Laute Bitterkeit

von Nikolaus Stenitzer

Potsdam, 13. Juni 2013. "Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude."
Mit diesen Sätzen beginnt "Hiob", Joseph Roths "Roman eines alltäglichen Mannes", und mit ihnen beginnt auch die Aufführung der dramatisierten Fassung im Potsdamer Hans Otto-Theater: Dunkel ist die Bühne wie Mendel Singers Stube am frühen Morgen; durch ein kleines Fenster in der Fassade einer angedeuteten Behausung (Bühne und Kostüme: Barbara Steiner) werden Lichter angezündet, während eine Stimme aus dem Off (René Schwittay) von Mendel Singer erzählt, dem Lehrer, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern ärmlich im Zuchnower Schtetl lebt und Kinder die Bibel unterrichtet: "Hunderttausende hatten gelebt und unterrichtet wie er."

hiob3 560 hlboehme uWenn das Schicksal zürnt, helfen auch schöne Töchter nichts © HL Boehme

Für die Singers beginnt der Tag: Auf der Bühne geht langsam das Licht an, der Raum öffnet sich, gibt den Blick auf Mendel Singer und seine Familie frei. Und Joseph Roths Erzählung verflüchtigt sich.

Angebot zur Beschleunigung

Die Bühnenfassung von Koen Tachelet, die seit der Münchner Uraufführung von 2008 bereits an mehreren weiteren Bühnen Premieren erlebte, komprimiert Roths betont langsame Prosa ins Dialogische. Die Komprimierung enthält ein Angebot zur Beschleunigung. Regisseur Michael Talke und sein Ensemble nehmen das Angebot an und stürzen sich in das Spiel. Der halboffene Raum wirkt voll, nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Informationen, so schnell jagen einander die Entwicklungen. Oft scheint eine ganze Szene in einen Satz gefüllt, vor allem Eddie Irle als sehr aggressiver Sohn Jonas und Rita Feldmeier als Mendels Frau Deborah machen hier Tempo. Gelegentlich läuft jemand drei Mal um die Singersche Behausung, und schon sind große Entfernungen überbrückt, der Ort gewechselt, das Leben verändert. Was fehlt, sind die Exposition und die Nuancen, die die "Hiob"-Geschichte eigentlich erst verständlich machen.

Vielleicht ist es die Einfachheit der Erzählung, die nicht mehr so einfach zu erzählen ist. In der Vorlage ist Mendel Singer ein frommer Mensch, der sein ärmliches Leben nach den Geboten seiner Religion lebt und die Prüfungen seines Schöpfers erträgt. Sein zuletzt geborener Sohn Menuchim "wird ein Epileptiker", er lernt weder Sprechen noch Laufen; die Tochter Miriam "geht mit den Kosaken", der Sohn Jonas wird gleich selber Soldat und Schnapstrinker. Mendel Singer aber bleibt fromm und kennt deswegen auch eine Art von Glück. Die Schicksalsschläge kommen von Gott. Als das Unglück sich schließlich vermehrt und unerträglich wird, beginnt er zu zweifeln – wie der biblische Hiob, dem Roth ihn nachempfunden hat, und wie dieser wird er schließlich noch erlöst.

Verschwimmende Übergänge

An dem Mendel, den Christoph Hohmann in der Potsdamer Inszenierung spielt, ist eine solche Entwicklung nicht zu erkennen. Seine Religiosität ist von Beginn an bitter, und diese Bitterkeit ist laut; das Zusammenleben mit seiner Frau Deborah (Rita Feldmeier) enthält keine Freude. Dieser Mendel Singer ist nie gleichmütig; deswegen verschwimmen die Übergänge, und als Mendel sich schließlich von seinem Gott abwendet, wirkt es, als würde das einfach nur der Vollständigkeit halber geschehen.

hiob4 280h hlboehme uDauerdulder auf seinem Stuhl: Christoph Hohmann als Mendel Singer © HL BoehmeDer Wendepunkt in "Hiob" ist die Emigration. Der jüngere Sohn Schemarjah, vor der Einberufung in die zaristische Armee nach Amerika geflohen, schickt Schiffskarten. Eine schwere Entscheidung ist zu treffen: Die Überfahrt kommt zur rechten Zeit, denn Miriam muss vor den Kosaken gerettet werden (dass sie erklärt, sie werde in Amerika erst recht tun, was sie wolle, wird fürs erste überhört – Patrizia Carluccis selbstbewusstes Spiel ist trotzdem sehr überzeugend). Aber Menuchim, den "Krüppel", kann man nicht mitnehmen. Er bleibt zurück, die Fahrt ins Unglück beginnt.

Russland und Amerika trennen in der Potsdamer Inszenierung Licht und Raum. Die hellen Holzwände, aus denen im ersten Teil das einzige Zimmer, die Küche der Singers, gebaut war, sind in den Hintergrund gerückt und bilden nun eine äußere Fassade, was den Eindruck von Weite vermittelt. Vier Neonscheinwerfer erhellen grell die Neue Welt. Grell wird sie auch ins Spiel eingeführt: Mendel Singers neues Leben wird auf den Aspekt der Überforderung und Ablehnung zugespitzt – er wird von Amerika "erschlagen". Während die Familie und der designierte Schwiegersohn Mac (noch einmal Eddie Irle) lautstark und knallbunt gekleidet die Vorzüge des "neuen Vaterlandes" preisen, wedelt Christoph Hohmann zynisch mit einem Stars & Stripes-Fähnchen.

Dass Mendel auch hier ein frommer Jude bleibt, der sich, wenn auch anfangs unbehaglich, schließlich willig in sein Schicksal fügt – es ist nicht zu sehen. Amerika scheint der eigentliche Fluch zu sein. Die dann folgenden, tatsächlichen Katastrophen erscheinen da wie Konsequenzen im schlechten Ganzen, die Abwendung vom Gott der Juden fast wie zufällig.

Abgehängtes Happy End

Und als dann, nach der Auf- und Erlösung mit Menuchims wunderbarer Rückkehr, Mendel Singer eigentlich seinen Frieden gefunden hätte, will sich das glückliche Ende nicht mehr recht einfügen: Zu gleichförmig negativ verlief zuvor die Dramaturgie, und wo keine Spannung war, ist eine plötzliche Entspannung unerklärlich.

Der "Hiob"-Roman wird oft als einer von vielen Versuchen Joseph Roths verhandelt, die traumatischen Ereignisse des Ersten Weltkrieges zu verarbeiten; in diesem Fall wird die Möglichkeit eines (persönlichen) Ausweges über die Religion angedeutet. Es ist eine interessante Frage, wie mit einem solchen Angebot für eine aktuelle Theateraufführung umzugehen wäre – und eine, auf die nicht verzichtet werden sollte. Denn sonst steht am Ende – wie in Potsdam – ein plötzlich gesegneter Mendel Singer am Bühnenrand, der erklärt, er werde jetzt "die Welt begrüßen". Und man fragt sich: Warum eigentlich?

 

Hiob
nach dem gleichnamigen Roman von Joseph Roth in der Fassung von Koen Tachelet
Regie: Michael Talke, Bühne und Kostüme: Barbara Steiner.
Mit: Christoph Hohmann, Rita Feldmeier, Friedemann Eckert, Patrizia Carlucci, Alexander Finkenwirth, Eddie Irle, René Schwittay.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.hansottotheater.de

 

Kritikenrundschau

Von einer gelungenen Premiere berichtet Daniel Flügel in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (15.6.2013). "Schlichtweg großartig" versteht es Christoph Hohmann aus seiner Sicht, die Hauptfigur Mendel Singer zu spielen, der diesen Kritiker auch mit der Darstellung seiner Trauer über den Tod seiner Kinder ergreift. Auch ist von starken Bildern die Rede.

Joseph Roth erzähle "in einer kraftvollen Sprache, von der eine eigenwillige Ruhe ausgeht", schreibt Frank Starke in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (15.6.2013). Talkes Inszenierung "kehrt diesen Grundgestus zuweilen in sein Gegenteil. Da geht es laut und hektisch zu, wird geschrien und gerannt. Das Böse, das Roth poetisch bemäntelt, steht hier nackt und bloß, so, wenn die Geschwister den problembeladenen Nachzügler fast zu Tode quälen." Die Schauspieler hätten es "nicht leicht"; erst am Schluss könne Christoph Hohmann "dem Mendel, der bis dahin nur Chronist seiner Selbst ist, schauspielerisches Format geben".

 

 
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