Mit dem Rentner-Chor in den Untergang 

von Susann Oberacker

Hamburg, 12. Dezember 2007. So was! Da wird uns ein west-östlicher Zusammenprall angekündigt, und dann bekommen wir wieder nur die Hälfte. Einen amerikanischen und einen russischen Text hatte sich Angela Richter für den dritten Teil ihrer Trilogie "Die Schönen und Verdammten" gesucht: F. Scott Fitzgeralds gleichnamiger Roman sollte auf Anton Tschechows "Der Kirschgarten" treffen. Doch dazu kam es nicht. Der Russe gewann bereits im Probenprozess. Und so gab’s auf Kampnagel, in der Fabrik für freies Theater, Tschechow pur – neu angerichtet von Angela Richter.

Die Regisseurin, im "Nebenjob" Leiterin des kleinen Theaters Fleetstreet, gehört in der Hansestadt gemeinsam mit ihrem Mann, dem Erfolgsmaler Daniel Richter, zur künstlerischen Elite. Dritter in diesem Bohème-Bunde ist der Hamburger Maler Jonathan Meese, der für die ersten beiden Teile der Richter-Trilogie die Bühnenräume kreiert hat – 2005 für "Magic Afternoon" von Wolfgang Bauer und 2006 für "Verschwör dich gegen dich" nach dem Film "Love Streams" von John Cassavetes.

Im Netz der Vergangenheit

Diese künstlerischen Partnerschaften sind für die Inszenierungen von Angela Richter ebenso bedeutsam wie die Zusammenarbeit mit dem Musiker Dirk von Lowtzow von "Tocotronic": Unverwechselbare theatralische Gesamtkunstwerke sind das Ergebnis.

Meese hatte diesmal keine Zeit. Also hat Steffi Bruhn das Ausstattungskonzept entworfen. Umgesetzt haben es Christiane Blattmann und Holger Duwe (Bühne) sowie Andrea Polewka (Kostüme). Herausgekommen ist eine Art Spinnennetz, in dem ausgestopfte Tierköpfe und Schädel hängen.

Hier verstricken sich Tschechows Figuren anschaulich in der Vergangenheit, um dort förmlich zu erstarren. Das Motiv der Lethargie soll dabei die Russen der Jahrhundertwende mit dem modernen Menschen der westlichen Wohlstandswelt verbinden und gleichzeitig die Klammer sein, die alle drei Stücke der Trilogie zusammenhält. Die Aktualität des Tschechow-Dramas ergibt sich damit quasi von selbst.

Und so lässt es Angela Richter auch ganz klassisch beginnen: Lopachin (Yuri Englert) und Varja (Kristina Brons) warten auf die Rückkehr der Gutsbesitzerin Ranevskaja (Oana Solomon). Zwei, die nicht so ganz dazugehören. Er ist zwar ein reicher Kaufmann, stammt aber von Leibeigenen ab. Und sie ist die "arme Verwandte", die Pflegetochter der Ranevskaja. Sie tritt gemeinsam mit ihrer leiblichen Tochter Anja (Eva Löbau) und ihrem Bruder Leonid (Christoph Theuß) aus einem grellen Nichts in den Spinnenwebenraum.

Schnaps und Schnorrer

Dass mit der Familie nicht mehr viel los ist, sieht man auf den ersten Blick: Bis auf Lopachin tragen alle Unterhosen. Sie bemerken weder diese Lächerlichkeit noch die Krise, in der sie stecken – der Kirschgarten ist ein Verlustobjekt, die Familie verschuldet, das Anwesen zur Versteigerung ausgeschrieben. Und nun?

Angela Richter stellt zwei Lebensentwürfe deutlich gegenüber: Hier der rastlose Lopachin, der als einziger vorausschauend eine Lösung aus der Misere sucht und findet; dort die dümmlich-arroganten Geschwister Ranevskaja und Leonid, die nichts sehen, nichts hören und nichts tun, aber viel reden. Warum, bitte, sollte man sich in Bewegung setzen? "Denn sterben muss man ja doch."

Also feiern sie den Untergang – mit Alkohol, Knabberzeug und einem Rentner-Chor, der die Rocksongs von "Tocotronic" auf seine Weise interpretiert. Ab und an geht mit Angela Richter dabei der Schalk durch, wenn etwa die Rentner als "Schnorrer" rausgeschmissen werden: "Jeder kriegt noch’n Keks, und dann ab in die Busse." Ein älterer Herr nahm das in der Premiere zum Anlass, den Saal zu verlassen.

Kammerspieldichte und Gegenwartsbezug 

Weitere Abgänge gibt es nicht zu vermelden. Denn der Rest ist ordentlich ernsthaftes Schauspieltheater. Mit einem bestens besetzten Ensemble, an dessen Spitze Oana Solomon und Yuri Englert stehen. Ihnen gelingt es, nicht in Sentimentalität zu verfallen, sondern amüsiert Distanz zu wahren, ohne ihre Figuren zu verraten.

Dennoch, braucht man diesen x-ten "Kirschgarten" überhaupt? Aber ja doch! Denn Angela Richter zeigt mit Tschechows Stück aus dem Jahre 1904 wie frau modernes Theater im Jahre 2007 macht: Sie hat das Werk auf 100 Spielminuten zusammengerafft und die Personage von zwölf auf sieben reduziert. So entsteht eine Dichte von kammerspielartiger Qualität. Gleichzeitig verzichtet die Regisseurin auf eine platte Aktualisierung, sondern schafft allein durch das zeitgemäße Spiel den selbstverständlichen Bezug zur Gegenwart. Und so geht Tschechow uns (wieder) an.

Die Schönen und Verdammten 3: Der Kirschgarten
von Anton Tschechow
Regie: Angela Richter, Ausstattungskonzept: Steffi Bruhn, Bühne: Christiane Blattmann, Holger Duwe, Kostüme: Andrea Polewka. Mit: Yuri Englert, Eva Löbau, Oana Solomon, Christoph Theußl, Kristina Brons, Antonia Holfelder, Tammo Winkler.

www.kampnagel.de


Kritikenrundschau

Im Hamburger Abendblatt (14.12.2007) schreibt asti, dass man die "üblichen Verdächtigen der Kunst- und Popszene der Hansestadt" selten "so einträchtig vereint" sah. "Alle wollten sehen, wie Angela Richter, hochgelobte und engagierte Hamburger Regisseurin und Künstlerische Leiterin des kleinen, feinen Fleetstreet-Theaters, Tschechows 'Kirschgarten' auf Kampnagel zerlegte." Und was sahen die Zuschauer? "Statt eines Bühnenbildes ragt eine gewaltige Installation aus aufgespießten Jagdtrophäen", heißt es, "dazwischen lümmlt sich das...Personal in warmer Unterwäsche und Wollpulli. Der Umgangston ist rüde." Die exaltierte Gutsbesitzerin Ranevskaja würde von Oana Solomon fast schon als Volksbühnefurie gegeben. Insgesamt, so die nicht sehr lange Kritik, "von Psychologie keine Spur", "stattdessen eine sinnleere Party zu dekorativer Chormusik von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow. Zu wenig für einen Kunst- und Theaterabend".

Laut einer ebenfalls mit Kürzel (nämlich mju) versehenen Kritik in der Welt Hamburg (14.12.2007) wollte Angela Richter den Tschechow-Text "verschlanken, straffen, entkernen, wie sie uns in schönstem BWL-Sprech im Programmheft wissen lässt". Das sei ihr aber zum Glück nur teilweise gelungen, und so habe der Abend starke Momente. "Immer wenn die Regie den Schauspielern und der Vorlage vertraut, wird es im schwarzen Bühnenraum spannend." Trotzdem auch Unzufriedenheit vom Rezensent: "Trofimows Rat an Lopachin, 'nicht soviel mit den Armen herumzufuchteln', lässt sich auch aufs Inszenieren beziehen". Unklar, wer da gefuchtelt hat, die Regiesseurin oder die Schauspieler?

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