Tosender Einsatz aller Mittel

von Marcus Hladek

Gießen, 8. Juni 2013. Eben noch kippte die enge Realitätsanbindung vom Beginn in kirchenkritischen Revolutionskitsch, da wird das Szenen-Karussell ein wohlig-radikales Viertelstündchen lang angehalten: Regisseur Thomas Goritzki tritt auf die Bühne und fegt den Zeichenbetrieb beiseite, um uns frontal-appellativ Varianten Büchnerscher Realitätseingriffe heute auszumalen. Dann macht er sich mit blutend revolutionärem Herzen, Realitäts-Pathos und Gewaltaufruf nach dem Evangelium des "Hessischen Landboten" vor uns nackig: Büchner oder (mit Heiner Müllers "Quartett" zu sprechen) Das Verhängnis zwischen seinen Beinen.

bbb2 560 dietmarjaneck uRevolutionspathos vor Pollock-Rotunde © Dietmar JaneckWomit Goritzki in "Buch – Bühne – Büchner" die zuletzt schon angesengte Kunst wieder aus dem Feuer reißt, als wär die sinkende Qualitäts-Kurve vorher dramaturgisch eingeplant gewesen, nicht nur das denunziatorische Ballett der Bischöfe in falschem Rot, Mitra und Ornat. Auf der süßen, winzigen Zigarrenkiste des klassizistischen Gießener Stadttheaters wird an diesem Abend schließlich großes Theater angegangen, als könne man das einfach so aus dem Boden stampfen. Über weite Strecken geht das auch gut und wird dem zwangsbombastischen Zweck gerecht, dem Büchner-Festival der Büchner-Stadt Gießen im Büchner-Jahr 2013 ein würdig-revolutionäres Vorspiel aus eigener Mache zu geben. Ohne die Kosten für ein Mehrsparten-Projekt mit Kompositionsauftrag nebst Tanzbeitrag von Tarek Assams Gießener Company zu scheuen, entfaltet sich die szenische Narration zwischen dem Leben Büchners und einem szenischem Essay über sein ästhetisches Programm im sozial-historischen Kontext.

Schwarz-rot-goldene Farbspritzer

Man denke sich die Inszenierung Goritzkis, der schon Dantes "Göttliche Komödie" hierher brachte und nun abermals aus der Hölle der Verhältnisse über den persönlichen Läuterungsberg vors Angesicht des weltlich-revolutionären Gottes kraucht, unter tosendem Einsatz aller Mittel. Dazu gehören außer einer Musik, die sich oft nach Stravinsky und manchmal nach Stockhausens "Gesang der Jünglinge im Feuerofen" anhört: eine Bühne, die einem Mausoleum in Rotundenform aus weißen Vorhängen mit schwarz-rot-goldgelber Gesprengsel-Malerei in Jackson-Pollock-Manier gleicht, was als Muster auf viele der Kostüme überspringt (Heiko Mönnich).

Und eine Textgrundlage für Sprecher und Sänger, die ihr opernhaft verknapptes Substrat mit Wollust auswalzt, wiederholt, immer neu schmiedet und so, mühsam, aus dem lemurenhaften Chaos semantikfreier Laute, zu Wort und Ausdruck findet. Auch Büchners Geburt geschieht unter Plastikbahnen hervor aus dem Gestaltlosen, im Lauf des Abends gefolgt vom berühmten Steckbrief, der Flucht, dem Wunder dieser Sprachfindung ("Das Alphabet"), dem Moloch Staat, einem zombiehaften Paternoster, dem "Landboten", Goritzkis Aus-/Ein-/Umbruchs-Zäsur, dem Krieg und den Nerven der sezierten-dissertierten Fische, dem Tod und den Glocken.

Sänger- und Tänzer-BüchnerInnen

Zur sinnlichen Konkretion dieser szenischen Wucht aus dem Nichts gehören eingeblendete Stationen-Namen und ein alternder Büchner im weißen Mantel: mal als Kind mit Ranzen (Lorenz Oehler) oder alter Mann (Harald Pfeiffer), meist aber als Büchner-21 (Vincenz Türpe), der zudem als gleichrangige Frau (Anne-Elise Minetti als "Büchnerin" in griechisch-klassischem Tuch) und "Sängerbüchner/in" (Tomi Wendt und Maria Chulkova, je in schwarzem oder weißem Trainingsanzug mit schwarz-rot-goldenen Adidas-Streifen) aus-allegorisiert. Und zu guter Letzt die organisch-fließend ins Pathos-Getriebe eingebauten Tänzer inklusive "Tänzerbüchner/innen" sowie Sprechchor mit Chorführer/in (Milan Pešl, Carolin Weber).

Ein unbändiger Kraftakt also, den belächeln kann, wer das will. Der aber nicht absteht, den vermeintlich toten Hund Büchner als den Urknall der Theatersprache gegen dessen idealistische Schleier zu sehen und zu feiern, der er war. Eine Aufführung, die in ihrem Größenwahn absolut Sympathien weckt.

 

Buch. Bühne. Büchner. Stationen einer Jagd
von Richard van Schoor (Komposition, musikalische Leitung) und Thomas Goritzki (Buch und Konzept).
Inszenierung: Thomas Goritzki, Choreografie: Tarek Assam, Chor: Jan Hoffmann, Dramaturgie: Christian Schröder, Bühne und Kostüme: Heiko Mönnich.
Mit: Vincenz Türpe, Anne-Elise Minetti, Lorenz Oehler, Harald Pfeiffer, Carolin Weber , Milan Pešl, Sprechchor, Tomi Wendt, Maria Chulkova, Caitlin-Rae Crook, Lea Hladka, Yuki Kobayashi, Mamiko Sakurai, Magdalena Stoyanova, Michael Bronczkowski, Sven Krautwurst, Manuel Wahlen, Chor, Kinder- und Jugendchor des Stadttheaters Gießen, Philharmonisches Orchester Gießen.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.stadttheater-giessen.de

 

Kritikenrundschau

Die ersten Absätze der Kritik von Manfred Merz in der Gießener Allgemeinen (10.6.2013) sind dem vermeintlichen Skandalon des "aufmerksamkeitsheischenden Entblößungstriebes" des Regisseurs Thomas Goritzki gewidmet, der sich in seiner Aufführung selbst als "nackter Landbote" präsentiere. Goritzki zeige in "Buch. Bühne. Büchner" "das kurze Leben des Autors in zwölf Stationen, mit dem nötigen gerüttelt Maß an Wut und Fatalismus, an Energie und Frustration." Dazu lasse "der Theatermacher jedoch nicht eine einzige Figur aus Büchners Werken auferstehen", was man ihm "vor dem Büchner-Festival hoch angerechnet werden" müsse. "Für sich betrachtet" böten viele der Stationen "eindringliche Momente", ein "einheitliches Ganzes" entstehe aber aus all dem nicht. Und auch die Musik von Richard van Schoor bleibe "Rudiment. Obwohl van Schoor starke Momente gelingen." Es finde sich darin "nichts Überladenes, aber alles in allem zu wenig Forderndes, Zwingendes, um Komplexität zu erreichen."

 

 
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