Die andere Mutter

von Esther Slevogt

Berlin, 1. September 2013. "Ich bin doch auch nur eine Mutter!" flötet die Zarin alias Katharina Maria Schubert melodramatisch unter ihrer blonden Hollywoodwasserwelle. Das Reich ist in Aufruhr, weil sie einem dubiosen Wunderheiler mit seherischen Gaben und schlechtem Ruf verfallen ist, Rasputin mit Namen. Aber der kann nun mal ihren kranken Sohn per Handauflegung heilen, der sonst an seiner Erbkrankheit sterben müsste. Bluter ist er, ihr "Babyzar" im Matrosenanzug. Er (Moritz Grove) presst lieb den Teddy an die Brust. Auf seiner Mütze steht in kyrillischen Buchstaben "Aurora" geschrieben. So hieß der Kreuzer, welcher der Legende zufolge mit einem Schuss auf das Winterpalais in St. Petersburg die Russische Revolution eingeleitet hat. Am Ende lag deshalb der kleine Zar bekanntlich trotz Rasputin tot in seinem Blut. Erschossen von den Bolschewiken in Jekaterinenburg, mit der ganzen Familie.

"Agonie" heißt diese zweite Premiere des Deutschen Theaters nach der Sommerpause. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner haben sich darin nochmal an den Anfang des 20. Jahrhunderts begeben, auf dessen neoliberal überwucherten Trümmern wir ja noch immer leben. Es beginnt im Wohnzimmer der Romanows, so hieß die Zarenfamilie mit Nachnamen: ein düsteres Boudoir mit schwarzen Möbeln. Dämonisch thronen comichaft überzeichnete Harpyien im Stuck über den Türstürzen, mythische Mischwesen aus Mädchen- und Vogelleibern. Hier nun findet sich die Zarenfamilie zum bürgerlichen Familienbild ein: Vater, Mutter und vier Töchter mit langem Haar, langen weißen (Unschuld!) Kleidern: todgeweihte Familie im "Haunted House".

Agitationslieder als Playback

Endlich haben sie einen Sohn bekommen, jenen Alexej mit der Matrosenmütze eben. Kaum ist seine Geburt verkündet, fällt die Familie auch schon in einem Playback-Choral über ihn her: "Du musst die Führung übernehmen." Stürmisch bewegte Lippen zum "Lob des Lernens" von Hanns Eisler, einem der berühmten Agitationslieder aus Brechts Gorki-Bearbeitung "Die Mutter". Darin geht es auch um eine russische Mutter in den Jahren 1905 und 1917. Aber eine, die sich dem Lauf der Geschichte nicht durch privatistische Welt- und Wirklichkeitsflucht entzieht. Sondern eben die Notwendigkeit der Revolution erkennt und aufhört, Privatperson zu sein. Doch das hilft ihr und dem Lauf der Weltgeschichte, wie wir heute wissen, auch nicht weiter.

Choräle und Lieder aus Brechts/Eislers Lehrstück "Die Mutter" von 1931 (und zwar in der immer noch zündenden, messerscharf phrasierten Interpretation von Ernst Busch) werden dem "zaristischen Lehrstück über die letzten Tage der Romanows", wie Kühnel/Kuttner diesen Abend in den Kammerspielen des Deutschen Theaters im Untertitel nennen, immer wieder unterlegt. Das ist schön an-, aber irgendwie nicht fertig gedacht. Jedenfalls wartet man immer auf weitere Variationen dieser grundsätzlich spannenden Juxtaposition zweier Mutter- bzw. Geschichtbegriffe: wie beide Male irgendwie der Kampf mit der Geschichte verloren geht. Bloß kommt dann da nichts.

Rasputin als Jonathan-Meese-Variation

In schräger B-Movie-Art werden von Kühnel/Kuttner wirklich die letzten Tage der Romanows szenisch als Kostümparty heruntergerattert: mit vielen angeklebten Bärten und Budenzauber. Eckdaten und Ereignisse (von der Massenpanik bei den Krönungsfeierlichkeiten auf dem Moskauer Chodynkafeld im Mai 1896 über den Petersburger Blutsonntag 1905, den Krieg mit Japan, den Ersten Weltkrieg bis zur Abdankung) werden von handelnden Personen in Pseudodialogen kolportagehaft referiert – am liebsten von Jürgen Kuttner in diversen Rollen selbst.agonie1 560 arnodeclair hTodgeweihte Familie im "Haunted House" © Arno Declair

Dabei blickt man in das tolle Bühnenbild von Jo Schramm, der hinter dem Romanow'schen Schauerboudoir eine Art drehendes Panoptikum installiert hat, in dem dann immer wieder einschlägige Szenen spielen: Da dreht sich das hölzerne, ikonengepflasterte Gehäuse heraus, in dem Rasputin lebt, den Michael Schweighöfer mit langer grauer Mähne und enormem Leibesumfang als gealterte Jonathan-Meese-Variation gibt. In einem verspiegelten Kabinett kann man den russischen Winter bestaunen, in dem der einsame Zar alias Jörg Pose depressiv räsoniert oder seine Kriege führt. Am Ende wird hier Rasputin erschossen.

Welterklärungsanspruch nicht eingelöst

Wir blicken in das holzgetäfelte Konferenzzimmer der Großfürsten und Duma-Mitglieder, die ihre Macht zu konservieren versuchen und Mordpläne gegen Rasputin schmieden. Dann wohnen wir Konversationen zwischen der divenhaften Zarin und ihrem zaudernden Gatten in einem etwas abgerissenen Schlafgemach bei. Oder schauen, wie dieser privatisierende Gatte seine Fotos entwickelt, statt die Geschicke seines Reiches zum Guten zu wenden.

Das Deutsche Theater hat die erste Garde seiner Schauspieler an den Start geschickt: Natali Seelig, Daniel Hoevels, Helmut Mooshammer oder Moritz Grove. Aber sie alle dürfen im Wesentlichen nur slapsticken, was immer mal wieder witzige Momente hat, aber trotzdem am Ende nicht abendfüllend ist. Und den Welterklärungsanspruch, mit dem dieser Abend auftritt, erst recht nicht einlösen kann.

 

Agonie
Ein zaristisches Lehrstück über die letzten Tage der Romanows.
Ein Projekt von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner
Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Daniela Selig, Musik: Markus Hübner, Licht: Ingo Greiser, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Moritz Grove, Jörg Pose, Helmut Mooshammer, Katharina Marie Schubert, Daniel Hoevels, Jürgen Kuttner, Natalie Seelig, Michael Schweighöfer, Lina Bookhagen, Mila Lausch, Helena Lengers, Collien Noack, Carla Paulus, Delphine Pinkowski, Karolin Wiegers.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause.

www.deutschestheater.de

 

Ganz ähnliche Playback-Verfahren wie in "Agonie" wandten Tom Kühnel und Jürgen Kuttner bereits in "Demokratie" (9/2012) an, ebenfalls am Deutschen Theater Berlin. 

 

Kritikenrundschau

Volker Trauth schreibt auf der Website von Deutschlandradio (1.9.2013, 23.05 Uhr): Den Figuren fehle es an Biografie, den Ereignissen an Vorgeschichte. Der Text sei nur selten "situativ", ihm fehle es an "der zweiten Schicht", die der Schauspieler aufdecken könne. Schauspielerisch bleibe vieles auf "einem Ton". Am ärgerlichsten sei die darstellerische Mitwirkung von Jürgen Kuttner. Wegen "handwerklichem Unvermögen" sei sein Text passagenweise gar nicht zu hören ist. Gleichzeitig laut und verständlich zu sein, "hätte man im ersten Studienjahr auf der Schauspielschule gelernt".

Weit entfernt von der Intelligenz, Ironie und guten Laune ihrer früheren Berliner Inszenierungen ist dieser Abend aus Sicht von Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (3.9.2013) "Im Stil des gehobenen Boulevard-Theaters geht es am Zarenhof zu wie bei Dallas." Als Beitrag zur historischen Aufklärung findet Laudenbach den Abend ähnlich ergiebig "wie der Rasputin gewidmete Disco-Schlager der Gruppe Boney M, wenn auch nicht ganz so unterhaltsam". Beobachten konnte dieser Kritiker auch bei dieser "unterkomplexen" zweiten Premiere zur Saisoneröffnung vor allen, "wie sich ein renommiertes Theater beim Versuch, sich in politischer Machtanalyse zu versuchen, blamiert."

Ratlos schaut Christine Wahl für den Berliner Tagesspiegel (3.9.2013) auf die "stilechten Vollbärte, Uniformen und wirklich gelungenen Drehbühnenszenarien", die es aus ihrer Sicht locker mit jedem russischen Kostümschinken aufnehmen könnten. Auf "die große Brechung oder einen anderen ultimativen Dreh, der eine nachvollziehbare Fährte auslegt, wohin dieser Abend will", wartet sie an diesem Abend vergeblich, "was bei Kühnel/Kuttner tatsächlich Ausnahmestatus hat."

Von einer "kostüm- und slapstickverliebten Inszenierung" spricht Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (3.9.2013). Darin sei alles "so zurechtgemacht, dass die Revolutionsangst und Rückzugssehnsucht der Zaren- und Fürstenkaste in den Vordergrund rückt". "Das also ist Agonie: überall Sackgassen zu erkennen, überall den nahenden Tod der Gesellschaft zu vernehmen." Der entscheidende Dreh dieser Inszenierung sei ins Off verlegt, von wo immer wieder Lieder aus dem Lehrstück "Die Mutter" von Brecht und Eissler eingespielt würden. "Immer wieder werden die Figuren also von jener historischen Alternative befallen, die sie zu bekämpfen versuchen". Der Alternativlosigkeit also den Alleindeutungsanspruch streitig zu machen – Vielleicht sei es das, was Kühnel und Kuttner versuchen? Den Versuch sei es wert gewesen.

"Sensationell einfallslos" findet Andreas Fanizadeh von der taz (3.9.2013) diese Inszenierung. "Für jede kleine Brechung, für jede intellektuelle Weitung, wäre man an diesem Abend dankbar gewesen. Nicht aber für dümmliche Mongolenscherzchen – hatten wir nicht gerade eine Black-Facing-Diskussion? – und eine Weltgeschichte, die im Wikipedia-Format als Familienulk daherkommt."

"Das Projekt gefällt sich in sowohl haarigen wie zähflüssigen Russlandreminiszenzen", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.9.2013) und "hat das Temperament eines Wikipedia-Eintrags, wenngleich nicht dessen inhaltliche Dichte". Fazit: "Die Aufführung bleibt trotz allen demonstrativen Einfühlungselans blass und banal."

 

 

 

 

 
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