Ausdruckstanz im Schützengraben

von Friederike Felbeck

Recklinghausen, 23. Mai 2013. Gerade noch hängt der junge Mann, Schmähschilder um den Hals, geknebelt und mit verbundenen Augen an einem Baum. Das Mädchen vor ihm, rote Kappe, roter Rock, ist in Deckung gegangen, als sich ihre feixenden Begleiter endlich erbarmen, den Gefolterten loszuschneiden. Dann heften sich ihre Blicke aufeinander, Musik erklingt und sie sinkt wie eines der vergoldeten Modelle Gustav Klimts – vom Liebesblitzschlag getroffen - in seine Arme.

Nicht Guantanamo, sondern der Hohe Meißner, ein Berg in Hessen, ist der Schauplatz - ein frühes Woodstock nennt der Dramatiker Oliver Bukowski das selbstorganisierte Treffen von Wandervogelbünden und Studentenverbindungen im Oktober 1913, das er in seinem Stück reproduziert und im Titel des Auftragwerks der Ruhrfestspiele Recklinghausen wortklauberisch befragt: "Wer ist die Waffe, wo ist der Feind".

Epochenporträt

Der Auftakt des Abends ist ein Schlachtfeld. Im Granatenhagel sterben zwei junge Männer. Bukowskis Stück ist die Vorgeschichte dieses frühen Todes. Er folgt einem merkwürdigen Kleeblatt aus gehobenem Bürgertum, Arbeiterklasse und selbsternannter Bohème Station um Station bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges.04  wer ist die waffe 280 marc wollmann u© Marc Wollmann

Thea (Mara S. P. Stroot) und Klaus (Florian Bender) sind Geschwister, der Vater ein Kaufmann, der Reichtümer in den Kolonien gescheffelt hat. Wilhelm (Emanuel Fleischhacker), ein Arbeiterjunge und Student, der zugleich ihr Freund und Bediensteter ist. Der vierte im Bunde ist der kunstaffine Karl (Sven Heiß). Der malt, kennt sich mit Philosophie aus und trägt das Wort Freiheit ganz locker auf den Lippen.

Und da liegt auch schon der Hund begraben. In der Bemühung, sich "in Themen, Moden, Umstände einzuarbeiten", so Bukowski, gerät ihm die vielversprechende Anlage zu einem bibliophilen Reigen, der sich von Frauenrechten und Hysterie, über Nietzsche und Freud, Karl Marx und Rosa Luxemburg, dem Futuristischen Manifest bis zur Eugenik halftert. Hilfestellung leisten ihm bei dem schwer bepackten Gang über die historische Slackline prominente Autoren von damals und heute. Was sich liest, wie das Postskriptum einer Deutscharbeit, ist das Quellenverzeichnis eines Zitatenpatchworks, das seinen Figuren zwar aus dem Maul wächst, aber nicht aus der Seele kommt.

Aufbruch eines Geschwisterpaars

Der uraufführende Regisseur und Intendant des Wolfgang-Borchert-Theaters, Meinhard Zanger, bescheinigt dem Autor, "noch in der Lage zu sein, ein richtiges Theaterstück zu schreiben, ein echtes Drama". Gesagt, getan und brav bebildert. Auf den beiden zinnoberroten trapezförmigen Schrägen (Bühne und Kostüme: Annette Wolf) entstehen opernhafte Szenen, die sicherlich zum Teil auch der schwierigen akustischen Konfiguration des alternativen Spielorts auf dem Gelände einer ehemaligen Zeche geschuldet sind.

Richtig Fahrt gewinnen Stück und Inszenierung erst, als es persönlich wird. Das innige Geschwisterpaar, deren Mutter in einem Sanatorium verschollen ist, kuschelt unter der Bettdecke und liest dazu über die Gräueltaten der väterlichen Geschäftspartner in der kongolesischen Kolonie. Die Tochter stellt den Erzeuger zur Rede, den Jürgen Lorenzen trotz Berlinern und preußischem Stechschritt nicht ins Klischee entlässt, sondern echten Widerstand leistet und sich selbst und damit eine ganze Epoche, die dem Untergang geweiht ist, überzeugend verteidigt.

Glorifizierte Wirkung des Kriegs

Mit der stückweisen Emanzipation der Thea, der die couragierte wie talentierte zweite Frau des Dramatikers Carl Sternheim Pate stand, gelingt ein ewig-heutiger Moment. Am Ende verheddern sich die beiden in den Stiegen einer Gerüstturms, Gespenster-weiß gekleidet in altmodische Nachtwäsche. Die renitente Tochter wird in die Klapse abgeschoben, wo sie als nackte Ausdruckstänzerin die Fantasien ihrer Verehrer verhext. Der bis in die Politik gut vernetzte Vater holt indes die auf einer linken Großdemonstration verhafteten Spätpubertierenden mit einer beeindruckenden Tirade aus dem Gefängnis. Bukowski findet eine orientierungslose Jugend, die in Zitaten lebt und mit Hurra an die Front marschiert.

Das Kulturvolksfest Ruhrfestspiele, zu dessen Eröffnung Anfang Mai fast 100.000 Zuschauer an Spielgeräten, Hüpfburgen, Konzerten und anderen Appetithäppchen der "großen Wundertüte" vorbeischlenderten, hat mit Bukowskis Stück einmal mehr die aus privater Hand den Festspielen angediehene Spielstätte Halle König Ludwig 1/2 thematisch angemessen eingeweiht und manch einen der zahlreichen Zuschauer an den Gründungspakt der Ruhrfestspiele, Kunst für Kohle, erinnert.

Wer ist die Waffe, wo ist der Feind (UA)
von Oliver Bukowski
Regie: Meinhard Zanger, Bühne und Kostüme: Annette Wolf, Musik: Markus Reyhani, Dramaturgie: Katja Lehmann, Tanja Weidner.
Mit: Florian Bender, Emanuel Fleischhacker, Sven Heiß, Jürgen Lorenzen, Mara S. P. Stroot.
Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen und Wolfgang Borchert Theater Münster.

www.ruhrfestspiele.de
www.wolfgang-borchert-theater.de



Kritikenrundschau

Bukowski habe die Vor-Weltkriegs-Epoche beflissen recherchiert, mehr in die Breite als in die Tiefe, schreibt Kai-Uwe Brinkmann in den Ruhrnachrichten (24.5.2013). Dass die Figuren nicht alle als Chiffren und Ideen-Trompeter stagnieren, sei die eigentliche Überraschung des Abends und die Leistung von Darstellern und Regie. "Stroot und Lorenzen formen trotz des funktionalen Korsetts der Rollen atmende Charaktere, die anderen können nicht ganz mithalten." Auch wenn Bukowski dem Personal zu viel aufbuckele - er punkte mit geschliffenen Dialogen, lasse sogar Komik anklingen und vermittele eine Ahnung vom Geist einer Zeit, die vom Schrecklichen ins noch Schrecklichere stolpert. "Das ist nicht wenig."

"Die engagierte, künstlerisch nicht weiter nennenswerte Uraufführungsinszenierung von Meinhard Zanger mit dem Wolfgang Borchert Theater Münster, einem der ältesten Privattheater Deutschlands, treibt die Schauspieler über ein symbolrotes Keilplateau mit der Inbrunst angestaubten Jugendtheaters", macht es Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (25.5.2013) kurz: "So ist das Werk als leibhaftige Geschichtsdoppelstunde für den Schulunterricht vielleicht gar nicht schlecht aufgehoben."

Bukowski habe in das Stück "alles hineingestopft, was er sich bei seinen Materialgrabungen angeeignet hat", schreibt ein anonym bleibender Rezensent auf derwesten.de (25.5.2013). Das sei schier zu viel für ein Stück dieses bescheidenen Ausmaßes, das uns hübsch abgezirkelt vier junge Menschen präsentiert, die alle für unterschiedliche gedankliche Ausrichtungen stehen. "In der doch sehr brav wirkenden Inszenierung von Meinhard Zanger verbringt man viel Zeit mit diesem Quartett, das nun, nicht selten im Duktus eines Leitartikels, all das ausbreiten muss, von dem Bukowski meint, dass es wichtig war." Eine dramatische Entwicklung wolle sich nach all diesem "Name dropping", das selbst gute Schauspieler kaum mit Leben erfüllen könnten, erst sehr spät einstellen – und dann auch nicht wirklich.

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