Theater und Täterschaft

von Matthias Dell

9. Juli 2013. Der Theaterkenner sieht den "Tatort" mit anderen Augen. Die große Frage ist allerdings, was er dann sieht. So twitterte der Kritiker Matthias Heine Anfang Juni anlässlich einer Bremer Folge, in der die Mörderin von Annika Kuhl gespielt wurde: "Und wieder galt die Regel: Es war immer der/die bekannte TheaterschauspielerIN."

Austausch eigener Seherfahrungen

Ein Spaßvogel könnte anmerken, dass diese Regel tatsächlich immer mal wieder gilt, immer mal wieder aber auch nicht. Am kommenden Sonntag – so viel lässt sich sagen, ohne fies zu spoilern – zeigt die ARD mitten in der Erstausstrahlungssommerpause am Sonntagabend einen neuen Münchner "Polizeiruf", in dem Lars Eidinger als "der/die bekannte TheaterschauspielerIN" auftritt – und es nicht gewesen sein wird. Eidingers Figur ist noch nicht mal verdächtig.

tatort larseidinger 560 ndr uDamals noch sehr verdächtig: Lars Eidiger 2012 im NRD-Tatort "Borowski und der stille Gast" © NDR

Dabei sollte der große Vorteil einer Regel doch gerade darin bestehen, dass sie nicht nur manchmal gilt. Heines Tweet ist dennoch aufschlussreich, weil er Glanz und Elend des "Tatort" (als Synonym für den Sonntagabendkrimi, zu dem auch der "Polizeiruf 110" gehört) vor Augen führt: Man kann über den "Tatort" wunderbar reden und dauernd bestrebt sein, grundsätzlich zu werden, weil fast jeder ihn gesehen hat. Solcher Austausch auf Grundlage eigener Seherfahrung funktioniert bei Theaterpremieren in Bochum, Meiningen oder Berlin nicht (in diesem Ausmaß), weshalb das Twittern über den "Tatort" zu den großen gesellschaftlichen Gesprächsrunden unserer Zeit gehört, während aus dem Twittern über das Theater vermutlich nie eine kulturelle Praxis werden wird. Zugleich ist es nicht leicht, verallgemeinerbare Aussagen über eine qualitativ derart launische, ästhetisch heterogene und von vielen verschiedenen Menschen verantwortete Reihe wie den "Tatort" zu treffen. Das gilt auch für seine Beziehung zum Theater.

Suspekte Lebensform Künstler

Die unterscheidet sich, wenn das Theater als Institution im Krimi selbst auftaucht wie in "Ende der Vorstellung" (BR, 1979) oder in "Verspekuliert" (HR, 1992), von anderen Kunstdisziplinen höchstens darin, dass es kein spannendes bühnenspezifisches Mordmotiv gibt. Anders als bei Komponisten, Schriftstellern oder Malern, bei denen es irgendwann ums Abgekupferthaben geht, bringt das Theater (das zuerst immer durch die Schauspieler repräsentiert wird) kein Kunstwerk hervor, das sich plagiieren ließe. Folglich können sich daraus auch keine kriminellen Intrigen entwickeln. Offen bleibt natürlich, warum gewisse Milieus nur mit thematisch passenden Mordfällen gezeigt werden sollten.

tatortbremen luersen annikakuhl 560 radiobremrn uDie Mörder sind immer die Gaststars? Annika Kuhl (mit Sabine Postel) 2013 im Bremer Tatort "Er wird töten" © Radio Bremen

Ebenfalls wenig markant sind die Unterschiede zu jedem anderen randständigen Kontext (etwa Migration, Homosexualität, Wissenschaft), wenn es um die Perspektivierung des Theaters im "Tatort" geht. Künstlertum als Lebensform ist dem Wir, aus dessen Sicht die staatstragende Reihe ihre Geschichten erzählt, eher suspekt – wozu, bei aller Faszination, das Lotterleben von Schauspielern beiträgt. In dem Berliner Theater, in dem Heinz Drache als Kommissar Bülow in Alles Theater (SFB, 1989) ermittelt, hat jede schon mit jedem geschlafen; Kokain kursiert in den Garderoben.

Der Mord als geschickt arrangiertes Kunstwerk

Man landet, wenn man über Anteile des Theaters am "Tatort" nachdenkt, folglich rasch bei den Schauspielern. Also noch mal bei Heines Tweet, der in der "Guest Star"-Logik gedacht ist, wie sie sich exemplarisch in der US-amerikanischen Serie "Columbo" zeigt (und die fast äquivalent für die Besetzung der "Opfer"-Rolle gilt). Dort konnte es schon deshalb immer der Prominente gewesen sein, weil der Zuschauer von vornherein wusste, wer der Mörder ist. Bei "Columbo" ging es nicht darum, unter verschiedenen Verdächtigen den einen Täter zu ermitteln, sondern die rätselhafte Tat zu entschlüsseln. Eine Serie, die wie für Kritiker gemacht war, weil Mord hier als ein geschickt arrangiertes Kunstwerk gehandelt wurde, dessen Details der Kommissar richtig deuten musste, um die Autorschaft seines feststehenden Gegenspielers zu beweisen. Den fame dieses Gegenübers steigerte dabei das prominente Gesicht, das sich über das Modell des "Guest Stars" am besten aus anderen Zusammenhängen als dem Fernsehen geliehen wurde (Johnny Cash, Ruth Gordon, John Cassavetes).

tatort devidstriesow 560 sr uErnst-Busch-Absolvent des Jahrgangs 1999: Devid Striesow als SR-Kommissar Jens Stellbrink © SR

Die Berliner HfS "Ernst Busch" als Bayern München des Tatort-Castings?

Dieses Andere, aus dem der "Tatort" (als Synonym für das Fernsehen) sich bedient, ist in Deutschland das Theater. So will es zumindest dem informierten Betrachter scheinen. Man könnte sich aber auch fragen, ob eine Kategorie wie "Theaterschauspieler" in Deutschland mit seiner subventionierten Fernsehfilmwirtschaftsverwaltung nicht eigentlich ein Pleonasmus ist, ob also oberhalb der darstellungsprekären TV-Fließbandware nicht so viele Schauspieler Theaterschauspieler sind, dass damit keine Distinktion zu erzielen ist. Schaut man sich die aktuell 37 "Tatort"-Ermittler an, lässt sich die Mehrheit mit dem Theater assoziieren, selbst die Darsteller der Kölner Kommissare, Klaus J. Behrendt (Ballauf) und Dietmar Bär (Schenk), die einem seit längerem als klassische Fernsehnasen gelten mögen. Gerade bei Bär erinnern die Gastspiele am Schauspielhaus Bochum der laufenden Intendanz daran, dass es sich lediglich um Theaterschauspieler handelt, von denen man vergessen hat, dass sie welche waren.

tatort martinwuttke 280 mdrNoch einer: Martin Wuttke als Leipziger Ermittler Andreas Keppler © MDRWer die Schönheit von Namen und die Ordnung von Listen schätzt, muss die Abbildung des Zusammenhangs zwischen "Theaterschauspielern" und "Tatort"-Auftritten ins Ressort von einer enzyklopädischen Fanseite wie tatort-fundus.de verweisen. Womöglich führt dort die unermüdliche, statistische Durchdringung des "Tatort" eines Tages zu Datenbanken, über die sich die Gertrud-Eysoldt-Ring-Trägerinnen-Dichte einzelner "Tatort"-Schauplätze feststellen ließe. Verdienstvoll wäre sicher auch, wenn die Deutschlandkarte des Zeit-Magazins einmal eine "Tatort"-Saison (die man analog zum Fußball von August bis Juni denken muss) bilanzieren könnte daraufhin, welche der deutschsprachigen Bühnen (wiederum analog zum Fußball) die meisten Spieler an die "Nationalmannschaft", die der "Tatort" bildet, abgestellt hat. Sollte das zu schwierig sein in Zeiten flexiblerer Beschäftigungsverhältnisse (kaum Ensemble, nur noch Gäste), wäre auch eine Variante denkbar, bei der man die Auftritte erfasste nach "Nachwuchsakademien", also den einzelnen Schauspielschulen: Ist die HfS Ernst Busch das Bayern München der "Tatort"-Besetzung?

Vor der Fernsehkarriere steht das Bühnenengagement

Auf diese Weise könnte man über den "Tatort" ein Bild vom deutschen Schauspielsystem bekommen. So wie das Theater dem Fernsehen mediengeschichtlich vorausgeht, wovon die frühen Wiener "Tatort"-Folgen mit Fritz Eckhardt als Inspektor Marek in ihrer boulevardesken Studiobühnenhaftigkeit noch künden, so steht vor der Fernsehfilmkarriere in Deutschland nicht selten das Bühnenengagement. Die Rolle eines "Tatort"-Ermittlers bringt gewisse Sicherheiten mit sich, sie garantiert ein geregeltes Einkommen und mehr Zuschauer als jeder Kinofilm. Deshalb ist sie als Filiale der eigenen Popularität selbst für die prominenteren Namen des deutschen Films interessant (Schweiger, Tukur, Möhring, in gewisser Weise Furtwängler) und macht sich als Credit in der Vita von Theaterschauspielern besser als ein Auftritt im Gros der Serien. Künstlerisch ist der "Tatort" in der Regel nicht das "Premium-Produkt", aus dem die ARD-Verantwortlichen einen Gutteil ihrer Legitimation beziehen; und um das festzustellen, braucht es nicht einmal die Wahrnehmung eines Schauspielers wie Fabian Hinrichs ("halt so ein Tatort"), es reicht der Anblick einer ganz gewöhnlichen Lena-Odenthal-Folge.

ichschaudirindieaugenfotothomasaurinFabian Hinrichs in "Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang" von René Pollesch (Berlin 2010) © Thomas AurinFabian Hinrichs braucht es allerdings, wenn man von "Tatort"-Filmen sprechen will, die mit dem Theater mehr verbindet als Namen auf dem Programmzettel. In der Münchner Folge "Der tiefe Schlaf" (2012) spielte Hinrichs jenen übereifrigen, tragisch endenden Ermittler Gisbert Engelhardt, der so viel Zuneigung erfuhr unter den Zuschauern wie lange kein Charakter im "Tatort". Was schon deshalb bemerkenswert ist, weil Hinrichsens Gisbert ein Maß an Eigensinn und Sprödheit in die überhelle Künstlichkeit des Settings einführen konnte, an das Programmmacher kaum denken werden, wenn sie davon reden, was "der Zuschauer" will.

Fernsehfigur und Bühnenfigur als Verwandte

Wo sich der Leipziger "Tatort" nicht dafür interessiert, was von Martin Wuttkes Bühnenspiel sich in die Figur des Kommissar Keppler integrieren ließe, konnte Hinrichs unter Drehbuchautor und Regisseur Alexander Adolph und neben den alterslässigen Kommissarsdarstellern (Miro Nemec, Udo Wachtveitl) Gisbert als nicht fernen Verwandten seiner jüngeren Bühnenfiguren bei René Pollesch (Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang; Kill your Darlings. The Streets of Berladelphia) und in eigenen Arbeiten (Die Zeit schlägt dich tot) geben: als hyperaktiv-agitatorischen Lausbuben, der sich weniger um den "Realismus" seiner Figur schert, sondern eher am Spielen selbst interessiert ist und den Abstand zwischen sich und der Sprache des Textes vermisst – als Suche nach einer Form der Deklamation im Zeitalter ihrer Unmöglichkeit.

Man könnte "Der tiefe Schlaf" als angewandte Theatertheorie lesen in der Szene, in der Gisbert seine Auswertung von rekonstruierten Handydaten ("Tontechnik ist ja 'n bisschen mehr als mein Steckenpferd") den beiden Kommissaren (und dem Zuschauer) mit Unterstützung eines Technikers ("Lauter!") vorspielt: Aus indifferentem Interferenzgefiepe wird allein durch Hinrichsens eindringliches Sprechen ("Kenn gehen, kenn gehen – das ist das, was wir von ihm haben!") eine Erzählung, die so anschaulich, ergreifend und wirkmächtig ist, dass man sie in dem als Fall mit offenem Schluss als die einzig wahre annehmen möchte. Mehr Theater kann man in einem "Tatort" nicht sehen.

 

Matthias Dell ist Film- und Theaterredakteur der Wochenzeitung Der Freitag, auf deren Website er jeden Sonntag um 21.45 Uhr eine Besprechung des aktuellen "Tatort"/"Polizeiruf" zur Diskussion stellt. Im Verlag Bertz+Fischer ist von ihm erschienen: 'Herrlich inkorrekt'. Die Thiel-Boerne-Tatort. Dem Theater im "Tatort" galt sein kürzlich im HAU gehaltener Vortrag anhand von Filmausschnitten: "Heinz Drache hat das Stück noch gelesen".

 

 
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