Demokratisches Desaster

von Leonie Krutzinna

Göttingen, 16. Mai 2013. In einer Hotelsuite feilen Pressesprecher Eddie und Redenschreiber Paul an der Parteitagsrede des Kanzlers. Gentechnik, demografische Entwicklung, Klimawandel, alles versuchen die beiden unterzubringen, denn die nächste Wahl steht vor der Tür und mit den großen Themen gilt es auf Stimmenfang zu gehen. Das Junge Theater Göttingen widmet sich mit Alistair Beatons Realsatire "Feelgood" den Machenschaften der Hinterzimmerpolitik und gibt denen ein Gesicht, die sonst als Knopf im Ohr der Mächtigen kaum hör- und sichtbar sind. Als Berater, Pressesprecher, Gagschreiber und Texter treten sie als eigentliche Strippenzieher, aber auch als Verursacher politischer Affären in den Vordergrund. Ein Stück also, dass auf der Bühne zeigt, was hinter den Kulissen passiert.

Die Hotelsuite, von der aus das Presseteam arbeitet, bietet auf der Bühne außer Tisch und Stuhl keine räumlichen Kulissen. Die Zimmereinrichtung ist auf Stellwände gesprayt und bleibt so zweidimensional. Indem sich die Wände verschieben, öffnet das Bühnenbild den Akteuren Türen oder drängt sie in die Ecke und lässt auf diese Weise Raum zur Selbstinszenierung. Allen voran Eddie mit grau gelockter Allongeperücke, die ihn legitimiert zu richten.

felgood 9546 560 clemens eulig xMit Feelgood-Faktor © Clemens Eulig

Das Handy ständig am Ohr schaltet er sich in die Parteitagsdebatte und gibt den Abgeordneten per Knopf im Ohr Anweisungen oder nutzt seine Medienkontakte, um die 20-Uhr-Nachrichten zu manipulieren. Nach dem Motto "Feind, Todfeind, Parteifreund" bleiben auch die ihn umgebenden Mitstreiter nicht vor ihm verschont. Der Kollegin greift er zwischen die Beine, sobald sie zu selbstbewusst auftritt; einem anderen traut er nicht zu, einen Skandal zu erkennen, selbst wenn er ihm "mit dem Arsch ins Gesicht springt".

Illegal genmanipulierter Hopfen

Doch schon in der ersten Szene sitzt die Perücke schief und auch die weiße Weste ist bei Eddie wie beim Rest der Texter beigegrau verfärbt. Die böse Vorahnung mündet in einem "Tatbestand, der die Partei für die nächsten anderthalb Jahrhunderte unwählbar macht": Das Landwirtschaftsministerium hat illegal genmanipulierten Hopfen angebaut, der versehentlich in den Lebensmittelkreislauf gelangte, nämlich ins Bier. Das hat hermaphroditische Folgen, die sich bei aller Kreativität der Redenschreiber kaum noch als strategische Gleichstellungspolitik schönreden lassen.

Unruhe macht sich unterdessen nicht nur in der Hotelsuite bemerkbar. Per Videoinstallation schaltet Regisseur Tim Egloff die Parallelhandlung aus den Hinterkulissen live dazu. Zum Beat von Deichkinds Remmidemmi schnürt das Volk die Boxerstiefel. Zwar hat es keinen Text, doch einen Namen: Pablo und Carrera. Die Videoeinspielungen funktionieren, indem sie die völlig übertrieben schauspielernde Politikerwelt für einen Moment mundtot macht und die andere Welt zeigt. Egloff erteilt denen ein Rederecht, die es von der Politik nicht bekommen. Sie sagen Mindestlohn, Migrationshintergrund, Asylpolitik oder Arbeitslosigkeit. Die Kameraführung bleibt dabei unruhig, das Bild verwackelt, sodass das Stück Klischees umschifft und doch Position bezieht. Gerade diese Passagen geben Egloffs Inszenierung, im Kontrast zur Wortakribie der Texter, ihren Feelgood-Faktor und pointieren: Das Bild spricht, während das Wort schweigt.

Draußen das Volk

Es geht in Egloffs gelungener Inszenierung um Räume, ums drin Sein und außen vor Bleiben und es geht ums Reden und ums Meinen. In diesem Setting gibt es noch eine Figur, die als einzige Asylpolitik und Mindestlohn nicht nur sagen, sondern auch aussprechen kann. Eddies Exfrau und Investigativjournalistin Lisa schreibt für die taz und Neues Deutschland und repräsentiert - wie sie so durch ihren rosaroten Haarpony guckt - den Typus runtergewirtschaftete Weltverbesserin. Gerade sie deckt die Hopfenaffäre mit Nebenwirkungen auf. Mit allen Mitteln gilt es nun, sie zum Schweigen zu bringen.

"You can't always get what you want", nach 90 minütiger Polit-Show endet der Parteitag mit den Rolling Stones. Die letzte Szene gehört Pablo und Carrera, in pinken Leggings und Kittelschürze, als Putzfrau und schmächtiger Kampfsportler treten sie unverpixelt aus dem Video heraus auf die Bühne. Egloff gibt ihnen nun Gesicht und Körper, so heben sie sich vor den komödiantisch-übertrieben ausstaffierten Redenschreibern als authentische Charaktere ab.

Pablo und Carrera lauschen der Rede des Kanzlers, einer Rede über Gentechnik, demografische Entwicklung und Klimawandel. Die Videoleinwand projiziert erst als Nahaufnahme, dann aus der Totalen den Berliner Reichstag. Pablo und Carrera stehen ehrfürchtig vor der Fassade: Das Volk muss leider draußen bleiben.

Feelgood
von Alistair Beaton, aus dem Englischen von Andreas Pegler
Regie: Tim Egloff, Bühne und Kostüme: Janine Werthmann, Video: Nils Gritz, Dramaturgie: Andreas Döring.
Mit: Dirk Böther, Philiip Leenders, Jan Reinartz, Elisabeth-Marie Leistikow, Constanze Passin, Gintas Jocius, Sascha Werginz, Matthias Leja.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.junges-theater.de

 

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Kritikenrundschau

"Eine gelungene, bitterböse Inszenierung mit einem souverän spielenden Ensemble" hat Marie Varela für das Göttinger Tageblatt (17.5.2013) erlebt. Egloffs Inszenierung ziele "auf das Fassadenhafte des Politzirkus ab"; dabei bleibe das Lachen "im Halse stecken, denn 'Feelgood' ist vielleicht eine Parodie der Wirklichkeit, greift aber unmissverständlich Politskandale wie den um Christian Wulff und andere auf und damit die Frage: Was sind das für Menschen, von denen wir regiert werden?"

"Wermutstropfen" bleiben für Hannah Becker von der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung (21.5.2013) nach dieser Inszenierung zurück. Zwar besitze sie "Glanzmomente", als da wären: "Die Skrupellosigkeit" des Protagonisten Eddie, "mit der er es schafft, haarsträubende Skandale so zu verdrehen, dass sie als salbungsvoll vorgetragene Rede plötzlich niemanden mehr empören, die Machtlosigkeit der letztlich doch seinen Versprechungen erliegenden Lisa – all dies hat Egloff einwandfrei umgesetzt". Allerdings es auch so, dass nicht "jeder Gag landet, nicht jede Überzeichnung wäre nötig. Dem permanent brüllenden Eddie würde ein wenig mehr ruhige Kälte gut stehen, und der nur wenig ausgeprägten Intelligenz Georges wäre das Publikum sicherlich auch ohne die eine oder andere Fremdscham-Szene auf die Spur gekommen".

 

 
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