Weltwerdung eines eingebildeten Gnoms

von Andreas Klaeui

Zürich, 14. Juni 2013. "Warum sind wir in Zürich, Richard?", fragt eingangs Cosima Wagner (Elisabeth Trissenaar). Eine gute Frage. Sie wird unbeantwortet bleiben. Gewiss, Richard Wagner verbrachte, als Flüchtling nach dem Dresdener Maiaufstand 1848, die Jahre von 1850 bis 1858 in Zürich, und es wurden wichtige Jahre in seinem Leben: in denen er die "Zürcher Kunstschriften" verfasste ("Das Kunstwerk der Zukunft"), nebenbei auch den Beruf des interpretierenden Dirigenten erfand, den "Ring des Nibelungen" anlegte, "Tristan und Isolde" schrieb und die Wesendonck-Lieder, aber auch die antisemitische Schrift über "Das Judentum in der Musik".

Daten stemmen, Werke nennen, Bezüge knüpfen

1882, ein Jahr vor seinem Tod auf seiner letzten Venedig-Reise, habe nun Wagner noch mal in Zürich Halt gemacht, denkt sich Hans Neuenfels aus in seiner "wahren Fantasie", die er für die Zürcher Festspiele verfasst und inszeniert hat. An seinem Lebensende kreuzen sich Wagners Wege noch mal mit denen von Mathilde und Otto Wesendonck, von Ludwig II., von Gottfried Keller, aber auch etwa dem 1867 bereits verstorbenen Charles Baudelaire (der dem französischen "Wagnérisme" den Weg bereitet hatte) oder Karl Ritter, seinem Dresdener Reisebegleiter.

wagner 560 tanjadorendorfttfogografieHeimsuchung? Übermalung? Kunstrausch?  © Tanja Dorendorf / T&T Fotogografie

Das Aufgebot wirkt etwas zufällig. Warum um Wotans Willen tritt Minna Wagner nicht auf, warum kein Friedrich Nietzsche, warum Franz Liszt ab Band aus dem Off? Und, entscheidender: Was haben die, die vorkommen, überhaupt für eine Funktion? Mal scheinen sie einer Wagnerschen Innensicht entsprungen, mal mehr einer historischen Perspektive verpflichtet, ein andermal wieder so etwas wie ein Neuenfels-Sprachrohr zu sein. Warum sind sie in Zürich?

Was waren sie denn nun, diese Zürcher Jahre?

Die Rückblende erlaubt natürlich, von damals zu erzählen, mithin Information zu transportieren. Darin liegt allerdings auch das Problem: Neuenfels muss viel Information vermitteln, viel zu viel. Er ist andauernd am Erklären, Daten stemmen, Werke nennen, Bezüge knüpfen. Er tut sich enorm schwer mit der umständlichen Konstruktion seiner Fantasie, und kommt gar nicht dazu, wirklich phantastische Funken daraus zu schlagen.

Was waren sie denn nun, Wagners Zürcher Jahre? Schaffensrausch, eine Weltwerdung (wie es der Schulfunk-Titel des Abends suggeriert), erotisch spannungsvolle Konstellation? Was ließe sich alles denken? Zu einer Heimsuchung, einer Übermalung, einer Art Traumphantasie oder einem Kunstrausch wird der Abend jedenfalls nicht – selbst noch Charles Baudelaire (Ludwig Boettger), der Dandy-Zombie, bleibt hier von so gesunder Blässe, man würde nicht glauben, er habe je ein Haschischzigarettchen angefasst.

wagner 280h tanjadorendorfttfogografieWarum sind wir in Zürich? Cosima (Elisabeth Trissenaar) und Richard Wagner (Robert Hunger-Bühler)  © Tanja Dorendorf / T&T Fogografie

Wagnersche Weltwerdung

Auch Richard Wagner selber geht bei Robert Hunger-Bühler – im Gegensatz zu seiner Musik – alles Rauschhafte ab; er ist ein von sich eingenommener Gnom, erstaunlich arm an Dimensionen. Simpel auch die weiteren Figuren: Gottfried Keller als alkoholisierter Bünzli (Siggi Schwientek); Mathilde Wesendonck als spätes Mädchen, Cosima als energische Prinzipalin (beide von Elisabeth Trissenaar verkörpert); Ludwig II. als Hysteriker im Märchen- und Mädchen-Ornat (Samuel Braun); platte Karikaturen.

Einzig Otto Wesendonck (Jean-Pierre Cornnu) darf sich im lichtblau leuchtenden Kostüm Wagners Antisemitismus vornehmen, für Kunst als Humanismus plädieren und das Finale von Beethovens 9. Sinfonie anstimmen ("Alle Menschen werden Brüder"). Eine Karikatur auch er, wenngleich mit umgekehrten Vorzeichen.

Eine Spur Wagnersche Weltwerdung stellt sich einzig in der Musik ein, der Neuenfels viel Raum gibt in seinem dreistündigen Abend, mit einem Kammerorchester und Sängern vom koproduzierenden Zürcher Opernhaus. Sie machen einfach ihr Ding neben dieser ganzen Bühnen-Geschichte und spielen und singen schön.

Da gibt es dann immerhin Rausch-Häppchen.

 

Richard Wagner – Wie ich Welt wurde
Eine wahre Fantasie in zwei Akten mit Musik aus dem Werk von Richard Wagner

Uraufführung im Rahmen der Festspiele Zürich
Regie: Hans Neuenfels, Musikalische Leitung: Arno Waschk, Bühne: Stefan Mayer, Kostüme: Elina Schnizler
, Licht: Markus Keusch, Dramaturgie: Henry Arnold.
Mit: Ludwig Boettger, Samuel Braun, Gottfried Breitfuss, Jean-Pierre Cornu, Kor-Jan Dusseljee, Robert Hunger-Bühler, Herdís Anna Jónasdóttir , Kismara Pessatti, Tomasz Rudnicki, Siggi Schwientek, Elisabeth Trissenaar, Emma Vetter, Olivia Vote, Martin Zysset.
Dauer: Drei Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus.ch
www.opernhaus.ch

 

 

Kritikenrundschau

Auf nzz.ch, dem Online-Portal der Neuen Zürcher Zeitung, schreibt Barbara Villiger Heilig (16.6.2013, 7:00 Uhr): Wenn sich etwas zeige an diesem Abend, "dann die wirkungsmächtige Überlegenheit der Musik [Richard Wagners] über das Wort". Die "Fussnoten", die Neuenfels verfasst habe, erwiesen sich als "ziemlich bühnenuntaugliche Schreibtischphantasie". "Viel Wikipedia, null Dramatik, einige Pointen, einige Peinlichkeiten." Sobald gesungen werde, atmeten Bühne, und Saal auf. Hin und her gehe es zwischen "ironischem Klamauk und ernstgemeinter Faktenvermittlung". Wie "Wagner Welt wurde" bringe Robert Hunger-Bühler als "cholerischer Narzisst" kaum näher. Siggi Schwientek humpele als "versoffener Gottfried Keller" herum; sein "Grüner Heinrich" fungiere als "Running Gag". Ludwig II. trage Hermelin "und will, jawohl, gefickt werden von seinem Idol". Zwischendurch verselbständige sich das grandiose Sängerensemble und biete, welcher Trost, ein Wagner-"Best of".

Hans Neuenfels habe aus dem Grundproblem aller Biographen die Konsequenz gezogen und für die Zürcher Festspiele eine Hommage geschaffen, "die bewusst auf ein konsistentes Charakterbild verzichtet", schreibt Christian Wildhagen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.6.2013). Immer wilder kreise in Neuenfels' "Seelenbeschwörungslabor" der Reigen um Wagner, "er selbst ist das Kraftzentrum, durch das sich alle anderen definieren. Und bleibt als Projektionsfläche für blinde Verehrung wie für genauso blinde Verteufelung doch eigenartig ungreifbar, schillernd, zweideutig." Dieses Schillernde sei das Verdienst von Robert Hunger-Bühler, der Wagner nicht als Heroen, als mimeartigen Geiferer, guruhaften Propheten oder weltumarmenden Universalromantiker zeichne, vielmehr virtuos, oft von einem Satz zum nächsten, zwischen all diesen Rollen hin und her wechsele. Zur Musik: Trotz der gelungenen Gesangsdarbietungen seien die musikalischen Einlagen freilich der Teil der knapp dreistündigen Aufführung, der eine – "sonst sorgsam vermiedene" – Volkshochschuldidaktik entfalte: Hört, hört, was hat dieser Mann für herrliche Musik geschrieben! "Doch wussten wir das nicht längst?"

Im Zürcher Tages-Anzeiger schreibt Susanne Kübler (18.6.2013): man, also sie, habe angesichts der Neuenfelsschen Konzeption "Abgehobenes" befürchtet. Aber abgesehen von ein "paar papierenen" Momenten sei alles anders. "Geerdeter, lustiger, wütender" als befürchtet. Neuenfels habe Mitstreiter gefunden, die sich auf seine Phantasei einließen: Robert Hunger-Bühler und Elisabeth Trissenaar. Das kleine Musikensemble und seine so respektvoll arrangierte Wagner-Musik bleibe eher am Rande der Produktion, weil die Schauspieler so präsent seien und in ihren Rollen aufgingen.

Manuel Brug findet in der Welt (25.6.2013), Neuenfels lasse seine "manierlichen Kopfgeburten" diesmal "wenig wahnsinnig und fantastisch wabern, dafür trocken papieren knistern". Es werde "vor allem Biografisches brav abgehandelt, von A wie Antisemitismus bis Z wie Zürich", dazu Wagner gesungen und gespielt.

Egbert Tholl schreibt in der Süddeutschen Zeitung (25.6.2013) ebenfalls von einem "braven Abend". Ein "theatralisierter Volkshochschulkurs" sei das, "der einiges, was man von Wagner ohnehin weiß, noch einmal erzählt, mit Musik, mit großen Schauspielern und kleinem Ertrag". Es brodele wenig in der "belesen gebastelten Textcollage, keine Hitze, kein Treibhaus", selbst die Musik bleibe "hörspielhaft".

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