Die Erben der Tafelrunde

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 6. Juni 2013. Die Ritter der Tafelrunde und ihre Frauen sind Spießer, die in einem schäbigen Wohnwagen hausen. Zwischen bunten Fähnchen baumelt eine ihrer Feinripp-Unterhosen auf der Leine. Und auch ihre Utopien zerplatzen. König Artus' Visionen von einer besseren Welt zerfallen in einem Europa, dessen Demokratien brüchig geworden sind - auch das spricht aus der Inszenierung des jungen ungarischen Regisseur Csaba Polgár, der Tankred Dorsts schwerblütiges Menschheitsdrama "Merlin oder das wüste Land" zum Auftakt des Festival Premières frisch und ziemlich direkt liest.

Europäische Handschriften

Erstmals veranstaltet das Staatstheater Karlsruhe das Festival mit, das vom Straßburger Théâtre National und vom Le Maillon ins Leben gerufen wurde. "Ein Fenster nach Europa öffnen" will die Kuratorin Barbara Engelhardt, die das Festival der jungen Regisseure bereits in der 8. Auflage kuratiert. Sieben Mal fand es bisher in Straßburg statt. Für junge Regisseure wie Tilman Köhler, Roger Vontobel oder Antù Romero Nunes war "Premières" bereits ein internationales Sprungbrett.

Nun eröffnet die Kooperation mit dem Staatstheater Karlsruhe neue Perspektiven. Auch finanziell lässt sich die Werkschau junger europäischer Regietrends mit der grenzüberschreitenden Kooperation besser stemmen. Engelhardt will dem Publikum Lust machen, Theaterformen und Sichtweisen zu vergleichen, die in den jeweiligen Ländern ganz unterschiedlich sind. Aus einer Vielzahl von Arbeiten, die an europäischen Theaterschulen oder an Bühnen entstanden sind, hat die Kulturjournalistin und Übersetzerin, die in Straßburg lebt, einen Querschnitt ausgewählt. Dabei geht es der Spezialistin um eigenwillige Regiehandschriften und um Projekte, "die nicht im gängigen Stadttheater-Repertoire zu finden sind".

Kraft, die stets Böses schafft

Mit "Merlin", dem Regisseur Csaba Polgár den Untertitel "Gott, Heimat und Familie" gegeben hat, gab es zum Festivalauftakt im Kleinen Haus des Staatstheaters eine radikal neue Sicht auf den Text des Altmeisters Dorst. Merlin, den Anna Szandtner als selbstbewusstes Zauberwesen spielt, zeigt eine Welt, in der Gegenwart und Geschichte heftig aufeinanderprallen. Doch der Zauberer, der die Menschen der Legende nach zu sich selber führen wollte, stiftet in heutiger Zeit nichts als Zwist. Ein knallrotes Faschingshütchen verzerrt die mythische Figur ins Lächerliche.

merlin2 280 eszter gordon u Anna Szandtner als Merlin © Eszter Gordon

Polgár zeigt Menschen, die an der Krise scheitern. Dieser Ansatz prägt das Konzept von Bühnen- und Kostümbildnerin Lili Iszák. Die Ritter der Tafelrunde tragen hellbraune Anzügen. Im abgewrackten Wohnwagen türmen sich Gerümpel und ungespültes Geschirr. Wenn sich der eine oder andere gar in eine Ritterrüstung zwängt, wirkt das richtig albern. Über allem steht grinsend der Teufel, Merlins Vater, mit seinen orangerot blinkenden Hörnern.

Gáspár Ildikó und Bánki Gergely haben ihre Textfassung auf moderne Mythen und Lebensträume zugespitzt. Die Königin Ginevra suhlt sich im Liebesspiel mit dem Ritter Lanzelot, während sich ihr Mann König Artus im Kampf eine blutige Nase holt. Der Liebhaber trällert Celine Dions Schnulze "My Heart Will Go On". Dabei gibt sich die Königin ihren Sehnsüchten hin. Tamás Matkós brillantes Musiktheater hüllt die Wellen der Liebe ebenso in eine grandiose Melodie wie die Muskelspiele der Männer. Lustvoll steuert das Ensemble mit starkem Chorgesang die Spannungskurve. Musik strukturiert den Reigen der Angst und des Schreckens.

Scharfe Akzente

Polgárs Regie zertrümmert die Ideale der ritterlichen Tafelrunde mit federleichter Ironie. Der verzweifelte Ruf nach Gott endet in der Warteschleife einer kostenpflichtigen Hotline. Nicht einmal Parzifals Rütteln an der Satellitenanlage hilft da noch. Mit starken Bildern wie diesem spiegelt Polgárs Regie eine Welt, in der die Menschen ihren Halt verlieren. Für die Krise, die immer mehr Europäern den Boden unter den Füßen wegreißt, findet das Ensemble überzeugende Zeichen. Und in Polgárs Zimmerschlachten fließt reichlich Theaterblut. Die Männer vergewaltigen ihre Frauen. Sie töten die Liebe, die einst eine Triebfeder der Heldenmythen war.

Den philosophischen Ballast, der Tankred Dorsts Welttheater "Merlin" aus den 70er-Jahren so schwer drückt, schüttelt der junge Regisseur ab. Dennoch schafft es Polgár, die literarische Qualität Dorsts zu retten und sogar noch schärfer zu akzentuieren. Mit den Schauspielern strukturiert er die Textlandschaft und über-setzt sie in griffige Bilder aus dem Hier und jetzt. Dafür gab es nicht nur von dem Dramatiker, der die Aufführung in der ersten Reihe verfolgte, viel Applaus.

     

Merlin oder Gott, Heimat, Familie
von Tankred Dorst, Textfassung von Ildikó Gáspár und Gergely Bánki
Inszenierung: Csaba Polgár, Musikalische Leitung: Tamás Matkó, Bühne und Kostüme: Lili Izsák.
Mit: Imre Baksa, Gregerly Bánki, Richárd Barabás, Tamás Berta, Kriszta Biró, Zoltán Friedenthal, József Gyabronka, Tamás Herczeg, Magdolna Kiss Diána, Zsolt Máthé, Hella Roszik, Anna Szandtner, Katalin Szilágy, Nóra Diána Takács, Sándor Terhes, Milán Vajda.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause.

www.festivalpremieres.eu

 

Kritikenrundschau

Csaba Polgár zeige in seiner "Merlin"-Inszenierung "einen so reifen wie spielerischen Zugriff", schreibt Andreas Jüttner in den Badischen Neusten Nachrichten (8.6.2013). Es vermittelten sich "alle Facetten des Dramas über Entstehen und Scheitern von Utopien". Überzeugend wirke dies "aufgrund der enormen Präsenz des Ensembles". Polgár gelinge mit diesem "eine Lehrstunde im effektiven Einsatz spielerischer Theatermittel". Die "mitunter drastischen Gewaltszenen" würden "dank dezenter Andeutungen umso stärker wirken". Und auch die Musikdramaturgie zeige, "wie genau die ganze Inszenierung gearbeitet" sei. "Ein großartiger Abend."

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