Anatol und die süßen Mädel

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 29. Mai 2013. Über die heruntergelassene Hose wird zu sprechen sein. Zunächst jedoch eine allgemeinere kulturgeschichtliche Anmerkung. Die Zeit um 1968ff. mit ihrer "Umwertung aller Werte", der Politisierung des Privaten, der Hinterfragung der Geschlechterverhältnisse etc. pp. ist heute – "gefühlt", wie man sagt – fast so weit entfernt wie die Epoche Arthur Schnitzlers, das Fin de Siècle. In seinem Jugendwerk "Anatol" (1892 uraufgeführt) erzählt der Wiener Komödienautor von einem Mann, der die Frauen liebt; und er erzählt, mit unendlicher Melancholie und zugleich mit Humor, von der Paradoxie eines Mannes, der an maßloser Eifersucht leidet, obwohl er selbst keineswegs treu ist. Symptomatisch ist die Szene, in der Anatol einem seiner (notorisch begriffsstutzigen) "süßen Mädel" klarmacht, dass er sie schon bald – spätestens in einem Jahr, vielleicht aber auch in acht Tagen – werde verlassen müssen: um zu heiraten. Selbstverständlich standesgemäß.

Ironie

"Anatol" ist der authentische Ausdruck einer vergangenen Zeit mit problematischen Wertesystemen. Das hatte man natürlich 1968 schon begriffen und Stücke wie dieses, wenn man sie überhaupt noch spielte, fachgerecht dekonstruiert. Will man heute daran anknüpfen, ist die einzige Legitimation dafür – nein, nicht der Humor (darin ist Schnitzler unschlagbar), sondern allenfalls der Witz (und, vielleicht, seine Beziehung zum Unbewussten). Denn 68 war Humorlosigkeit Trumpf: zu ernst war die Lage (meistens), zu verbissen wurde gekämpft. Nach der Rückkehr der Ironie ist diese nun das probate Mittel für alles und jedes. Oder genauer gesagt: um sich von allem und jedem zu distanzieren. Auch von Schnitzlers Jugendsünden.

Scherz

Der Regisseur Florian Fiedler, rund ein Jahrzehnt nach 68 geboren, unternimmt – laut Programmheft – in seiner "Anatol"-Inszenierung den Versuch, das Stück auf seinen harten Kern zu reduzieren: und der sei sozusagen "pornographisch". Doch das klingt bei weitem gröber, als es sich auf der Bühne des Kleinen Hauses in Recklinghausen ausnimmt. Treffender wäre es wohl, zu sagen, dass Fiedler sich mit Schnitzler einen kleinen Scherz erlaubt. Sein Mittel dazu ist die konsequente Kollektivierung des Textes: Rollen sind abgeschafft, jeder der vier Akteure ist zugleich Anatol und jede andere Figur, und das in flottem Wechsel; werden weniger als vier Personen gebraucht, sprechen zwei oder drei Darsteller eine Rolle, keiner geht je ab.

anatol3 560  birgit hupfeldChristoph Pütthoff (Anatol), Wiebke Mollenhauer (Anatol), Torben Kessler (Anatol) und Paula Hans (Anatol) in Recklinghausen  © Birgit Hupfeld

Bewusstsein

Man muss zugeben: Die vier Frankfurter Schauspieler (es handelt sich um eine Koproduktion mit dem dortigen Schauspiel), Paula Hans, Wiebke Mollenhauer, Torben Kessler und Christoph Pütthoff machen das exzellent. Es fehlt ihnen weder an Spiellust noch an jenem ironischen Bewusstsein für das Unzeitgemäße und zugleich – leider – auch Dauerbrennerhafte an Schnitzlers so wunderbar formuliertem Menschenbild und Krisenszenario. Mit guter Laune steigen die Vier auch in die selbstverständlich angesagte Interaktion mit dem Publikum ein. "Was hat der da zu bedeuten?" fragt Anatol sein Liebchen und zeigt auf irgendeinen Zuschauer. "Und was bedeutet der?" Und schmeißt sich auch schon ran an den Speck. Man weiß ja – und die Vier auf der Bühne wissen es -, es gibt immer einen Dritten, der etwas Sagenhaftes zu bedeuten hat.

anatol4 280h  birgit hupfeld uTorben Kessler, Paula Hans, Christoph Pütthoff und Wiebke Mollenhauer  © Birgit Hupfeld

Hose

Und damit zur heruntergelassenen Hose. Sie wird zum "running gag", zur Wiederholungsschleife der Inszenierung. Die beiden Männer lassen ihre gut gebügelten Hosen herunter und watscheln dergestalt über die Bühne. Nicht vollständig entblößt, nur ins Lächerliche verschoben. Mit Schnitzler hat das erst mal rein gar nichts zu tun (aber dass doch, will die Pointe der Aufführung sein), denn hier findet ja kein expliziter Sex statt – es wird nur geistreich gequatscht. Die besagte Geste stammt eher aus einem Feydeau-Stück: Die Tür geht auf, genau im passenden Moment. Und schon platzt die versprochene Lachsalve. Weil es tatsächlich komisch ist, dass genau in diesem Moment die Tür aufgeht. Bei Schnitzler gibt es nichts zu lachen. Hier gibt es nur das Schmunzeln einer (möglichst) erhellenden Melancholie.

Wenn Fiedler den Feydeau in den Schnitzler implantiert, dann um zu beweisen, dass der Subtext jeweils der gleiche ist. Es geht im Grunde immer nur um Sex. Doch diese Operation hat etwas Plattes. Vermutlich geht es überhaupt immer nur um Sex (Schnitzler, bekanntlich von Freud beeinflusst, würde vielleicht sogar zustimmen); aber ließe man es bei dieser Einsicht bewenden, könnte man sämtliche Temperamentsunterschiede der Dramatiker aller Zeiten ignorieren.

 

Anatol
von Arthur Schnitzler
Regie: Florian Fiedler, Bühne: Maria-Alice Bahra, Kostüme: Selina Peyer, Video: Bert Zander, Licht: Johannes Richter, Dramaturgie: Anita Augustin. Mit: Paula Hans, Wiebke Mollenhauer, Torben Kessler, Christoph Pütthoff.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Eine Koproduktion des Schauspiels Frankfurt mit den Ruhrfestspielen

www.ruhrfestspiele.de

 

 

Kritikenrundschau

"Achtzig Minuten Peinlichkeit" hat Andreas Rossmann für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (1.6.2013) erlebt. Schnitzlers Text sei hier "nur Spielmaterial enthemmter Erregtheiten". Während Anatol in der Vorlage "als hypochondrischer Melancholiker im lebhaften Widerspruch zwischen rasender Eifersucht und Eskapaden des Begehrens seine Triebe sublimiert und in Galanterien und Geistreicheleien umlenkt", werden diese Triebe bei Fiedler "in Grapschereien, Rollen-, Sex- und Stellungsspielen ausagiert". So entstehe "Theater, das sich kritisch geriert und dafür den Dramatiker und Psychologen der Banalität preisgibt, dessen Atmosphäre und Ambivalenzen, Charme und Poesie unterschlägt. Anatollerei."

Kommentar schreiben