Der Anwalt des Judas

10. Juni 2013. Am gestrigen Sonntag verstarb in Tübingen, seiner langjährigen Wirkungsstätte, der bedeutende Philologe, Schriftsteller und emeritierte Ordinarius für Rhetorik an der Eberhard-Karls-Universiät Tübingen Walter Jens. Der 1923 in Hamburg geborene Jens war u.a. von 1976 bis 1982 Präsident des deutschen P.E.N.-Zentrums und zur Zeit der Wiedervereinigung Präsident der Berliner Akademie der Künste.

Walter Jens galt – gemeinsam mit seiner Frau Inge Jens – in der Öffentlichkeit lange als ein Musterbild des sich einmischenden Intellektuellen, der etwa in den 1980er Jahren seinen Protest gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik auch mithilfe von Sitzblockaden zum Ausdruck brachte und dafür gerichtlich verurteilt wurde. In seinen letzten Lebensjahren geriet Jens erneut ins Blickfeld, da seine Demenzkrankheit nicht zuletzt vom Sohn Tilman Jens öffentlich thematisiert wurde.

Walter Jens' Roman "Der Fall Judas" aus dem Jahr 1975, eine fiktive Verteidigungsrede des Judas Ischariot, wurde vielfach fürs Theater adaptiert, Jens selbst machte daraus den Monolog "Ich, ein Jud", veröffentlicht in "Zeichen des Kreuzes. Vier Monologe" (1994). In jüngerer Zeit wurde am Zimmertheater Tübingen auch Jens' Fernsehspiel Der tödliche Schlag auf die Bühne gebracht. Eine andauernde Bedeutung für die Theaterpraxis haben auch Walter Jens' Übersetzungen antiker Tragödien, etwa der "Orestie" des Aischylos, der thebanischen Trilogie ("Antigone", "König Ödipus", "Ödipus auf Kolonos") des Sophokles oder der "Alkestis" des Euripides.

(wb)

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