Eineinhalbzimmerwelten

von Michael Laages

Kassel, 11. Mai 2013. Ob wohl die versammelte Dramaturgie am Staatstheater Kassel vor Jahresfrist tatsächlich den Kalender gewälzt und festgestellt hat, dass die letzte Schauspielhaus-Premiere der Spielzeit tatsächlich auf den Abend vor dem Muttertag fallen würde? Denn nichts passt besser zu diesem Feiertag wie "Hase Hase", diese "Mutter ist die Beste"-Farce der französischen Regisseurin und Dramatikerin Coline Serreau. Die war immerhin schon mal für den Oscar nominiert gewesen mit dem Kinofilm "Drei Männer und ein Baby", als sie Mitte der 80er Jahre das Schweizer Theater-Urgestein Benno Besson kennen lernte – und der zauberte die deutsche Fassung von Serreaus Bühnenerstling "Hase Hase" im Mai 1992 im Berliner Schiller Theater derart nachhaltig auf die Bühne, dass das kleine Stück fast vernichtet war: weil kaum jemand sich fortan mehr messen konnte oder mochte mit diesem Meisterstreich.

Familienstück

Um die Erinnerung an das (im doppelten Sinne) Familiendrama von vor 20 Jahren kommt bis heute niemand herum; schon gar nicht, wer damals sowohl diese Premiere als auch (mit Serreaus Nachfolge-Stück "Weißalles und Dickedumm") Bessons letztes Wort zur skandalösen Berliner Schiller-Schließung miterlebt hat. Der Schweizer Besson, vielleicht der einzige wirkliche Brecht-Schüler, inszenierte das Stück seiner damals aktuellen Lebensgefährtin Serreau (übersetzt von Tochter Marie Besson) mit der Ex-Gattin Ursula Karusseit und der Tochter der Ex-Ex-Gattin Sabine Thalbach, Katharina, sowie (unter anderem) mit deren Partner Markus Völlenklee; und die erste deutsche Begegnung mit der Fabel geriet atemberaubend politisch und komisch zugleich.

hase 4067 560 n klinger xlinks: Sigrun Schneggenburger (Mama Hase), rechts hinten: Björn Bonn (Hase Hase); Christina Weiser (Marie); Uwe Steinbruch (Vater Hase); Dieter Bach (Gérard vorne: Anna-Maria Hirsch (Lucie); Christoph Förster (Jeannot)  © N. Klinger Das passt zur Wiederbegegnung in Patrick Schlössers Inszenierung in Kassel; denn das Stück selber ist zugleich radikal einfach und halsbrecherisch vertrackt. Die Geschichte geht aus vom jüngsten Sohn der Pariser Familie Hase – der kam schon mit zwei mächtigen Nagezähnen auf die Welt; und weder Herr noch Frau Hase konnten sich vorstellen, wie und wann sie den denn noch zustande gebracht haben sollten. Kein Wunder: Er ist ein Außerirdischer, mittels der Antennen-Zähne kommuniziert er mit dem Heimat-Planeten. Wie Arthur Dent (Dent = Zahn) aus der Science-Fiction-Parodie "Per Anhalter ins All" von Douglas Adams ist er als Feldforscher einer außerirdischen Zivilisation auf der Erde im Einsatz und erkundet beispielhaft Familien- und Sozialstrukturen im Hause Hase. Kurz bevor allerdings der Weltraumschrott mit Namen "Erde" endgültig von der Sternenkarte gelöscht werden soll, wird er zurück gerufen – während bei Hases daheim nichts weniger ausbricht als Revolution und Gegen-Revolution.

Auf der Flucht

Ziemlich schief in die Eineinhalbzimmerwelt gebaut ist diese Familie – Papa ist arbeits- und das halbe Stück über ziemlich antriebslos, die beiden irdischen Söhne schmuggeln unter bürgerlicher Fassade Waffen für den kommenden Aufstand. Eine der Töchter hat sich gerade einigermaßen grundlos ("Was hat er denn gesagt?" – "Reich mir das Salz!" – "Mehr nicht?" – "Nein!") vom Gatten getrennt, die andere verweigert vor dem Standesbeamten dem Gatten in spe urplötzlich das Ja-Wort. Auf der Flucht sind sie alle, und sie alle (samt verstoßenem Beinahe-Gatten) ziehen ein in Mama Hases Mini-Wohnung; und aus dem Stockwerk drüber kommt noch die schwer durchgeknallte Madame Duperri dazu – wie im schönsten aller Marx-Brothers-Filme (in dem unübersehbare Mengen von Kellnern in eine winzige Schiffskabine hinein strömen, bis die quasi platzt) wird die in eine graue Hochhaus-Fassade hinein gezirkelte Wohnküche des Kasseler Bühnenbildes von Etienne Pluss immer voller. hasehase1 560 nklinger uvon links: Thomas Sprekelsen (Fernsehsprecher), Uwe Steinbruch (Vater Hase), Sigrun Schneggenburger (Mutter Hase), Björn Bonn (Hase Hase), Bernd Hölscher (Bébert) © N. KlingerAus dem Fernsehkasten blökt ein echter Schauspieler Regierungs- und Beschwichtigungspropaganda; und als dann die Revolution losbricht beim bombigen Raumschiff-Rücksturz des Hase-Kundschafters in die ferne Galaxie, bricht auch die komplette Kasseler Bühne mit allerlei Hydraulik und ganz viel Effekt in drei Stücke auseinander.

Wenn alle Mädchen wär'n

Inmitten des pointensatten Palavers in all dieser Überfüllung gibt's zuvor politische Statements von beträchtlicher Radikalität – nichts hilft mehr als Gewalt und bewaffneter Widerstand gegen die Welt, wie sie ist, suggeriert Serreau; das haben nicht nur die Waffenschmuggler, sondern auch der arbeitslose Papa und der außerirdische Jüngste erkannt. So weit die wie immer eher kriegerischen Männerfantasien – zum Ende allerdings lässt die Autorin die eigentliche Hauptperson, also Mama Hase, im großen Epilog noch eine ganz andere Rettung der Welt ins Publikum menetekeln: in deren Verlauf bloß alle Männer Mädchen werden müssten, damit alles besser wird. Irgendwie. Also geschieht's auf der Bühne, und die ebenso schwergewichtige wie bärtige Kasseler Statisterie tänzelt und Stöckelt plötzlich mit mächtig aufgepumpten Oberweiten, Perücke und Rock durch die Bühnentrümmer.

Große Lust und kleine Tränen zum Muttertag

Brachialen Feminismus und ruppige Revolutionsromantik hat Serreau unter das zugige Dach und ins enge Kostüm der Klipp-Klapp-Komödie gezwungen; das bleibt einzigartig und immer wieder höchst belebend und erfrischend. Auch deshalb übrigens, weil die Regie abendfüllend damit beschäftigt ist, das Stück-Maschinchen gut geölt in Gang zu halten – und wenn sich Patrick Schlösser in Kassel noch ein bisschen konzentrierter entscheiden könnte, wo (zum Beispiel) das Stück denn nun spielen soll, "daheim" in Paris oder in irgendeinem heimischen Plattenbau, wenn das sichtlich animierte Ensemble sich noch etwas selbstverständlicher im familiären Müll-Gewölbe und Sigrun Schneggenburger als Mama Hase sich noch sehr viel sicherer und weniger schlingernd durch den Text bewegen könnte, geriete ein wirklich schöner Abend in greifbare Nähe. Papa Hase (Uwe Steinbruch) macht's schon vor – sein regelmäßig völlig tonloser "N'Ahmd!"-Gruß nach wieder einem leeren Tag markiert die kompakten Sprengsätze, die in diesem Stück stecken.

hase 4432 560 n klinger xvorne: Aljoscha Langel (Hervé Dupperi), Bernd Hölscher (Bébert) hinten: Ensemble  © N. Klinger

Und die echten Jahrhundert-Passagen des Textes sind sowieso unzerstörbar – wenn etwa Mama Hase aus der Rolle tritt und (wie der Jüngste im Gespräch mit den Außerirdischen) aus einem Schlitz im Plattenbau-Vorhang von den ganz kleinen Träumen des Lebens erzählt; und schließlich das Publikum bittet, ein paar Sekunden nur um sie und ihr Schicksal zu weinen. Oder wenn schon nicht um sie, dann jeder und jede um sich selber – wer da nicht mitweint, hat wohl keine Tränen mehr.

Kassel macht große Lust, sich diesem ebenso grandiosen wie hanebüchenen Theatertext zu nähern; immer wieder, und immer irgendwie auch zu Ruhm und Lob des unvergessenen Benno Besson.

 

Hase Hase
von Coline Serreau
Deutsch von Marie Besson
Regie: Patrick Schlösser, Bühne: Etienne Pluss, Kostüme: Wiebke Meier, Musik: Wolfgang Siuda, Dramaturgie: Christa Hohmann.
Mit: Dieter Bach, Björn Bonn, Philipp Borkiewicz, Undo Christmann, Christoph Förster, Matthias Fuchs, Anna-Maria Hirsch, Bernd Hölscher, Eva-Maria Keller, Aljoscha Langel, Dankart Pankow-Horstmann, Sigrun Schneggenburger, Thomas Sprekelsen, Uwe Steinbruch, Jonas Weidemann und Christina Weiser.
Dauer: 2 Stunden und 20 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-kassel.de

 

Kritikenrundschau

Patrick Schlösser inszeniere mit viel Herz und Komik, schreibt Bettina Fraschke auf dem Online-Portal der in Kassel erscheinenden Hessisch Niedersächsischen Allgemeine (13.5.2013, "bei der Premiere am Samstag gab es immer wieder Szenenapplaus." Die Bühne von Etienne Pluss sei "wundervoll". Papa Hase werde von Uwe Steinbruch in ergreifender Melancholie dargestellt, und die Schauspieler Nachbarin Duperri glänzen auch in Nebenrollen, wie Eva-Maria Keller als Nachbarin Duperri in einem ihrer umwerfend schrägen Figurenporträts. Trotzdem ist der Kritikerin "die ganze Mama-Papa-Seligkeit" irgendwann etwas zu viel. Die Grund-Betulichkeit ist aus ihrer Sicht liebenswert, "trotzdem gerät dadurch das Tempo immer wieder ins Stocken. Szenische Straffungen hätten beiden Teilen des Abends gutgetan."

 

 
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