Einsame Frauen

von Elisabeth Michelbach

Coburg, 19. Mai 2013. Leere Reihen bei einer Premiere? Gehen wir zu Gunsten des Coburger Publikums davon aus, dass das Gewitter, welches sich am frühen Abend zusammengebraut hat, es vom Theaterbesuch abhielt. Anders scheint es kaum zu erklären, dass die Coburger den jungen Regisseur Michael Götz, der sich mit Inszenierungen im Hofbräuhaus, dem Landgericht und der Reithalle einen Namen gemacht hat, nun ausgerechnet bei seinem Einzug ins große Haus im Stich lassen. Kurz vor seinem Abschied als festes Ensemblemitglied inszenierte Götz dort Gerhart Hauptmanns "Einsame Menschen".

Man sieht dem 31-Jährigen den Bob Wilson an, bei dem er am Berliner Ensemble assistierte, bevor er 2010 nach Coburg kam: Götz knüpft mit Tableaus und tänzerischen Elementen an die Formsprache des amerikanischen Regisseurs an. Auch Ditteke Waidelichs sparsam möblierter schwarzer Bühnenraum, in dem die Figuren immer wieder scherenschnittartig in Szene gesetzt werden, verleugnet den Großmeister nicht. Und doch ist Götz' Regiearbeit eigenständig.

Zwischen Barock und Prêt-à-porter

Schon die Wahl des Stücks: Das 1891 uraufgeführte Drama wird selten gespielt. In Götz' Regie stolpert auch nur kurz Hauptmanns naturalistisches Sozialdrama samt Säuferschicksal und Berliner Schnauze in Gestalt einer Nachbarin (Philippine Pachl) herein. Ansonsten erinnert das Stück eher an die psychologischen Abgründe, die Henrik Ibsen für die (weiblichen) Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft bereit hält: Von ihrem unreifen Ehemann vernachlässigt, muss Käthe Vockerat mit ansehen, wie dieser sich in die junge Studentin Anna Mahr verguckt.

einsame-menschen 280 henning-rosenbusch© Henning Rosenbusch

Götz zerrt das Stück nicht in die Gegenwart, sondern vertraut auf seine zeitlose Geschichte. Begünstigt wird diese Entscheidung von Imke Paulicks Kostümen, die echte Theaterkostüme sind: Als stilisierte Kleidungsstücke, die man eben nicht jenseits der Bühne tragen würde, verbinden sie Elemente des 19. Jahrhunderts mit gegenwärtigem Prêt-à-porter und schärfen mittels Farbsymbolik und Stofftexturen die Figurenzeichnung.

Die Inszenierung beweist so einen wohltuenden Mut zum Theater, seinem Text und seinen Mitteln. Einzig der Griff in die Trickkiste der Theatermaschinerie beim Umfallen des Baumgerippes im Bühnenhintergrund wirkt dick aufgetragen. Dem Ensemble hingegen gelingt von Beginn das Bild eines gebrochenen bürgerlichen Idylls am Müggelsee.  

Crux mit der Verantwortung

Der neurotische Geistesarbeiter Johannes Vockerat (Frederik Leberle) tyrannisiert seine junge Frau Käthe und seine Eltern mit seinen Launen. Leberle spielt Vockerath als empfindsamen Choleriker, der weder Bürger wie sein Vater (Thomas Straus) noch Bohemien wie der Maler Braun (Sebastian Pass) sein will und dessen Boshaftigkeit sich umgekehrt proportional zur Herzlichkeit seiner Familie verhält. Auch seine Frau Käthe, gespielt von Sandrina Nitschke, fällt es schwer, ihre neue Rolle als Mutter und Dame des Hauses zu erfüllen, zumal auch Vockerats Mutter (Kerstin Hänel) um diese Position buhlt.

Anders als Johannes aber, ist Käthe bereit Verantwortung zu übernehmen und versucht, den vielfachen Ansprüchen, die an sie gestellt werden, gerecht zu werden. Käthe ist bei Götz der wahrhaft und einzige "einsame Mensch" des Stücks, den Nitschke zwischen Verletzlichkeit und Stärke meisterlich interpretiert.

Midlife-Crisis

Als die Studentin Anna Mahr (Anna Staab) diese negative Idylle betritt, erobert sie Johannes weniger dank ihres emanzipierten Auftretens, sondern weil sie als Projektionsfläche eines Egozentrikers mit verfrühter Midlife-Crisis fungiert.

"Ich fühle, dass ich etwas war – durch Sie!", sagt Johannes ihr zum Abschied. Konsequenterweise lässt Götz seinen Johannes vor dem dramatisch angekündigten Selbstmord kapitulieren – schließlich hätte er ja nichts mehr davon. Käthe sitzt derweil hoffentlich schon mit Ibsens Nora beisammen. Hauptmanns Stück ist in jedem Fall eine Entdeckung. Und auch wenn Michael Götz wohl in der nächsten Spielzeit für eine Produktion nach Coburg zurückkommen wird: Liebe Coburger, die nächste Vorstellung ist am Donnerstag.


Einsame Menschen
von Gerhart Hauptmann
Regie: Michael Götz, Bühne: Ditteke Waidelich, Kostüme: Imke Paulick, Lichtgestaltung: André Fischer, Dramaturgie: Georg Mellert.
Mit: Kerstin Hänel, Frederik Leberle, Sandrina Nitschke, Philippine Pachl, Sebastian Pass, Anna Staab, Thomas Straus.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause.

www.landestheater-coburg.de

Mehr zu Einsame Menschen: Nora Schlocker inszenierte das Hauptmann-Stück im November 2011 in Düsseldorf, Friederike Heller im September 2011 an der Schaubühne Berlin, Julia Hölscher im Mai 2011 in Dresden, Amina Gusner in Altenburg-Gera.

 

Kritikenrundschau

Götz' Inszenierung zeige, welche "Relevanz und Spannung der bewährte Konfliktstoff birgt, wenn er denn mit psychologischem Besteck seziert und mit Inspiration und Präzision auf die Bühne gebracht wird", schreibt Dieter Ungelenk in der Coburger Neuen Presse (21.5.2013). Das Publikum werde von einer "konzentrierten, atmosphärisch dichten Inszenierung" in den Bann geschlagen. "Ohne Modernismen zu strapazieren oder in Klischees waten", erzählen die Akteure "eine zeitlose Geschichte vom Konflikt zwischen Verantwortung und Selbstentfaltung", wobei die Figuren in einer "kollektiven Vereinsamung" gefangen seien. "Die Action findet in den Köpfen und Herzen statt, es ist ein Seelenbeben, das in Worten, Blicken, Gesten sehr kontrolliert wütet."

 

 
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