Stelzen, winden und schrullen

von Esther Slevogt

Berlin, 15. Dezember 2007. Das Bühnenbild ist schon mal hinreißend! Ein grüner, geometrischer Tunnel, über und über mit efeuartigem Gepflänz bewachsen, das allerdings nirgends wuchert, sondern immer hübsch auf gleicher Höhe bleibt. Ein schattiges, aber auch etwas eintöniges Gartenreich, das von lauter Gräben und Gassen durchzogen ist, die sich ideal für rasche, manchmal zauberhafte Auf- und Abtritte eignen. Und keine Blume, nirgends! Nur sattes, aber eben auch irgendwie ödes Grün, dessen Wände alles Geräusch, und, wie man befürchten muss, auch alles Leben ersticken und dessen labyrinthische Anlage wohl auch keinen Ausgang in die Wirklichkeit weist.

Trockenmenschen
Bettina Meyers Bühnen-Park wird von allerlei vertrockneten Gestalten bevölkert: einem trotz seiner Jugend schon recht verbiesterten Gärtner, einem knochig-schrulligen Diener mit Zottelhaar, einem verblühten, melancholischen Jüngling, der seine Nase zwanghaft in Bücher versenkt. Und dann ist da noch ein ältliches Geschwisterpaar, das dem tristen Treiben vorsteht: Der Philosoph Hermidas und seine blaustrümpfige Schwester Leontine.

Damit wäre dann das Personal von Pierre Carlet de Marivaux' eleganter Rokoko-Komödie "Triumph der Liebe" auch schon fast komplett, die Barbara Frey im Berliner Deutschen Theater inszeniert hat. Die Kostüme von Gesine Völlm verlegen die Geschichte in ein gefühltes Biedermeier: der Philosoph in Pantoffeln und gestepptem Schlafrock, sein Ziehsohn Prinz Agis mit Vatermörderkragen, Philosophenschwester Leontine sieht mit derbem Schuhwerk und grauem Plissékleid wie eine Gouvernante aus.

In dieser Anti-Spaß-Gesellschaft, deren Glücksgipfel schon erklommen scheint, wenn man seine Notdurft im Freien verrichten kann (was der Philosoph nämlich einmal mit verklemmter Freude auch tut) und in dem ansonsten nicht nur jedes Pflänzchen sondern auch jede Emotion sorgsam gestutzt worden ist, bricht dann plötzlich das Gefühl und damit das Chaos aus.

Screwball Comedy-Liebe
Denn die etwas unwahrscheinliche Geschichte, die Marivaux erzählt, geht so: das abgeschottete Gartenreich des Philosophen Hermokrates liegt inmitten eines Königreichs, dessen Prinzessin ihre Macht einem Unrecht ihres Onkels verdankt. Der hatte den rechtmäßigen König ins Gefängnis geworfen, wo dann auch der richtige Thronerbe zur Welt gekommen ist. Dieses Unrecht will sie nun wieder gut machen, und jenen Prinzen Agis heiraten, der als Ziehsohn des Philosophen aufgewachsen ist. Und so dringt sie mit ihrer Zofe, beide als junge Männer verkleidet, in Hermokrates Garten ein, um eben jenem Agis zwecks späterer Heirat den Kopf zu verdrehen.

Aber dafür muss sie auch das gestrenge Geschwisterpaar überlisten. Nach etwa fünfzehn Minuten hat die androgyne Prinzessin Leonida also insgesamt drei verschiedenen Personen ihre Liebe erklärt, nämlich dem jungen Agis, Hermokrates und seiner Schwester Leontine, der sie als Jüngling das verschnürte Herz gelöst hat.

Und so nehmen dann die Dinge ihren Lauf. Barbara Frey hat wenig Mitleid mit den Gehörnten und spult die Geschichte nach den Regeln der Screwball-Komödie ab. Ein Wort gibt das andere, ein charmantes Witzchen jagt das nächste. Das weniger psychologisch als karikaturhaft angelegte Personal hüpft und schrullt sich allerliebst durch zwei kurzweilige Stunden. Stelzt, tänzelt und windet sich im Grün. Lehnt manchmal seufzend dagegen. Hüpft auch über die reichlich vorhandenen Abgründe des Dramas (und der verhandelten Gefühle) hinweg. Aber es muss ja nicht immer alles für die Ewigkeit sein.

Betrogen an die Wand genagelt
Die Liebesfalle ist also schnell zugeschnappt. Der Philosoph, von Robert Hunger-Bühler mit routinierter Verschrobenheit gespielt, leistet wenig Widerstand. Sein vertrocknetes Herz nimmt das unbekannte Gefühl auf wie ein Schwamm. Ebenso seine Schwester, aus deren Blaustrümpfigkeit Friederike Wagner ein kleines Virtuosenstück macht. Und erst recht der missmutige Prinz, den Matthias Bundschuh wunderbar aufblühen lässt.

Katharina Schmalenberg als Prinzessin Leonida ist alles andere als verführerisch. Sie spricht schnell, bewegt sich eckig und überrennt die Beteiligten mit ihren spröden Liebesattacken. Barbara Frey gestattet keine Berühung, keinen Moment der Leidenschaft. Hier bleibt alle Liebeskunst reine Rhetorik. Am Ende ist das Erwachen trotzdem bös: als nämlich Hermokrates, Leontine und Agis entdecken, dass ihnen von derselben Person Liebe und Ehe versprochen wurde.

Zwar hat am Ende die Prinzessin ihre Hosen abgelegt und schwebt in einem Kaufhaustraum von Kleid über die grüne Szene. Aber der Prinz, den sie wollte, fällt in Ohmnacht. Das betrogene Geschwisterpaar bleibt wie genagelt an einer grünen Wand zurück und illustriert den doppelten Boden des Stücktitels: Triumph der Liebe, das meint kein Happy End, sondern den Triumph des Gefühls über die Würde. Das wäre Stoff für eine Tragödie. Im Deutschen Theater reicht es immerhin für ein kleines Schauspielerfest.

 

Triumph der Liebe
von Pierre Carlet de Marivaux
Deutsch von Gerda Scheffel
Regie: Barbara Frey, Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Gesine Völlm.
Mit: Katharina Schmalenberg, Isabel Schosnig, Robert Hunger-Bühler, Friederike Wagner, Matthias Bundschuh, Niklas Kohrt und Gabor Biedermann.

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (17.12.2007) misst Christopher Schmidt Barbara Freys Neuinszenierung an Luc Bondys "epochaler Inszenierung" an der Schaubühne von 1985. Das Bühnenbild Bettina Meyers wirke, "als wären die gestutzten Hecken, die der Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann seinerzeit die Bühne umschließen ließ, seither immer weitergewuchert und von einem sentimentalen Theatergärtner immer mal wieder beschnitten worden". Lässt Schmidt diesen "dreidimensionalen Irrgarten" noch gelten, so befindet er, dass Marivaux' "Menschen die Jahrzehnte weniger gut überstanden" hätten, denn sie hätten sich "in ein putziges Biedermeier verirrt, und alle tragen ein Brett vor dem Kopf. Darauf geschrieben steht: Ich bin eine lustige Figur aus einem Schwank des 18. Jahrhunderts."

In der FAZ (17.12.2007) hat Gerhard Stadelmaier den Unterschied zwischen Experiment und Revue benannt: "Ein Experiment hat es an sich, dass es über Abgründen sich vollzieht. Eine Revue hat es an sich, dass sie über Gräben hüpft." Alleweil sei nun Marivaux der "kühle Gott des Experiments", am Deutschen Theater erlebe man aber seinen "Triumph der Liebe" in Barbara Freys Inszenierung als Revue. Katharina Schmalenberg als Leonida halte sich "jedwedes Berührtsein beinhart-zart und zäh-zynisch vom Leib", womit das Seelenexperiment Marivaux' abgesagt sei. "Keine Erotik. Nur Mechanik." Wo Marivaux einen Zustand schillern lasse, "da hakt man hier eine Station ab".

Im Bühnenbild Bettina Meyers sei alles "schön kunstwelthaft und kastenförmig begrenzt", meint Andreas Schäfer im Tagesspiegel (17.12.2007), die "babuschkahafte Verschachtelung des Raums als Spiegel der Zwiebel-Ichs" bringe die Themen des Stücks auf den Punkt. Trotz temporeichen Beginns verliere aber selbst dieses Bühnenbild, "je länger der nur anderthalb Stunden kurze Abend dauert", seinen Reiz: Denn: "Zu gradlinig tauchen die Schauspieler aus einem der Gräben auf und verschwinden wieder. Zu übertrieben sind die Charaktermasken gezeichnet, zu frontal stehen sich die Emotionswidersacher gegenüber." "Etwas subtiler", so lautet Schäfers Fazit, "hätte es schon sein dürfen".

Mit dieser "hübschen, klugen, spielerisch gesitteten Inszenierung" empfehle sich Barbara Frey "für ihre zukünftige Aufgabe als nur bloß nichts falsch machende Intendantin im fernen Zürich", meint Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (17.12.2007). Er schreibt vom "sauberen, flotten Ticktack" der Aufführung, von "musterhafter Komödien-Regie" und einer gezirkelt abratternden Handlung. Und auch Seidler hält Bettina Meyers Bühne, die nicht nur praktisch sei, sondern Marivaux’ Stück auch inhaltlich aufnehme, für den eigentlichen Coup des Abends: "Ein grüner, mit Kunstpflanzen bewachsener Schacht ... Wenn die leicht mitbeleuchteten Zuschauer grüne Haare hätten, wäre der Tiefeneindruck noch hübscher ins Parkett verlängert."

Wohlgesinnt ist man Barbara Frey an ihrem künftigen Wirkungsort: in Zürich. Barbara Villiger Heilig meint in der NZZ (17.12.2007), es herrsche Hochdruck "in Barbara Freys wundersam erquickender, traumartig rasanter, gefährlich bebender Inszenierung". Katharina Schmalenberg, "eine knabenhafte Schauspielerin mit glänzenden Kinderaugen und großem Mund, fragil, grazil, agil", statte die Prinzessin "mit der unerschöpflichen Kraft der Liebe aus". Wie die Herzen der Marivaux-Figuren pulsierten, das zeigten "Barbara Freys An- und Zumutungen der Liebe aufs Schönste. Ein theatralischer Triumph."

 
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