Der Liebe Lust verjagt

von Martin Thomas Pesl

Wien, 16. Juli 2013. Einen Takt Humor lässt Paulus Manker in zweieinhalb Stunden Wagnerdämmerung aufleuchten: Eine Dusche geht plötzlich an in einer der Zellen, an denen man schon eine Weile vorbeiirrte. Ein Schauspieler zieht sich aus, seift sich ein und wäscht sich seelenruhig, während er den Gaffenden von der Grundkonzeption hinter den Bayreuther Festspielen erzählt: "Bei der vollkommenen Stillosigkeit der deutschen Oper und der fast grotesken Inkorrektheit ihrer Leistungen ist die Hoffnung, an einem Haupttheater geübte Kunstmittel anzutreffen, nicht zu fassen", so beginnt der von Richard Wagner verfasste Text, und er erzählt natürlich auch von Paulus Manker selbst, der sein Großprojekt zu dessen 200. Geburtstag ohne Haupttheater, ja eigentlich ohne Theater ganz alleine auf die Beine gestellt hat.

Alles andere an diesem Abend unter dem alten Wiener kaiserlich-königlichen Post- und Telegrafenamt ist ironiefreie Wucht, ist schiere Passion, ist der Versuch einer Annäherung an das, was Friedrich Nietzsche im Zusammenhang mit Wagner als "Ereignisgröße" bezeichnete.

Überquellender Schaumstoff

Das Rahmenprogramm zum Stück ist eine Ausstellung diverser Künstler zum Thema Wagner und erzählt von Hervorwölbungen, Überquellendem, Ausuferndem: seien es üppige Brüste, blutige Körper oder Schaumstoff, der nach innen und außen aus allen Fenstern und Türen des Gebäudes quillt. Wagner und Manker, das ist Pathos pur, das ist die reine Lust, das reine Leid, so wird uns suggeriert. So sind die Emotionen der Agierenden stets auf höchster Stufe, und die Tränen strömen reichlich, selbst wenn immer und wieder aus "Rheingold" zitiert wird: "Nur wer der Liebe Lust verjagt, nur der erzielt sich den Zauber...".

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Aber der Reihe nach. Allein, "der Reihe nach" ist hier das falsche Konzept, denn wie bei Mankers "Alma" handelt es sich auch bei der "Wagnerdämmerung" um ein sogenanntes Simultandrama: Szenen laufen in verschiedenen Räumen parallel ab. Ausnahmen sind das Ende und der anfängliche Sektempfang im Innenhof. Diesen begleiten choreografierter Ausdruckstanz und erste teils chorisch vorgetragene Textstellen, vor allem aus Libretti von Wagner-Opern. Danach geht es über unterschiedliche Treppen in den Keller.

Die Gänge sind verwinkelt, der Zuschauer wirft mal einen Blick in diesen, dann in jenen Raum. Kleine Zellen mit Löchern im Boden wechseln sich mit länglichen Sälen sakraler Innenausstattung ab. In einigen Räumen hängt, sitzt oder lehnt ein Schauspieler starr in Geisterbahnbeleuchtung, woanders sind es Utensilien wie Särge, Kerzen oder Kreuze, die die Gruselstimmung unterstützen. Allenorts ertönt Wagners Musik aus 50 Lautsprechersystemen.

An physischen Grenzen

Allmählich erwachen die Puppen zum Leben, Szenen aus Wagners Werken werden ausagiert, es wird getanzt und mit Feuer jongliert, seltener werden Texte von oder über Wagner zum Besten gegeben, etwa ein Monolog von Schwiegertochter Winifred über Bayreuth und wie der "Führer" den Wagner vergötterte. Dabei gehen die zahlreichen Schauspieler, etwa Veronika Glatzner als Brunhilde oder David Pakzad als Wotan, in jeder einzelnen Szene physisch an ihre Grenzen, versengen sich beinahe die Haare, wenn sie in Deckenkörben an Fackeln vorbeigeschleudert werden, schreien und heulen sich die Seele aus dem Leib und sind dabei sehr dicht an den Zuschauern dran.

Diese folgen gute zwei Stunden lang hier einem Wehklagen, da einem giftigen Dampf oder einem im Vorbeihuschen inbrünstig monologisierenden Schauspieler in einem Kostüm des 19. Jahrhunderts und basteln sich so ihren Abend zusammen. Ohne je Wichtiges zu verpassen, denn alle Szenen sind mehr oder weniger abstrakte Fragmente und vor allem technisch, optisch und atmosphärisch von Belang. Mehr über Wagner erfährt man kaum, Schau- und Hörwerte stehen im Mittelpunkt.

Jagd durchs Kellerlabyrinth

"Wir müssen uns berauschen! Zügellos", wird Baudelaire wiederholt zitiert. Der Rausch ist bei den Schaffenden aber schon so weit gediehen, dass er gar nicht mehr auf den Zuschauer überspringen muss, der ja jeder Szene ohnehin nur als "zufälliger" Zaungast beiwohnt. Daher ist man schon recht ermattet bis entnervt von dieser aufgeregten Jagd durch das feuchte Kellerlabyrinth, als die über hundert Premierengäste über eine Wendeltreppe überraschend ins Freie geleitet werden. Immerhin zollt man Paulus Manker Respekt für seinen Ideenreichtum an Bildern, für die Ölung seiner Maschinerie an Menschen – kein Umzug, kein Umbau störte je eine Illusion – und für das Verhandlungsgeschick, das sein Team Feuer- und Baupolizei gegenüber an den Tag gelegt haben muss.

Dann aber besteht das Ende darin, dass Männer mit Fackeln einen Sarg die Stufen des Telegrafenamtes hinuntertragen und der tote Wagner feierlich in einer Pferdekutsche platziert wird, zu Wagner-Musik natürlich. Die Ereignisgröße ist endgültig dahin, Mankers Event auf das Niveau touristischer Dinner-Theater-Spektakel herabgesunken. Ach ja, Dinner gibt es auch, es ist im Preis inkludiert und findet im Anschluss in den eben noch bespielten Räumlichkeiten statt.


Wagnerdämmerung (UA)
von Paulus Manker
Regie: Paulus Manker, Bühnenbild: Gregor Samsa, Kostüme: Ulrike Kaufmann, Sounddesign: Andreas Büchele, Lichteinrichtung: Wolfgang Fuchs, Lukas Ossinger, Dramaturgie: Oliver Binder.
Mit: Mirkus Hahn, Michael Gempart, Florian Hackspiel, Elisabeth Lehmann, Veronika Glatzner, Anú Anjuli Sifkovits, Lilly Kroth, David Pakzad, Felix Krauss, Bernhard Klampfl, Stefan Altenhofer, David Birner, Anna Grigalashvili, Yehuda Almagor, Katja Sallay, Ulduz Ahmadzadeh, Veza Maria Fernandez, Gisela Elisa Heredia, Johanna Jani, Anna Knapp, Indira Nunez, Ning Teng, Jules Mekontchou.
Länge: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause, zuzüglich Gala-Dinner im Anschluss mit open end.

www.wagner200.at


Kritikenrundschau

Klischeehafte wie clevere Uraufführung, schreibt Margarete Affenzeller im Standard (18.7.2013). In fast allen Räumen lodere Feuer an Fackeln und an diversen mit Spiritus in Brand gesteckten Objekten, "das Feuer als Symbol der Zerstörung und zugleich der Lebenserneuerung reizt Paulus Manker ziemlich aus". Der Bombast aus Richard Wagners Musik setze sich bildgewaltig in der Inszenierung fort. "Sie ist eher eine Installation einzelner Performances. Dabei bleiben Klischees und Pathos nicht ausgespart."

Für schwache Nerven ist das nichts, findet Almuth Spiegler in der Presse (18.7.2013). "Wagner und seine Geister haben es sich hier in genüsslich zelebrierter Grottenbahnatmosphäre gemütlich gemacht. So gemütlich wie Manker es ihnen erlaubt, also gar nicht." Manker habe Leben und Werk von Richard Wagner zu dem verdichtet, was ihn an dem polarisierenden Gesamtkunstwerkler fasziniere: der Wahn, der Sex, das Genie, der Antisemitismus. Fazit: "eine ironiefreie, pathetische Theaterinstallation ohne Zwischentöne." Gelobt wird von Spiegler jedoch ausdrücklich die dazugehörende Kunstausstellung: "Das muss man Manker wirklich lassen. Das, was die Wiener Festwochen seit Jahren nicht schaffen, hat er ohne jegliche Subventionen, was schändlich ist, auf die Beine gestellt. Auf die Beine stellen müssen, hier geht's schließlich ums Gesamtkunstwerk! 40 Künstler quer durch alle Szenen machten mit."

 
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