Krieg fordert die Söhne

von Kai Bremer

Osnabrück, 25. Mai 2013. "Mutter" ist das letzte Wort, bevor es dunkel wird. "Mutter" sagt Peter. Die hat ihn verlassen und damit das getan, was eine Mutter auf keinen Fall machen darf. Eben ihr Kind seinem Schicksal überantworten. Erst recht nicht im sowjetisch besetzten Niemandsland nach dem Krieg, in der Hoffnung, dass das Kind irgendwie den Weg zu seinem Onkel findet.

Julia Francks "Die Mittagsfrau", dieser mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnete Roman, den die nationale wie internationale Kritik zum Teil überschwänglich besprochen hat, beginnt mit diesem Skandal. Die Osnabrücker Bühnenfassung schließt damit. Zu Beginn des Romans bleibt Peter zurück. In ihm erfahren wir nicht, was er sagt oder denkt. Dem Leser bleibt nur Mitgefühl.

Bilder einer Kindheit

Annette Pullen, die das Schauspiel in Osnabrück in den letzten beiden Jahren auf ein beeindruckendes Niveau geführt hat, gibt Peter eine Stimme, genauer: ein Wort, in das er all sein Unverständnis legen kann: "Mutter". Das war ein überraschender Schluss. Denn Pullen hat sich bis dahin präzise an den Roman gehalten. Das hat sie freilich nicht getan, indem sie ihn schlicht auf der Bühne hat nachspielen lassen. Anders als Franck, die die Geschichte der Mutter durch die Peters nur rahmt, ist der Abend in Osnabrück in wesentlichen Stationen auf der von Jörg Kiefel eingerichteten Bühne chronologisch inszeniert.

Zunächst erlaubt der Vorhang nur einen präzise ausgeschnittenen Blick auf einen niedrigen Holzverschlag, der die Enge des Bautzener Elternhauses von Helene ist, die rund zwei Jahrzehnte später Peter zur Welt bringen und schließlich verlassen wird. Auf der einen Seite kauert ihre Mutter Selma (Caroline Schreiber), die manisch-depressive Jüdin, die ihr Zimmer kaum noch verlässt und ihre Töchter zu hassen scheint. Auf der anderen Seite schmiegt sich die junge Helene (Maria Goldmann) an ihre ältere Schwester Martha (Andrea Casabianchi). Mittig sitzt die ältere Helene (Monika Vivell), die sich dem Publikum zuwendet und Helenes, also ihre Geschichte erzählt.

Viele Stationen, ambivalente Rollen

Wenn der Vorhang den Blick auf die gesamte Bühne frei gibt und Helene und Martha in Berlin bei ihrer Tante Fanny angekommen sind, wird deutlich, dass der vermeintliche Verschlag nur Teil eines hölzernen Rundlaufs mit wechselnd hohen Böden auf der Drehbühne ist; ansehnlich ausgestrahlt von einem Leuchterkranz unter der Decke. Die intim-bedrohliche Enge wird abgelöst durch die Unendlichkeit der Drehbewegung, die durch wenige wie eindeutige Requisiten variiert wird.

mittagsfrau2 560 marekkruszewski u Auf der Chaiselounge in "Die Mittagsfrau" © Marek Kruszewski

So darf sich Tante Fanny lasziv auf einem Chaiselongue rekeln, während 20er Jahre Musik swingt. Auch sonst ist alles akkurat eingerichtet. Helenes Verehrer und späterer Verlobter Carl (Marcus Hering) ist ein Knickerbocker-Bubi in bester Kästner-Manier: lieb, brav, wenngleich pfiffig und vielleicht ein wenig zu naiv für einen Jungen aus bestem Hause am Wannsee. Trotzdem nimmt man Helene ihre Liebe zu ihm ab. Denn er schätzt nicht nur ihre Intelligenz wert und denkt mit ihr über ein Studium nach. Er ist zudem ganz frei von Standesdenken und liebt sie so, wie sie ist.

Doch die glückliche Liebe endet mit Carls zufälligem Tod. Helene lernt Wilhelm (Tilman Meyn) kennen, einen Aufschneider, der Helene Alice nennt. Pullen konzentriert, dem Roman entsprechend, alles auf das Paar: Helene wird erwachsen, die ältere Helene dominiert nun die Szenen und die jüngere erzählt. Wilhelm ist zunächst ein völkischer Volltrottel, der abrupt in nazistische Kälte kippt, als ihm klar wird, dass Helene/Alice sich nicht für ihn aufgespart hat.

Technisch beeindruckend

Der Rest ist Leiden. Helene/Alice, die früh schon lesen konnte und Medizin studieren wollte, sucht einen Weg vielleicht nicht zum Glück, aber immerhin zu einem Leben, das ein wenig ihren Fähigkeiten entspricht. Pullen setzt alles dran, diesen Weg verständlich zu machen und dadurch die grausame Entscheidung, Peter (Patrick Berg) schließlich zurückzulassen, zu rechtfertigen.

Wenn er schließlich "Mutter" sagt, ist deutlich, wie es dazu kam. Das Osnabrücker Publikum hat diese Erklärung begeistert aufgenommen und die Schauspieler wie Pullen trotz der im oberen Foyer wartenden Fußballübertragung lang anhaltend beklatscht - so wie Viele eine Stunde später die Bayern beklatschten: Ihr Spiel war, wie inzwischen üblich, technisch beeindruckend zuverlässig, der Sieg deswegen verdient. Ob es jedoch ihr bestes war, sei dahingestellt.


Die Mittagsfrau
von Julia Franck
Für die Bühne bearbeitet von Annette Pullen und Cornelia Steinwachs
Regie: Annette Pullen, Bühne und Kostüme: Jörg Kiefel, Dramaturgie: Cornelia Steinwachs, Marie Senf.
Mit: Patrick Berg, Christiane Britta Boehlke, Andrea Casabianchi, Klaus Fischer, Maria Goldmann, Marcus Hering, Tilman Meyn, Jakob Plutte, Caroline Schreiber, Martin Schwartengräber, Monika Vivell.
Dauer: 2 Stunden 25 Minuten, eine Pause

www.theater-osnabrueck.de

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Kritikenrundschau

"Welcher Gedanke hält dieses Sammelsurium des Frauenelends zusammen? Auch die Hauptfigur beantwortet das nicht", so ein nicht gerade begeisterter Daniel Bendedict in der Neuen Osnabrücker Zeitung (27.5.2013). Helene stehe gleich zweimal auf der Bühne, wo sie sich – gespalten in erinnerndes und erlebendes Ich – selbst kommentiere. "Einmal gewinnt Pullen der Idee ein intimes Bild ab: Als ältere Helene liegt Monika Vivell auf der Kabine, in der ihr junges Pendant (Maria Goldmann) ein flüchtiges Liebesglück genießt." Aber so pointiert werden die beiden Helenes nur selten in Beziehung gesetzt, "auch deshalb wird die unerhörte Figur der lieblosen Mutter nie zu einem Menschen. Bis zuletzt ist sie nur Stellvertreter einer anklagenden These: Die Welt hat der Frau jede Rolle verweigert."

 

 
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