Schlamm der Wirklichkeit

11. Juni 2013. Seine Ernennung zum Nachfolger Róbert Alföldis als Intendant des Ungarischen Nationaltheaters in Budapest löste heftige Debatten aus. Denn Attila Vidnyánszky ist nicht nur ein bedeutender Theater- und Opernregisseur, sonden als kulturpolitischer Berater der Regierung von Viktór Orban auch ein mächtiger Akteur in den gegenwärtigen (kultur)politischen Auseinandersetzungen in Ungarn. Von Ungarns freien Theatermachern heftig bekämpft, ist Vidnyánszky auch international zum Feindbild avanciert. Zu Recht? Wer ist Attila Vidnyánszky überhaupt? Welche Rolle spielt das Theater aus seiner Sicht in der gegenwärtigen Situation in Ungarn? Im Interview mit Esther Slevogt kommt Vidnyánsky nun selbst zu Wort.

 

Attila Vidnyánszky, Sie werden in der kommenden Spielzeit die Leitung des Budapester Nationaltheaters übernehmen. Würden Sie bitte die Bedeutung dieses Theaters für Ungarn, seine Kultur und Geschichte skizzieren?

Das Idee des Nationaltheaters und die Diskussionen darum sind seit seiner Gründung im Jahr 1837 von den Begriffen Tradition, Modernismus und Internationalität geprägt. Seitdem wurde das Nationaltheater in Ungarn nicht allein als Ort der Kunst, sondern auch als ein wichtiges Mittel zur Förderung und Aufrechterhaltung der nationalen Identität, der Pflege der ungarischen Dramenliteratur und der ungarischen Sprache betrachtet. Diese Ideen halte ich bis heute für gültig.

vidnyanszky 560 kummerjanos uDer Regisseur Attila Vidnyánszky, Jahrgang 1964 und ab Herbst 2013 Intendant des Ungarischen Nationaltheaters Budapest. © János Kummer

Dazu müssen Sie wissen, dass es seit der Gründung des Nationaltheaters vor 175 Jahren nur für die kurze Periode von 46 Jahren(!) überhaupt einen selbstständigen und unabhängigen ungarischen Staat gegeben hat: von 1922 bis 1944 (im März 1944 wurde Ungarn von der deutschen Wehrmacht besetzt) und von 1989 bis heute. In der Zwischenkriegszeit gab es eine besondere staatliche Förderung des Unterrichtswesens und der Kultur. Gerade zu dieser Zeit erlebte das Nationaltheater seine Blütezeit, sowohl in Ungarn als auch auf ausländischen Bühnen: einer der bedeutendsten Regisseure und Theatertheoretiker Antal Németh – ein Antinazi – war von 1935 bis zu den schlimsten Zeiten Intendant des Nationaltheaters, der in enger Verbindung unter anderem mit Max Reinhardt stand.

Das Gebäude des Nationaltheaters wurde 1965, also in der Zeit des Kommunismus, gesprengt. Als Grund wurde der Bau einer U-Bahnlinie angegeben. Erst während der ersten Regierungsperiode von Viktor Orbán (1998-2002) kam wieder Bewegung in die Nationaltheateridee. Innerhalb kürzester Zeit wurde 2002 mit großzügigen staatlichen Mitteln der Neubau des Nationaltheaters errichtet. Der ungarische Staat stellte dem neuen Nationaltheater auch ein höheres Budget zur Verfügung als anderen staatlich finanzierten Theatern des Landes.

nemzetishinhazblahaluzia1960er 560 nn-u2Das alte Nationaltheater (ein Bau des Wiener Architektenduos Fellner & Helmer) am Blaha Lujza-tér in Budapest, Anfang der 1960er Jahre

Ich hoffe, dieser Exkurs macht deutlich, wie hoch die symbolische Bedeutung dieses Theaters für Ungarn seit seiner Gründung stets gewesen ist – selbst noch für die Kommunisten, was dann im Abriss dieses Theaters seinen Ausdruck fand.

 

Vielleicht am Anfang auch eine persönliche Frage: Wo liegt der Ursprung Ihres Interesses für Theater? Wie sind Sie zum Theater gekommen?

Ich wurde 1964 auf dem Gebiet der heutigen Ukraine geboren, in Transkarpatien, das einmal zu Ungarn gehörte. Dort hatten wir kein offizielles Theater. Doch schon mit 14 Jahren wollte ich Regisseur werden, damals interessierte ich mich für den Film. Zunächst habe ich ein Lehrerdiplom für Ungarische Literatur und Sprache an der Universität Ungwar (Uschhorod) erworben und anschließend in meinem Dorf unterrichtet. Damals habe ich auch in einer Aufführung eines Amateurtheaters in Beregszász (Berehowe) mitgespielt. In einer Schule, in der meine Mutter im Rahmen ihrer Arbeit als Lehrerin eine Schülertheatergruppe leitete, habe ich dann auch Inszenierungen gemacht und Auftritte organisiert.

gobbi hilda nemzeti szinhaz szoborpark nn 560 uDenkmal für das abgerissene alte Haus im allegorischen Landschaftspark am heutigen Nationaltheater: Skulptur der legendären Nationaltheater-Schauspielerin Hilda Gobbi (1913-1988) an der Replik des gestürzten Portikus des alten Nationaltheaters

Nach zwei Jahren als Lehrer bewarb ich mich an der Hochschule für Schauspielkunst in Kiew und wurde aufgenommen. 1989 – im zweiten Studienjahr – gewann ich beim Gesamtsowjetischen Festival der Hochschulen für Schauspielkunst ("Der Anfang") den ersten Preis. Es ist aber wichtiger, dass ich im dritten Jahr meines Regiestudiums eine große Entscheidung zu treffen hatte. Im Jahre 1988 entschied die Sowjetunion Theater für die Minderheiten zu eröffnen und parallel dazu eine entsprechende Ausbildung ins Leben zu rufen. Der Staatssekretär der Sowjetrepublik Ukraine beauftragte mich damals, in Transkarpatien ungarische Studenten für dieses Studium zu werben. Es wurde dann meine Aufgabe, diese Studenten in Kiew auszubilden. 1993 erhielt ich schließlich die Möglichkeit, ein Theater für die ungarische Minderheit zu gründen. In Transkarpatien existierte damals nur eine einzige Amateurtheatergruppe. Je mehr ich in diese Sache involviert wurde, desto stärker empfand ich, dass ich mich statt meiner Regiekarriere in Kiew den mir anvertrauten Studenten widmen müsste und dass meine eigentliche Aufgabe das Zustandebringen eines ungarischen Minderheitentheaters mit professionellem Anspruch war.

In dieser Zeit war die Sowjetunion bereits zerfallen, so dass wir – als unser Theater gerade vor der Eröffnung stand – weder Geld noch ein Theatergebäude hatten, sondern nur Elend. Aber da stand mein Entschluss längst fest: Ich mache das Theater trotz dieser Bedingungen! So entstand das Ungarische Nationaltheater Gyula Illyés in Berehowe. Wir hatten keinen Proberaum, kein technisches Personal, mein Monatslohn war ein Kanister Benzin, aber wir haben entschlossen gearbeitet. Wir spielten in Dörfern und auf Festivals die Werke von Bertolt Brecht, Samuel Beckett, T. S. Eliot, Anton Tschechow, William Shakespeare und die ungarischen Klassiker. Bereits 1997 haben wir in Torun (Thorn), auf dem Kontakt-Festival, zu dessen Blütezeit, einen Preis gewonnen.

 

Welche Rolle spielt das Theater aus Ihrer Sicht heute als Kunstform in einer medienbeherrschten Welt? Wo ist die darstellende Kunst im Gefüge der Künste Ihres Landes positioniert?

Erhebungen der vergangenen Monate zufolge steigt die Zuschauerzahl in Ungarn nach einem vorhergegangenen Rückgang nun wieder. Die ungarischen Theater haben jährlich etwa 5 Millionen Zuschauer. Was die Zahl der Theater pro Kopf anbelangt, gehört Budapest mit der großen Zahl seiner staatlich finanzierten Ensembles, inklusive mindestens 150 freier Theatergruppen, die einen wesentlichen Beitrag zur Vielfältigkeit des Theaterlebens leisten, zur Spitzenklasse in der Welt. Auch die politischen Fehden um meine Ernennung zum neuen Direktor des Nationaltheaters förderte landesweit das Interesse am Theater. Die Positionen der Theaterkunst sind also in Ungarn sehr stark.

nemzetishinhaz5 560 nn-uDas Nationaltheater Budapest (Architektur: Mária Síklos) am 2.1. 2002 von Ministerpräsident Viktor Órban der Öffentlichkeit übergeben © Wikimedia

Es gilt heute als Gemeinplatz, dass das frühere, besondere Prestige des Theaters allmählich verloren geht. Als Hauptgrund wird für diesen Verlust im Allgemeinen das Vordringen der neuen Medien, also des Fernsehens und des Internets, verantwortlich gemacht. Ich möchte jedoch hinzufügen, dass bei dieser Erosion die Schwächung bürgerlicher Ideale und Haltungen in Ungarn ebenfalls eine Rolle spielt. Diese bürgerlichen Haltungen gab es selbst noch zu Zeiten der kommunistischen Staatspartei und sie hat auch die Gewohnheiten des Theaterbesuches wesentlich mitbestimmt. In den vergangenen 20 Jahren ist diese bürgerliche Haltung, die auch die Idee des Patriotismus und ein nationales Engagement als Tugend empfand, beinahe völlig verschwunden.

Denn die Konsummentalität, die in Ungarn mit dem Kapitalismus entstanden ist, hat viele Werte ungültig werden lassen. Die Kommunisten wollten "mit der Vergangenheit völlig abrechnen" – wie es in der ungarischen Fassung der "Internationale" heißt. Trotzdem waren wir zur Zeit des Kommunismus noch hellhörig, weil man wusste, dass das nur die offizielle Politik ist. Das Wertesystem des Kapitalismus ist zwar grundsätzlich mit einem Bewusstsein für die Vergangenheit vereinbar, aber dadurch, dass dieses System nur das Neue als Wert erkennt, werden Vergangenheit und Traditionen einer Gemeinschaft eher als wertlos eingestuft. Vieles geht so langsam verloren. Dieser Prozess des Verlustes ist jedoch viel schwieriger zu erkennen. Natürlich hat auch die Wirtschaftskrise ihre Spuren im Theaterwesen hinterlassen.

fantastischemaennermitfluegeln 2010 560 andrassmathe uSzenenbild aus Attila Vidnyánszkys Inszenierung Fantastische Männer mit Flügeln (hier der Trailer) 2010 am Csokonai Theater in Debrecen, dessen Intendant er seit 2007 ist. © András Máthé

Seit der Wende in Ungarn hat sich auch das Programmangebot der staatlich finanzierten städtischen Theater wesentlich verändert, ich würde sogar sagen: verschlechtert, vor allem in der Provinz, wo in der Regel eine Stadt höchstens über ein einziges Theater verfügt. Als Gründe für diesen Qualitätsverlust führt man vor allem die Erhaltung der Zuschauerzahlen, damit verbundene Einnahmen für die Theater und den Unterhaltungsanspruch des Publikums an. Man versucht also, das Publikum mit Stücken des leichten Genres in das Theater zu locken, so dass unter diesen Umständen etwa eine Aufführung von Michail Bulgakows "Molière" bereits als riskant gelten kann, Stücke von zeitgenössischen ungarischen Autoren überhaupt nur in kleinen Räumen für etwa 100 Menschen aufgeführt werden.

Ein weiteres Problem des ungarischen Theaterwesens besteht darin, dass ausschlaggebende Kritiker und Herausgeber von Zeitschriften sowohl in Ungarn selbst als auch im Ausland die Meinung suggerieren, das Theater in Ungarn sei feige und die ungarischen Schauspieler seien nicht gut genug. Auf meinen Reisen in Europa habe ich jedoch die Erfahrung gemacht, dass das ungarische Theatermodell, wonach in Ungarn, außerhalb der Hauptstadt, in allen Verwaltungsbezirken (bis auf eine Ausnahme) ein festes Theaterensemble vorhanden ist, überall Anerkennung findet. Auch der Ruf der ungarischen Schauspieler ist im Ausland wesentlich positiver als in den Berichten zu Hause. Als in dem von mir geleiteten Csokonai-Theater in Debrecen die Regisseure Silviu Purcărete, Valère Novarina oder Viktor Rizhakov arbeiteten, haben sie immer begeistert über das schauspielerische Können, die emotionale Intensität und über die körperlichen Fähigkeiten meiner Schauspieler gesprochen. Der bedeutende russische Regisseur Anatolij Wasiljew hat das einmal folgendermaßen auf den Punkt gebracht: Der ungarische Schauspieler zeigt den Intellektualismus der Deutschen, das Temperament der Menschen von dem Balkan und den Gefühlsreichtum der Slawen.

 

Welches künstlerische Profil planen Sie für das Nationaltheater? Wie sieht der Auftrag aus, den Sie sich selbst gegeben haben?

Ich erfahre um uns herum einen unerhörten kulturellen Verfall, und die Zerstörung der Seelen erreicht heute ein hohes Maß. Ich glaube, viele hunderttausend Menschen können mit den Problemen nicht umgehen, die der gegenwärtigen Krise geschuldet sind – Probleme wie Arbeitslosigkeit, Verschuldung, eine grundsätzliche Auswegslosigkeit oder die Konflikte im Zusammengang mit den Veränderungen in der Gesellschaft im Kontext der politischen und wirtschaftlichen Wende in Ungarn.

Wie könnte das Theater hier helfen? Was könnte überhaupt noch die Aufgabe von Theater sein? Die Existenzberechtigung eines Theaters, das sein Publikum mit den Problemen und Konflikten des Alltags konfrontiert, ist natürlich unbestritten. Mich beschäftigen in meiner Theaterarbeit jedoch Fragen des Lebens in einer anderen Dimension. Auch meine sechs Kinder konfrontiere ich nicht nur immer mit ihren Fehlern, sondern ich lobe sie ja auch, ich zeige ihnen, was im Leben schön und erhebend ist. Meines Erachtens sollte Theater mehr sein, als die Welt ausschließlich als für das Leben ungeeignet, menschliche Beziehungen als aussichtlos, und den Menschen an sich einzig von Fehlbarkeit geprägt und grausam darzustellen.

leichenpomp2009 560 andrasmathe uArchaik und Avantgarde: Aus der Vidnyánszky-Inszenierung Halotti Pompa (Leichenpomp) nach einem Langgedicht von Szilárd Borbély, 2009 am Csokonai Theater Debrecen (hier der Trailer). 
© András Máthé

Der Großteil der Produktionen der heute ausschlaggebenden Künstlertheater bei uns ist aus meiner Sicht viel zu sehr im Schlamm der Wirklichkeit steckengeblieben. Als hätten die Menschen keinen Anspruch darauf, dass das Theater – über die Aktualitäten des Alltags hinaus – räumlich und zeitlich weiter blickt und über den Menschen in einer metaphysischen Dimension nachzudenken bereit ist. Das Theater, das die Wirklichkeit nur als aussichtslos, schlecht und schmutzig, den Menschen als klein und hilflos darstellt, stört mich nicht allein, weil ich diese Einseitigkeit der Sichtweise nicht besonders interessant finde, sondern auch deshalb, weil es ein falsches Bild zeigt. Denn dabei wird vergessen, dass jeder einzelne Mensch in seinem Leben einen heldenhaften und gigantischen Kampf führt und dass die Geschichten dieses Kampfes in ihrer Einfachheit herrlich sind. Warum soll das Theater nicht auch diese Geschichten erzählen? Alles ist doch heute deheroisiert. Selbst im Theater treffen wir keine Helden mehr.

 

Nennen Sie bitte einige konkrete Pläne für das Nationaltheater.

In der Antwort auf die erste Frage habe ich bereits die Grundprinzipien, nach denen das Nationaltheater funktionieren soll, aufgeführt: also Tradition, Modernismus und Internationalität. Diese Prinzipien will ich in die Praxis umsetzen, so wie ich es schon in dem Theater in Berehowe und in Debrecen getan habe. Auch jetzt werden wir in der ersten Theatersaison Stücke der klassischen Dramenliteratur von Ungarn und der Welt aufführen. Aufgeführt werden Stücke von ungarischen Meistern wie Áron Tamási, János Pilinszky, Sándor Petőfi und Sándor Weöres. Aus dem Kanon der Weltliteratur wollen wir das dramatische Oratorium von Paul Claudel und Artur Honegger "Johanna auf dem Scheiterhaufen" zeigen, Witold Gombrowicz' "Operette", "Nachtasyl" von Maxim Gorki und Shakespeares "Wie es euch gefällt". Als Regisseure sind Victor Rizhakow, Silviu Purcărate und der berühmte ungarische Filmregisseur Gyula Maár eingeladen und natürlich werde ich auch selbst Regie führen.

molierescapin pturcarete2010 560 mihaela-mari u"Scapins Streiche" von Molière, Szenenbild der Inszenierung von Silviu Purcărate, 2011 am Csokonai Theater in Debrecen. © Mihaela Mari

Wir planen ein internationales Festival von großem Format, weil diese Art von Veranstaltung in Ungarn fehlt. Wir wollen einige wichtige Aufführungen der internationalen Theaterwelt dazu einladen, unter anderen von Nationaltheatern wie das BDT (Tovstonogov Bolshoi Drama Theater) in Sankt Petersburg, das MXAT (Moskauer Künstlertheater) sowie andere rumänische und polnische Nationaltheater, um zu ergründen, wie die Institution 'Nationaltheater' in diesen Ländern verstanden wird, ob diese Nationaltheater über Aufgaben und Berufung verfügen, die jeweils speziell oder von allgemeinerer Gültigkeit sind.

 

Sie übernehmen Ungarns wichtigste Bühne in einer unruhigen Zeit.
Es ist seit Längerem von einem Kulturkampf in Ihrem Land die Rede, zu dessen Akteuren auch Sie gehören, unter anderem in Ihrer Funktion als Vorsitzender eines Beirats, der den für die Kultur verantwortlichen Minister Zoltán Balog berät.
Zunächst: würden Sie diesem Begriff "Kulturkampf" zustimmen?
Und wenn ja, könnten Sie bitte die verschiedenen Positionen und auch einige Themen und Streitpunkte schildern, die diese Auseinandersetzungen aus Ihrer Sicht charakterisieren.

Den Begriff Kulturkampf mag ich nicht, er beschwört schlechte Zeiten und ist irreführend. Doch es steht außer Zweifel, dass wir gerade eine Umgestaltung der Verhältnisse erleben. Zwei Jahrzehnte nach der ungarischen Wende ringt die ungarische Gesellschaft auch auf kulturellem Gebiet immer noch mit Problemen, Mentalitäten und Interessensverhältnissen, die aus den Jahren des Sozialismus herrühren; es gab bisher noch nicht einmal offene Diskussionen darüber, geschweige denn diesbezügliche Veränderungen.

Auf kulturellem Gebiet geistert in Ungarn bis heute das Gespenst des Kádárregimes, das u.a. durch eine starke Ausgrenzungsmentalität charakterisiert ist. Die Kulturpolitik der Konsolidierung nach der Revolution von 1956, also die Zeit der sanften Diktatur der Ära Kádár, hatte nicht nur Leidtragende, sondern auch Nutznießer. Es gab Künstler, die keinen Kompromiss mit den Kommunisten schließen wollten, sie sind sogar daran zugrunde gegangen. Es gab wieder andere, die eigene Theater bekommen haben, man hat ihnen Auslandsreisen ermöglicht, Stipendien gewährt. Hier denke ich nicht an direkt linientreue Künstler, sondern an Künstler, die die bestehende Ordnung so vorsichtig kritisiert haben, dass sie ihre Kritik zwischen den Zeilen versteckten und dabei aber die Spielregeln des Systems akzeptierten.

Viele von ihnen bedienten sich natürlich auch der ihnen gebotenen Privilegien. Viele von ihnen gelten bis heute als Referenzfiguren des kulturellen und des Theaterlebens. Diese Künstler haben das alte System aufrechterhalten, dessen Wesen es war, dass nur ein, zwei oder drei Theater gefördert wurden, und ein überdurchschnittliches Niveau erreichen durften. Wer der Theaterelite, deren Ästhetik in Ungarn seit dem zweiten Weltkrieg dominiert, entgegentrat und sich nicht anpasste, wurde ausgegrenzt.

tragoediedesmenschen 2011 560 krisztianbocsi u"Die Tagödie des Menschen" von Imre Madach in der Inszenierung von Attila Vidnyánszky, Eröffnung der Freilichtspiele in Szeged 2011. © Krisztián Bócsi

Aber der Zwang – auch nach der Wende von 1989 –, sich immer nur einer bestimmten Ideologie und Ästhetik anzupassen, verunstaltet und vergiftet den Künstler und entzieht ihm seine schöpferische Freiheit. Und Beispiele für diese Ausgrenzungsmentalität wären sogar aus den vergangenen 20 Jahren zu nennen – aber diese Geschehnisse gelten bis heute als Tabu.
Ein Beispiel hierfür ist der Fall des Regisseurs Gábor Székely, ein auch international anerkannter Erneuerer des ungarischen Theaters, der in den 1970er und 1980er Jahren in Kaposvár, später am Budapester Theater Katona József gearbeitet hat. Als Székely zu Beginn der 1990er Jahre das Új Színház (Neues Theater) gründete, hat ihn der Kreis der alten Eliten (zu dem er ursprünglich selbst gehört hat) förmlich öffentlich "hingerichtet", das heißt menschlich wie fachlich unmöglich gemacht. Ausschlaggebende Intellektuelle, Theaterkritiker haben damals nicht gegen die skandalösen Umstände seiner Entlassung protestiert, seine Geschichte ist bis heute tabuisiert.

Ähnliches geschah, ebenfalls in den 1990er Jahren, im Művész Színház ("Künstlertheater"). Dieses Theater wurde in Budapest errichtet, seine führende Schauspielerin – und für eine kurze Zeit notgedrungen auch Direktorin – war Mari Törőcsik, die auch im Ausland eine der bekanntesten und bedeutendsten ungarischen Schauspielerinnen der Gegenwart ist. Sie musste menschliche und fachliche Demütigungen erleben, die Angriffe kamen ebenfalls aus diesem Kreis. Auch die Presse hat dazu ihren Teil durch Schweigen oder durch Angriffe beigetragen. Dieselbe Presse, die heute nun für Mari Törőcsik Partei ergreift – und dabei versucht, ihr Eintreten für diese große Schauspielerin gegen mich zu verwenden. Dabei spielt Mari Törőcsik seit vielen Jahren in einer meiner wichtigsten Inszenierungen "A szarvassá változott fiú" ("Der Hirsch gewordene Sohn") von Ferenc Juhász und hat sich auch dazu bekannt, Mitglied des in der Zukunft von mir geleiteten Nationaltheaters zu bleiben.

Typisch für diese ausgrenzende Mentalität der alten Eliten und ihrer Erben ist auch ein Vorfall der jüngsten Zeit: Die "Hungarian Theatre Critics Association" hatte unter der Überschrift "Hungarian Theatre Showcase 2013" ein Programm organisiert. Dazu wurden im März diesen Jahres etwa hundertzwanzig ausländische Theaterexperten (Kritiker, Organisatoren von Festivals) nach Budapest eingeladen. Der Titel der Veranstaltung (und auch die Ankündigung) suggerierte, dass dieser Showcase die ganze ungarische Theaterszene vorstellen würde. Doch es war eine sehr einseitige Auswahl. Es wurde keine einzige Theaterwerkstatt, keine Aufführung von anderen städtischen Theatern außerhalb Budapests eingeladen, wobei es auch in anderen städtischen Theatern Produktionen gibt, die bereits mit Erfolg auf ungarischen und internationalen Theaterfestivals gezeigt wurden. Auch kein einziges ungarischsprachiges Theater aus Rumänien, Serbien oder aus der Slowakei hatte man offenbar der Auswahl würdig gefunden.

 

Prominente Vertreter von Ungarns freien Theatern haben Sie scharf für Ihr Eintreten für eine veränderte staatliche Subventionspolitik angegriffen, die nun besonders freie Theater benachteiligen würde.
Besonders einige freie Theatermacher jedoch haben in den letzten Jahren ungarisches Theater auch im Ausland in erheblichem Maß berühmt und populär gemacht. Árpád Schilling ("Krétakör") zum Beispiel hat Sie kürzlich heftig als Verantwortlichen dafür kritisiert, dass die Freien Theater finanziell nun "ausgeblutet" würden.
Könnten Sie bitte Ihre Standpunkte in dieser Frage darlegen?

Ich will betonen: Der ungarische Staat fördert selbst in diesen schweren Krisenzeiten die Kultur über seine Kräfte hinaus. Anderseits ist es wichtig zu wissen, dass die Kürzungen alle Theater nachteilig getroffen haben. Die städtischen Subventionen für das von mir geleitete Csokonai-Theaters in Debrecen reduzierten sich in den vergangenen fünf Jahren um die Hälfte, die Summe der staatlichen und der städtischen Subventionierung verringerte sich um ein Drittel in den letzten fünf Jahren. Der Ausdruck "ausgeblutet" ist falsch und irreführend, weil die Kürzung bei den Freien Theatern im Jahre 2010 "nur" 30 Prozent betrug. Es sollte ja auch klar sein, dass die Unterstützung der Freien nur in zwei Jahren (2008 und 2009) hervorragend war, und die bedeutenden Freien Theater bekommen heute mehr staatliche Subventionierung als in den früheren Jahren. Mein Standpunkt bezüglich der Freien Theater beruht auf grundsätzlichen kulturpolitischen Prinzipien und ist nicht gegen sie gerichtet.

borisgodunov2011 560 andrasmathe u"Boris Gudonow" von Modest Mussorgsky und Alexander Puschkin – Vidnyánszkys Inszenierung kam 2011 im Csokonai Theater in Debrecen heraus. © András Máthé

Ich selbst komme aus der Freien Theaterszene, mein Theater in Berehowe hat wie ein Freies Theater funktioniert, d. h. mit diesem Terrain bin ich absolut vertraut. Doch bin ich im Einklang mit vielen Kollegen der Überzeugung, dass das von der früheren Regierung verabschiedete Theatergesetz ein Angriff gegen den wertvollsten Teil der ungarischen Theaterstruktur, d. h. gegen die Existenz der Staats- und Stadttheater mit festen Ensembles war. Ich war nicht einverstanden, dass das Gesetz die Freien Theater gegenüber den staatlichen und städtischen Theatern bevorzugte. Auf diese Weise hätten wir zwei Strukturen statt einer gehabt.

Die Umgestaltung des Systems der Subventionierung war verbunden mit dem Anspruch auf die Ausarbeitung der Kriterien für diese Unterstützung. Ich vertrat die Ansicht, dass die Freien die Kriterien selbst bestimmen sollten, z. B. auf der Basis dessen, wieviele Aufführungen sie pro Jahr machen. Sie sollten unter sich entscheiden, welche Truppen tatsächlich als professionell arbeitende Theater gelten könnten und welche Gruppen allein durch staatliche Unterstützung "funktionieren". Wäre man diesem Vorschlag gefolgt, wäre trotz der Kürzungen, die, wie gesagt, alle Mitwirkenden der Darstellenden Kunst in Ungarn betrafen, mehr Geld für diejenigen geblieben, die tatsächlich eine angemessene Leistung zeigen.

Aber hier hätten die Freien Theater selbst Entscheidungen treffen müssen und dazu waren sie nicht bereit. So musste das Geld auf 150 Theatertruppen verteilt werden, statt unter den 10 wirklich herausragenden Freien Theatern (z.B. das Theater von Béla Pintér, Árpád Schilling und Viktor Bodó) bzw. weiteren 30 bis 50 Freien Theatern, die auf diese Weise höhere Subventionen erhalten hätten. Es ist dabei bedauerlich und nicht zu akzeptieren, dass die Freien Theater im vergangenen Jahr nicht rechtzeitig ihre Unterstützung bekamen. In diesem Jahr sind wir aber in dieser Hinsicht schon etwas weiter.

 

Die innerungarischen (kultur)politischen Kämpfe werden zunehmend auch auf der internationalen Bühne geführt.
Einige ungarische Künstler haben kürzlich die europäische Öffentlichkeit um Unterstützung gebeten, da sie nicht nur ihre künstlerische Arbeit, sondern die Demokratie in Ungarn für bedroht halten.
In Deutschland fühlten sich u. a. Theaterleute zu einer Stellungnahme zur Situation in Ungarn gedrängt.
Wie bewerten Sie diese Situation insgesamt?

Es wäre wünschenswert, wenn die ausländischen Fachleute sich besser informieren und ihre belastenden und beleidigenden Urteile nicht aufgrund von Informationen aus einer einzigen Quelle formulieren würden. In Ungarn herrscht Demokratie. Das ist ein Land, wo es sich Leben lässt und das in dem großen wirtschaftlichen und moralischen Chaos von Europa seinen Platz sucht, dabei aber seinen eigenen Charakter bewahren möchte. Die kulturelle Wende spielt sich erst in unseren Tagen ab. Jener Künstlertypus, wie er in den vergangenen fast 70 Jahren, d.h. seit dem Zweiten Weltkrieg, die ungarische Kultur dominierte, muss jetzt auch anderen Raum geben. Und da diese Situation zu akzeptieren den alten Eliten und ihren Erben schwerfällt, schlagen sie Lärm im Ausland.

20 Jahre nach der Wende in Ungarn sind nun seit 70 Jahren bestehende Positionen ins Schwanken geraten. Was heißt das konkret? Vom Verhältnis der Kommunisten zur Vergangenheit war schon die Rede: Sie wollten die Vergangenheit einfach ausklammern. Aber auch die linken und liberalen Intellektuellen der Wende zeigten sich wenig sensibel gegenüber den großen, auch unsere Gegenwart beeinflussenden Fragen der ungarischen Geschichte, wie z.B. das Schicksal der beinahe 2 Millionen Ungarn, die als Minderheiten außerhalb von Ungarn leben.

Auch das Verhältnis der Linksliberalen zur konservativen politischen und kulturellen Tradition ist feindselig. Die Konservativen halten heute die EU beispielsweise nur dann für sinnvoll, wenn Ungarn darin seine kulturelle Selbständigkeit bewahren kann. Diese Haltung steht in scharfem Gegensatz zu der Attitüde der linksliberalen Kreise der Wendezeit. An diese Konfliktpunkte und Diskussionen denke ich, wenn ich über ein Ungarn rede, das im wirtschaftlichen und moralischen Chaos von Europa seinen Platz sucht. Ich denke auch, die Zeit ist reif, wir sollten Dialoge führen.

 

Als Künstler, der als regierungsnah gilt, geraten auch Sie persönlich in den Focus: So ist kürzlich ein lange geplantes Gastspiel von zwei Ihrer Inszenierungen am "Théâtre national de Strasbourg" kurz vor dem Termin aus dem Spielplan des Theaters genommen worden.

Was im Theater zu Strasbourg passiert ist (siehe auch die Meldung vom 19. März 2013, die Red.), macht für mich die Argumente der scheinbar so entschlossenen Anhänger der Demokratie unglaubwürdig. Die Direktorin des Theaters hat unsere Aufführungen – wohl im Zeichen der künstlerischen Unabhängigkeit und Freiheit – nicht abgesagt. Nur meine Person hat sie für die Schule des Theaters, wo ich einen Workshop halten sollte, als unerwünscht bezeichnet und ihre Entscheidung in einer Mitteilung ziemlich primitiven Stils in der französischen Presse veröffentlicht. In dieser Situation habe ich entschieden, dass ich auch mein Theaterensemble in Strasbourg nicht auftreten lassen will. Das Strasbourger Theater war nicht bereit, meinen Antwortbrief auf der Homepage des Theaters zu veröffentlichen. Als der namhafte französische Intellektuelle und Theaterfachmann Valère Novarina daraufhin in einem Artikel scharf Partei für mich ergriff, veröffentlichte die Zeitung "Le Monde" diesen Brief nicht.

In der Zeitschrift Theater Heute hat eine ungarische Kritikerin einen Artikel geschrieben, der voller Irrtümer und Unschärfen war, z.B. war die konservative ungarische Regierung mit ihrer rechtsradikalen Opposition verwischt, deren – für mich unannehmbare – Politik von Homophobie und Antisemitismus geprägt ist. Dieser Artikel betraf auch meine Person, deshalb wollte ich darauf reagieren. Die Redaktion hat mir die Möglichkeit auf eine Reaktion auch versprochen, aber meine Antwort wurde am Ende abgelehnt, zunächst weil es Probleme mit ihrem Umfang gab, später auch aus inhaltlichen Gründen.

 

Als Leiter des Nationaltheaters könnte Ihre Aufgabe unter anderem auch in einer Versöhnung der unterschiedlichen politischen Lager und Ästhetiken der Theatermacher Ihres Landes bestehen.
Welche Chancen sehen Sie hier?

In dem von mir geleiteten Theater in Debrecen veranstalten wir seit 2007 jedes Jahr ein Festival der zeitgenössischen ungarischen Dramen. Zu diesem Festival laden wir alle Künstler ohne Rücksicht auf ihre politischen und ästhetischen Ansichten ein, so dass auf diesen Festivals immer die ganze ungarische Theaterelite anwesend war. Wir hatten Aufführungen, führten Diskussionen, Podiumgespräche usw. Als zukünftiger Leiter des Ungarischen Nationaltheaters will ich auch dort diese Offenheit bewahren.

 

Das Interview mit Attila Vidnyánszky wurde in drei Etappen per Email geführt. Übersetzung: Anna Molnár. Herzlichen Dank darüber hinaus an István Kornya. Die Fragen stellte Esther Slevogt.

 

Mehr Informationen sind über den Ungarn-Eintrag im Lexikon erreichbar. Zum nachtkritik.de-Bericht vom Hungarian Showcase im März 2013 (mit kleinem Exkurs der Autorin zum Ungarischen Nationaltheater und seiner Funktion für die neue Gedächtniskultur in Ungarn in den Kommentaren an Nr. 19) geht es hier.

 

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