Für wen macht eigentlich das Theater sein Theater?

von Willibald Spatz

Augsburg, im Juni 2013. In der schwäbischen Bezirkshauptstadt Augsburg beträgt der Anteil der Einwohner "mit Migrationshintergrund" 42 Prozent. Es gibt einige Stadtviertel, die stark durch ein interkulturelles Miteinander geprägt sind. Im offiziellen, institutionalisierten Kulturleben der 270.000-Einwohner-Stadt spielt ihre Vielgesichtigkeit aber eine relativ kleine Rolle.

Die Stadt jedoch ist bemüht, kulturelle Alleinstellungsmerkmale aller Art zu schaffen. Zum Beispiel versucht Augsburg ernsthaft, mit seiner "Wasserwirtschaft" in das Weltkulturerbe bei der UNESCO aufgenommen zu werden. Es gibt hier einen weltweit einmaligen Feiertag im August, das Augsburger Friedensfest, an dem der Zulassung des lutherischen Glaubens als legitimes christliches Bekenntnis im Augsburger Religionsfrieden von 1555 gedacht wird. Die Stadt unterhält zudem noch ein Projektbüro Frieden und Interkultur, wo Veranstaltungen zum Friedensfest organisiert werden, aber auch ein "Festival der Kulturen" oder ein "Augsburger Friedensmarathon".

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© Kültürtage Augsburg

Interkulturelle Öffnung

Unlängst beauftragte das Kulturdezernat den Projektbüroleiter Timo Köster, einen "Leitfaden Interkultur" zu entwerfen, ein Handlungskonzept für die "interkulturelle Öffnung der Augsburger Kultureinrichtungen". Dieses eigentlich nicht für Öffentlichkeit bestimmte Papier wurde in einer Sitzung des Kulturausschusses Ende April einstimmig abgesegnet. Es lag allen betroffenen Institutionen, zu denen auch das Stadttheater gehört, vor und, obwohl sich manche an einzelnen Formulierungen störten, sah sich doch keiner in seiner jeweiligen Arbeit ernsthaft kritisiert.

Das sieben Seite umfassende Papier ist sehr allgemein gehalten, weil es sich an alle in Frage kommenden Einrichtungen der Stadt richtet. Es wurde offensichtlich als Denkanstoß geschrieben. Man kann darin Ideen lesen, wie interkulturelle Arbeit gestaltet werden könnte. Es enthält einerseits konkrete Vorschläge, wie die Personalstruktur interkulturell auszurichten und die Öffentlichkeitsarbeit mehrsprachig zu veranstalten, andererseits diffuse Ideen, wie die internationale Erweiterung des kulinarischen Angebotes. Eine der Leitfragen lautet: "Wie können insgesamt breitere Teile der Gesellschaft, die über eine kleine Elite hinaus gehen, für die Teilhabe am öffentlich subventionierten Kulturleben gewonnen werden?"

Eine Debatte, die etwa auch in den Stadttheatern seit kürzerer Zeit intensiv geführt
wird. Denn natürlich ist es absehbar, dass eine auf traditionelle Bildungs- und ästhetische Begriffe orientierte Kunst- und Kulturszene in Schwierigkeiten gerät, wenn in deutschen Großstädten derzeit bereits 40 bis 60 Prozent der Grundschüler aus migrantischen oder postmigrantischen Familien stammen.

"Gute Gesprächsgrundlage"

Die Augsburger Leitfaden-Lösung in diesem Falle: "Es sollen Kennzahlen und Indikatoren entwickelt werden, mit denen Fortschritte interkultureller Kulturarbeit und entsprechender postmigrantischer Ansätze gemessen werden können." Wer wollte, konnte hier die Forderung nach einer Quote herauslesen, aber die Intendantin des Stadttheaters Juliane Votteler etwa  nannte den Leitfaden "eine gute Gesprächsgrundlage, um sich gemeinsam zu beraten".

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© Pro Augsburg
Politisch verantwortlich für das Papier ist Peter Grab, 55, der Kulturbürgermeister Augsburgs. Er gehört der Vereinigung "Pro Augsburg" an, die zusammen mit der CSU seit 2008 die Mehrheit im Stadtrat inne hat. Auch er ist keineswegs der Meinung, man müsse die öffentlichen Einrichtungen nun über Nacht umkrempeln: "Ob und in welcher Quantität sowie Qualität Handlungsbedarf besteht, überlassen wir zunächst den Leiterinnen und Leitern der jeweiligen Kulturinstitutionen. Der Kulturausschuss hat einen Leitfaden beschlossen, auf dessen Basis nun Umsetzungskonzepte folgen sollen, die sicher unterschiedlich ausfallen werden."

Mit ein bisschen Neid richtet sich der Blick auf Einrichtungen andernorts, wie etwa das Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg. Etwas Ähnliches in der Fuggerstadt zu unterhalten wäre schön, halt auf die Augsburger Verhältnisse zugeschnitten. Aber gerade im Theater gab es in den vergangenen Jahren Ansätze, die eine Öffnung zu neuen gesellschaftlichen Bereichen anstreben. Der Generalmusikdirektor Dirk Kaftan und das philharmonische Orchester kooperierten bei einer "musikalischen Begegnungen zwischen Orient und Okzident" mit dem von Vladimir Ivanoff geleiteten Ensemble Sarband, das alte und neue Musik aus aller Welt interpretiert.

Beim Friedensfest 2013 führen türkische Musiker und das philharmonische Orchester das erste Solo-Concerto für eine Baglama, ein orientalisches Zupfinstrument, auf. In einer Interims-Spielstätte des Schauspiels, einer ehemaligen Textilfabrik, wurden in "Die Weber von Augsburg" auch die Industrie- und Migrationsgeschichte der Stadt verhandelt.

Was als unangebracht empfunden würde

Auf dem aktuellen Spielplan der neu errichteten kleinen Brechtbühne findet sich "Ursprung der Welt" von Soeren Voima. An sich eine Komödie, in der eine Werbeagentur eine Imagekampagne für den Islam entwerfen soll. Das Stück will am Ende zu viel, nämlich eine große Parabel sein übers schwierige Miteinander sich fremder Kulturen. Und dennoch ist der Inszenierung von Ramin Anaraki ein ernsthaftes und aufrichtiges Bemühen um den Stoff anzumerken.

ursprung 4 560 nik schoelzel u"Ursprung der Welt": Alexander Darkow, Lea Sophie Salfeld, Ulrich Rechenbach  © Nik Schölzel

Im Vorfeld wurden Gespräche mit Vertretern islamischer Glaubensgruppen geführt, was darstellbar sei und was als unangebracht empfunden würde. Am Ende bleibt die Frage, ob auf diese Weise neue Publikumskreise angesprochen werden oder wieder nur die gleiche Gruppe einen Einblick in eine ihnen bis dahin unbekannte Parallelwelt vor der Haustür vorgeführt bekommt. Auch steht dahin, ob sich anhand einer Zuschauererhebung die Effizienz einer kulturellen Maßnahme zeigt. Denn sollte sich auch in den Zahlen nichts nachweisen lassen, verändert dies ja nichts an der Qualität und der Notwendigkeit der Produktion. Auf jeden Fall ist sie nicht einfach nur die halbherzige Umsetzung einer politischen Vorgabe, dafür ist sie zu gelungen.

Unbehagen

Während die Kunstmenschen ihre vorsichtigen Versuche unternehmen, wurde in der Öffentlichkeit über die einzuschlagende Richtung leidenschaftlich gestritten, teilweise arg unter die Gürtellinie gehauen. Knapp drei Wochen nach der Verabschiedung des Leitfadens veröffentlichte die Augsburger Allgemeine, laut Wikipedia mit einer Auflage von rund 350.000 Exemplaren die größte Regionalzeitung der Republik, einen Kommentar, in dem der Kulturjournalist Richard Mayr, 37, sein Unbehagen ausdrückte. richardmayr 140 daz augsburg-uRichard Mayr
© Daz Augsburg
Er schrieb: "Das, was in 50 Jahren Einwanderung von der deutschen Gesellschaft nicht geleistet wurde, das sollen Kunst und Kultur nun im 21. Jahrhundert nachholen. Ein Ansinnen, das von Anfang an nur zum Scheitern bestimmt ist, weil Kunst und Kultur in ihrer gesamtgesellschaftlichen Wirkung hoffnungslos überschätzt werden." Er sieht sogar den Qualitätsstandard des Theaters in Gefahr: "Von öffentlich geförderten Kultureinrichtungen nun eine solche (auch noch nach der Bevölkerungsstruktur gewichtete) Quotenerfüllung im Namen der interkulturellen Öffnung zu verlangen, spottet dem Sinn dieser Häuser, nämlich für künstlerische Qualität zu bürgen. Eine solche stellt sich immer nur dann ein, wenn die Güte der Darbietung oberste Priorität hat."

"Brunnenvergifter"

Für diesen Artikel bekam Mayr heftige Kritik zu hören, unter anderem von Hansi Ruile, 64, dem ehemaligen Leiter des Kulturhauses Kresslesmühle. Diese Kabarettbühne bietet immer wieder auch Raum für spannende interkulturelle und nicht von städtischen Institutionen initiierte Projekte, wie die vom Augsburger Kültürverein durchgeführten "Kültürtage". Der hartmann 140 uni augsburg uHelmut Hartmann
© Uni Augsburg
Augsburger Friedenspreisträger Helmut Hartmann, 83, äußerte sich auch deutlich: "Den Vorwurf, als 'Brunnenvergifter' zu wirken, der als Populist und Uralt-Konservativer schnell Zustimmung beim Publikum bekommt, den muss sich Richard Mayr von mir machen lassen." Und schließlich mischten sich auch noch die Künstler des freien Theaterensembles Bluespots Productions ein. Dessen Spezialität ist es, ungewöhnliche Stoffe an ungewöhnlichen Orten zu präsentieren. In einem offenen Brief von ihnen hieß es: "Der Klassenerhalt ist nicht der Kampf des Theaters und wir stellen uns vehement gegen ein solch rechtspopulistisches Gedankengut."

Neben der großen Augsburger Allgemeinen existiert die tägliche Online Publikation Die Augsburger Zeitung (DAZ). Sie ist nur online verfügbar. Diese DAZ stellte sich nun in Artikeln ihres Herausgebers Siegfried Zagler, 54, und ihres Kommentators des Drehbuchautors Manfred Seiler, 61, wieder auf die Seite Richard Mayrs: Er verdiene Respekt für sein"entschiedenes Eintreten dafür, das Theater vor den 'Transformationskräften' der Kulturpessimisten zu schützen."

Karriere mit Defiziten machen?

Andere dagegen wurden persönlich beleidigt, zum Beispiel Peter Grab, "der Ende der sechziger Jahre mit acht Jahren als Kind tschechischer Migranten nach Augsburg einwanderte" und damit Zaglers Meinung nach im Prinzip ein gutes Beispiel dafür abgebe, siegfried zagler 110 blogspot comSiegfried Zagler
© www.Augs-burger Skandal-Zeitung.blog-spot.com
"dass man sowohl mit einem konservativen Theater am Ort als auch mit Defiziten bezüglich der deutschen Grammatik in Augsburg als Kulturpolitiker Karriere machen kann". Manfred Seiler griff Timo Köster, den Projektleiter im "Projektbüro Frieden und Interkultur" und Verfasser des Leitfadens, an: "Es handelt sich um ein Dokument bürokratischer Hypertrophie, reaktionären Regulierungswahns und obrigkeitsstaatlicher Arroganz eines Bürokraten, der von der Sache, die er regulieren will, nicht die geringste Ahnung hat."

Klar ist: So kommt man nicht wirklich weiter. Die Debatte drohte, zur Selbstdarstellungsplattform zu verkommen. Fast alle Parteien sind inzwischen um Deeskalation bemüht. Peter Grab erklärt: "Ich glaube, dass es wieder einmal ein Kommunikationsproblem gibt bzw. zu viele Missverständnisse. Es gibt kein Entweder-oder, sondern wie so oft im Leben ein Sowohl-als-auch. Es geht also nicht darum, dass das Theater sich komplett umorientieren müsse. Und müsse ohnehin nicht. Vielmehr geht es darum, sich Gedanken zu machen und Konzepte zu überlegen, wie man auf eine veränderte Gesellschaft reagieren könnte."

Mit Migranten sprechen

Vor 14 Tagen nun lud Pro Augsburg zu einer Podiumsdiskussion "Hochkultur und Interkultur – ein Widerspruch?"; Richard Mayr, Juliane Votteler und Peter Grab legten ihre Standpunkte noch einmal dar. Der Kulturmanager Düzgün Polat, in Augsburg geborener Sohn türkischer Migranten, begrüßte den Leitfaden als Denkanstoß: "Kultureinrichtungen haben immer über Migranten gesprochen, aber nie mit ihnen." Der Vorsitzende des Integrationsbeirats der tugaycogal 110 aazTugay Cogal AAZ.deStadt, Tugay Cogal, gab zu, keine Vorstellungen des Theaters zu besuchen. Obwohl die DAZ weiter auf Konfrontation ging, indem sie dem Augsburger Theater nun kurzerhand seine Relevanz völlig absprach, herrscht insgesamt nach all der Aufregung eine eher konstruktive Stimmung. Keine Institution verweigert sich der interkulturellen Öffnung von vornherein oder sieht den eigenen Qualitätsanspruch in Gefahr.

Es ist im Moment zu früh, konkrete Umsetzungspläne für den Leitfaden zu erwarten, aber in welcher Form auch immer der interkulturelle Dialog in dieser Stadt angegangen wird, er wird auf eine kritische Öffentlichkeit treffen. Es bleibt zu hoffen, dass im Rauschen der künftigen Diskussionen die eigentlichen Projekte nicht untergehen.

Was das Theater angeht, dort wird es in der kommenden Spielzeit eine Inszenierung von "Verrücktes Blut" geben und Kooperationen mit der freien Szene. Kann sein, dass das manchen zunächst zu wenig ist, aber immerhin: Es tut sich was in Augsburg.

 

Mehr zu Struktur- und Ausrichtungsfragen der Stadttheater: Siehe Debatte zur Zukunft des Stadttheaters

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