Lady's Show

von Nikolaus Merck

Berlin, 3. Mai 2013. Zuerst kommen die Kastanien, die blühen noch nicht, neigen sich aber maiengrün über Haus und Gäste. Dann das gläserne Behältnis, Fritz Bornemanns Festspielhaus, 1963 eröffnet von Erwin Piscator. So alt ist auch das Theatertreffen, "in seinen besten Jahren", sagt Minister Bernd Neumann, der gute Bernd, der der Kunst in Deutschland das Geld beschafft, wenn die Städte wieder mal klamm sind.

Oberender über den Wert der Institutionen

Das Geld ist auch das Kernthema von Thomas Oberender, Hausmeier bei den Berliner Festspielen und angenehm intellektuell und g'schamig und überhaupt nicht großkotzig, worüber wir froh sind. Also das Geld und die Institutionen, die wir früher kritisierten, deren Wert zu schätzen wir nun lernen müssten, denn die Institutionen sind die Forts im Treibsand der Krise. Sozusagen. Ohne die Kulturstiftung des Bundes etwa, Institution par excellence, gäbe es nämlich alsbald kein Geld mehr für die Projekte, aus denen die Kunst heutzutage meistenteils bestünde. Nur müssten wir das noch lernen und die Geldgeber genauso, die nämlich den Institutionen Projektgeld in völlig andern Dimensionen, vulgo: viel mehr, zuteilen müssten.

Das Feste fällt und vergeht, dem Volatilen gehört die Zukunft. Von der Hand in den Mund, die Existenzweise der Freien, wird bald für noch viel mehr Künstler als bisher zur Geschäftsgrundlage werden. Unkentöne höflich verpackt, aber unüberhörbar. Der Mann Oberender weiß, was die Stunde geschlagen hat.

Leere Flächen, hartes Seitenlicht: Thalheimers "Medea"

Danach Medea. Regie: Michael Thalheimer. Aus den Institutionen geboren. Stadttheater als Leistungsschau. Wuchtig. Große Flächen, leer, hartes Seitenlicht, Kostüme gerne aus dem Laden für Trenchmode. Flache braune Schuh beim Frauenchor, Bettina Hoppe als One Woman Show, wie weit kann eine damit laufen und wohin? Kreon kahl mit Bügelfalte und furchtsam, der Mann will König sein? Und fällt fast um vor Furcht.

medea1 560 birgithupfeld uAuf dem Felsvorsprung: Constanze Becker als Medea © Birgit Hupfeld

Jason in blau, Samt, hohe Hacken. Trotzdem kein Stenz. Eher einer, der seine Schande wegverhandeln will, die Emotionen mal beiseite lassen, schauen, was für die Familie, sprich: das gemeinsame Unternehmen, das Beste ist. Ich heirate die Königstochter, dann kannst du, Medea, dich hierzulande auch als Fremde weiter unmöglich machen, fliegst nicht raus aus dem Land, wo man Dich hasst, hütest unsere Kinder, hast ein Auskommen und alle sind zufrieden. Dieser Jason des Marc Oliver Schulze scheint seine Medea nun wirklich gar nicht zu kennen. Allenfalls schwant ihm was.

Druckvoll nach vorne: Constanze Becker

Constanze Becker spielt hoch und würdig aufgerichtet, selbst wenn sie kauert auf ihrem Felsvorsprung erst weit hinten, dann weit vorne, wenn Thalheimer mit großer Geste sein gesamtes Wand-Gebirg' von ganz weit hinten, nach ganz weit vorn chauffiert, als verschlösse hier der Hollywood-Pfauenwagen von Elizabeth Taylor-Kleopatra das Portal von Fritz Bornemans Festspielhaus. Verschlossen und verriegelt, hier kommt keiner mehr raus und Josefin Platts Amme macht – stampf, stampf, stampf – den Tritt des Schicksals dazu. Thalheimer eben. Aber dann La Becker, Medea. Ihre langen weißen Finger auf der Wand. Tragödie zeitlos. Vielleicht von Max Reinhardt her. Mit fettigem Strähnenhaar, Stiefeln, Thalheimers Orestie von 2006 lässt grüßen.

Lady Becker spielt druckvoll nach vorne, bar jeglichen Druckes. Das ist das Glück des Abends, kein Thalheimer-Gebrüll, stattdessen Konzentration aufs Wort, selbst wenn man wegnickt, selbst im Dusel des Parketts bleiben die Worte klar, präsent und nachvollziehbar. Der Regisseur arbeitet mit seinen Strichen diese Geschichte deutlich heraus. Diese Frau will sich nicht zum Gespött, niemals zum Opfer machen lassen: der Anti-Hoeneß sozusagen. La Becker spielt mit abgedämpftem Repertoire. Mal Vorstandvorsitzende mit Träne im Knopfloch beim zelebrierten Altersabschied vor den Anteilseignern. Mal Kind, dem die Fahrradkette schon wieder runtergefallen, mal Frau, bis aufs Weiße der Knöchel entschlossen, sich an ihrem Kerl und seiner Tussi zu rächen. Insoweit modern.

Tragödie ohne Götter

Jedoch dann ... jedoch dann ... verzichtet sie nicht auf das Inkommensurable ihrer Tragödie. Tragödie ohne Götter, von Menschen gemacht. Ich treffe Jason am tiefsten, wenn ich ihm die Kinder töte. Noch zweifelt sie. Fort Gedanke, weg, weg, weg! Danach nur eine Wendung des Kopfes auf ihrem Felsvorsprung, der vielleicht selbst die Tragödie ist. Dann sind Kreon und Kreusa tot, getötet durch Medeas Gift, nun muss ich die Kinder töten, selbst töten, bevor der Feind sie ermordet. Der Rest ist Geschäftsabwicklung.

Dazwischen hat Michael Thalheimer seine alte Kunst wieder gefunden. Auf den Körper der sich windenden Schauspielerin Constanze Becker projiziert er, wie weiland 2001 beim Theatertreffen im "Liliom", Piktogramme, die Geschichte einer Liebe in zwei Minuten. Bert Wrede lässt dazu das E-Klavier singen und die Gitarren kreischen. Kein Text, ein Bild, ein Film, Gefühle, die zwischen den Zeilen staken und hier nach außen projiziert werden. Überzeugend. Großer Beifall, Jubel für Lady Constanze. Ein würdiger Auftakt. Keine Abstriche.


Hier geht es zur Nachtkritik der Premiere von Medea am Schauspiel Frankfurt.

 
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