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Jenseits der Ausländerklausel

von Hartmut Krug

Berlin, 10. Mai 2013. Eben noch konnte man im Garten des Ballhauses eine echte "Stadionwurst" am Grillstand essen und im Vorraum des Theaters ein liebenswert ungelenkes Lied über die "Großen Krieger" hören, die vom Erfolg zum Misserfolg abstiegen. Von altem Glanz und neuem Aufsichtsrat wurde gesungen, und davon, dass viele Geschichten zu erzählen seien. Wenn man sich dann in den kleinen Theaterraum drängt, muss man durch den wildesten Schlamassel hindurch.

Die Leiden des Schiedsrichters

Auf offener, strahlend weißer Bühne, die sich nach hinten zur Decke hin hochwölbt wie eine Halfpipe, zappelt und schreit fast ein Dutzend Menschen in Alltagskleidung und drängt sich immer wieder ans Geländer, als wolle es ins Publikum. Lauter Streit, heftiges Gemenge: Alle sind sie hektisch, mit jeweils ganz eigenem, oft eigenartigem Bewegungsrepertoire. Man joggt, steppt oder stolpert durcheinander und gegeneinander, und zwischen "konzentriert euch", "ich war es nicht", "ich krieg das hin" und einem "ich hab das so satt" setzt sich der Schiedsrichter nur mühsam mit seiner Trillerpfeife und vielen Verweisen gegen Reklamierende durch.

Dann erzählt er, nein beschwert er sich: Warum werde er so behandelt, als Abschaum und Zielscheibe von Wut? Schon erregt sich der nächste aus der Schar: Guiseppe Rossi hat es bis die C-Jugend geschafft; seitdem er nicht mehr spielt, zahlt er keine Beiträge mehr, ist aber noch Mitglied im Verein. Und dann bekommt einer nach dem anderen aus der überdrehten Schar sein Erklärungssolo.

Der Fußballclub Türkiyemspor in gesellschaftspolitischen Wirren

Das Stück: ein Redechor der Solisten. Deren Texte sich zu einem Erklärungspanorama über die Geschichte eines "Multikulti-, Migranten, Türken- oder Kiez-Vereins" verdichten. Wer sich in den Wirrungen des Fußballvereins Türkiyemspor allerdings nicht auskennt, hat es nicht immer leicht. Denn hier äußern sich Menschen, die beim Auf und Ab des Vereins dabei waren, die Verantwortung übernommen oder sich einfach mit Ehrgeiz eingebracht haben. Im Aufsichtsrat, auf der Trainerbank, als Spieler. Keine fiktiven, sondern reale Menschen.

Liga3 560 UteLangkafel uFußballer in der Halfpipe © Ute Langkafel

So geht es in den auf Gesprächen und Interviews beruhenden Texten um Geschichte und Selbstreflexion, um Identitätssuche, um einen Rückblick auf große Zeiten und den aktuellen Niedergang eines Vereins, der Ende der 70er Jahre hauptsächlich von Migranten türkischer Herkunft gegründet wurde. Ein Männerclub, der sich geändert hat, betont Guiseppe: "Kuckst du, wir sind nicht nur Türkis, sondern alles dabei. Wir haben mittlerweile auch Frauenfußball." Ein Fußballverein in gesellschaftspolitischen Wirren, für den nach stetigem Aufstieg durch die unteren Ligen gegen die Ausländerklausel (erlaubt pro Fußballverein waren zwei) vom DFB die Formel vom "Fußballdeutschen" erfunden werden musste. Ein Verein, der schnell und oft ausländerfeindlichen und rechtsextremen Anfeindungen ausgesetzt war.

So singen alle plötzlich das Hasslied auf Türkiyemspor von der Gruppe Landser. In "Wieder mal kein Tor" wird gegen das angeblich "dümmste Team der Welt" gehetzt, in dem "die ganzen scheiß Kanaken stinken wie die Pest". Dazu passt die Erzählung von einem A-Jugend-Spiel in Hohenschönhausen, das von rassistischen Provokationen und Gewalttätigkeit bestimmt ist.

Auf der Suche

Die Szenen in dieser "Stückentwicklung" von Imran Ayata und Neco Çelik drängeln sich durcheinander wie die Spieler auf der Bühne. Ständig ein neuer Ton. Auf der Bühne eher grell und übersteuert, in den Texten witzig, betroffen, nachdenklich. Auch kabarettistisch: Wenn die Klischeefigur Angela, die sich als feministische Kämpferin vorstellt, mit einem Kurden verheiratet war und eine Tochter hat, in all ihrer stolzen Fortschrittlichkeit ihre kaum verhüllten Vorurteile ausbreitet, wird es gruslig komisch.

Dann wieder geht es um Vorstandsposten und die Vereinsleitung, um Geschäftemacherei und Ehrgeiz. Während man sich auf der Bühne an den Kragen geht oder vergeblich versucht, die Halfpipe hinauf zu gelangen, prahlt einer über seine berufliche Erfolgsgeschichte, ein anderer wirbt mit seiner Authentizität und ein dritter beteuert im Krankenhaus unentwegt, er sei nicht verrückt. Um all das zu verstehen, müsste man allerdings wissen, wer die Menschen sind, denen hier ihre Stimme gegeben wird. Klar ist nur: Der Schiedsrichter träumt davon, in Brasilien zu pfeifen. Und gegen den derzeit hoffnungslosen Zustand des Vereins richtet sich am Schluss ein kleiner Junge im Fußballerdress auf: Er zerreißt sein Shirt und steht da in kämpferisch bodybuilderhafter Imponierpose.

Die neue Ballhaus-Produktion zeigt sein neues Team weiter auf der Suche nach neuen, eigenen Formen. Wild und nicht immer überzeugend die Körpersprache, intelligent montiert die Szenen mit unterschiedlichsten Personen-Statements, ist dies ein formal doch insgesamt eher noch ungeschickt suchender Abend. Eben eine Stückentwicklung.


Liga der Verdammten
Eine Stückentwicklung von Imran Ayata und Neco Çelik
Regie: Neco Çelik, Autor: Imran Ayata, Bühne und Kostüm: Matthias Werner, Musik: Toby Dope, Video: Julia Schulz, Dramaturgie: Nora Haakh.
Mit: Mayla Arslan, Toby Dope, Friederike Harmsen, Ernest Allan Hausmann, Stefan Müller, Sami Nasser, Kida Khodr Ramadan, Celal Sert, Hasan Taşgin, Paul Wollin und Elias Çelik / Jasper Penz.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.ballhausnaunynstrasse.de

 
Kritikenrundschau

"'Die Liga der Verdammten' ist kein Stück über Fußball", meint Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung (16.5.2013), "obwohl es reale Begebenheiten aus dem Vereinsleben und reale Zitate sind, aus denen Celik und Ayata das Stück destilliert haben, das verzerrt, böse und stellenweise ziemlich witzig auf das bundesrepublikanische Leben schaut." In der "Liga der Verdammten" sei das nur ein Teil des Geplänkels, in dem es um große Träume, vor allem um die großen Träume vom Geld verdienen gehe. "Die Inszenierung hat teilweise noch nicht zu ihrem Rhythmus gefunden, die Schauspieler sind manchmal noch ihren Rollen auf der Spur, die Sache ist noch nicht ganz aus einem Guss." Aber es sei schon jetzt: "ziemlich gutes Theater."