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Im Kolonisations-Verein

von Michael Laages

Juli 2013. Brasilien kann sehr kalt sein. Acht Grad zeigt das Thermometer dieser Tage in den Morgenstunden etwa auf der Avenida Paulista, der alten Repräsentationsmeile im reichen São Paulo; und wer in den Eingangsportalen der Banken oder unter dem hoch gebauten Kunstmuseum der Architektin Lina Bo Bardi einen Schlafplatz findet, wird sich nah am Gefrierpunkt wähnen.

Heiligtümer und Protest

Knapp 200 Kilometer nördlich, im katholischen Wallfahrtsort Aparecida, frieren die Gläubigen wie die Schneider – und warten im Dauerregen auf Papst Franziskus, der nach der Ankunft in Rio de Janeiro und vor dem abschließenden Weltjugendfest nun Brasiliens Oberammergau besucht; ein monströses Heiligtum mitten in einer Kleinstadt, das vermutlich jede Brasilianerin und jeder Brasilianer irgendwann mal besucht hat – auch wenn das Geld dafür eigentlich nicht reicht. Als vor Jahren der deutsche Papst Benedikt nach Aparecida kam, war auch das für spektakuläre Auftritte bekannte "Teatro Oficina" aus Sao Paulo vor Ort, mit einer Passionsprozession, Jesus mit geschultertem Kreuz inklusive. Der vorbeibrausenden Papst-Limousine wurden auf Deutsch kirchenkritische Texte zugerufen.

Der Papst von heute und die Kälte dieser Tage haben für einige Zeit die andauernden Proteste, die seit Anfang Juni (seit dem Tag der Preiserhöhungen im Nahverkehr nicht nur von São Paulo) Geschichte machen, zumindest aus den Schlagzeilen vertrieben. Die Bevölkerung einer seit noch nicht 30 Jahren formal ganz gut funktionierenden Demokratie bekundet seit sechs Wochen Tag für Tag lautstark Unzufriedenheit – mit den Fahrpreisen, mit einem evangelikalen, homophoben und latent rassistischen Pastor als Chef der staatlichen Kommission für Menschenrechte, mit den maroden Systemen für Bildung, Gesundheit und Sicherheit im Staat, mit der unübersehbaren Korruption, mit der aufgeblähten Polit-Bürokratie. Brasiliens Bundesregierung hat 38 Ministerien, drei Mal soviel wie Deutschland.

Auch die Opposition hat sich inzwischen lärmend den eigentlich dezidiert parteifreien Demonstrationen angeschlossen, einige besonders radikale Verächter der existierenden Demokratie fordern schon die Rückkehr der Militärs an die Macht. Einerseits. Andererseits überklebten in Salvador de Bahia Demonstranten Ehrentafeln eines lokalen Politikers mit Würdigungen für eine linke Ikone: den Widerstandskämpfer, Terror-Theoretiker der Stadtguerilla und einstigen "Staatsfeind Nummer 1" Carlos Marighella.

Keine Führer!

Ziellos, aber machtvoll – so empfinden Künstlerinnen und Künstler die anhaltende Welle des Protests. Alexandre dal Farra etwa, Leiter der Straßentheatergruppe "Tablado de Arruar" in São Paulo, Regisseur und Autor, der mit "Manual da Destruição" ("Handbuch der Zerstörung") gerade das erste eigene Buch vorgelegt hat, rühmt die ungeordnete Macht der Masse, die keine Führer braucht, nicht mal die sonst übliche Orientierung durch Lautsprecher und Parolen-Schreier. Treiben habe er sich lassen durch "seine" Stadt am Tag der größten, der Millionen-Demo. Allerdings findet er es beunruhigend, wie sich gerade die von der in obskuren Koalitionen regierenden Arbeiterpartei (PT) abwenden, die von den wirtschaftlichen Aufschwüngen der vergangenen zehn Jahre profitiert haben.

Das immer noch enorme Potenzial der Wirtschaft hat die soziale Kluft nicht verringert, sondern eher vertieft, trotz der Erfolge mit den Programmen "Zero Fome" ("Null Hunger") oder "Bolsa Familia". Jetzt beschweren sich Steuerbürger, dass ihr Geld als Grundbetrag in die Familien-Kassen, die "Bolsa Familia" der Armen, fließt. Auch die Wahl-Pflicht in Brasilien wollen weite Teile der Mittelschicht aufgehoben wissen im Zuge der politischen Erneuerung – sie fördere den Stimmenkauf, sagen sie, und stärke naturgemäß nur den Einfluss der armen Schichten speziell im schwarzen Nordosten des Landes.

arenadasdunas 280 copagovccby20 uDie noch unfertige Arena das Dunas in Natal
im Dezember '12  © Copagov CC BY 2.0

"Wir haben während der Demos den Fußball vergessen"

Wohin diese amorphe Unruhe driftet? Das ist nicht abzusehen. Noch stehen sechs WM-Stadien zur Eröffnung an, noch sechs Mal wird über die zu hohen Baukosten und den fatalen Machtanspruch der FIFA gestritten werden – in Salvador hat sie etwa die Regionalspeise Acarajé verboten, zu Gunsten von McDonalds; und voraussichtlich muss das Alkoholverbot in den Stadien aufgehoben werden, damit Budweiser zum Zug kommt, ein weiterer Haupt-Sponsor. Es gibt Demonstranten, die offen drohen: Die Proteste enden erst, wenn die FIFA schnell noch ein Ersatzland benennt für die WM 2014. Dann allerdings steht Brasilien wahrscheinlich vor dem Bürgerkrieg ...

Obwohl: "Wir haben den Fußball vergessen während der Demos!", sagt Rodolfo Garcia Vazquez, Leiter der freien Theatergruppe "Os Satyros", die mit Stücken von Dea Loher schon in Deutschland gastierte und gerade eine de-Sade-Bearbeitung in Hollywood zeigt. Demnächst geht's nach New York, bald womöglich auch nach Mannheim. "Erstmals in 100 Jahren hat unsere Politik gearbeitet in der Zeit vom Confederations-Cup!", sagt Vazquez. Er sieht eine neue politische Kultur am Horizont, noch sehr vage zwar, aber auf sehr viel mehr Einfluss der Masse gestützt und darum durchaus tauglich als Modell für andere nur noch repräsentative Demokratien, die müde und verkrustet sind. Davon gibt's ja viele.

Deutsche Spuren im Urwald

Lange vor den Protesten schon war die Regisseurin Karin Beier unterwegs nach Brasilien – auf der Suche nach speziell hamburgischen Themen für die erste Saison als Direktorin am Deutschen Schauspielhaus der Hansestadt war sie auf den "Hamburger Kolonisations-Verein" gestoßen, der 1849 eine deutsche Kolonie namens "Dona Francisca" in den küstennahen Wäldern des brasilianischen Bundesstaates Santa Catarina gründete. Das ist der Ursprung der heutigen Stadt Joinville, in der bis heute viele Nachkommen deutscher Immigranten leben, viele von ihnen wie aus der Geschichte gefallen, seit Generationen "deutschen Alltag" imitierend und imaginierend, mit deutschen Traditionen und deutscher Sprache.

Erst jetzt beginnen die jüngsten Nachgeborenen, sich deutlicher als Brasilianer zu empfinden; während die Alteingesessenen noch immer voll von Vorurteilen stecken über die brasilianischen Ureinwohner, die dunkelhäutigen speziell, die "caboclos" – "Kabuggels" wie sie noch immer genannt werden im Deutsch der Leute von Joinville. Ähnlich in Blumenau gleich nebenan – dort gibt's bekanntlich das weltweit größte Oktoberfest außerhalb Münchens.

rodolfovazquez 280 uRodolfo Garcia Vazquez
© privat

Karin Beiers Menschenausstellung "Brasilien. 13 Caixas"

Auch im Bundesstaat São Paulo, in Limeira oder Araraquara, war der deutsche Zuzug groß; eigentlich sollte hier, bei den Nachfahren des vor gut 80 Jahren aus Hamburg eingewanderten Orangensaftfabrikanten Carl Fischer, Beiers Recherche beginnen. Aber die Erben wollten nicht – und jetzt hat Beiers Team weiter im Süden Stimmen und Standpunkte zusammengetragen für eine Art "Menschenausstellung". So der Untertitel für die Hamburger Premiere im kommenden Jahr, die "Pfeffersäcke im Zuckerland" überschrieben ist – bei der Voraufführung in São Paulo hieß der Abend etwas weniger ambitiös "Brasilien. 13 Caixas" ("13 Kisten").

Ottilie Kurz und Robert Kranz, Erich Stellmacher und Jorge Hildebrand, Hermann Schucher und Balthasar Koch, Irmgard Brand, Elke Wehren und Paul Otto Hanfstengel (überwiegend dargestellt von Hamburger Ensemble-Mitgliedern) berichten aus erlebten und montierten Biographien; Bürgermeister Hildebrand (Michael Wittenborn) erzählt von Wahl-Kampagnen, in denen er Indianer-Musik aufführte (und schmiedet derweil an einem künstlichen Schäferhund aus Stahl herum), Schucher (Yorck Dippe) ist eine Art Dorf-Chronist an der Schreibmaschine, liest Briefe des Großvaters und rühmt den Musikunterricht von Frau Brand (Rosemary Hardy) nebenan; Frau Kurz (Ute Hannig) ist eigentlich schon 93, erzählt vom Überleben, strickt, kocht und greift notfalls auch zur Flinte, wenn die "Kabuggels" mal wieder zu nahe kommen, Herr Kranz (Markus John) kam als Geschäftsmann und blieb – jetzt sitzt er mit vielen Orden am Jackett bis zur Brust in einem Wasserbottich. Herr Stellmacher (Martin Pawlowsky), nach einem wenig erfolgreichen Leben allein mit sich, ist vor allem mit alten deutschen Filmen im Uralt-Fernseher beschäftigt ("Schwarzwaldmädel"). Gutmütig, aber ahnungslos sortiert er Gut und Böse in der brasilianischen Nachbarschaft. Gemeinsam singen sie alle gern zur Musik von Frau Brand am Akkordeon und Herrn Hanfstengel am Klavier (Hans-Malte Witte).

Deutschtum-Reflexionen von Elfriede Jelinek

Herr Koch und Frau Wehren werden brasilianisch gespielt – von Alexandre Krug und Mariana Senne, beide von der "Companhia São Jorge de Variedades" in São Paulo; Krug ist auch Regisseur und Übersetzer. Senne war schon vor drei Jahren Teil des FatzerBraz-Projekts von andcompany&Co., gehört mittlerweile zum erweitert-familiären Umfeld der Gruppe, war Stipendiatin der "Theaterformen" vor zwei Jahren in Hannover und erwägt eine Übersiedelung nach Deutschland.

pfeffersaecke2 280 ksc uMariana Senne © ksc

Senne verwandelt sich am Ende der "Ausstellung" erst in eine Museumswärterin und dann in das Klischee einer Schwarzen; vor allem aber ins Alter Ego der Dramatikerin Elfriede Jelinek. Die hatte Karin Beier um einen kleinen Kommentar zum brasilianischen Projekt gebeten – erhalten hat die Regisseurin einen wie immer beträchtlichen Text über das Deutsch- und Über-Deutschtum an sich (von George Bernard Sperber ins brasilianische Portugiesisch übertragen). Und Sennes deutsch-schwarz-brasilianische Verwandlung ist wirklich spektakulär. Prompt verpuppen sich die deutschen Brasilianer immer mehr, machen sich quasi unsichtbar auf der Menschenausstellungsraumbühne von Johannes Schütz. Mit einer deutschen Ensemble-Kollegin ist der Jelinek-Text für Hamburg schon geprobt – und träumen lässt sich durchaus von einer Doppel-Vision dieses vielfach gebrochenen Textes.

"Deutsches Blut"

Der Erfolg der Vorstellungen in São Paulo war beträchtlich; neue Fragen über die Wirkung des Fremden unter Fremden in der Fremde, sind, so erklärt Karin Beier, unvermeidlich hinzu gekommen, auch natürlich mit Blick auf die Hamburger Version. Groß blieb die irritierende Faszination für diese sonderbaren, aus der Geschichte gefallenen Menschen – wie arglos sie immer noch das "deutsche Blut" beschwören, erzählt Michael Wittenborn; wie bedenkenswert dennoch ihr unverbrüchliches Festhalten am Althergebrachten ist, analysiert Markus John beim Gespräch im Goethe-Institut von São Paulo, das mit am Beginn dieses Projektes stand; die brasilianische "prod.art.br"-Produktionsfirma hat es initiiert im Rahmen einer Reihe deutsch-brasilianischer Theaterarbeiten und mit Hilfe der Bundeskulturstiftung und der brasilianischen Kulturförderung der Handelsorganisation SESC auch ko-finanziert.

Jetzt, wo alles einigermaßen fertig ist, bedauern alle, dass keine Vorstellung vor Ort in Joinville oder Blumenau möglich sein wird – vor Ort gibt es keine starken Partner. Wie hätten die "Exponate" reagiert auf die Ausstellung ihrer selbst? Ob sie sich "ausgestellt" fühlen würden, womöglich gar missbraucht als urdeutsche "Freakshow"? Karin Beier treibt diese Sorge selber um – erst die Konfrontation mit den Quellen wäre die finale Herausforderung.

Wie viel Begegnung zwischen den historischen Epochen ist möglich mit den Mitteln des Theaters? Das wäre die Frage. Und noch aktueller: Wer die Unangepasstheit der Deutschen in Brasilien kritisiert – wie geht der mit Thilo Sarrazins Thesen um, der den Türken in Berlin nichts anderes vorwirft?

Gegen den "süßen Brei"

Mariana Senne hingegen geht weiter – sie schlägt den Bogen von Jelineks (einigermaßen vorhersehbarer) Attacke auf das deutsche Wesen, an dem die Welt schon ein paar Mal genesen sollte, zu den aktuellen Protesten in ihrem Land. Jeden Hochmut gegenüber dem Fremden, jede rassistische oder soziale Verachtung sehe sie angegriffen im Text der Dramatikerin. Auch mit dieser Jelinek im Gepäck werde sie weiter teilnehmen an den Protesten und auf ihre Weise streiten für eine andere, eine neue Form von Demokratie. Die alten Parteien jedenfalls, erst recht die alten Politiker, seien tot, von gestern. Schluss müsse sein mit der "geléia da governabilidade", dem (frei übersetzt) "süßen Brei" oder der faden "Soße der Regierbarkeit", Korruption und Stimmenkauf inklusive. Was am Ende des Prozesses stehen werde, wisse niemand, auch keiner der Theaterleute, die (mehr oder minder nah am politischen Konsens der regierenden PT) offiziell stumm wie Fische blieben während der Proteste.

Rodolfo Garcia Vazquez zieht deshalb eine für die Künstler und die Künste äußerst ernüchternde Bilanz des andauernden Aufstands der Unzufriedenen. Auch einer vom Schlage Ze Celsos (der einst in Aparecida so furios die Papstreise ironisierte) habe versagt, auch all die anderen Groß-Meister speziell der brasilianischen Theater- und Kunst-Szene hechelten jetzt, auch aus Angst um alte Partnerschaften, nur der Jugend auf der Straße hinterher: "Wir sind keine Avantgarde mehr", sagt Vazquez. "Wir sind alt."

 

Mehr Theaterbriefe aus Brasilien finden Sie im entsprechenden Länder-Lexikoneintrag.