Regionaler Ungehorsam

von Friederike Felbeck

Recklinghausen, 7. Juni 2013. Hitler schwebt als Deus ex machina aus einer schwarzen Kiste empor: Ein Hubpodium, dessen Motor leise im Hintergrund summt, hebt den Rollstuhl und seinen Fahrer auf eine zwei Meter hohe Empore. Von dort richtet sich der Demagoge mit vertraut krächzender Stimme an eine Menge mit zahllos ausgestreckten Armen und verkündet die neue Regierungsbildung. Auf der gegenüberliegenden Seite der weiträumigen Vestlandhalle in Recklinghausen versammelt sich die Kommunistische Partei Mössingen. Die Menge, an die hundert Bürger und Bürgerinnen, einheitlich schwarz-weiß gekleidet, läuft geschlossen mal nach rechts, mal nach links, mal zum einen, mal zum anderen Redner über. Gespielt werden sie vorwiegend von Laien aller Altersgruppen – die Aufführung beginnt augenzwinkernd mit dem Kopf an Kopf des größten und des kleinsten Ensemblemitgliedes. Ein Jugendsinfonieorchester untermalt mit Originalkompositionen, als gelte es, einen Film von Sergei Eisenstein zu vertonen.

Theater Lindenhof: Leute von nebenan

Ein Hauch von Volkstheater weht durch die in die Jahre gekommenen Ruhrfestspiele: Normale Leute von nebenan – Handwerker, Kleinbauern, Arbeiter – sind die Protagonisten des Stückes "Ein Dorf im Widerstand" von Franz Xaver Ott, der den 80. Jahrestag der Machtergreifung Adolf Hitlers zum Anlass nimmt, um an den Generalstreik eines kleinen schwäbischen Dorfs zu erinnern. "Der Mensch ist dem Mensch ein Nachbar" ist das Motto, das Ott seinem Stück voranstellt. Wie passend, dass zur "Marke" Theater Lindenhof seit langem soziokulturelle Projekte gehören, bei denen Vereine und Schulen, Anrainer und Freiwillige mitwirken. "Es müssen mindestens so viele mitspielen, wie damals verhaftet wurden" sagt Stefan Hallmayer, der Intendant des Theater Lindenhof in Melchingen, und beginnt, die 98 mutmaßlichen Rädelsführer der schwäbischen Mini-Revolution im benachbarten Mössingen, dem Originalschauplatz des historischen Aufstands, zu casten.

dorfimwiderstand2 560 richardbecker uMassenchoreographien: "Dorf im Widerstand" © Richard Becker / Theater Lindenhof

Franz Xaver Ott, wie Hallmayer langjähriges Ensemblemitglied eines der ältesten Privattheater Deutschlands, recherchiert im Staatsarchiv und macht eine wiederaufgelegte Chronik der Erhebung ("Da ist nirgends nichts gewesen") zur Grundlage seines Textes. Ott liefert ein treffsicheres Stück Dokumentartheater, das in der Inszenierung der Denunziation, der Verhaftung und dem Verhör der Streikenden gipfelt, die allesamt hart bestraft und für Jahre weggesperrt werden. Moderiert wird die Szenenfolge von einem "Engel der Geschichte", der in Trachtenjacke und mit Rabenflügeln auf dem Rücken wie ein Sisyphos die tragische Geschichte der allzu euphorischen Widerstandskämpfer schultern muss.

Im reisefähig gemäßigt schwäbischen Dialekt formiert sich die Hundertschaft immer wieder zu Chören, singt Arbeiterlieder, folgt einer genau choreographierten Massenregie, probt Aufmärsche und Posen, wie sie von sowjetischen Propagandaplakaten hinabspringen könnten. Überhaupt experimentiert das Theater Lindenhof regelmäßig mit Formen und Ästhetik Erwin Piscators. Die leergeräumte Halle verwandelt sich sekundenschnell in eine Gemeinde mit Schule, Werkstätten, Eckladen, Dorfschenke und Bürgerbüro, in denen die einzelnen Biografien in kurzen prägnanten Szenen in ihren parallelen Arbeitswelten und Familien herangezoomt werden.

dorfimwiderstand1 280 richardbecker u© Richard Becker / Theater Lindenhof

Reges, unerschrockenes Regionaltheater

Angefeuert durch Henry David Thoreaus "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" stimmt die Dorfversammlung zwar zunächst nur mit knapper Mehrheit für den Streik, aber dann ziehen sie geschlossen von Fabrik zu Fabrik, um die Arbeiter dort ebenfalls mitzureißen. Dem Regisseur Philipp Becker reichen jeweils einzelne Versatzstücke und Möbel, die von den Akteuren hineingerollt werden, um die verschiedenen Räume zu markieren. So wird ein zwölf Meter langer Laufsteg unter den wirbelnden Händen der beschürzten Darstellerinnen zur Fabrikhalle einer Näherei. Ein Gefälle zwischen den professionellen Ensemblemitgliedern des Theater Lindenhofs und den spielwütigen Amateuren ist dabei kaum spürbar, wenn nicht völlig verschwunden.

Mit dem Theater Lindenhof präsentieren die Ruhrfestspiele ein reges und unerschrockenes Regionaltheater, das sich seit seiner Gründung 1981 immer treu geblieben ist, ein Spektrum von "Brandner Kasper" über "Gott des Gemetzels" bis zum "Sturm" abdeckt und dabei immer das Theater am Ort seiner Entstehung zu verankern weiß. Allein in Mössingen ist man heute nicht nur erfreut über ein Theater, das den Finger auf die mühsam verheilte Wunde legt: Der Gemeinderat wehrt sich in Blogs gegen die Erinnerungswut und den Stolz, der einzige Fleck in Deutschland gewesen zu sein, an dem es am 31. Januar 1933 zu einem Generalstreik kam. Schließlich kam der Anstoß von ganz weit links.

 

Ein Dorf im Widerstand (UA)
von Franz Xaver Ott
Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen und des Theater Lindenhof, Melchingen, in Zusammenarbeit mit der Stadt Mössingen
Regie: Philipp Becker, Bühne: Beni Küng, Kostüme: Claudia Rüll Calame-Rosset, Komposition: Johannes Hofmann, Musikalische Leitung: Dietrich Schöller-Manno, Michael Koch, Joachim Gröschel, Chorleitung: Helmut Kannwischer, Choreographie: Christine Chu, Dramaturgie: Franz Xaver Ott.
Mit: Ensemble Theater Lindenhof, Bürgern und Bürgerinnen aus Mössingen und Umgebung.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.ruhrfestspiele.de
www.theater-lindenhof.de



Kritikenrundschau

"Minutenlang Applaus, völlig verdient", schreibt Kai-Uwe Brinkmann in den Ruhrnachrichten (online 9.6.2013). "Da ist vieles drin, schwäbische Streitlust, Aufmüpfigkeit und Bauernschläue. Schicksale und Zeitkolorit durchdringen sich, Geschichte wird lebendig. Zwischen Massen- und Sprech-Szenen findet die Inszenierung eine gute Balance, Raum zum Nachdenken gibt es auch."

 

 
Kommentar schreiben