer sich ihm restlos hingibt, dem schenkt es Himmel und Hölle."

Wolf unter Wölfen
Eine Inflationsrevue

nach dem Roman von Hans Fallada für die Bühne bearbeitet von John von Düffel

Regie: Roger Vontobel, Bühne: Claudia Rohner, Kostüme: Tina Kloempken, Musik: Keith O'Brien, Live-Musik Marc Fantini, Matthias Hermann, Keith O'Brian, Dramaturgie: Anika Steinhoff, John von Düffel.

Mit: Ole Lagerpusch, Meike Droste, Peter Jordan, Matthias Neukirch, Isabel Schosnig, Christoph Franken, Katharina Marie Schubert
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Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Tobi Müller findet in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio (19.4.2013) am Ende bleibe "ein Alp" zurück, eine Gesellschaft unter Schuldendruck, wie wir sie selber kennten. Die Hauptdarsteller spielten erstaunlich zurückhaltend. Peter Jordan spiele in der Revue die Tragik mit, das mache sehr viel Spaß. Der Tanz auf dem Vulkan werde im Bühnenbild und auf der Szene buchstäblich vorgeführt. Seltsamerweise allerdings lande der Abend zwischen den sehr schönen, überzogenen, revuehaften Szenen immer, wenn er Schlüselszenen des Romans nachspielen wolle, bei realistischem Küchenspiel, das den Abend erheblich beschwere. Der zweite Teil sei der stärkere, wenn der Glaube, auf dem Land könne man der Krise entkommen, zusammenkrache.

Sabine Prieß stellt die Inszenierung im "Kurz-Check" auf rbb-online, der Website des Rundfunk Berlin Brandenburg (19.4.2013) vor: Ohne "ganz große Showeffekte" gelinge es den Schauspielern samt Musikband, "durchgängig großes Kino zu erzeugen". Ole Lagerpusch und Meike Droste blieben zunächst "unauffällig", erst nach und nach fingen sie an zu leuchten. Das täten Peter Jordan, Matthias Neukirch, Katharina Marie Schubert von Beginn an. Beeindruckend in "seiner Körperlichkeit" und seiner an den Sänger Meat Loaf erinnernden Darbietung sei Christoph Franken. Die Musiker zeigten die "große breite Bandbreite" ihres Könnens, die Schauspieler, allen voran Katharina Marie Schubert, wüssten "Gesangseinlagen stimmig einzusetzen". Die Kostüme seien "schlicht, aber wirkungsvoll", die Inszenierung schaffe es, "das Jahr 1923 als Parallelwelt zu 2013 auferstehen zu lassen".

Durchaus interessante Fragen, die am Anfang der Inszenierung gestellt werden, so Volker Corsten in der FAZ Sonntagszeitung (21.4.2013). Nämlich: Was tun, wenn ein Land plötzlich mit Geld geflutet wird und normale Arbeit praktisch sinnlos? Wenn nur noch Glücksspiel und Spekulation Rettung versprechen? "Man mag Roger Vontobel vorwerfen, dass er das Anfangsversprechen nicht ganz hält, sich nicht entscheiden mag zwischen Revue und Realismus, auch bemängeln, dass er Figuren wie Themen streckenweise aus dem Auge verliert." Auch halte der Regisseur sich vielleicht allzu brav an die Vorlage, "man kann aber auch sagen, dass Vontobel und sein sehr waches Ensemble ziemlich sauber herausarbeiten, wie das Spiel läuft, wenn nichts mehr geht. Kein schlechter Einsatz."

Als "Fallada-inspiriertes Nummernprogramm", das "wenig Wert auf Komplexität legt", erscheint dieses Inszenierung Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (22.4.2013). Der Abend könne "als Skizze durchgehen. Kein Wurf, aber ein Entwurf." Im ersten Teil hätten Schauspielerinnen wie Isabel Schosnig als Mutter und Meike Droste als Petra Ledig, "keine Gelegenheit, spielerisch zu Potte zu kommen"; dagegen dürfe Katharina Marie Schubert "gleich dreifach voll aufdrehen. Wie ungerecht!" Eine Revue kann der Kritiker nicht recht ausmachen. Man müsse anderthalb Stunden warten, bis der "irgendwie übellaunige, weil unterbeschäftigte Ole Lagerpusch als Pagel ins Mikrophon schreit". Die "ländlich-harmlose Dreiecksgeschichte" im zweiten Teil biete dann immerhin "Anlass für Verhaltensauffälligkeiten, die die Schauspieler allerdings höchst amüsant, fast schon boulevardesk auskosten. Das macht auch dann noch Spaß, wenn man gar nicht mehr weiß, wozu man eigentlich gebeten ist."

Andreas Schäfer vom Tagesspiegel (22.4.2013) erblickte an diesem Abend "einen überdimensionalen Roulettekessel (...), auf dessen Rand eine Drei-Personen-Combo swingt, dazu ein halbes Dutzend Schauspieler, das drei Stunden lang die Quadratur des Kreises probiert. Einerseits Fratzenziehen, Um-die-Wette-Berlinern und Herumrasen auf dem Rund des Vulkans, um einen Zipfel des Wahnsinns zu erhaschen. Andererseits spielen sie in simplen Szenen die von John von Düffel eingedampfte Geschichte nach." Dieses Verhältnis "zwischen dem Gruppentoben, das der Gesellschaftstotalen im Roman entsprechen soll, und kammerspielartigen Szenen stimmt nicht". Vielmehr zeuge die Inszenierung "von der Mühe, die es kostet, ein Sittengemälde zu malen und gleichzeitig einen Doppelplot um die Liebe zwischen Wolfgang Pagel und Petra Ledig sowie die gescheiterte Rettung eines brandenburgischen Guts nachzupuzzeln".

Im "Kältestrom des epischen Romanaufsagens" sieht Lothar Müller von der Süddeutschen Zeitung (22.4.2013) die Schauspieler an diesem Abend. Einzig Katharina Marie Schubert löse in ihren diversen Auftritten das Versprechen auf eine Revue ein. Der Rest sei "ein provinziell wirkendes Volksstück", das "die Leere nach dem Abgang der großstädtischen Revue" fülle. Die Regie habe "keine eigene Formidee" wie sie "dem Roman theatralisch Paroli bieten könnte". Vielmehr rühre sie "einen Kessel Buntes an, statt es mit dem fiebrigen Glanz der Krise und der Macht der Null aufzunehmen, die in Falladas Roman den Petrus-Felsen des Melodrams unterspülen".

"Totale Pleite!", stöhnt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.4.2013). Bodenlos sei, was Regisseur Roger Vontobel mit Fallada anstelle: "Grässliche Belanglosigkeiten, geschmacklosen Unfug, dreistes Gunstgewerbe – und alles ohne Sinn, Verstand und irgendeine Antwort auf die Frage, was er mit seinem kunstfernen Treiben bezweckt." Dramaturg John von Düffel, "dessen halsbrecherische Genre-Wechsel regelmäßig böse platzen", kriegt für diese Romanadaption auch sein Fett weg. Das Ganze sei "zum Weinen, wäre es nicht extrem zum Gähnen".

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